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Tänzer außer der Reihe

Dialog 12: In der Wohnung

DIE WELT VERBESSERN

(Abschlepper: A; Mitgenommener: M)

A: So, da sind wir. Sieh dich nicht um, wenn dich die Unordnung stört! – Setz dich! Willst du was trinken?

M: Hast du ’ne Cola?

A: Nee, hab’ ich, glaub’ ich, nicht. Ich hab’, warte mal, ich hab’ noch einen Rest Whisky und so ’n Wasser.

M: Schütt’s zusammen!

A: Ich hab’ aber kein Eis.

M: Macht nichts.

A: Das Wasser sprudelt auch nicht mehr richtig, stört dich das?

M: Überhaupt nicht. Von mir aus kann’s Leitungswasser sein.

A: So, hier.

M: Danke. Trinkst du nichts?

A: Doch, äh, ich trink ’n Bier.

M: Du wirkst auf einmal so anders. Dabei bist du doch zu Hause hier.

A: Ja, ich merk’ es selber. Komisch. Hier sind meine Sachen und alles, und da bist du plötzlich wie ein Fremdkörper, ich meine, das wollt’ ich nicht so sagen, also im Lokal, da war ich der Fremdkörper, das ist leichter.

M: Na ja, wegen der ‚Fremd-Körper‘ gehn ja die meisten in die Kneipe. Aber wenn es dir unangenehm ist, dass ich hier bin …

A: Nein, nein –

M: Du wolltest doch, dass ich mitkomm’ …

A: Ja, sicher. Ich dachte ..., du wurdest plötzlich so ruhig, und weil du plötzlich so ruhig wurdest, hatte ich das Gefühl, na ja, ich dachte, du wolltest mitkommen.

M: Machst du immer, was man von dir erwartet?

A: So mein’ ich das nicht …

M: Ich aber. Ist nämlich ein typisch schwules Problem. Diese ewige Anpassung! Du bist so drauf fixiert zu wollen, was die andern wollen, dass du nachher gar nicht mehr weißt, was du selber willst.

A: Ach, du siehst das jetzt wieder politisch.

M: Alles ist politisch.

A: Also dass die Gesellschaft von mir erwartet, dass ich dich mit zu mir nach Hause nehme, so ist das ja nun auch nicht.

M: Nein, im Gegenteil. Die Gesellschaft lehnt das ab. Aber du bist so programmiert auf – auf Soll-Erfüllung, dass du davon auch in der Subkultur nicht loskommst.

A: Jetzt übertreibst du, glaub’ ich.

M: Denk mal drüber nach!

A: Das tu’ ich ja grade. Ich bin weggegangen, weil mir die Decke auf den Kopf gefallen ist. Und dann hab’ ich dich getroffen, wir haben geredet …

M: Du musst das doch im Zusammenhang sehen. Du bist doch kein Einzelfall.

A: Soll das ein Trost sein?

M: Jeder sieht nur sich. Darum kommt die schwule Bewegung nicht weiter.

A: Ach, Schwule werden immer Minderheiten bleiben, und Minderheiten werden immer unterdrückt.

M: Wenn du so denkst, dann kannst du nie was erreichen. Wenn alle so denken würden, dann hätten wir nicht mal das geschafft, was wir schon geschafft haben.

A: ‚Wir‘? Wieso ‚wir‘? Ich hab’ es geschafft, dich mit nach Hause zu nehmen. Mehr nicht, bisher. Muss ich das nun gesellschaftlich sehen?

M: Nein. Aber wir reden ja über was anderes. Ich will, dass du begreifst, dass wir was tun müssen.

A: Ich glaub eher, du willst mitprogrammieren an mir. Du willst auch diesen Mechanismus in Gang setzen, dass ich das sage, was du von mir erwartest. So ist das doch immer: Sag’ ich das, was die anderen sagen, dann hab’ ich nicht richtig nachgedacht, aber sag’ ich das, was du sagst, dann hab’ ich gemerkt, was Sache ist.

M: Allein kannst du nicht kämpfen.

A: Ich will ja gar nicht kämpfen.

M: Vielleicht wirst du’s aber bald müssen.

A: Wofür? Für das bisschen Sex?

M: Für das bisschen Sex, für das bisschen Frieden, für das bisschen Leben.

A: Du machst dir was vor. Keiner will zusammen mit dir kämpfen. Die brauchen dich doch gar nicht. Du bist schwul! Du fühlst anders, das ist fremder als eine andere Hautfarbe.

M: Was für antiquierte Vorstellungen du hast! Wir sind eine große Gemeinschaft.

A: Wer ‚wir‘?

M: Wir könnten es sein. Du denkst immer noch, schwul sein heißt, mit Männern zu bumsen, aber schwul sein ist doch heute ein politischer Anspruch.

A: Du verlangst zu viel. Am liebsten hättest du wohl, dass alle schwul werden.

M: Nein, ich will – ich will akzeptiert werden, nicht toleriert, sondern akzeptiert.

A: Du willst alles.

M: Ja und?! Ist das zu viel verlangt?

A: Ich weiß es nicht. Vielleicht nicht. Aber dein alles ist eben ein anderes als mein alles.

M: Du bist so individualistisch, so unpolitisch. Immer weichst du aus.

A: Und darin möchte ich nicht nur toleriert, sondern auch akzeptiert werden.

M: Wir werden vielleicht alle mal daran sterben, dass wir schwul sind. Willst du das dann noch als Einzelfall sehen?

A: Wenn ich daran sterben muss, dann ist das aber die schönste Fleischvergiftung, die ich mir vorstellen kann.

M: Ach, Scheiße! Du willst nicht verstehen. Die Schwulen sind doch nur eine von vielen unterdrückten Gruppen.

A: Ich weiß. Wir stehen in einer Front mit Frauen, Farbigen, Hungernden und Asylanten. Uns allen geht es schlecht, und schuld sind die Mächtigen. – Du brauchst einen Feind, aber ich brauche einen Freund.

M: Ich versteh’ dich ja.

A: Wirklich? Du hast die ganze Welt im Kopf. Ich hab’ nichts als Angst. Ja, Angst. Darum hab’ ich dich mitgenommen. Nicht aus Geilheit und nicht aus gesellschaftlichem Bewusstsein, sondern weil ich nicht weiß, wie ich die Nacht allein durchstehen soll.

M: Also pass auf, so doll geht’s mir auch nicht.

A: Ich weiß. Du hast keine Arbeit, ich hab’ keine Zukunft. Möchtest du tauschen?

M: Jetzt übertreibst du.

A: Und? Soll ich mich dafür entschuldigen?

M: Schrei doch nicht so!

A: Warum nicht? Sind es deine Nachbarn?

M: Nicht wegen der Nachbarn. Schreien ist einfach unsachlich.

A: Glaubst du, ich hol’ mir nachts um zwei jemanden in die Wohnung, um sachlich zu sein, glaubst du das? Was weißt du überhaupt? ‚Gemeinschaft‘, ‚Solidarität‘ – Worte! Bei der Bundeswehr haben sie mir einen Lippenstift und eine Puderdose unters Kopfkissen gelegt, als sie es gemerkt haben. Totgelacht haben sie sich! Es war die Hölle. Du hast stattdessen alte Frauen spazieren geführt.

M: Selbst wenn ich –

A: Ja, ich weiß! Selbst wenn du … Du bist sicher! Ich bin das nicht. Ich hab’ Angst. Angst vor der Nacht und vor dem Tag, Angst, dass ich leben muss, Angst, dass ich sterben muss. Dass ich zu viel rede und dass ich mich lächerlich mache, und wenn du denkst, es wird schon nicht so schlimm sein, weil ich jetzt plötzlich darüber reden kann, dann irrst du dich.

M: Das ist doch nicht deine Schuld.

A: Ich spreche nicht von Schuld. Ich weiß nicht mal, ob ich von Schicksal spreche. Ich spreche von mir, nur von mir und von nichts sonst. Ausnahmsweise.

M: Hör mal, so kenn’ ich dich ja gar nicht.

A: Wie kommst du darauf, dass du mich kennst? Weil wir eine Stunde lang in der Kneipe zusammengestanden haben? Oder weil ich dich frag’, ob’s dir was ausmacht, wenn keine Kohlensäure mehr im Mineralwasser ist? Du kennst niemanden. Du kennst nur deinen Standpunkt.

M: Jetzt wirst du ungerecht.

A: Hab’ ich gesagt, ich will gerecht sein? Das ist doch deine fixe Idee: Gerechtigkeit! Meine ist das nicht.

M: Komm, komm!

A: Ich brauch’ nicht zu kommen. Ich bin da. Und ich weiß sehr genau, wo ich bin: in einer ziemlich verdreckten Altbauwohnung in einem ziemlich sauberen Land, aber das ist egal. Ob Deutschland besteht, ist ganz und gar unwichtig, aber dass du und ich leben, zählt. Und da will ich mir nicht dein altkluges Gefasel anhören von Kampf und Unterdrückung.

M: Ich könnte genauso denken. Und jetzt, hier, denk’ ich fast so. Aber morgen, da zählt dann nicht mehr, was wir gerade gesagt haben, halb besoffen. Da kommt der Kater: die Wirklichkeit. Und dann fragst du dich wieder, warum du aus Angst, allein zu sein, jemanden mitgeschleppt hast. Und warum deine Angst so groß ist, dass du dir erst mal lieber was vormachst und sagst: ‚Ich hab dich mitgenommen, weil ich dachte, du hast das von mir erwartet.‘ Der Druck, jemanden mitzunehmen, weil man nicht Nein sagen kann, und der Druck, jemanden mitzunehmen, weil man ihn braucht und hofft, dass er nicht Nein sagen kann – du kannst das doch nicht isoliert sehen, du kannst dich doch nicht isoliert sehen. Wie kommst du darauf zu denken, dass du andere Probleme hättest als die anderen?

A: Das denk’ ich ja gar nicht. Es kotzt mich nur an, dass die Schwulen immer meinen, sie seien die Einzigen, die Probleme hätten, und ihre Probleme seien die wichtigsten.

M: Für dich sind sie die wichtigsten.

A: Eben! Für mich. Nur für mich. Für niemanden sonst, für keine Organisation, keine Gemeinschaft.

M: Ich will dir sagen, du hast Komplexe. Du schämst dich deiner Probleme! Statt stolz zu sein, dass du als Schwuler frei bist von diesem faschistoiden Wunsch nach Kindern, schämst du dich, anders zu empfinden als die Leute um dich rum.

A: Quatsch! Ich bin nicht frei vom Wunsch nach Kindern. Ich bin höchstens frei vom Wunsch nach Frauenfick. Ich bin überhaupt frei, beängstigend frei. Vor allem bin ich frei vom Glück der Leute um mich rum, die du scheinbar gleichzeitig verachten und befreien willst.

M: Aber man muss doch irgendwas tun!

A: Ja, irgendwas muss man tun. – Mein Gott, sieh mich doch nicht so an! Ich weiß doch erst recht nicht, was das sein kann. Bei mir sprudelt ja nicht mal das Wasser. Und wenn du jetzt gehst, dann weiß ich nicht, was ich machen soll.

M: Ich geh’ ja nicht.

A: Wir können keine Freunde sein, nicht so schnell. Aber vielleicht können wir Partner sein, für eine Zeit lang, für eine Nacht wenigstens. Männer können das doch. – Es tut mir leid. Du hast dir die Nacht sicher anders vorgestellt. Oder siehst du das auch wieder von einer höheren Warte?

M: Ach, ich sehe nichts von einer höheren Warte. Ich versuche es nur einzuordnen, verstehst du? Nicht nur, was die anderen tun, auch, was ich selber mache. – Und jetzt bin ich eben hier.

A: Ja. Und das ist wichtig für mich. Gehst du oft mit, mit anderen?

M: ‚Oft‘, was ist oft? Wenn ich mitgehe, wach’ ich mitten in der Nacht auf und denke: ‚Was mach ich hier, warum bin ich nicht zu Hause?‘ – Und wenn ich nicht mitgehe, dann lieg’ ich allein im Bett und frag’ mich, wieso habe gerade ich nichts abgekriegt, das kann doch nicht bloß an meiner Nase liegen.

A: Es ist gut zu wissen, dass du nicht weggehen wirst, nicht gleich.

M: Dazu bin ich viel zu müde.

A: Willst du schlafen?

M: Dazu bin ich viel zu wach.

A: In der Erinnerung wird das alles schön sein. Aber schöne Erinnerungen sind schlimmer als schreckliche, wenn es erst vorbei ist.

M: Ich glaube an die Zukunft.

A: Ich glaube an die Gegenwart, manchmal.

M: Na, dann lass uns doch endlich rübergehen!

A: Kaffee hab’ ich auch nicht da. Ich trink’ immer Tee morgens.

M: Sei still!

A: Brauchst du –?

M: Sei still!

A: Dann komm! Lass uns die Welt ein bisschen verbessern!

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VOKABELN

An|pas|sung

[ˈanpasʊŋ], Substantiv, feminin

Der Normalfall

Ein|zel|fall

[ˈaɪ̯nt͡sl̩ˌfal], Substantiv, maskulin

Isoliertes Glied einer Minderheit

Min|der|heit

[ˈmɪndɐhaɪ̯t], Substantiv, feminin

Gruppe, die zu Komplexen neigt

Kom|ple|xe

[kɔmˈplɛksə], Substantiv (Plural)

Psychische Spannungen, die Probleme schaffen

Pro|b|le|me

[pʀoˈbleːmə], Substantiv (Plural)

Schwierigkeiten, die durch Anpassung nicht zu bewältigen sind

ERLÄUTERUNGEN

Partner – die besten sind die, die morgens mit einem dankbaren Blick, aber ohne Mitnahme von Wertgegenständen verschwinden. Selbst Küsse lässt man sich zu früher Stunde nur ungern rauben. Die, die noch viele Worte im Bett oder Haare im Bad verlieren, trüben den Tag schon ziemlich. Und gar die, die leidenschaftlich geblieben sind und deshalb erst sich und die Zeit und zum Schluss noch ihre Armbanduhr vergessen – sie vergällen einem den halben Vormittag.

Am allerbesten ist zweifelsfrei der, der nie wieder geht, aber der kommt eben auch nur einmal vor (wenn überhaupt) und deshalb erst zum Schluss: in diesem Leben und in diesem Lehrgang.

Vorher muss ja auch was passieren, und so gerät jeder unerfahrene, aber neugierige Schwule unweigerlich mal an den Lederkerl, bei dem zu Hause verblüffenderweise ein magerer, bleicher Junge im Bett liegt, der verschlafen zusieht, wie der Macho dem Neuling bedeutet, irgendwelche klobigen Stiefel zu lecken. Jedem Anfänger läuft der faszinierende Redner über den Weg, der zu Hause still seine Katze krault und ums Bett herum Schälchen mit roher Leber zu stehen hat. Niemand ist sicher vor dem, der die Strapse an- oder das Gebiss ablegt – von Eisenketten, Babyrasseln und anatomischen Besonderheiten wie Holzbeinen oder anderen Gliedmaßen, die weniger der Rede wert sind, ganz zu schweigen. Ohne Toupet, mit Brille sieht mancher im eigenen Bau gleich etwas weniger herausfordernd aus als vorher auf der Pirsch. Und selbst das Engelsgesicht kann eine pickelübersäte Kehrseite freilegen, das Polohemd kann eine Schuppenflechte verbergen. Künstliche Darmausgänge und weibliche Transvestiten sind selten, alles andere ist authentisch.

Nun aber erst der nächste Morgen! Was noch in Suff und Lust das pralle Leben vorgegaukelt hatte, liegt oft im fahlen Licht des Tages ganz zerknittert da – und schnarcht mit offenem Mund. Na ja. Wer mit dem Teufel schläft, kriegt auch den Pferdefuß ins Bett. Weitere ausschmückende Beschreibungen sind überflüssig. Jeder, der schon volljährig war, als er das Wort ‚Aids‘ zum ersten Mal gehört hat, kennt das in der seinem Sexualverhalten entsprechenden Form oder hat zumindest schon mal davon gelesen: Fallen stellt auch das normale Leben.

Klang dieser ganze Abschnitt dennoch oder deshalb lächerlich für Sie? Die Wahrheit ist nun mal bisweilen lächerlich, auch wenn beim Orgasmus der Spaß aufhört. Das gilt für vieles, was in diesem Lehrgang behandelt wird, für die Zuneigung zum eigenen wie zum anderen Geschlecht. Denn wenn sie (als Außenstehende*r) jetzt sagen: ‚Mein Gott, in was für unsinnige Abenteuer stürzen sich diese Schwulen – und für was?‘, dann stellen Sie sich mal vor, was Nicht-Schwule alles tun, weil sie Sex oder Liebe wollen, weil sie geil oder verliebt sind! Stellen Sie sich vor, wie Männer von Ehefrauen, Geliebten und Prostituierten ausgenommen werden, weil die Männer verständnislos, verfallen oder tyrannisch sind – und weil es hundert weitere Gründe gibt, sich an ihnen rächen zu wollen. Rachsucht ist nämlich eine wohlfeile Ausrede, unmenschlich zu sein, nicht vor anderen zwar, aber vorm eigenen Gewissen, und diese Ausrede dient allen Geschlechtern und Triebrichtungen.

Also aufhören. Aufhören, Sex wichtig zu nehmen. Sich verkriechen und abwarten, wieder mal. Vielleicht abstrahieren, zum Beispiel das Wort ‚Kerl‘ aufschreiben und vor den Buchstaben masturbieren oder tagelang darüber nachdenken, auf welche ausgefallene Weise man den Orgasmus vermeiden kann, bis man fast verrückt wird – oder ist man es schon? Schon lange? Es gibt doch Wichtigeres. Wenn man das weiß, warum kann man es nicht fühlen?
Warum spürt man Hunger, wenn man Überdruss spüren möchte? Möchte man wirklich? Und warum wird nur der einzelne Sexpartner langweilig und nicht das Phänomen Sex? Weil die Natur, dieses hirnlose Triebtier, nichts will als streunen, besamen, fortpflanzen und weil diese Bestie selbst die noch in Bann zwingt, die ihr entglitten sind? – Bis sie uns ausrottet, unberührt von unserer Kampfansage oder unserem diplomatischen Lavieren?

Sex ist nicht nur Selbstzweck. Er lenkt auch ab und lärmt die Leere zu. Diese Leere, die noch unfruchtbarer ist als ein Männerschoß. Also zurück ins Geschäft, tapfer oder zerknirscht! Die Kapitulation vor dem unerträglichen Frieden. Leere Jahre sind keine Herrenjahre, und Männerjahre sind sie schon gar nicht. Nun geht die Partnersuche also wieder los: Der Sport besteht darin, die Sehnsüchte des Gegners zu befriedigen, aber die eigenen zu behalten. Man sucht so viele Partner wie möglich – oder den einzigen. Und wer den Einzigen gefunden hat, sucht noch den Einzigsten. Aber ist der dann der Richtige? Diese Tunte?!

Viele Schwule verachten sich gegenseitig für ihr Schwulsein. Auf dieser gemeinsamen Grundlage lässt sich ohne Weiteres eine fetzige halbe Stunde aufbauen. Und sogar Paare, die schon jahrelang zusammenleben, können es verletzend meinen, wenn sie sich bei Auseinandersetzungen als ‚alternde Tucke‘ beschimpfen. Ewig steht Trennung im Raum. Vielleicht aus der Vermutung heraus, eine Beziehung sollte haltlos sein, nicht endlos.

Soll allerdings eine Beziehung doch länger dauern, dann muss man den Partner zumindest zeitweise aushalten können. Das ist schwer. Wer Bilder im Kopf oder im Porno-Blog gewohnt ist, gewöhnt sich nur mühsam an einen realen Menschen mit seinen Pusteln und Fragen. Träume sind anspruchsloser. Sie töten ab, ohne zu fordern.

Wenn er aber doch plötzlich auftaucht, der Lebenslängliche, dann hat er kein Schild um den Hals. Es leuchtet nur dasselbe rote Lämpchen auf, das vorher schon einige Kurzschlüsse verursacht hatte. – Bestimmt wussten Sie es schon aus Ihrer Hetero-Welt: Partnersuche ist immer schwer, aber vielen Schwulen tut das Suchenmüssen so weh, dass sie sich durch die Aufregungen der Jagd betäuben, damit sie dieses Suchenmüssen überhaupt aushalten.

Wer sich aus Ungeduld von seinem Herzen überreden lässt, eine feste Bindung einzugehen, und Jahre später erst den Richtigeren oder Aufrichtigeren findet: Ganz so pathetisch wie zu Zeiten von Madame Bovary, Anna Karenina oder Effi Briest geht es nicht mehr zu, aber heillos ist es immer noch.

Dauerhaftes Glück in der Partnerschaft ist selten, aber Glück ohne Partnerschaft ist noch seltener. Da erscheint dann manchem das Zusammenleben in Gleichgültigkeit erträglicher als das Alleinsein. (Die theaterwirksame Hassliebe wäre bereits Seligkeit.)

Früher war das alles noch viel schlimmer: ‚Die Vermählung ihrer Tochter‘ gaben bekannt, nachdem der Bewerber beim Brautvater um die Hand angehalten hatte. Den restlichen Körper bekam er dann im Einigungsfalle mitgeliefert. Für schwule Partnerschaften keine günstigen Voraussetzungen. Aber auch gemischt-geschlechtliche Ehen waren meist schwer zu schließen, immer schwer zu scheiden und oft schwer auszuhalten. Wie viele Menschen waren damals in der Lage, den Menschen als Lebenspartner zu wählen, den sie liebten? Wie viele waren wenigstens verliebt? Aus Liebe ging man allenfalls ins Wasser. Geheiratet wurde, weil es zweckmäßig war – wenn auch nicht unbedingt für das Brautpaar. Da ging es um Mehrung des Besitzstandes, um Macht und Tradition, große Politik und kleinlichen Schacher. Die Kirche gab ihren kittenden Segen. Liebe? – Eine Hülse, trockener als Kommunionsoblaten.

Schwule, die nicht die Flucht nach hinten antreten, leben ohne Kitt und Kinder – also wenn es gut geht, im Bewusstsein einer Liebe ohne Krücken. Da stolpert man natürlich leichter mal, aber wer sehnt sich deswegen nach der verlogenen Lieblosigkeit eines Zusammenbleibens um der Familien- oder der Staatsräson willen? Es ist bitter, sein Leben solchem Joch zu beugen, und doch ist das unerlässlich, wenn erst die Kette der Ereignisse geschmiedet ist. Da stirbt es sich fast leichter für etwas als gegen etwas anzuleben. Ach, leicht ist nichts. Aber es ist doch erträglicher, als Schwuler mit seiner Verantwortung und mit seinen Gefühlen zu leben, als beides zum Verantwortungsgefühl zusammenzuschlingen und an diesem Strick pflichtgemäß zu verdorren.

Und wenn Sie nun von einem anlehnungsbedürftigen Schwulen ins Vertrauen gezogen werden und er sagt zu Ihnen: „Na gut, aber noch besser wäre es doch, heterosexuell zu sein und glücklich, das gibt’s doch auch!“, dann antworten Sie ihm: „Vielleicht beim nächsten Mal. In diesem Leben sei gefälligst schwul und glücklich! Und wenn dir das bisher noch nicht gelungen ist, dann musst du eben wieder los, verdammt noch mal, und das Unfindbare suchen!“

Robert Long: ‚Thorbeckeplatz‘

Auszug aus Hanno Rinkes ‚Liedschatten‘

Jemanden mit nach Hause zu nehmen bleibt wahrscheinlich oft banal. Im Film und im Chanson natürlich nicht. Dieses 1979 veröffentlichte Lied war schon kein Wagnis mehr, aber noch ungewohnt. Die 68er hatten sich ja mehr für das Schicksal der Ausgebeuteten in Afrika und in Asien interessiert als für Rufmord an Andersfühlenden in Kantinen und Kasernen. So war die sexuelle Revolution zunächst bei Oswalt Kolle und Beate Uhse stecken geblieben. Aber dann machten die Tunten doch Krawall, und es half sogar. Der Niederländer Robert Long singt seine diskrete Dreivierteltakt-Ballade mit schon fast (Friedrich) Hollaenderscher Weisheit: ‚Man gewöhnt sich daran.‘ – Tut man nicht.

Aus der LP ‚Über kurz oder lang‘, ℗ 1979 EMI Bovema, all rights reserved by EMI Electrola GmbH, arranged by Eric van der Wurff, Liner Notes/Lyrics by Michael Kunze, Lyrics/Music by Robert Long, Producer: John Möring

42 Kommentare zu “Dialog 12: In der Wohnung

  1. Es soll ja sogar Menschen geben, die schon früh morgens vollkommen fit und offen für Begegnungen sind. Ich gehöre aber auch nicht unbedingt dazu.

    1. Wer sagt denn überhaupt, dass man morgens schon fit ein muss? Solange das in Einklang mit dem eigenen Tagesablauf ist, macht das doch Überhaupt gar nichts.

      1. Das sehe ich anders: Zucht und Ordnung tut dem Menschen gut. Wenn ich um zehn wach werde, stehe ich spätestens um elf auf. Müßiggang ist nicht mein Ding.

  2. Schwule verachten sich manchmal gegenseitig für ihr Schwulsein, manchmal verachten sie sich aber auch selbst dafür. Das ist ja nochmal tragischer.

      1. Das wäre zumindest der klassische Fall vom homophoben Priester, der versteckt selbst schwul lebt.

      2. Ich bin gar nicht so sicher. Steckt da nicht auch immer ein wenig Angst vor dem Unbekannten mit drin? Pure Verachtung ist doch eigentlich etwas ziemlich seltenes.

      3. Ist Verachtung so selten? In einer gespaltenen Gesellschaft?
        In unserer globalisierten Welt halten sich Lust auf das Unbekannte und Furcht davor meiner Meinung nach die Waage.

  3. Hahaha, immerhin verbessern die beiden Dialogpartner am Ende noch kurz die Welt zusammen. Schlimm ist ja immer wenn man jemanden einmal in der Wohnung hat und dann nicht wieder los wird.

    1. Es gibt im Gegenbeispiel allerdings auch recht wenige Heterosexuelle, die lautstark äußern wie gerne sie schwul oder lesbisch wären.

      1. Aber Aufregung darüber, dass eine kleine Minderheit so viel Aufmerksamkeit bekommt, die gibt es hingegen zu genüge.

      2. Es ist ein wahnsinnig langwieriger Prozess, aber auch das wird mit der Zeit verschwinden.

      3. Einen traurigen Hetero habe ich 1975 bei einem Presse-Essen in London erlebt. Zu dem prominenten, schwulen Künstler sagte sein journalistischer Verehrer, er habe alles versucht, aber leider … Dass ich es behalten habe, beweist: ziemlich seltener Fall.

    1. Es gibt Menschen, die sind Problemlöser. Andere machen sich ständig Probleme. Die dritten verzweifeln bei jeder Herausforderung.

    1. ‚Alles geht, nichts läuft‘ schreibt die SZ zum modernen Sex-Verhalten. Sich selbst nicht wichtig zu nehmen, führt leider leicht dazu, alles andere auch nicht wichtig zu nehmen.

  4. Dass das Glück in der Partnerschaft nicht immer von Dauer ist, ist klar. Aber oft liegt es auch an falschen Erwartungen oder Überhöhten Vorstellungen. Man erwartet manchmal einfach Unmögliches.

      1. Es soll ja wahnsinnig gut aussehende Menschen geben, die nie ein ernsthafte Beziehung geführt haben. Einfach weil es so viele Möglichkeiten gab, dass man sich nicht entscheiden konnte.

  5. Haha, den Lederkerl und seinen bleichen Jüngling habe ich bisher noch nicht getroffen. Aber es gab tatsächlich allerlei andere Skurilitäten. Es ist ja wohl ganz grundsätzlich immer wieder interessant, was man mit anderen Menschen so erlebt.

      1. Ach was, wir sind doch alle bald geimpft und alles wird wie früher. An irgendwas muss man ja glauben um nicht durchzudrehen.

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