Teilen:

1502
Sonntagspredigten

Später …

Liebe Gläubige, liebe Ungläubige!

Wenn Körper und Geist sich dereinst im Verlauf dessen, was wir als ‚Tod‘ bezeichnen, voneinander verabschieden müssen – das wird spannend! Jedenfalls für die denkbare, dankbare Sekunde der Ewigkeit (falls es die gibt). Für uns selbst ja nicht mehr: Der Geist ist verstummt, und der Körper fängt an zu verwesen. Was bleibt? Die mögliche Hinterlassenschaft:

1. sichtbare Zeugnisse wie prominent aufgestellte Skulpturen (bei Michelangelo ja, bei mir dummerweise nicht, nicht mal als Modell),
2. lesbare Erwähnung in mittlerweile papierlosen Geschichtsbüchern (bei Trump und bei Putin ja, bei mir eher nicht, falls ich nicht noch einen von beiden abknalle),
3. Texte und/oder Noten (bei mir ja. Wen kümmert’s?),
4. Erinnerung im Bewusstsein einiger oder vieler Menschen bis zu deren Tod.

Das sind die vier gängigsten Aussichten. Die vierte ist für Normalsterbliche die wahrscheinlichste. Bezeichnend: Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Verschwinden des Weggestorbenen oder der Schicksalsschlag, den dessen Fortsein bedeutet, verrät genauso viel über die Hinterbliebenen wie über die Verschiedenen. Verschiedene Möglichkeiten: Die einen stehen heulend am Wegesrand, wie etwa bei der Beerdigung von Lady Di, die anderen gehen besonnen ans Grab derer, die ihnen immer noch wichtig sind. Ganz verschiedene Reaktionen. Unterschiedliche Mentalitäten.



In den lateinisch geprägten Sprachen ist ‚la morte‘ weiblich; das Deutsche hält den Tod dagegen für männlich, besonders, wenn er nett zu dem Mädchen ist. Vielleicht ist wirklich das Leben schwach – und der Tod stark.



Häufig wird behauptet, zärtlicher Zuspruch würde die Verstorbenen freuen und ihnen gar den Aufenthalt im Fegefeuer verkürzen können. Na, immerhin wurde durch das göttliche Prinzip ‚Gnade gegen Geld‘ der Petersdom ab 1506 finanziert. Das bisschen frommer Einfalt muss uns die Sixtinische Kapelle doch wert sein. Heute kann man wieder für eine schnellere Abfertigung zahlen: online. „Warum in der Schlange stehen?“, erkundigt sich GetYourGuide. Es wird zwar kein flinkerer Aufstieg aus den lästigen Flammen des Purgatoriums mehr angeboten, aber immerhin rascherer Eintritt in die heiligen Hallen des Vatikans.
Mich beschäftigt allerdings weniger die geschmeichelte, schmeichelhafte Zustimmung der Toten darüber, dass ihrer gedacht oder für sie gezahlt wird, als die zielgerichtete Vorfreude der Lebenden (Trump, Putin) auf posthumen Erfolg. Deren übersteigerte Hoffnungen auf das spätere inbrünstige Gedenken im Diesseits sind ein wesentlicher Beweggrund für die ansonsten schwer verständlichen Maßnahmen, die viele Ruhmsüchtige zu ihren Lebzeiten – wann auch sonst – ergreifen. Sie hoffen dadurch offenbar, später einmal siegessicherer, also furchtloser, ins Jenseits überwechseln zu können. Das vermute ich jedenfalls. Andernfalls wäre es mir völlig unverständlich, wie man seine – angeblich ja zum eigenen Volk gehörenden – vermeintlichen Landsleute, die Ukrainer, in ihren Häusern totbomben und ihre Elektrizitätswerke im Winter zerstören kann, um sie der Eiseskälte auszusetzen. Unbegreiflich! – Nicht für Despoten. Wer die ganze Menschheit oder zumindest das ganze eigene Volk glücklich machen will, der hat für den Einzelnen wenig übrig (Ausnahme: er selbst).

Für die zunächst dem Tausendjährigen Reich verpflichteten und später mehr dem Selbstmord zugeneigten Nazigrößen Hitler, Himmler, Göring und Goebbels habe ich schon im vorigen Jahrhundert die leicht singbare Zusammenfassung ihres zwar nicht gemeinsamen, aber doch gleichgeschalteten Abgangs formuliert: Gögö-Hihi! Hihi-Gögö! Als linkes Kinderlied wie als rechte Hymne gleichermaßen verwertbar.

Die Aussicht auf Nachruhm beflügelt also viele, die in die Öffentlichkeit drängen: Wenn’s nicht zu Lebzeiten klappt – dann eben hinterher! In Zeiten ebbeloser Informationsflut nicht allzu wahrscheinlich. Na und? Ob mein Werk später einmal wirklich die Welt antreiben wird, ist doch völlig egal, solange ich heute davon überzeugt bin, dass das im Anschluss an mein Hinscheiden unweigerlich passieren muss. Also ich, bei dem Körper und Geist noch einigermaßen gemeinsam agieren, glaube zwar nicht an so etwas – jeder Hahn legt eher ein Ei, als nach mir zu krähen! –, sehe aber ein, dass es hilfreich wäre, darauf zu zählen. Mit Gott verhält es sich übrigens ähnlich.

Euer selbst auch nicht illusionsfreier Prediger
Hanno Rinke


YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die
Datenschutzerklärung von YouTube.

Youtube laden

Grafiken (2): Kl-generiert via Midjourney | Video: H. R. Privatarchiv/Produktion: ALEKS & SHANTU

84 Kommentare zu “Später …

  1. Dass Sie Michelangelo und Donald Trump in einem Atemzug nennen, ist schon eine kleine kulturhistorische Satire für sich. Kunst, Macht, Nachruhm – alles Varianten desselben Egos?

    1. Naja, es sind ja zwei Atemzüge: 1) Skulpturen 2) Geschichtsbücher. Michelangelo musste bildhauern, Trump muss nicht Grönland haben. Nicht unbedingt.

      1. Trump muss dafür sorgen, dass er die nächste Wahl so manipuliert, dass die Republikaner an der Macht bleiben. Sonst sieht es relativ düster für ihn aus. Düster für Amerika sind die Aussichten so oder so.

      2. „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, das war mal. Seit fünfzig Jahren heißt es: „I am what I am!“

      3. Eigentlich könnten einem die USA ja egal sein, aber dass diese Vorzeigedemokratie auf einmal so offen mit dem Faschismus kokettiert, macht mir trotzdem Angst.

      4. Amerika kann uns nicht egal sein.Von da kamen die Erklärung der Menschenrechte, Hollywood, Hamburger und Google.
        Was wer unter Faschismus versteht, ist bis auf das Schlagwort unklar.

      5. Im Falle der USA: Missbrauch der Justiz, Aushebeln des Wahlrechts, Machtmissbrauch, Korruption, etc.

      6. ‚Machtmissbrauch‘ und ‚Korruption‘ taugen nichts für die Begriffsbestimmung dessen, was Faschismus ist. Je unspezivischer die Schlagworte, desto besser gelingt es den wahren Faschisten, sich dahinter zu verstecken. Sonst landen wir bei Putins Definition von Faschismus, um die Ukraine zu bombardieren.

      7. Ich finde ganz interessant, was ChatGPT zu dem Thema ausspuckt:

        1. Autoritäre Tendenzen
        • Betonung der starken Führerfigur („Law and Order“, „America First“).
        • Missachtung von Checks and Balances, z. B. Kritik an Gerichten, Medien oder Institutionen, die seine Macht beschränken.
        • Personalisierung der Macht: Institutionen und politische Prozesse werden dem persönlichen Willen untergeordnet.

        2. Verachtung für demokratische Normen
        • Diskreditierung von Wahlen: Trumps Behauptungen über „gestohlene Wahlen“ 2020 zeigen eine Ablehnung legitimer Wahlergebnisse.
        • Angriffe auf freie Medien: Bezeichnungen wie „Fake News“ dienen dazu, kritische Berichterstattung zu delegitimieren.
        • Untergrabung der Rechtsstaatlichkeit: z. B. Druck auf Bundesbehörden oder Justiz, politische Ziele zu unterstützen.

        3. Nationalistische Rhetorik
        • Starker Fokus auf „Nation über alles“, oft kombiniert mit der Darstellung von „Feinden“ (z. B. Migrant:innen, ausländische Mächte, bestimmte soziale Gruppen).
        • Betonung von ethnischer, kultureller oder religiöser Homogenität als „ideal“.
        • Slogans wie „Make America Great Again“ rufen nostalgisch eine idealisierte nationale Vergangenheit hervor.

        4. Feindbilder & Sündenböcke
        • Migrant:innen, politische Gegner:innen, Medien, NGOs oder Minderheiten werden als existenzielle Bedrohung dargestellt.
        • Diese Rhetorik schafft Spaltung und Loyalität gegenüber dem Führer, ein typisches Merkmal faschistischer Bewegungen.

        5. Populismus & Mobilisierung der Masse
        • Präsentation als „Vertreter des Volkes gegen das Establishment“.
        • Direkte Mobilisierung der Anhänger:innen durch Kundgebungen, Social Media, oft gepaart mit Aggression gegen Gegner:innen.

        6. Missbrauch von Gewalt & Einschüchterung
        • Einsatz oder Androhung von Gewalt gegen Gegner:innen wird toleriert oder gerechtfertigt (z. B. Ereignisse am 6. Januar 2021).
        • Militante Gruppen oder paramilitärische Organisationen werden oft verharmlost oder unterstützt.

        7. Populäre Merkmale faschistischer Ideologien

        Historiker wie Robert Paxton oder Stanley Payne listen folgende Kernelemente des Faschismus, die bei Trump-Beobachtungen genannt werden:
        • Hypernationalismus
        • Autoritarismus
        • Militarismus und paramilitärische Symbole
        • Ablehnung liberaler Demokratie
        • Identifikation von Feindbildern
        • Rhetorik der moralischen und kulturellen „Reinigung“

      8. Wikipedia fasst es ähnlich zusammen. Aber ich möchte hier nicht mein Lexikon-Wissen ausbreiten.

  2. Herr Rinke, Ihre Bemerkung über das „göttliche Prinzip Gnade gegen Geld“ und den Bau des Petersdom hat mich irgendwie schmunzeln lassen, gleichzeitig auch überrascht und zugleich erschreckt. 1506 oder 2026, Geschäftsmodelle ändern sich vielleicht, der Mechanismus bleibt.

  3. Der Text, bzw. diese Sonntagsreihe generell, schwankt sehr bewusst zwischen Predigtton und Selbstrelativierung. Für mich macht genau das ihr Schreiben lebendig. Sie sprechen von Tod, Ruhm, Macht und Verwesung – und bleiben doch ironisch gebrochen. Vielleicht ist das die einzige angemessene Haltung gegenüber der Endlichkeit: weder Zynismus noch fromme Gewissheit, sondern ein wacher, manchmal spöttischer, manchmal ratloser Blick. Ist am Ende genau dieses Denken – nicht das Monument – das, was bleibt?

      1. Mit ‚gar nichts‘ können sich die wenigsten Menschen abfinden. Mein ‚wacher, spöttischer, ratloser Blick‘ ist meine Ewigkeit.

      2. Die Ewigkeit ist mein Zuhause
        Du hast sie mir ins Herz gelegt
        Auch wenn ich sterben werde, weiß ich
        Dass meine Seele ewig lebt.

  4. Was ist eigentlich dieser unbändige Drang nach Ruhm und Nachruhm? Kann es uns nicht vollkommen egal sein, was nach unserem Tod passiert?

    1. Ja, aber das bedeutet Stillstand. Verantwortung in der Gegenwart für die Zukunft zu übernehmen, gelingt offenbar besser, wenn man sich ausmalt, wie man dafür später gepriesen wird.

      1. Aber es gibt ja noch andere Antriebe als das was man der Nachwelt überlassen will.

      2. … oder nicht hinterlassen will. Das spießige: „Was sollen die Leute bloß von mir denken“, ist das Gegenteil von ruhmsüchtig.

      3. Allerdings wäre es nicht schlecht, wenn sich manche, die auf Ruhm aus, diese Frage auch manchmal stellen würden.

  5. Der Gedanke, dass übersteigerte Hoffnung auf spätere Verehrung gegenwärtige Grausamkeit legitimiert, ist ja erschreckend aktuell. Wer glaubt, später als Retter gefeiert zu werden, kann sich im Hier und Jetzt vieles erlauben. Geschichte wird dann zum Gericht, das man manipulieren möchte. Doch Geschichte ist launisch – sie vergisst deutlich schneller, als Machtmenschen ahnen.

  6. Ihr Zweifel am eigenen Nachruhm wirkt nicht kokett, sondern ehrlich. Gerade das macht ihn sympathisch. In einer Zeit, in der jeder digitale Fußabdruck potenziell „für immer“ bleibt, erscheint Vergessen fast wie ein Gnadenakt. Vielleicht ist es tröstlich, dass die Informationsflut so groß ist, dass sie alles nivelliert. Ewigkeit im Internet bedeutet nicht Bedeutung – oft nur Auffindbarkeit.

    1. Das ist im heutigen Zeitalter übrigens auch etwas, das man nach dem Tod hinterlässt. Unmengen an Weisheiten und Sticheleien auf seinen Social Media Accounts.

      1. Da ist das Vergessen meistens wirklich eine (göttliche?) Gnade. Sicher, manche weise Einsicht wird dann vermutlich mit den Krümeln vom Tisch gefegt. So what?

      2. Sie haben recht: Unsere Profile sind die neuen Grabsteine – nur ohne Marmor, dafür mit Kommentarspalte. Früher hinterließ man ein paar Briefe im Schuhkarton, heute ein Archiv aus Selfies, Halbsätzen und Sticheleien. Der Unterschied liegt weniger in der Menge als in der Illusion der Dauer. „Für immer“ heißt im Netz ja nur: bis zum nächsten Serverumzug.

        Dass es einen gruseln sollte, verstehe ich gut. Nicht wegen der Weisheiten – die sind meist kurzatmig –, sondern wegen der Ungefiltertheit. Das Unreife, das Spontane, das nicht für die Ewigkeit Gedachte, bleibt auffindbar. Aber Auffindbarkeit ist keine Auferstehung. Sie ist eher eine technische Form des Untodes.

        Und doch: Vielleicht relativiert sich auch das. Wer klickt in zwanzig Jahren noch durch die alten Feeds? Wer liest die Wortmeldungen eines Verstorbenen, der weder Michelangelo war noch Donald Trump? Die digitale Ewigkeit ist ein riesiger Dachboden – vollgestellt, staubig, selten besucht.

        Dass dabei kluge Gedanken mit den Krümeln vom Tisch gefegt werden, mag sein. Aber das ist ja auch wieder Gnade: dass das Große wie das Läppische derselben Vergesslichkeit anheimfällt. Bedeutung entsteht nicht durch Speicherung, sondern durch Wirkung. Und Wirkung geschieht im Moment – nicht im Archiv.

      3. Es gab in der Vergangenheit durchaus Wiederentdeckungen: die Reaissance, J.B. Bach durch Mendelssohn, Otto Klemperers Tagebücher. Aber wahrscheinlich wird der Kreis derer, die daran teilhaben immer kleinen, weil der Kreis derer, die sich nur ums Heutige kümmern, immer größer wird.

      1. Man kann nur hoffen, dass die Gläubigen nicht doch recht haben und uns die Ewigkeit erspart bleibt.

  7. Ich musste bei Ihrer Bemerkung über die Beerdigung von Princess Diana an die Macht kollektiver Emotion denken. Millionen trauerten öffentlich – und doch blieb es für viele eine Projektionsfläche. Sie haben recht: Die Intensität der Trauer sagt mindestens so viel über die Lebenden wie über die Tote.

    1. Die Frage ist, was die Intensität bewirkt. Bei der Aufzeichung einer Hitler-Rede kann ich nur mit dem Kopf schütteln, beim Anschauen eines fiktieren Spielfilms aus derselben Zeit, kann ich die Emotionen eher nachempfinden.

      1. Nun ja… Bei Princess Diana war die Trauer ein Ereignis mit Sog. Live übertragen, rituell gerahmt, emotional orchestriert. Man wurde Teil eines weltweiten Chors.

        Eine aufgezeichnete Rede von Adolf Hitler erzeugt heute Distanz. Man analysiert, man verurteilt. Ein Spielfilm hingegen schafft wiederum Identifikation, selbst im gleichen historischen Setting.

        Ich würde sagen, die Intensität entsteht nicht aus der Person allein, sondern aus der Inszenierung. Und Inszenierung entscheidet, ob wir urteilen oder fühlen.

      2. Ich liebe Inszenierungen. Aber sich ihrer bewusst zu sein, schafft einen Abstand, der meine Tränen hemmt.

  8. Indem wir dem Tod ein Geschlecht geben, versuchen wir, ihn zu zähmen. Oder zumindest so zu verpacken, dass er nicht gänzlich über uns hereinbricht.

    1. Das ist dann ja mehr eine grammatische Frage. Würde uns ‚das Tod‘ zahmloser oder zahnloser erscheinen?

      1. Mich würde tatsächlich interessieren, woher diese Zuordnungen ursprünglich kommen. Warum heißt es im Deutschen „der Tod“, während es im Lateinischen „mors“ (feminin) ist und daraus im Italienischen „la morte“ wurde? Sind solche grammatischen Geschlechter rein sprachhistorische Zufälle, Überbleibsel alter Wortstämme, oder spiegeln sie frühe mythologische Vorstellungen?

        Gerade beim Tod, der ja in vielen Kulturen personifiziert wird (man denke an den Sensenmann im Deutschen oder andere Gestalten), scheint das Genus fast mehr als nur Grammatik zu sein.

        Und Ihre Frage gefällt mir: Würde „das Tod“ ihn tatsächlich harmloser wirken lassen? Oder nur abstrakter, weniger greifbar? Vielleicht würde ein Neutrum den Tod entpersonalisieren, ihn zu einem Zustand machen statt zu einer Figur.

      2. Zwischen dem gnädigen, dem unerbittlichen und dem überlisteten Tod gibt es auch auch im deutschen Sagenschatz Unterschiede. Eine gütige Mutter Tod scheint dagegen schwer vermittelbar. Mörderische Huren eher.

    1. Das würde er nie zugeben. Was dann? Dass er die Menschen befreit. Glaubt ihm das jemand? Nein. Interessiert ihn das? Nein.

    1. Warum sind es bloß so oft die Egomanen, die in die Politik stürzen? Und warum werden sie immer noch so oft von uns Wählern unterstützt?

      1. Die stürzen nicht. Die rennen. Wähler sind ärgerlicherweise Menschenkinder und die sehnen sich zum Teil nach einem strengen Vater, der die anderen verjagt und die eigenen beschützt. Da darf ihm schon mal ‚die Hand ausrutschen‘. Mir wäre es lieber, diese Väter würden gestürzt, aber das besorgen frühestens die menschenablösenden KI-Wähler.

      2. Ich kann schon nachvollziehen wie das alles zustande kommt, aber es bleibt mir doch ein Rätsel, dass nach der Wahl so selten ein aha-Effekt eintritt.

      3. Er tritt ja ein ist aber bis zur nächsten Wahl vergessen, oder die Alternative scheint keine Alternative zu sein.

      4. Aber wieso stürzen die Umfragewerte nach so einer Wahl nicht in den einstelligen Bereich? Wer glaubt nach wie vor der AfD? Wer sind denn nun diese 36%, die Trump immer noch glauben, dass er Amerika wieder „great“ macht?

      5. Wenn es auf solche Fragen überzeugende Antworten gäbe, sähe die Welt anders aus.

  9. Die Beobachtung, dass Nachruhm oft nur eine Illusion ist, trifft doch absolut den Kern. Genau, die Informationsflut nivelliert sowieso alles. Die eigentliche Wirkung liegt im Hier und Jetzt, nicht im Archiv der Geschichte.

    1. Manchen Menschen hilft es halt, dieses Hier und Jetzt durchzustehen, wenn sie an eine ehrenvolle Zukunft glauben können.

    2. Ja, das stimmt sicher. Der Gedanke an eine ehrenvolle Zukunft kann eine enorme Kraftquelle sein; sowas wie ein innerer Kredit, den man sich selbst gewährt, um das Gegenwärtige auszuhalten.

      Auffällig ist nur, wie unterschiedlich Menschen mit der Zeit umgehen: Die einen leben fast ausschließlich rückwärtsgewandt, nähren sich aus vergangenem Glanz oder vergangenem Unrecht. Die anderen starren unablässig nach vorn, fixiert auf das, was einmal sein wird: Anerkennung, Gerechtigkeit, Nachruhm.

      Beides kann Halt geben. Aber vielleicht geht dabei auch etwas verloren. Wenn das Heute nur Durchgangsstation ist, entweder in Richtung Erinnerung oder in Richtung Erwartung, dann bleibt es merkwürdig unbewohnt. Und womöglich liegt genau darin das Problem: dass wir so viel Energie in Gestern und Morgen investieren, aber vergleichsweise wenig ins Jetzt.

      1. Was ist das Jetzt? Der Augenblick, den ich genieße? Der Tag, den ich nutze? Das Jahr, das ich beobachte? Wahrscheinlich all das zusammen. Das Jetzt überwiegend am Handy zu gestalten, ist modern, nicht die Vergangenheit, aber vielleicht weiterhin die Zukunft.

      2. Jeder sucht sein Glück. Der eine findet’s hier, der andere da. Schwierig wird es ja vor allem dann, wenn man dem anderen nicht dessen eigenen Weg zugesteht.

      3. Probleme entstehen da, wo dieser eigene Weg den Weg anderer beeinträchtigt.

  10. Ruhm ist selten planbar, und gerade diese Einsicht macht den Text so zugänglich. Lieben Dank und bis zum nächsten Somntagsgottesdienst.

  11. War das nicht mehr: ‚zickezacke, zickezacke‘? Dieser Text klingt weniger nach Selbstmord als nach Mordsgaudi.

    1. Sie erscheint so unsympathisch, es fällt mir immer schwer ihrer Darstellung zu glauben, wenn ich sie im Fernsehen sehe.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

fünf − zwei =