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Tagebuch-Geschichten meiner Berlin-Reisen von 1998 und 2000, 2005 und 2008



1. Berlin-Reise / 1998

In Berlin bin ich geboren, eingeschult und ausgebildet worden. Dort habe ich mich beim Film beworben, meine Siemens-Lehre begonnen und Schallplattenaufnahmen gemacht. In Berlin suchte ich kurze Abenteuer und fand meine große Liebe. Das alles lag hinter mir, als ich mich Ende des vorigen Jahrhunderts wochenlang auf das wiedervereinte Berlin einließ – und vor mir lag eine neue Stadt.

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#1.01 | Ein Wechsel

Nach all den vielen Personen, die ich mir bloß ausgedacht habe, komme ich jetzt mal wieder auf einen realen Menschen: mich. Dabei beginne ich gleich ganz vorne, wie üblich. Auf meinem Geburtsschein von 1946 steht ‚Schmargendorf‘, und auf meinem Abiturzeugnis von 1965 stand es genauso: ‚Schmargendorf‘. Nichts als ‚Schmargendorf‘!

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#1.02 | Rind im Mund

Es ist der 1. Juli 1998 und nicht zu fassen: Ich sitze in einem ‚Block House‘, Hamburgs prominentester Steakhauskette. Ich sitze hier, allein mit meinen Rechenkästchen. Ich schreibe sie voll, wie immer, Seite für Seite. Zum ersten Mal allein im ‚Block House‘. Sonst waren wir doch immer zu zweit, zu viert, zu sechst, seit fast dreißig Jahren.

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#1.03 | Rote und grüne Punkte

Ich fuhr noch tiefer in den Osten hinein, zur ‚Müggelseeperle‘. Meine Neugier war allerdings rasch gestillt. Natürlich hatte ich ein Schlösschen mit Seeterrasse erwartet, wie ich das vom Zürcher See her gewohnt bin. Stattdessen thronte ein verwitterter Betonklotz mit bösartigen kleinen Luken zwischen den Kiefern: Das war die ‚Perle‘,

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#1.04 | Eingewöhnung

Der Gendarmenmarkt war eine Enttäuschung: ‚darm‘ drückte es am besten aus, aber auch – verkürzt – ‚arm‘ kam hin. Ein Open-Air-Festival fand statt, die mühevoll restaurierten Gebäude waren von Tribünen verdeckt, und alle, die das Geld nicht ausgeben wollten, um dort zu sitzen, konnten sich den Lärm auch auf den Treppenstufen der umliegenden Häuser anhören und unbekümmert ihre Hinterlassenschaft an zerknüllten Papieren, abgenagten Knochen und eingeknickten Pappbechern der Müllabfuhr überlassen.

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#1.05 | Volle Gläser

Von Dorothee zurück zum Alexanderplatz. Der ‚Kaufhof‘ dort (früher ‚CENTRUM Warenhaus‘) ist eine Sechzigerjahre-Perle: fensterlos, mit einer Art blaublechernem Fischgrätmuster aus Aluminium. Aber innen ist er ganz manierlich, und er bot all das, was mir bei Lafayette zu teuer gewesen war.

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#1.06 | Prominenz

Ich war zu früh an der Deutschen Oper an der Bismarckstraße, die drei Minuten später eintreffende Dorothee bloß überpünktlich. Endlose Schlangen vor der Kasse. „Siehst du“, sagte Dorothee, „war doch gut, dass ich schon gestern hier war.“ Dann begann Dorothee sofort mit dem Feilschen um das Eintrittsgeld.

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#1.07 | Kultur und so

Das eigentliche Berlin-Erlebnis besteht darin, auf den Fahrstuhlknopf zu drücken, acht Sekunden abwärtszufahren, einen acht Meter langen Gang zu überwinden und durch eine Tür zu treten. Dann bin ich in Berlin. Geld krieg’ ich gleich im nächsten Eingang, eins weiter ist der Bäcker, auf dessen Tüten steht, wie toll seine Brote und Kuchen seien.

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#1.08 | Monumente hautnah

Mein nächstes Brecht-Erlebnis vereinte mich wieder mit Dorothee. Ich hatte mir am Sonntag durch emsiges Tippen ein kleines Nickerchen wohl, wenn auch spät, verdient. So war es nicht zu früh, als ich fünf vor fünf wieder aufwachte.

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#1.09 | Ein Maler auf der Leinwand

Dorothee hat meine Versessenheit auf Zusammenhänge nicht bloß verinnerlicht, sondern auch veräußerlicht. Kein Handwerker, kein Sterbender, kein Evakuierungsleiter hat den Mut, mich vor zehn Uhr morgens anzurufen, schon gar nicht meine Eltern. Wenn es also vor neun Uhr in der Früh’ bei mir klingelt und ich sollte wach und gar noch in Abnehmlaune sein, dann greife ich nach dem Telefonhörer und sage freundlich: „Guten Morgen, Dorothee.“

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#1.10 | Auf der Straße und auf Besuch

Wie alle preußischen Feldherren, so weiß auch Dorothee, dass Angriff die beste Verteidigung ist: Als das letzte Bild filmischer Böklin-Entwürdigung verflimmert war und die Beleuchtung zuschlug, rief sie gleich aus: „Hochinteressant! Ich fand das hochinteressant.“ Ich stimmte Dorothee durch Kopfnicken zu: Ja, sie fand es hochinteressant. Allerdings kann ich mich auch nicht daran erinnern, dass Dorothee jemals über irgendetwas zwischen Lessing und Ligeti gesagt hätte, dass es langweilig sei.

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#1.11 | Reden und wissen, worüber

Nachdem Dorothee die Beköstigung ihrer Pariser Freundin plus Anhang mit Bravour gemeistert hatte, galt die nächste Einladung ihren ehemaligen Kollegen von den Festwochen und ihrer Französisch-Lehrerin. Ich hatte die Freude, wieder mit gebeten zu sein.

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#1.12 | Ein schönes Geschenk

Michael rief heute an und fragte, ob wir uns treffen sollten. Bei Michael heißt das immer: Kulturprogramm. Er ergänzte auch gleich, in die Neue Nationalgalerie dürften wir aber nicht gehen, denn da ginge Jürgen hin, und der wolle mich immer noch nicht sehen. – Neben der Kalbs- und der Geflügel-, der groben und feinen gibt es noch die beleidigte Leberwurst, und die find ich besonders wenig schmackhaft.

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#1.13 | Mittendrin und außerhalb

Mittwoch: Lankwitz. – Die Kindheitslocation meines Vaters ist noch schlimmer gebeutelt als meine eigene. Der Park, in dem er mit seinen Brüdern und Freunden gespielt hat, blüht nach wie vor, aber die Häuser sind alle weg und durch erbärmliche Wohnsilos ersetzt worden. Immerhin, die Proportionen stimmen noch ...

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#1.14 | Essen gehen

Als wir wieder in der Stadtmitte waren, gab es noch genug Zeit, um sich für den Abend auszuruhen. Da sollte ein Essen mit meiner Cousine Marina, ihrem Mann Florian und Dorothee stattfinden. Guntram war das sehr recht gewesen. „Ein Aufwaschen“, sagte er, aber Irene hatte erhebliche Bedenken geäußert.

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#1.15 | Fontane, Kaserne, Mansarde

Sowohl Dorothee als auch Marina hatten mit mir nach Neuruppin fahren wollen, die Fontanestadt am See. Ich hatte die Aufforderung ausgeschlagen, mit dem Hinweis darauf, dass Neuruppin ja auf meinem Rückweg läge und ich die Stätte dann mit meinen Eltern gemeinsam besichtigen könnte.

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2. Berlin-Reise / 2000

Zwei Jahre später wiederholte ich das Experiment. Berlin hatte sich weiter verändert, ich mich auch. Meine Schilderung wurde viermal so lang: Die Erzählung dehnte sich wie Wachs unter meinen Fingern. Sie wuchs und wuchs. Aber zäh finde ich sie trotzdem nicht.

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#2.01 | Schiffstaufe

Darf das Schreiben eines Tagebuches doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen, wie es Tage beschreibt? – Ein Tagebuch darf alles! Innere Zustände, äußere Umstände. Wenn für die Ereignisjagd keine Löwen zur Verfügung stehen, dann darf das Tagebuch großspurig aus Mücken Elefanten machen, aber es darf auch, um nicht zu übertreiben, Elefanten zu Mücken herunterspielen.

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#2.02 | Einstein

Ein willkürlicher Sprung. Heute ist mein letzter Tag in Berlin. Ich sitze noch einmal im Garten des ‚Einstein‘. Der Himmel ist stark bewölkt, so wie an fast jedem Tag seit meiner Ankunft. Kein Blau schimmert durch das wenig aufgelichtete Dunkel.

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#2.03 | Aufbruch im Morgen-Grauen!

Mittwoch, 28. Juni: Jeder Morgen ist die Hölle, dieser ist keine Ausnahme, sondern nach den Weinmengen vom Vorabend eher der Höhepunkt der Regel. Ich flackere aus dem Bett wie eine Flamme in der Zugluft und schmeiße alles, was sich nicht wehrt, in den großen Koffer, den ich in der Abseite gefunden und gnadenlos ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt habe.

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#2.04 | Mitte

Von der Straße auf die Autobahn. Es ist mir unmöglich, das Wetter nicht auf meinen Gemütszustand zu beziehen, aber wenn ich Italienisch spreche, muss ich mich konzentrieren. Das lenkt ab. Bo im Wagen hinter uns fährt sehr viel bedächtiger als Giuseppe. Von Zeit zu Zeit sieht Giuseppe in den Rückspiegel, schüttelt den Kopf und stößt ein paar Worte hervor.

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#2.05 (A) | Eine ungeheuerliche Abschweifung

Donnerstag, 29. Juni: Es gibt Menschen, die schlafen abends ein und wachen morgens auf. Dann fragen sie: ‚Was kost’ die Welt?‘ und ‚Wo bleibt das Frühstück?!‘ Sie halten nach der vierten Tasse Kaffee nach den Bäumen Ausschau, die sie ausreißen könnten; die Ärmel hatten sie schon hochgekrempelt, bevor sie sich angezogen haben.

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#2.05 (B) | Spree/Havel – alles unter einem Hut

Na, nun war’n wir schon mal in der Friedrichstraße, nun konnten wir auch gleich den Bezirk Mitte abhaken. Die Friedrichstraße ist ja eine etwas längere Verkehrsader. Das Problem ist eigentlich nur der dem ‚Palast‘ recht nahe Bahnhof. Er ist als Christo-Nachwehe eingehüllt und ansonsten Baugrube.

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#2.05 (C) | Empfehlung und eigene Entscheidung

Berlin war frühlingshaft warm und licht, zumindest von meinem Austritt aus, Bo und Ingrid kamen fünf Minuten verspätet zum Frühstück, diese Zeit würde jetzt vom gemütlichen Ku’damm-Bummel abgehen.

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#2.05 (D) | Geld wegzaubern

Aufbruch, Aufbau, Ausbau erleben. Im Alter wird alles immer schlechter: Die Jugend hat kein Benehmen mehr, und die Hotelzimmer kosten das Dreifache von früher.

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#2.05 (E) | Sonntagsausflug

Für den Sonntag war das gute Wetter am wichtigsten – denn der Sonntag war unser Ausflugstag. Ich hatte schon telefonisch versucht, den Dampfer nach Werder zu buchen, aber dafür hätte ich die Karten entweder in Treptow, ganz im Osten, abholen müssen, oder ich musste mich darauf verlassen, dass das Schiff noch nicht ausgebucht war und wir an der Kasse am Wannsee noch drei Plätze ergattern würden.

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#2.05 (F) | Schnapsleichen und Marzipanpflaster

Dann kam Werder. Schon aus der Ferne hatte das Riesenrad mich ein wenig argwöhnisch gemacht, aber ich war in keiner Weise vorbereitet auf das, was uns erwartete. Man muss vergessen, dass man das Wort ‚Rummel‘ kennt, man muss es einfach mal als Lautmalerei auf sich wirken lassen: mit hartem, brutalem ‚R‘, kurz geblöktem ‚U‘ und einer nicht enden wollenden Kette fest gepresster ‚M‘, die in dieses fiese Rattenschwänzchen ‚el‘ münden.

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#2.05 (G) | Muschel oder Filmschauspieler?

Montag Vormittag hatten Bo und Ingrid frei, um Andenken zu kaufen. Wir trafen uns aber zufällig beim Frühstück, ich konnte auf das morgendliche Rührei einfach nicht mehr verzichten und verstieg mich sogar auf ein Scheibchen Lachs dazu.

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#2.06 | Bedienstete beschummeln

Freitag, 30. Juni: Ich hatte am Vortag so diszipliniert gesoffen und so früh das Hotelzimmer aufgesucht, dass ich mich imstande fühlte, Aurehls als Fremdenführer für Giuseppe abzulösen. Vorher hatte ich allerdings noch einige Erledigungen zu verrichten, die vielleicht besser unbeschrieben blieben, was jedoch meiner zu Anfang aufgestellten Grundregel widerspräche, über bisher ungesagte Wahrheiten zu berichten.

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#2.07 | Im Kino

Giuseppe war etwas enttäuscht: Die sieben Hügel hatte er von Rom her anders in Erinnerung. Hier, in der Ausstellung ‚Sieben Hügel‘ im Gropius-Bau, waren sie ihm einfach zu flach. Ich fand den Bereich ‚Traum‘ am enttäuschendsten, weil ich von dem Thema etwas zu verstehen glaube.

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#2.08 | Schutt und Masche

Wir verließen den Potsdamer Platz. Eine Steigerung war nur noch theoretisch möglich. Also bestiegen wir den nagellackroten Informationscontainer ‚Info-Box‘ auf dem noch nicht vorhandenen Leipziger Platz, um uns über die Zukunft zu unterrichten. Außerdem konnte man von dort oben aus nach allen vier Himmelsrichtungen blicken, ohne irgendetwas Bemerkenswertes zu sehen. Das war schon faszinierend. Ähnliches haben Rom oder Paris nicht zu bieten, da hätte man immer gleich in Bedeutendes geguckt.

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#2.09 | Begleiter beschummeln

Nun, nach der Zäsur durch das Bett, sollte sich der alte Westen gegen den neuen Osten behaupten, und da Gediegenheit weder hier noch dort anzutreffen ist: Wo könnte der Westen besser zur Geltung kommen als in seinem Kaufhaus!

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#2.10 | Abfahrt und Neustart

Samstag, 1. Juli: Bo und Ingrids letzter Tag. Wochenend und Sonnenschein. Wie von den Comedian Harmonists. Nachmittags die Fähre ab Rostock. Wir fahren zu viert in Giuseppes Auto. Erst Unter den Linden entlang, durchs Brandenburger Tor, an der Siegessäule vorbei; ich leite Giuseppe scheinheilig zum Kurfürstendamm.

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#2.11 | So wild wie möglich

Die Linden sind nicht die Via Appia, dafür sind sie viel belebter und beliebter. Der brutal zugepflasterte Mittelstreifen ist wieder manierlich hergerichtet, mit Kies und Bänken. So wie es früher war, las ich. Heute weiß man ja nie: Was ist historisch, was ist postmodern, was ist Fake?

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#2.12 | Am Nabel, drüber und drunter

Sonntag, 2. Juli: Heute setzt das Ausflugsprogramm ein. Wie immer zuerst in östlicher Richtung, und das bedeutet bei mir Köpenick. Zu irgendeinem Zeitpunkt hebe ich den Kopf. Wenn Giuseppes Feldbett leer ist, weiß ich, dass ich demnächst aufstehen sollte.

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#2.13 | Mund-Diarrhö

Montag, 3. Juli: Giuseppes leeres Bett zwang mich unweigerlich zum Aufstehen. Als ich aus dem Bad kam, hatte Giuseppe schon den Zwieback für mich beschmiert: mit wenig Pflaumenmus und viel Idealismus.

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#2.14 | Der Sprung ins Diesseits

Versonnen saßen wir auf der Holzbank und blickten, nicht minder versonnen, auf die Uferböschung der Pfaueninsel und auf die Fähre, deren Zwei-Mann-Besatzung sich offenbar eine längere Verschnaufpause gönnte.

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#2.15 | Irrwege ans Ziel

Der älteste Bruder meines Vaters, Achim, war nach seiner durch den Kriegsverlauf erzwungenen Rückkehr aus Paris, wo er sich als Verwalter des ‚Feindvermögens‘ Ehre erworben hatte, vom militärischen Dienst freigestellt worden ...

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#2.16 | Erbarmungslos

Dienstag, 4. Juli: Seit ewigen Zeiten schlief wieder jemand neben mir im Bett. Im Aufwachen dachte ich jedes Mal, es sei Roland. Mein linker Fuß, mein Ost-Fuß also, schmerzte bei jeder Bewegung. Mit herannahender Ausnüchterung im Morgengrauen kamen die üblichen Beschwerden hinzu ...

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#2.17 | Eine pädagogische Unterbrechung

Wem es jetzt schon reicht, der kann den folgenden Text auslassen und am Freitag weiterlesen. Wem Kultur liegt, der oder die kann heute die Rede studieren, die ich 1997 zur Namensweihe der Leonard-Bernstein-Schule gehalten habe.

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#2.18 (A) | Königsberger Klopse

Die Schule ist als Bau das Gegenteil von Bernstein: nüchtern, fantasielos, plump. Dorothee begrüßt den Direktor überschwänglich, er erkennt mich, findet aber den Gast aus Italien exotischer als einen Wessi.

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#2.18 (B) | An etwas glauben

Jetzt begehe ich den nächsten meiner geplanten Stilbrüche und schiebe den Beitrag ein, den ich im Herbst 1977 zu Dorothees Weggang von der ‚Deutschen Grammophon‘ verfasst habe. Er beschreibt sie und unsere Not mit ihr ganz gut, und eine windelweiche Lobhudelei, wie sie in drei Sätzen von anderen Kollegen und Vorgesetzten verlegen abgesondert wurde, war von mir ja ohnehin nicht zu erwarten.

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#2.19 | In- und auswendig

Mittwoch, 5. Juli: Wenn es mir schlecht geht, habe ich einen Widerwillen gegen alles, was mich an die Welt bindet: Telefongespräche, E-Mail-Schreiben, Termine vor Ort. Anderen dienen gerade solche Bindeglieder als Rettungsringe. Mein Anker ist mein Bett.

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#2.20 | Es ist an der Zeit

Giuseppe wünscht sich Pankow, weil er Pankow früher immer in der Zeitung gelesen hat, wie Bonn oder Washington: ‚Aus Bonner Kreisen verlautet …, dagegen hat Pankow schärfsten Protest eingelegt.‘ Nachrichten-Sprache, die kein sehr ergiebiges Ausflugsziel vermuten lässt.

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#2.21 | Unter- und überwegs

Donnerstag, 6. Juli: Gott, ging es mir dreckig! Nein, so ging es nicht weiter! Jetzt war Schluss mit Saufen! Noch wichtiger, als gute Vorsätze in die Tat umzusetzen, war es, Giuseppe durch den Tag zu lotsen und mich mit. Da halfen nur eiserne Disziplin und gnadenloses Kulturprogramm.

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#2.22 | Kein Schloss, kein Wachtturm

Freitag, 7. Juli: Genug geostelt! Heute war wieder der Westen dran, genauer gesagt: der Nordwesten. Es ging mir besser. Gestern hatte ich, bevor wir die Demokratie-Ausstellung gesehen hatten, beim Apotheker vorbeigeschaut, um Prof. Büchsels Rezepte einzulösen. Er hatte gerade einer jungen Frau Aspirin für 7,50 DM verkauft. Bei mir durfte er zwei Nullen dranhängen.

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#2.23 | Wassermelone

Nach dem obligatorischen Nachmittagsschlaf banden wir uns Krawatten um den Hals und traten die Fahrt nach Zehlendorf an. Mir fiel ein, dass wir es verabsäumt hatten, ein Gastgeschenk zu kaufen.

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#2.24 | Von den Göttern getrieben

Sonnabend, 8. Juli: Giuseppe eröffnete mir überraschend, dass er am Sonntag abreisen wolle. Zunächst hatte ich mich etwas gewundert, dass er so lange blieb, jetzt war mir etwas seltsam zumute, dass ich nun wirklich so allein sein würde, wie ich meinen Berlin-Aufenthalt geplant hatte.

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#2.25 | Berühmt werden oder nicht

Menschen im Tiergarten: Loveparade. Giuseppe war total enttäuscht, echt. Diese riesigen Lastwagen, auf denen dreiviertel nackte Mädels verbissen rumzuckten. Diskant gellte in den Ohren, Bässe massierten das Gedärm. Ich sah mir die Köpfe der Massen an, die uns Richtung Siegessäule entgegenkamen, während unser Strom sich zum Brandenburger Tor durchwälzte: schrilles Haar, schlichte Ringe, überall zwischen Augenbraue und Unterlippe, viel Glitzerkram von der Stirn abwärts und – verbissene Gesichter, düsterer als der Himmel.

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#2.26 | Wohnen ohne eigene Möbel

Sonntag, 9. Juli: Giuseppe trank Tee, aß Zwieback mit Pflaumenmus, packte seinen Koffer und fuhr über Schöneberg die Potsdamer Straße nach Steglitz und Zehlendorf, dann auf die Autobahn nach Leipzig, München, Innsbruck, Trient und fuhr durch die Valsugana nach Bassano.

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#2.27 | Gottesurteil

Montag, 10. Juli: Das Positivste an meinem Zustand war, dass ich nicht aufstehen musste. Aber sonst? Ich torkelte ins Wohnzimmer, sah den SAT.1-Ballon am grauen Himmel und torkelte gleich wieder zurück ins Bett. Da hatte ich nun Blumen und Obst, beides echt, die Stadt vor der Haustür, das Leben zu Füßen, das Alter im Nacken und wollte nichts als das Laken unter mir und die Decke über mir.

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#2.28 | Sehen trotz Kontaktlinsen

Dienstag, 11. Juli: Ich war verblüfft. Prüfend schickte ich mein Bewusstsein in jede erdenkliche Körperzelle. – Kein Zweifel: Es ging mir gut – falls das den Zustand bezeichnet, in dem es einem nicht schlecht geht. Ich stand auf, kochte Wasser für den Teebeutel und beschmierte einen Zwieback mit Pflaumenmus.

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#2.29 (A) | Ausgelassen

Kaum verlässt man die Achse Tauentzien–Ku’damm, wird es in den Seitengassen gleich beschaulich. Die Marburger entspricht der Größe Marburgs und verliert sich – geografisch eigenwillig – in die Augsburger. Dort liegt ein Platz, der (es wird immer kurioser) Los-Angeles-Platz heißt, eine offenbar recht neue Grünanlage vor dem langen Klotz des ‚Sheraton‘-Hotels.

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#2.29 (B) | Unter Kennern

An dieser Stelle noch eine Delle. Ich füge hier wieder ein paar Seiten aus einem früheren Brief ein, der belegt, dass ich auch als Privatier – also nach meinen Zeiten von Aufnahmen in der Philharmonie und Nächten im ‚Kempinski‘ – weiterhin am gehobenen Kulturtreiben in Ku’damm-Nähe einen gewissen Anteil nahm, bevor ich jetzt in der ‚Bar jeder Vernunft‘ meiner eigentlichen Bestimmung nähertrat.

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#2.29 (C) | Weinprobe

Da es nichts mehr zu sagen gab, traf es sich gut, dass wir mit gewissem Nachdruck an die Tische gebeten wurden. Irene wollte neben dem prominenten Ivan Nagel und an Jeffs Tisch sitzen.

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#2.30 | Abhilfe

Mittwoch, 12. Juli: O Gott, geht es mir schlecht! Könnte ich doch durchschlafen bis in den Tod hinein! Das kommt vom Sancerre und vom Whisky. Aber ich bereue nichts. Es war ein wunderbarer Abend.

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#2.31 | Einweihung

Ich war früh dran, das Wetter war schlecht. So amortisierte ich außerdem meinen Regenmantel. U2 bis Wittenbergplatz, dann U1 bis Fehrbelliner Platz. Der schwedische Barbar hatte in seinem alternativen Berlin-Buch darauf aufmerksam gemacht, dass der Fehrbelliner Platz neben dem Flughafen Tempelhof die reinrassigste Nazi-Architektur sei – ein stimmungsgerechter Auftakt für den Abend also.

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#2.32 (A) | Därme aus Zinn

Donnerstag, 13. Juli: Gegen Viertel nach drei am Nachmittag wachte ich endgültig auf. Wie weit ich auch dachte: Ich hatte keine Verpflichtungen mehr. Meinem Körper ging es schlecht, aber ich war frei.

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#2.32 (B) | Wie im Fieber

Wie so oft mache ich etwas, was nicht geht: Ich springe jetzt, genau zur Hälfte meiner Berlin-Reise, in die Zukunft. In dieser Zukunft wird mir ein Ausstellungsbesuch mit Dorothee wie ein Déjà-vu vorkommen, weil ich mich an den eben beschriebenen erinnern werde.

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#2.32 (C) | Telefongespräche zwischen Berlin und Hamburg über Sauerbraten

Dorothee: Ich hab’ noch nie Sauerbraten gemacht, ich weiß gar nicht, wie das geht. Ich: Dann lass es doch, mach doch was anderes! Dorothee: Nein, Harry hat sich so sehr etwas Deutsches gewünscht. Das kriegt er sonst nie. International isst er ja immer. Ich: Dann mach doch Kasseler!

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#2.32 (D) | Harry, Max und Moritz

Harry wollte am Konzerttag schon frühzeitig in der Philharmonie sein, um hinter der Bühne noch stören zu können. Der Dunstkreis von Künstlern tut seinem Atem schon seit jeher gut. Ich kriege da eher Erstickungsanfälle, und Pali, der ungern eine Gehässigkeit ausließ, behauptete, dies sei darauf zurückzuführen, dass ich lieber selber Star sei, als einen um mich zu haben.

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#2.32 (E) | Eigenartige Köpfe

Ich hatte mir zwei Garnituren für Berlin ausgedacht: eine grünlich-beige, die wahlweise mit Pullover oder – für den leicht gehobenen Anlass des gestrigen Mittagessens – mit Hemd und Krawatte zu tragen war, und eine dunkelblaue, die den festlicheren Begebenheiten wie Marinas Geburtstag vorbehalten blieb.

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#2.32 (F) | Die ewig treue Moderne

„Wo habt ihr denn gestern Abend in der Philharmonie gesessen?“, fragte Dorothee, als wir schon wieder kurz vor ihrer Wohnung in der Bleibtreustraße waren. „Block C“, antwortete ich. „Was?“ Dorothee blieb stehen. Sie lachte fröhlich. „Ach, das freut mich aber. Da hab’ ich ja viel besser gesessen.“

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#2.33 | Zwischenbilanz

Sonntag, 16. Juli 2000: Halbzeit. Und? Gut zwei Wochen Berlin: ohne besondere Vorkommnisse. Noch zwei Wochen und zwei Tage und nichts wird passieren, nichts. – Schlecht zwei Wochen Berlin. Die Hälfte vorbei, verpennt und verpulvert, und was bleibt, ist der bastelwillige Versuch, dem Gewesenen einen Sinn abzutrotzen.

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#2.34 | Verlorene Mitte

Dienstag, 18. Juli: Es muss endlich wieder mal etwas geschehen! Ich bin nicht nach Berlin gekommen, um selbstmitleidige Gedankenblasen an die Schlafzimmerdecke zu pusten und über Orte zu lesen, an denen ich nicht bin, abends aus meinem Bau zu kriechen und bei Dorothee mein Futter abzuholen.

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#2.35 | Hinterlassenschaften

Ich wechselte in die Linie U5, die Dorothee so dringend zur Bernstein-Schule hatte nehmen wollen, verließ sie aber schon nach zwei Stationen: Strausberger Platz. Hier beginnt der denkmalgeschützte Teil der Karl-Marx-Allee, die seit 45 Jahren nicht mehr Stalin-Allee heißt und doch den Stempel Stalins, nicht den von Marx, trägt.

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#2.36 | Unheilbar

Am Bahnhofskiosk durchforstete ich das Angebot. Unter ‚BILD‘, ‚Tagesspiegel‘, ‚BZ‘ und ‚Morgenpost‘ fand ich tatsächlich ein einziges Exemplar des ‚Neuen Deutschlands‘, versteckt, fast unterm Ladentisch. Von der Decke hingen austauschbare Magazine. Allein ‚Das Busenwunder von Chemnitz‘ blieb an mir haften.

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#2.37 | Eine Unterbrechung

Mittwoch, 19. Juli: Es hätte sich gehört, heute dem Westen seine Grenzen zu zeigen. Das Egoneum, benannt nach der Pumpernickel, war die vornehmste Hilfsschule Dahlems, das Gymnasium für Zurückgebliebene aus gutem Hause an der Grenze zu Schwachsinn und Steglitz.

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#2.38 | Übersetzen

Bei Hugendubel, dem modernen Buchmarkt auf drei Etagen, frage ich nach dem ‚Schweigen der Sirenen‘. Erst mal bekam ich nur das Schweigen der Verkäuferin.

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#2.39 | Auf Augenhöhe

„Ich gehe oft hier spazieren“, sagt Marion. Auf der Grenze? Oder der Grenzenlosigkeit. Oder wegen des unverwalteten Grüns, Brauns und Graus, das den Straßen und Ampeln mitten in der Stadt Einhalt gebietet wie in Hamburg die Alster.

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#2.40 | Ein Saurier am Potsdamer Platz

Donnerstag, 20. Juli: Ein Tag, der so viel bewirken sollte und so wenig bewirkt hat, damals: 1944. Meine Eltern berichten, wie enttäuscht sie waren, und meine Mutter fügt im Allgemeinen noch hinzu, dass sie, wenn sie die Chance dazu gehabt hätte, weniger halbherzig vorgegangen wäre.

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#2.41 | Canapés

Ich strebe die Voß entlang zur Friedrichstraße. Zwischen ‚Planet Hollywood‘ und Lafayette fällt mein Blick auf eine Tafel, die für ein Ärztezentrum wirbt: ‚Neun Zehntel unseres Glücks beruhen allein auf der Gesundheit.

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#2.42 | Pflichten wahrnehmen

Freitag, 21. Juli: Kopfschmerzen und Übelkeit. Ohne getrunken zu haben. Das ist wie Ausrutschen ohne Bananenschale. Man meißelt ‚WARUM?‘ in den Himmel und keinen schert’s. Wenn nichts anderes hilft, muss man eben gläubig werden oder zynisch; wandern, schreiben. Oder im Bett bleiben.

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#2.43 | Abendmahl

Sonntag, 23. Juli: Die lieblose Aufzählung soll willkommene Leser meines Tagebuchs nicht täuschen: Wir bilden eine Einheit, mit Leibern und Seelen. Auch wenn Guntram sich in dem Stadium zu befinden scheint, in dem die DDR 1989 war. – Wer zu spät geht, den bestraft das Leben.

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#2.44 | Versuche, das Leben zu ertragen

Montag, 24. Juli: In fünf Monaten ist Weihnachten, und heute hat Herbert Geburtstag. Ich beglückwünsche seinen Anrufbeantworter und schlafe weiter. Nichtstun ist nun mal meine Lieblingsbeschäftigung.

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#2.45 | Den richtigen Zug nehmen

Klar, es gibt auch Positives: Zum Beispiel ist es immer schön, wenn es zu einem Bahnhof, zu dem man will, einen direkten Zug gibt von dem Bahnhof, auf dem man steht. So richtig zur Geltung kommt diese Annehmlichkeit dann, wenn man auf dem Bahnhof, auf dem man steht, in den richtigen Zug einsteigt ...

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#2.46 | Architektur der Stadt

Dienstag, 25. Juli: Ungefrühstückt wie immer verließ ich das Haus: um frühstücken zu gehen, bei ‚Möhring‘. Einst hatte das Möhringer Frühstück Tradition – da saß ich dann mit Roland am Ku’damm. Jetzt sitz’ ich mit Papier am Gendarmenmarkt.

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#2.47 | Morgendlicher Spätnachmittag

Mittwoch, 26. Juli: Gegen zwölf wachte ich auf, zu einer Zeit also, von der ich vermute, dass rechtschaffenere Menschen als ich bereits an den Feierabend denken (Huren, Einbrecher und Souffleusen ausgenommen).

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#2.48 | Kennenlernen

Ich habe niemanden kennengelernt, hier in Berlin, und jetzt werde ich auch niemanden mehr kennenlernen. Doch: Freitag Dorothees beste Freundin aus Mailand, aber das meine ich genauso wenig wie ihre Marion oder meine angeheiratete Verwandtschaft.

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#2.49 | Zoo

Donnerstag, 28. Juli: Ungeküsst wie immer verließ ich das Haus, aber nicht, um mich von irgendeiner dahergelaufenen Muse bezirzen zu lassen oder dem ‚Schweigen der Sirenen‘ zu lauschen, sondern um richtigen, waschechten Imperialismus zu erleben ...

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#2.50 | Warum die Sowjetunion unterging

Jeder weiß, wie süß ich mit Menschen bin, aber wenn Leute pomadig auf der Rolltreppe rumstehen, weil es ja sowieso abwärtsgeht, dann kann ich wirklich rabiat werden. Solchen passiven Individuen würde ich sofort die Sozialhilfe streichen; dass sie selber Geld verdienen, halte ich für ausgeschlossen.

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#2.51 | Die Geschlechterrolle im 21. Jh.

Freitag, 28. Juli: Wenn es gar nichts mehr zu verträumen gibt, steht man eben auf. Gegen halb zwölf ist das kein Beinbruch: hochgehinkt! Der nächste Abend kommt bestimmt.

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#2.52 | Kurze Beschreibung eines langen Abends

Hanno und Christine leben fünfzig Schritte von Dorothee entfernt. Man hat also dasselbe Problem: S-Bahn Friedrichstraße bis Savignyplatz oder U-Bahn bis Wittenbergplatz und dann laufen oder auf Bus hoffen.

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#2.53 | Welttheater

Samstag, 29. Juli: Sonnabends darf man immer ein bisschen länger im Bett bleiben. Da reißt es einen nicht schon um elf aus den Federn, sondern erst um zwölf, vor allem dann, wenn der sommerbunte SAT.1-Ballon sich gegen den November-Himmel stemmt, einen Himmel, so schwer und grau wie ein Elefant, der den ohnehin mitgenommenen Porzellanladen Berlin in Grund und Boden trampeln will.

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#2.54 | Ein Betrug wird entdeckt

Fünf nach zwei stand ich wieder auf der Friedrichstraße. – Fünf Minuten zu spät. Der Elektroladen hatte geschlossen. Jenseits der Linden würde ich problemlos bis 16 Uhr eine Videokassette kaufen können, aber das war nicht meine Richtung. Ich hatte mir vorgenommen, die Wahrheit über die Sonnenallee in Augenschein zu nehmen ...

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#2.55 | Väter und Söhne

Das Telefon klingelte. In meinem ganzen Leben habe ich Dorothee noch nie so kreischen gehört. Unter den Linden war es nicht trockener gewesen als in Neukölln, nur waren Dorothee, Mirella und ihr Mann ohne Schirm aufgebrochen.

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#2.56 | Einordnung

Sonntag, 30. Juli: Sonntags darf man noch ein bisschen länger im Bett bleiben als am Sonnabend. Der Pfarrer unserer Gemeinde nannte von der Kanzel herab das Zehn-Uhr-Dreißig-Hochamt ‚Langschläfer-Messe‘.

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#2.57 | Besuchsprogramm

Montag, 31. Juli: Wahrlich, eine Zusammenfassung. Ab heute Nachmittag würde ich Volker Eckhoff zwanzig Stunden lang ein Berlin bieten wollen, das ihm nicht nur als Freundschaftsdienst, sondern auch als Erlebnis in Erinnerung bleibt.

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#2.58 | Die abgebrannte Kerze

Da waren also erst der Weg, dann das Haus und meine Eltern; Volker half mir bei der Wiedervereinigung meiner Wohnung mit meinen Habseligkeiten, und ich hämmerte mir ein: zu Hause.

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3. Berlin-Reise / 2005

‚Wachs! 3‘ war eigentlich nicht beabsichtigt. Aber ich konnte mich immer noch nicht trennen von mir in der Stadt und der Stadt in mir. Mit (einem) anderen, vertrauten Menschen wird auch die Sichtweise auf längst bekannt Geglaubtes wieder anders.

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#3.01 | Ich trau’ mich was

Ich möchte meinen Berlin-Zyklus ‚WACHS!‘ mit den beiden letzten Briefen beenden, die ich je von einer Berlin-Reise geschrieben habe. Seit den ersten Briefen von 1967 kam da schon eine ganze Menge Text zusammen.

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#3.02 | Das Gemeinsame von Island und Kolumbien

Silke saß meistens am Steuer, weil sie schon seit Langem den Alkohol gänzlich mied und topfit war, während ich mich noch nicht zu dieser weibischen Enthaltsamkeit durchgerungen hatte und mein Alkoholspiegel dank hoch verdünnter Spirituosen niemals in die Nähe des bedrohlichen Null-Promille-Pegels kam.

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#3.03 | Unser Herkommen, unser Wegkommen

Silke und ich hatten bisher ja tapfer geschwiegen, aber es roch nun doch so stark nach Benzin, dass ich gleich hinter der nächsten Baustelle Silke bat, in einer Einfahrt zu halten, damit ich nachsehen konnte, ob ich den Tankdeckel bei Aral in Hamburg richtig zugemacht hatte.

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#3.04 | Zwischen Frack und Ringelhemd

Den Abend wollten wir natürlich in Downtown Schwerin verbringen, wurden allerdings gleich an der Rezeption darauf aufmerksam gemacht, dass das, was da an der verwahrlosten Kaimauer lag, nicht zum Hotel gehörte. Auf so eine Idee wäre auch niemand gekommen, und selbst zum Tode verurteilte Schwabinger hätten mit diesem Kahn nicht versucht, die Isar zu überqueren.

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#3.05 | Perleberg und überhaupt

Das Verlassen von Schwerin machte uns ein wenig ungeduldig, denn weil wir nun nicht mehr versuchen mussten, die Straßenschilder zu entziffern, wurde es uns vor den roten Ampeln ziemlich langweilig. Doch dann stimmte Silke zu meiner Freude zu, Ludwigslust ins Reiseprogramm mit aufzunehmen.

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#3.06 | Südamerika in Charlottenburg

Kurz vor sechs schlenderten wir über den Kurfürstendamm zum Schlüterplatz; dort konnte ich Silke das Lokal zeigen, das nicht mehr ‚Hardtke‘ war, was so flink ging, dass wir pünktlich bei Hanno und Christine in der Mommsenstraße waren.

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#3.07 | Wenn man sich’s leisten kann

Auch für Koenigssee und Wissmannstraße hatten wir gutes Wetter im 19er-Bus, in dem schon meine Großmutter die Halenseebrücke zwischen Kurfürstendamm und Grunewald überquert hatte.

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#3.08 | Feuer am Ohr

Winfried sagte mir auch gleich bei meinem ersten Anruf am Ankunftssonntag, dass Peter und er am Montagabend nach Essen führen, und weil er weit draußen in Buckow arbeite, würden wir uns nicht zu viert sehen; Peter habe aber nahe seinem Arbeitsplatz bei den Festwochen ein Mittagessen mit Silke und mir im ‚Manzini‘ geplant.

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#3.09 | Guntram hat wieder recht

In der ‚Paris Bar‘ schienen wir nicht erwartet zu werden, ich fand meinen Namen auch nicht beim Schielen ins Bestellbuch. Das hätte mich wütender gemacht, wenn wir nicht den besten Tisch des Lokals bekommen hätten.

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4. Berlin-Reise / 2008

Das ist der letzte Brief, den ich über Berlin geschrieben habe. Weiteres müsste ich neu erfinden, und die Erfindungen hier sind bereits ziemlich hanebüchen.

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#4.01 | Burg Schlitz

Gelb. So gelb! Kein leuchtenderes Gelb bietet die Natur dem Schauenden als das von blühendem Raps. Die aufgepflanzten Heere der flammenden Felder stehen in feindseligem Gegensatz zu den friedlicheren Hügelketten des Mecklenburger Landes.

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#4.02 | Weihnachtsland im Mai

Die Bäume am Leipziger Platz sind noch zu schmächtig, und es gibt nur ein einziges Café, aber immerhin: Das Achteck ist schon klar konturiert, und die Idee, das fertige Gebäude auf die Planen vor den Baugerüsten zu malen, ersetzt die Wirklichkeit, ohne dass man die wahren Bauten, die man ja sowieso nicht betreten hätte, vermisst.

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#4.03 | Etwas Plötzliches

Nach solch grundsätzlichen Erwägungen war es nur folgerichtig, dass es mich zu Historischem drängte. Ich fragte den Kellner nach dem Weg zum Belvedere, wobei ich volkstümlicherweise das Endungs-e mitsprach.

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#4.04 | Teure Marken

Silke jammerte sich durch den Verkehr vom Neuen Palais zum Schloss Babelsberg. Ich machte keinen Fehler, während ich sie lenkte, aber sie jammerte trotzdem, weil gegen sechs nun mal Berufsverkehr herrscht. Oben auf der Terrasse war es ganz still, und der Blick war sehr viel eindrucksvoller als vom Pomonatempel herab, in dem jetzt die Polizei auf Spurensuche war.

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#4.05 | Verblüht

Am Abend hatten wir Pech. Es fing an zu regnen, und der Spaziergang vom Gendarmenmarkt zum Alexanderplatz, der ohnehin über städtebaulich heikles Terrain führt, bereitete Silke die Qual, feucht zu werden.

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#4.06 | Berlinale-Finale

2015 war Berlin die erste Station einer Reise, mit der ich mein 1975 begonnenes Filmprojekt ‚Reisende‘ beenden wollte: oft Gesehenes und Neues als Abschuss für den Zyklus.

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Haben Sie Freude an meiner Vergangenheitsbewältigung? Dann gefällt Ihnen womöglich auch, was mich in der Gegenwart beschäftigt. Zu der äußere ich mich sonntags. Am Sonntagabend stehen immer drei neue Beiträge von mir im Netz. Dieses literarische Kleeblatt kröne ich gern mit Aktuellem. Meinen Neubrief können Sie abonnieren. Er nennt sich: ‚Newsletter‘.


Hanno Rinke

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