Hochwürden!
Ich weiß, diese Anrede ist etwas veraltet, aber der ehrfürchtige Abstand zu Ihnen tut mir gut.
Danke, dass Sie mir Ihre Aufmerksamkeit schenken! Wer tut das schon? Selbst bei Ihnen, Herr Diözesanbischof, vermute ich neben dem Herzenswunsch, mich näher kennenzulernen, auch ein berufliches Interesse daran, was meine Besonderheit für unsere Mutter Kirche bedeutet. Bitte erlauben Sie mir, im Sinne beider Anliegen ein wenig auszuholen:
‚Tourette‘ [ˈtuːʁɛt] klingt nett. Ist es aber nicht. Trotzdem beneide ich die Glücklichen, die sich mit dieser Eigentümlichkeit abgefunden haben. Sie fahren in der vollbesetzten Untergrundbahn und schreien von Zeit zu Zeit ‚Vagina!‘, ‚Penis!‘, ‚Exkremente!‘ (also, ich meine die ordinären Kraftausdrücke dafür), sie brüllen den distinguierten Ober eines Nobelrestaurants vor dem Bestellen an: „Mieser, alter Sack!“, und halten dabei ein Schild hoch: Tourette-Syndrom! Der Kellner lächelt verständnisvoll. Das stelle ich mir herrlich vor. ‚Koprolalie‘ ist Ihnen womöglich kein Begriff, Hochwürden. Es bezeichnet den krankhaften Zwang, obszöne Wörter auszustoßen. Büschen peinlich, stimmt schon! Aber es wäre doch zumindest ein erträgliches Leiden. Obwohl, ich erinnere mich. Als ich noch ein Kind war, habe ich gedacht: Was würde wohl passieren, wenn ich meine Lieblingstante, die mir gerade eine Tafel Nussschokolade mitgebracht hatte, aus heiterem Himmel anblaffte: „Du dämliche, alte Zicke, du versoffenes Dreckstück – was soll ich mit dieser stinkenden Kacke?“
Natürlich habe ich das nie gemacht, aber die Angst, es doch zu tun, war groß, und irgendwie war es auch verlockend, zumal mein Vater kurz zuvor dieselben Ausdrücke für die Schwester meiner Mutter benutzt hatte. Nur war Tante Beate da nicht im Raum gewesen und ich hinter dem Sofa versteckt. Papa hatte wohl auf die leere Eierlikörflasche angespielt. Er konnte ja nicht wissen, dass ich davon ausführlich genascht hatte. Ich war leicht benebelt, kroch hinter dem Sofa hervor und sagte: „Das musst du jetzt aber beichten.“ Mein Vater sah mich an, ungerührt: „Hab ich jetzt schon die Inquisition im Haus?“, fragte er und hoffte wohl, dass ich das Wort nicht kannte. Ich kannte es aber doch und antwortete: „Nein. Du hast nur mich.“ Die Entscheidung, ob das eine Liebeserklärung oder eine Drohung war, überließ ich ihm. Nicht nur bei uns, sondern in vielen Familien war das ja 1968 üblich: Vater und Sohn, dazwischen der heillose Geist.
Bezeichnungen sind so schrecklich wichtig. Sich da im Ton zu vergreifen, beleidigt nicht nur unseren Herrgott, sondern auch die Menschen: aus Unachtsamkeit oder gar als bewusste Kränkung. ‚Ach, du lieber Gott!‘ oder ‚Hol’s der Teufel!‘ – wie oft kommt uns das leichtfertig über die Lippen! (Na ja, meinem Geschmack nach immer noch besser als ‚Verfluchte Scheiße!‘)
Aber nicht nur gegen den Himmel versündigen sich viele Christen, nein, sie beschimpfen sich auch gegenseitig, und Andersgläubige erst recht, manchmal unflätig, manchmal sogar von Amts wegen. Der eigentlich fortschrittlich eingestellte Joseph II. (falls man sich traut, diesen Begriff auf einen Habsburger anzuwenden) ordnete 1787 für Galizien und die Bukowina an, dass allen Juden Nachnamen zu geben seien. Sowas weiß man doch! Den katholischen Beamten war es eine Riesengaudi, den neuen Staatsbürgern an ihre mosaischen Vornamen drollige Gebilde als Nachnamen zu oktroyieren: Saul Afterduft, Sara Woismeingeld, Abraham Leibschmerz, Rebekka Erdenjammer sind in einer Aufstellung von 1888 verbürgt. Bei diesen ‚Schimpf‘-Wörtern handelt es sich nicht um gestammelte Ausgeburten von Tourette, sondern um verordnete Gemeinheiten von Beamten.
Bezeichnungen sollen Symbolcharakter haben: Muss die blinde Seherin vor der Akropolis verehrt werden? Muss die taube Hörerin vor der Rundfunkanstalt von Gebühren befreit werden?
In Deutschland will eine Katholikin namens Dr. Annette Jantzen durch ihre Bezeichnung ‚die Ewige‘ für himmlische Angelegenheiten das ‚einseitig männlich geprägte Gottesbild‘ aufbrechen. Auch das generische Maskulinum in der Bibel sei zu einseitig, findet sie. Sie befleißigt sich, weil Frauen sonst ‚unsichtbar‘ erschienen, ‚gerechter Sprache‘ für eigene Gebetstexte und Bibelauslegungen. Ist das Fanatismus, Borniertheit, oder denkt die etwa, sowas sei eine Möglichkeit, der Kirche weitere Austritte zu ersparen? Diese otze!!! Kommt davor ein ‚F‘ oder ein ‚V‘? Dabei, ein bisschen recht hat sie ja: Im Altertum gab es noch Göttinnen, im Islam und im Christentum nicht mehr. Gott ist aber weder männlich – der – noch weiblich – die Ewige – und erst recht kein Neutrum: ‚das Ewige‘. Ist Gott ein Zwitter?
Zurück zu den Menschen: Frauen gelten also nicht nur im Islam als minderwertig, auch in der katholischen Kirche sind sie Personen zweiter Klasse! Päpstin konnte man nur aus Versehen werden, aber die Päpstin Johanna wird inzwischen angezweifelt, und die ‚Sedia stercoraria‘, auf der sich der Stellvertreter Gottes von unten sicherheitshalber in die Eier grabschen lassen musste, um selbige zu beglaubigen, ist auch nicht verbürgt. Was, Euer Gnaden, kann man denn überhaupt noch glauben?
Heiner Wilmer ist neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Augustinus hätte ich als Vornamen passender gefunden, aber dafür kann der Mann ja nichts. Nun will er versuchen, Frauen stärker einzubinden. Mein Gott, kriegt er denn überhaupt noch genügend Männer zusammen? Kann sich inzwischen schon jeder alles vom Heiligen Stuhl verbieten lassen? Wo bleibt die Demut, Dinge hinzunehmen, oder die Chuzpe, sie zu verändern? Auf der einen Seite tragen nicht mal Nonnen noch Ornat, und gewöhnliche Frauen ziehen sich aufreizend an, damit sie begehrenswert erscheinen, lassen sich Lippen auf- und Falten wegspritzen; auf der anderen Seite wird, wenn ein Mann sich lobend äußert, daraus ein Skandal gemacht.
Der CDU-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, Manuel Hagel, hat vor acht Jahren in einem Interview von einer ‚Eva‘ gesprochen: braune Haare, rehbraune Augen. Mehr nicht. Er hat nicht gesagt: „Dem geilen Luder wollt’ ich dringend an die Möse!“ Trotzdem: Sexismus-Vorwurf von den Grünen. Heuchelei und Wahlfang-Manöver. Hat ja auch knapp geklappt. Kandidat Andreas Stoch dagegen ist auf Entenpastete ausgerutscht, die SPD genauso knapp im Landtag. So etwas also zählt heute im profanen Leben. Werden eigentlich noch ganze Parteien gewählt oder nur noch einzelne Führer? 69,6 Prozent1 Wahlbeteiligung. War das Wetter schlecht, wissen die Analysten, dass der Regen schuld war. War das Wetter gut, liegt es an der Ausflugssonne. Das gilt bei niedriger Wahlbeteiligung, bei hoher ist es umgekehrt. Gott und irdische Diktatoren freuen sich über viele Spaziergänger in ihren Reichen. Demokraten freuen sich mehr über viele Urnengänger. Und die Gänger selbst? Dass sich die Leute nicht mehr auskennen, wundert mich nicht. Man darf einerseits alles und andererseits nichts. Und ich taumele mit meinem Leiden dazwischen: ‚Tourette‘ – klingt wie ‚Soubrette‘, ist aber noch schriller.
Besonders heftig wird mein Drang nach schlimmen Wörtern, wenn ich an den Islam denke: Khamenei, der ja nun weg ist vom Minarett-Fenster, reizte mich besonders. Gern hätte ich ihn gefragt: „Glaubst du diesen Schwachsinn über Allah und Mohammed eigentlich selber? Dann bist du ein Idiot. Redest du nur so, um deine Macht zu erhalten? Dann bist du ein Schwein. Du kannst es dir aussuchen!“ Aber nun hatte Khamenei ja, wie der iranische Nachrichtensprecher behauptete, ‚vom süßen Nektar des Märtyrertodes‘ getrunken und ‚trat in das höchste himmlische Königreich ein‘. Woher wusste der Moderator das? Live-Schaltung?
Ach, Hochwürden, Hochwürden! Ich habe nicht das Recht, mich über andere lustig zu machen. Ich bitte um Vergebung! Vergebung … Manchmal denke ich, wir sollten Brüder und Schwestern sein, alle miteinander. Doch was maße ich mir an? Wie kann ich es wagen, Ihr Bruder sein zu wollen, ehrwürdiger Vater? Ich bin ja nur ein ganz kleines Kirchenlicht, ein winziger Fisch fürs Aquarium. Im wilden Meer wäre ich verloren. Der Hai, der mich nicht sofort fressen tät’, würde hailiggesprochen. Verzeihung, Monsignore! Noch so ein Ausrutscher. Neben Kraftausdrücken neige ich zu Kalauern. Das heißt aber nicht, dass ich mittels Albernheit heikle Fragen völlig aus meiner Seele verbannen könnte: Wieso hat die glorreiche Ecclesia jahrhundertelang Todesurteile vollstreckt, aber Selbstmord und Sterbehilfe gelten nach wie vor als Frevel? Bei Dschingis Khan war es Mordlust auf dem Schlachtfeld, bei der Inquisition war es Notwendigkeit auf dem Scheiterhaufen. Zweierlei Maß? Ich weiß: Wenn immer alles zusammenpassen würde, dann gehörte die Schraube in die Mutter und der Penis in die Vagina, und das war’s. Neben dem Miteinander gibt es aber auch das Nebeneinander. Die grässlichen, die fürchterlichen Ausdrücke kann man ja nicht bloß aussprechen – schlimm genug! Man kann sie auch schreiben. Das ist viel ärger.
Noch bis nach der Firmung empfand ich mich als ehrbaren Katholiken. Ich dachte, wie vom Elternhaus befohlen, an Jesus Christus und nicht an Angelina Jolie; ich ging zur Messe und nicht zur Demo. Religionen seien Opium fürs Volk, glaubte Marx. Na, Ideologien wie die nach ihm benannte sind bloß Kautabak. Sie versprechen Halt und nehmen Freiheit. So ist das wohl immer. Das Glück liegt in der Bescheidung – bei Juden und Moslems in der Beschneidung (mein Gott, ich kann’s nicht lassen!). Natürlich hat das mit dem Katholizismus nicht das Geringste zu tun, ehrwürdiger Vater. Aber – erst schleichend, später immer würgender – ergriff dieses widerliche Zeug erst mein Hirn und dann mein Sein. Seit ich fünfzehn war, kam es immer wieder über mich wie eine Krankheit. Besonders im Sexuellen. Nennt man das Psychose? Frauen können zwölf Kinder auf die Welt bringen, ohne einen einzigen Orgasmus. Männer schaffen das nicht, fiel mir auf.
Es tat weh, nachzuhaken. Eine Zeit lang dachte ich, die Wirklichkeit sei nur dazu da, dass man einen Grund hat, die Augen zu verschließen. Ich lebte mit meiner überbordenden Fantasie in einem überflüssigen Körper. Das Paradies war kein gedanklicher Ausweg. Sein Problem liegt in seiner Unendlichkeit.
Selbst Freude war mir zu glorreich. Ich wollte Spaß haben. Nicht dieses ehrenwerte Erweckungserlebnis, sondern etwas, das man später bereuen sollte und worauf man stolz ist, es nicht zu bereuen. Sex auf dem Klo statt Fronleichnamsprozession auf der Wiese. Aber natürlich blieb es bei der Prozession. Mit Weihrauchschwenker. Einsicht oder Feigheit?
‚Sind Vernunft und Lust Gegensätze?‘, fragte ich mich. Was will die Seele? Oder hat sie damit nichts zu schaffen? Und das Denken? Denken ist Erinnerung plus Schlussfolgerung. Was der Geist will und was der Körper: Den Unterschied erkennt man nicht beim Grübeln oder beim Schwitzen. Essen und Sex sind die beiden Berührungspunkte, bei denen Leib und Seele sich treffen. Beim Sport natürlich auch. Den Körper zu trainieren, ist für einen Franziskaner wie mich keine Selbstverständlichkeit. Der heilige Franziskus sah darin ja eher Zeitverschwendung, die vom Beten abhält. So streng nehme ich das zwar nicht, aber andere dabei zu beobachten, wie sie ihren Körper benutzen, das empfinde ich als unanständig. Doch auch damit befinde ich mich wohl wieder mal in der Minderheit. Wenn man liest, was manche, die Tore schießen, verdienen – ich meine: Geld verdienen –, nur weil andere Menschen ihnen beim Ballspielen zugucken – Monsignore! –, das ist erst recht unanständig. So etwas führt nicht zum Seelenheil! Das wusste ich schon immer. Aber was dann? Vor Kurzem glotzten die Leute zwei Wochen lang Akrobaten dabei zu, wie sie den Schnee verunreinigten. Olympia! Gekostet hat das Millionen! Schneekanonen! ‚Nachhaltigkeit‘? Nichts als ein Schlagwort. Der Norweger Sturla Holm Lægreid nutzte seinen Biathlon-Medaillen-Gewinn für das TV-Geständnis, er habe seine Freundin mit einer Anderen betrogen. Es täte ihm schrecklich leid. Eine Art ‚Triathlon‘ übers Fernsehen! Haben Sie das im Februar mitbekommen? Wozu, frage ich Sie – den geweihten Verkünder Gottes auf Erden –, wozu haben wir überhaupt noch Beichtstühle? So ein Auftritt in den Medien ist doch deutlich befriedigender für den Büßer. Die reumütige Auskunft ist nicht nur Gold, sondern vor allem Geld wert. Überall, wo jemand zahlen will oder muss, verdient auch jemand. Das weiß die heilige Institution Kirche ja sehr genau. Ich sage nur: Ablasshandel. Wir hatten dabei wenigstens die Ewigkeit im Blick. Bei denen aber geht es um 100stel Sekunden. Hundertstel! Das musst du dir mal reinziehen, du weltfremder Pfaffe, du! Wir faseln hier was von der E-e-ewigkeit, und in derselben Zeit entscheiden die da über Hundertstel von Sekunden. Doch was rede ich da? Oh, mein Gott, hast du mich schon wieder verlassen? Verzeihen Sie mir, großherziger Gebieter auf dem Gang zum Heiligen Stuhl! Aber das muss man sich mal vorstellen: Die Leute johlen und toben. Sie beten die Götter ihres Olymps an, goldene, silberne und bronzene Kälber. Wahnsinn, mein lieber Diözesanbischof, Wahnsinn! Bei uns im Kloster wäre das undenkbar.
Na ja. –
Jetzt gucken die Unerleuchteten wieder Kochshows und Pornos. Wie schwer ist es, Menschen nicht für das zu verachten, was einen selber nicht begeistert! Liebhaber von Pommes, Kindern und Zwergenwerfen kann ich schlecht aushalten. Und Ungerechtigkeit. Da wird einer Dschungelkönig durch Vergebungsgnade des TV-Publikums. Gil Ofarim strich 100.000 Euro ein. Das gibt’s nicht für jeden als Beichtbelohnung. Dabei war es nur eine Halbbeichte. Judentum zum Abgewöhnen.
Ich übe, wirklich, ich übe. Aber wahrscheinlich sollte ich meinen Nächsten besser nicht lieben wie mich selbst, weil ich mich gar nicht besonders liebe. Wenn alle, die wie ich fühlen, Ernst machten, würde das zum kollektiven Selbstmord führen.
Die Welt ist so schön – stellenweise; wo der Mensch im Spiel ist, oft weniger. In der Natur gilt für Enthusiasten alles als schön, auch kahle Gipfel und platte Moore. Haben Sie es bemerkt, Hochwürden, dass Gott nichts zirkelartig kreisrund geschaffen hat und überhaupt nichts Rechteckiges? Die Ecke ist eine Erfindung des Menschen, ohne die gäbe es keine Mietshäuser und keine Schokoladentafeln. Warum ist das so? Warum macht es uns der Herrgott so schwer? Sägen, Feilen, Bohren sind unerlässlich. Wie einfach wäre es, Garderobe zu schneidern, wenn all unsere Gliedmaßen so genormt wären, wie die Industrie es für ihre Produkte erst einführen musste. Wenn Gott sich ein Vergnügen daraus macht, mit Vulkanausbrüchen und Erdplattenverschiebungen zu arbeiten – uns macht er damit kein Vergnügen.
Gott lässt die Natur gewähren, und sie ist mitleidlos. Schmerzen und Nöten gegenüber bleibt die Natur völlig gleichgültig. Gott hat ihr kein Bewusstsein mitgegeben, deshalb kennt sie kein Erbarmen. ‚Weißt du, wie viel Sternlein stehen?‘ ‚Gott der Herr hat sie gezählet‘. Der sollte mal lieber die Seuchentoten durch seine Bakterien und Viren statt der Sterne zählen (keine Zurechtweisung, bloß ein Vorschlag)! Bin ich naiv oder unverschämt? Oder ist das hier eine Persiflage? Tut mir leid, aber ich versteh’s nicht: Warum lässt Gott mich nicht einfach in Ruhe? In Ruhe fromm sein. Warum quält er mich ständig mit Fragen? Mit Fragen über ihn. Warum hat der Allmächtige die Natur so eingerichtet, dass es ihr überwiegend ums Fressen und ums Ficken (Verzeihung: schon wieder Tourette!), ich meine ums Fortpflanzen, geht? Das ist doch eigentümlich. Selbst der Mensch ist davon nicht verschont geblieben, mit Ausnahme des Klerus. Mehr oder weniger.
Mit sechzehn dachte ich: Beten, diese Lobbyarbeit gen Himmel, ist anmaßend oder dumm. Die Lobhudeleien à la ‚Großer Gott, wir loben dich‘ klingen so, als könnte sich der Mensch (oft weiblich) ein Urteil erlauben. So, als ob ein Musikstudent Beethoven anquatscht: „Hey Alter, supergeil, deine Schreibe!“ Dabei ist seine Bewunderung doch echt, die Ausdrucksweise allerdings sehr zeitbezogen. Musik schafft es so wunderbar, mit Höhepunkten umzugehen. Darum ist die Dramaturgie von Melodie und Rhythmus der abstrakten Frömmigkeit aller Religionen seit jeher verdächtig vorgekommen. Das Magische irritiert die Rationalisten.

Ich habe mich seit damals immer mit Höhepunkten beschäftigt. Zugegeben, Hochwürden, weniger mit der Besteigung des Mount Everest als mit der Vermeidung oder Erreichung des Orgasmus. Theoretisch. Erst mal sah ich das religiös. Also, den Höhepunkt der Messe glaubte ich mir in der Wandlung von Christi Leichenfleisch in die Oblate, die mir bald am Gaumen kleben würde, ausmalen zu können. Mit siebzehn dachte ich, wenn mein Denken und Tun nicht bis zum Orgasmus hinreicht, hat Gott auch nicht das Recht, mir meine Gedanken übel zu nehmen. Ich war damals ziemlich streng mit Gott, aber leider blieb er ungezogen, und so musste ich ihn abgeben an die Kirche als Erziehungsanstalt. Das Denken an ihn hörte damit aber nicht auf, leider. Mein Leben einfach stur wegzuleben, Tag für Tag, ohne Höhepunkte – wäre das gottgefällig gewesen? Oder wollte er, dass ich kein lauer Mitläufer bin, sondern ein lauter Verkünder? Damit ich anschließend dermaßen lauter vor ihn hintrete, dass er mich aus lauter Begeisterung ins Paradies abschieben kann? Gott als der und das Wichtigste im menschlichen Leben – ist das eine Option? Im Gegensatz zum flatterhemdigen Islam kommt das Christentum wenigstens im seriösen Dreiteiler: Vater, Sohn, Geist – Jacke, Hose, Weste, ganz korrekt. Für Feministen ist außerdem noch eine wallende Fürbitte Mariens vorgesehen (‚Maria, breit’ den Mantel aus …!‘). Gleich sehe ich dieses Gemälde der Madonna im weiten, prächtigen Umhang aus dem Religionsbuch in der Grundschule vor mir.
Dagegen soll die schmucklose Burka arabische Frauen auf den orientalischen Märkten gleich als unverkäuflich ausweisen. Sonst ist es da ja üblich, die angepriesenen Waren im Basar eingehend zu betrachten und zu betatschen. Bei Burka-Frauen schwierig. Wird ein Mann beim Anblick der schwarzen Gespensterwesen gleichmütig oder züngelt seine geile Fantasie trotzdem? Moslems scheinen beim unverhüllten Anblick von Weiblichkeit sofort auf Vergewaltigung zu schalten, davor muss man die armen Muselmänner natürlich um ihres Seelenheils willen bewahren. Deshalb ist es gut, dass aufmerksame Religionswächter einen Weg gefunden haben, den triebgesteuerten Kerlen den berserkerhaften Zugriff auf weibliche Gläubige zu versalzen: mittels Kleidung. Das Hemd hemmt. Leuchtet ein. Aber wenn jemand ein Einsehen hat und es sich sexuell lieber mit dem eigenen Geschlecht gemütlich macht, wird das ebenfalls so wenig gern gesehen, dass es bis zur Hinrichtung führen kann.
Auch vor meinem – überwiegend geistigen – Auge spielten damals pornografische Abbildungen eine Rolle, ja, barmherziger Pater, ich gestehe es. Ich fragte mich: Ist es sehr egoistisch, sich in eine der abgebildeten Personen hineinzuversetzen? Ist es altruistischer, reiner Voyeur zu bleiben?
Wer bei Pornos nicht bloß auf die Geschlechtsteile, sondern auch auf die Gesichter guckt, ist schwerer zufriedenzustellen. Hat er dann auch einen höheren Gewinn? Falls Sie es lieber asexuell haben, gestrenger Pater: Wer einen salatgebetteten Hamburger oder eine (kulinarische) Hamburgerin verachtet, hat der/die/das beim Essen seines blutigen Steaks oder seines kräutersatten Veganissimo mehr Spaß, Selbstwertgefühl oder Sendungsbewusstsein als der gedankenlose McDonaldser? Das sind wichtige Fragen! Soll man fromm fasten oder lobpreisend in Gottes Gaben schwelgen, solange man keine Früchte vom Baum der Erkenntnis nascht und freitags auf Gulasch verzichtet und stattdessen zur Seezunge greift? Warum aß der abtrünnige Katholik Luther nie Bratkartoffeln, aber übermäßig viel Schweinefleisch? Um Jehova zu provozieren und sich dadurch beim Christengott einzuschmeicheln? ‚Lieb Kind‘ konnte sich der feiste Fettwanst bei unserem Herrn ja schwerlich machen wollen, der verfressene Verräter, der. (Luther mein’ ich.) Diese Nahrungsfrage ist ausnahmsweise mal leicht zu beantworten. Erst Friedrich II. hat den Preußen die ‚tolle Knolle‘ durch seinen Kartoffelbefehl von 1756 aufgezwungen. Die Sachsen zogen nach. Da war Luther schon 210 Jahre lang tot. – Andere Überlegungen führten weniger schnell zu Einsichten. Welchen Mehrwert schafft es, nicht blöd zu sein? Ist dumm und glücklich nicht besser als klug und verzweifelt?
All das spielt sich zwar nur in meinem Kopf ab, und doch habe ich mich gerade deshalb gefragt: Wie haben Menschen gedacht, bevor es die Sprache gab? Die Reihenfolge war wohl: Feuer – Sprache – Rad – Strom – Digitalisierung. Die Religion liegt als Erfindung, vermutete ich, zeitlich zwischen dem Losreden beim Hohen Rat und dem Lostreten beim hohen Rad. Stimmt das? Erst nach einer quälenden Dauer von Unbeständigkeit habe ich wieder zurückgefunden in den katholischen Schoß der Alleinseligmachenden. Davor: Die Zweifel, oh, diese Zweifel, Hochwürden, sie brachten mich fast um! Zumindest um den Verstand. Sie, Hochwürden, sind ein so hochherziger, erleuchteter Mann Gottes. Aber wenn Sie nun behaupteten, Gott wolle, dass wir jede siebte Stufe aller Treppen nicht beträten, das sei die heilige Sonntagsstufe … Sobald genügend Gläubige Ihnen glaubten und sich danach richteten, würde diese Sonntagsstufe zu einer gültigen Wahrheit wie der Salat der fünf Pflichtgebete im Islam und das Hummerverbot auf dem jüdischen Speisezettel. Es wird nicht weiter hinterfragt, es wird getan beziehungsweise unterlassen. Doch was, Hochwürden, wollen bloß Sie, und was will unser aller Schöpfer? Sind Sie – so erlaucht Sie auch ansonsten sein mögen – wirklich Gottes Sprachrohr? War Moses es? Das Warum, immer dieses ‚fucking‘ Warum! Es triumphierte über die Gewissheit meines Glaubens. Ein Trost: Ohne unsere fragende Neugier säßen wir wohl heute noch in Höhlen ohne Wandmalerei, aber mit hoher Kindersterblichkeit.
Anderen mag diese Einsicht genügen. Mir reichte sie als Trost nicht aus. Konnte ich den Einschätzungen der Kirche weiterhin trauen? Die Sünderin, ein Film, der in den sozialen Medien heute wegen Harmlosigkeit durchfiele, wurde 1951 von der Katholischen Filmkommission für Deutschland so eingestuft, dass ‚diese Selbstbiographie einer Dirne starken Widerspruch gesund denkender Bevölkerungskreise herausfordern muss‘. Wie sind die angeblich ewig gültigen Werte der Kirche mit dem wechselnden ‚Volksempfinden‘ in Einklang zu bringen? Geht das überhaupt? Wenigstens wurde 1951 die Liturgie noch weltweit in Latein verlesen. Inzwischen ist selbst diese Bindung Geschichte. ‚Der Herr sei mit euch!‘ klang von vornherein altmodisch. ‚Dominus vobiscum‘ war wenigstens ein Ritual. Ein Ritual muss weder verständlich noch modern sein. So kam es zu meinem Gewissenskonflikt: Was will Gott von mir, und was will die Kirche von Gott? Dass er befiehlt, die siebte Stufe der Treppe zu überspringen, damit die Kirche eine weitere verbindliche Regel hat? Es war eine Zeit der Angst, der untätigen Angst. Damals. Der Schmerz tut ja immer nur dann weh, wenn man ihn hat. Ist er nicht mehr da, vergisst man ihn meistens ohne große Dankgebete. Mit der Angst ist es genauso.
Was angstlos erreicht wird, ist weniger wert; nicht im Ergebnis, sondern für einen selbst (mich selbst). Ich hasse Verallgemeinerungen, aber wir können nun mal ohne sie nicht leben. Und das, was dabei herauskam, wenn ich meiner Angst getrotzt hatte, habe ich mir immer etwas weniger übel genommen als die Unsäglichkeiten, die ich sonst so gemacht habe. Also, viele waren es nicht. Ich hatte ja eigentlich immer Angst. Eine Zeit lang bot das Denken mir einen Ausweg aus dem Dilemma von Wollen und Dürfen. Aber dann eben nicht mehr.
Ich konnte es, wie schon angedeutet, nicht dabei belassen, den Blödsinn bloß zu denken. Sagen nutzte auch nichts. Ich musste ihn aufschreiben. Die Zettel, auf denen ich den Quatsch verzapft hatte, verbrannte ich sofort. Das war ein Fehler. Sofort kam das Verlangen zurück. Ich musste diese Schweinereien stehenlassen. Anders wirkte die Erleichterung nicht. Nein, lieber Pater, keine Erleichterung, das wäre untertrieben: Nein, nein, nein, Höchstwürden, das war ein Hochgenuss! Diese Buchstaben, diese Silben! Das war mehr, als es war. Das war ich. Ich war dieses Schwein. Herrlich!
Wer nie einen Rausch erlebt hat, der kann sich damit brüsten oder es bedauern, aber ihm den Zustand zu erklären, ist so einfach, wie einem Blinden den Unterschied zwischen Lila und Rosa nahezubringen. Frauen haben das im Gefühl. Denken sie. Etwas im Gefühl zu haben, das ist vage. Etwas Ausgesprochenes kann man widerrufen. Erst das Schriftliche ist das Manifest. Es gilt. Und doch ist es ja so: Mal schäme ich mich zu Tode, mal werde ich närrisch vor Glück. Nennt man das manisch-depressiv? Will Gott, dass ich mich ändere, oder will das nur mein Abt? Auch ich selbst will es manchmal, vor allem, wenn mich die Angst übermannt. Die Angst vor Bloßstellung. Das Glück, angstfrei zu sein, kann nur ermessen und genießen, wer die Angst kennt. Das Gleiche ist nicht dasselbe. Ein Hungernder nimmt ein Stück Brot anders wahr als eine Michelin-Testerin im Sternelokal. Aber damit man jeden Tag das gleiche Essen im Mund oder weiter unten einen immerwährenden Orgasmus schätzen kann, muss man seine Maßlosigkeit aufgeben und Stillstand in Kauf nehmen. Ich habe einen Ausweg aus diesem Dilemma entdeckt: meine Steigerung. Sisyphus war glücklich dabei, immer wieder denselben Stein aufwärtszurollen. Er brauchte keine Steigerung. Ich schon. Ich muss das Aufgeschriebene verschicken. Bisher nur an zuverlässig verschwiegene Brüder, aber wenn das ausartet, schlimmer noch – wenn das rauskommt? Diese Blamage! Oder? Die brennende Frage vieler Tourette-Kranker lautet heute: Womit kann ich überhaupt noch anecken? Ach, anecken wollen wir ja auch gar nicht. Oder doch? Jedenfalls werden die Möglichkeiten immer geringer. ‚Du schwuler Dreck!‘ ist ein herausforderndes Kompliment am Tresen, und ‚Fotzenrap‘ wird sogar namentlich in den Feuilletons konservativer Zeitungen lobend erwähnt. Was bleibt also überhaupt noch für mich? Außer ‚Faschist!‘ wenig. Na ja, ‚Negerkuss‘ für Schaumgebäck ist noch schlimmer.
Andererseits: Bedenklich bedenkenlose Prominente aus Kirche und Staat, Wirtschaft und Showgeschäft versenden bisweilen kompromittierende Texte, meistens bloß zu ihrem – womöglich noch sexuellen! – Vergnügen und dem erhofften des Lesers, und dann wundern sie sich, wenn sie geleakt werden. Im Bistumsblatt habe ich das alles übrigens nicht gelesen, Hochehrwürdiger. Ich habe es nur beim frommen Vorbeischreiten an meinen Mitbrüdern und deren Disput im Seitenschiff der Hauptkirche mitbekommen, wie auch den TV-Klatsch von vorhin. Mit meinem eigenen Verhalten lässt sich solcher Leichtsinn, Gott sei Dank, nicht vergleichen. Bei den fahrlässigen Schreibewichten und (für Annette Jantzen: -wichserinnen) ist es deren blöde Gutgläubigkeit an die Verschwiegenheit der Empfänger, bei mir ist es ein Zwang. Das ist bemitleidens- oder bewundernswert, je nachdem, ob man Zoten schätzt oder verurteilt.
Ich arbeite fleißig daran, von erotischen auf religiöse Themen umzuschwenken. Das ist ja auch der Grund, warum ich Ihrem Vikariat diese E-Mail geschickt habe. Ich kann sie auswendig herunterbeten:
Menschliches Viehzeug ohne Glauben an die heiligen Sakramente dient auf der Welt zu nichts weiter, als während der genüsslichen Zertrampelung durch kirchliche Würdenträger zu Schleim mit Knochen zu werden. Gibt es einen heitereren Religionsspaß?
Ich denke, dieses kleine Schreiben ist auch der Grund dafür, dass Sie mich um eine schriftliche Stellungnahme gebeten haben. So ist es mir auch lieber, Eure Eminenz. Physische Begegnungen verwirren mich. Den Konvikt verlasse ich nur selten, eigentlich nie. Der Innendienst in der Küche oder am Computer liegt mir mehr. Ursprünglich hatte ich ja Koch oder Programmierer werden wollen, aber mein Vater fand, ich solle Mönch werden, und meine Mutter, die sich schon viele Jahre zuvor von ihm getrennt hatte, fand die Idee ebenfalls einleuchtend.
Es ging ja auch alles gut, soweit. Bis vor Kurzem. Ich würde nie mein Gesicht in Damenschöße versenken und würde 99,9 Prozent aller Herrenausstattungen nicht im Mund haben wollen. Bitte glauben Sie mir, Eminenz! Kein Mensch konnte ahnen, dass ich auf einmal verbal so die Sau rauslassen würde. Und doch ist es geschehen. Dies ist eigentlich keine Beichte; denn weder für Gott noch für Sie ist mein Bekenntnis ja etwas Neues. Ich hoffe auf Ihr Verständnis. Vertrauen, verdrängen, vergeben – mein Leben. Ich habe keinen Sex, ich esse während der Fastenzeit kein Fleisch, ich dulde keine Unordnung in meiner Nähe. Soll ich mir nicht mal meine verbalen Entgleisungen gönnen dürfen? Was bleibt mir dann noch? Verzicht muss sich lohnen. Entweder ich nehme dadurch schneller ab oder ich komme dadurch schneller in den Himmel. Kein Beischlaf – keine Syphilis. Kein Schnaps – keine Leberzirrhose, zum Beispiel. Von den Fastenwochen her weiß ich: Die erste ist die schwerste. Semaglutid, der Wirkstoff von Abnehmspritzen, soll nicht nur gegen Fressattacken, sondern auch gegen andere Süchte helfen und den Drang nach Alkohol oder Nikotin senken. Das habe ich in einer weltlicheren Gazette als dem Bistumsblatt gelesen. Aber ob das auch bei Schreib-Tourette hilft?

Natürlich verstören diese plötzlichen Ausbrüche meine Umgebung, meine wild tobenden Zeilen. Aber so ist das nun mal, Euer Gnaden! Auch der Exhibitionist freut sich am Entsetzen der Betrachter und will nicht ausgelacht werden. Das ist doch normal!
Die Absolution? Ich denke, sie steht mir zu. Gnade Euch Gott, hochehrwürdige Eminenz, solltet Ihr mir Euren heilbringenden Segen verweigern!
Dero Hochwohlgeboren demütig frommer, untertäniger
Bruder Guntramus-Ireneus

Quelle: 1 lpb
Grafiken: Kl-generiert via Midjourney | Video: H. R. Privatarchiv/Produktion: ALEKS & SHANTU

Was mich in dieser Predigt beschäftigt hat: diese ständige Frage nach dem „Warum“. Warum Religion Regeln macht, warum Gott die Welt so eingerichtet hat wie sie ist, warum Sprache überhaupt existiert. Das sind Fragen, die viele von uns irgendwann haben – nur formuliert sie kaum jemand so offen und prägnant. Vielleicht, weil man Angst hat, damit zu viel anzuecken?
Mit Fragen eckt man heute nicht mehr so oft an. Mit Antworten schon.
Eben noch ein Kalauer, im nächsten Moment eine echte Verzweiflung über Gott, Kirche und Moral. Das erinnert mich an Gespräche spät nachts mit Freunden, wenn man gleichzeitig albern und philosophisch wird.
Und am nächsten Morgen macht man weiter wie immer, antwortlos, ganz zufrieden, höchstens etwas verkatert.
Autsch. Das ist wohl meistens wahr 🫠
Natürlich nicht nur vom Alkohol. Auch Einsichten können einen Kater bewirken.
Die Beobachtung über das Schreiben fand ich stark: Dass Gedanken erst dann wirklich Gewicht bekommen, wenn man sie aufschreibt. Vielleicht erklärt das auch, warum manche Menschen Tagebuch führen (oder Blogs schreiben). Es ist ja nicht nur eine Art Ventil, sondern manchmal auch ein Risiko.
Ein Risiko, weil man Leute vor den Kopf stößt? Gecancelled wird?
Tagebücher enthalten Geheimnisse, Blogs nicht. (Siehe meinen vorigen Beitrag.) Gecancelled werden durch Nichtlesen wäre natürlich ärgerlich.
Mein Lieblingssatz ist fast nebenbei gefallen: „Die Welt ist so schön – stellenweise; wo der Mensch im Spiel ist, oft weniger.“
Es gibt halt mehr Müllhalden als Prachtbauten.
Eine traurige, aber realistische Einsicht.
Das trifft aber – hoffe ich – mehr auf Quadratmeter als auf Anzahl zu.
Ich musste beim Lesen, wie so oft, mehrfach lachen. Nicht unbedingt, weil die Sonntagspredigt „lustig“ ist, sondern weil dieser Gedankengang so vertraut wirkt: Man versucht erstmal fromm zu sein, ernsthaft, diszipliniert … und dann veranstaltet sich im Kopf ein ganzer Karneval der Zweifel, Obszönitäten, Albernheiten und Fragen. Zwischen Heiligkeit und Blödsinn liegt oft nur ein Atemzug.
Sie ist aber lustig! Zumindest atemzugweise.
Die Überlegung „dumm und glücklich oder klug und verzweifelt?“ ist vermutlich so alt wie die Philosophie. Leider hat man selten die Wahl.
Nein, es ändert an der eigenen Situation in der Regel nichts.
Dumm und verzweifelt kommt auch vor. Sogar klug und glücklich soll es geben. Aber die Wahl, nein, die hat man nicht.
Dumm und verzweifelt klingt gefährlich. Da hält man besser Abstand…
Manchmal reicht der Abstand nicht aus, und die Gefahr muss aktiv angegangen werden.
Herr Rinke, am Ende bleibt bei mir vor allem das Bild eines Menschen, der gleichzeitig glauben will und nicht aufhören kann zu fragen.
Das muss kein Widerspruch sein, aber das Glaubenwollen nimmt offenbar im Alter wieder zu. Bei mir allerdings, so weit ich weiß, nicht.
Ist das wirklich so? Oder ist die Rückkehr/Hinkehr zu Gott kurz vor dem Tod nicht nur ein Klischee?
Das hoffe ich.
🤞🏻
Wie man ganz zum Schluss (re)agiert, weiß man erst ganz zum Schluss.
und kann’s in der regel nicht mehr weitersagen. es muss sich also jeder selbst überraschen lassen.
… oder den ‚famous last words‘ der Legenden glauben.
Gerade die großen Zweifel werden oft am besten mit Ironie ertragen. Gerade in der Kirche. Auch wenn die das nicht so gern hört.
Wenn man mit aufgeklärten Klerikern spricht, sind die durchaus ironiefähig; sie wollen bloß naiv Gläubige nicht auf dumme Gedanken bringen.
Hahaha. So wird es wohl sein!
Es wäre interessant zu wissen, wie gläubig der Durchschnittsiraner ist und wie gläubig der Religionswächter. Nicht zu fragen, belässt dümmer, macht aber sicherer.
Herr Rinke, die Frage hat mich definitiv neugierig gemacht. Ich habe eine ziemlich große Online-Umfrage des Forschungsinstituts GAMAAN aus dem Jahr 2020 gefunden, an der scheinbar über 50.000 Menschen teilgenommen haben.
Ich finde die Ergebnisse recht interessant: Nur etwa 40 % der Befragten bezeichneten sich klar als Muslime (32 % schiitisch, 5 % sunnitisch, 3 % Sufi). Gleichzeitig sagten ganze 22 %, sie gehörten gar keiner Religion an, 9 % nannten sich Atheisten, 6 % Agnostiker, 7 % „spirituell“, und 8 % sogar Zoroastrier. Kleine Gruppen bezeichneten sich als Christen oder Bahai.
Spannend ist auch den Unterschied zwischen Zugehörigkeit und tatsächlicher Praxis: 78 % sagten zwar, sie glaubten an Gott, aber rund 60 % beten nicht regelmäßig. Und fast 47 % erklärten, sie seien im Laufe ihres Lebens weniger religiös geworden.
Natürlich ist Religion im Iran ja politisch heikel. Es bleibt die Frage, wie korrekt solche Zahlen sind. Aber sie legen zumindest nahe, dass die Bevölkerung möglicherweise deutlich vielfältiger und weniger geschlossen religiös ist, als man von außen oft denkt.
Das klingt gut. Aber haben die ‚Ungläubigen‘ den Mut und die Macht, das Regime zu stürzen, wenn es durch den Krieg genügend beschädigt ist?
Es sieht ja momentan eher nicht so aus, als ob die USA das Regime genügend beschädigt haben. Obwohl die Menschen im Iran sicher froh über einen Wechsel und eine Neuausrichtung ihres Landes wären.
Bei uns sind ja inzwischen die Benzinpreise wichtiger als die Menschenrechte. Man kann es auch ‚Pazifismus‘ nennen.
Menschen sind eben selten so ordentlich, wie Religionen es gern hätten.
Der hauptsächliche Sinn von Religionen besteht ja darin, Ordnung zu schaffen.
Wenn Religion vor allem Ordnung schaffen will, dann neigt sie schnell dazu, das wirkliche Leben als Störung dieser Ordnung zu betrachten. Menschen mit ihren Widersprüchen, ihren Trieben, ihren Zweifeln passen dann nicht mehr richtig ins System. Statt die Ordnung an den Menschen anzupassen, wird oft versucht, den Menschen der Ordnung anzupassen. Das hat historisch nicht selten zu Strenge, Schuldgefühlen und Ausgrenzung geführt. Etwas mehr Unordnung wäre manchmal ehrlicher.
Das System selbst verkörpert Ordnung. Entscheidend ist, wie sehr es Abweichungen zulässt. Je gefährdeter es sich glaubt, desto harscher reagiert es auf Verstöße.
Mir kam sofort der Eklat be den BAFTA-Award in den Sinn…
Vor allem, dass es sofort Kritik an dem Herrn mit Tourette gab, nachdem der eigentlich Aufmerksamkeit und Normalität für Personen mit der Krankheit schaffen sollte.
Ich hätte nie geglaubt, dass mein surrealer Text von der Realität eingeholt werden könnte.
Wir sollten in der Tat Brüder und Schwestern sein, alle miteinander. Aber das hilft den einzelnen Religionen eben nicht weiter. Die brauchen die Abgrenzung und die Alleinstellung um nicht obsolet zu werden.
Wenn Brüder und Schwestern bedeutet, sich zu zanken und wieder zu vertragen, ginge es vielleicht. Aber einige Menschen hält man sich doch nicht ungern auf Abstand.
Bruder Trump, Schwester Weidel?
Nein Danke
Da fallen mir noch viele weitere Beispiele ein.
Ich frage mich beim Lesen, ob die Beichte früher nicht tatsächlich etwas Befreiendes hatte – gerade weil sie im Verborgenen stattfand. Zwei Menschen, ein dunkler Kasten, ein paar Worte, vielleicht Reue, vielleicht auch nur Erleichterung – und danach blieb alles zwischen diesen beiden. Niemand klatschte Beifall, niemand empörte sich, niemand wertete es aus. Es ging nicht um Publikum, sondern um Gewissen.
Heute scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Bekenntnisse werden öffentlich abgelegt: im Fernsehen, in Interviews, auf Social Media. Man entschuldigt sich vor Millionen Menschen, manchmal für Dinge, die eigentlich nur ein Gespräch zwischen zwei Betroffenen erfordern würden. Das hat etwas Merkwürdiges: Die Beichte ist zur Inszenierung geworden. Der Reuige spricht nicht mehr zum Beichtvater, sondern zum Publikum.
Für mich mit meinen lächerlichen Sünden war die Beichte immer etwas peinlich, aber hinterher fühlte ich mich wie nach einem 100-Meter-Lauf: froh, dass es vorbei war und froh, es geschafft zu haben. Die Erleichterung war da, nur beruhte sie nicht auf Moral.
Tja, früher gab es Beichte, Buße und Vergebung im Stillen. Heute gibt es Empörung, Geständnis und Rehabilitation vor Publikum. Das Ritual ist geblieben, nur die Bühne hat sich verändert.
Früher Backstage, heute Bühne.
Dieser Mönch hat ein beneidenswertes Problem: Er hat zu viele Gedanken. Die meisten Leute haben eher zu wenige.
Manche Denker halten die Gedankenlosigkeit für beneidenswerter. Theoretisch. Praktisch mag kaum einer dümmer sein, als er ist.
Man kann ja ab und tu mal meditieren um seine Gedanken, zumindest für einen Moment, loszuwerden.
Aber auch das beruht auf Begabung. Gedanken loszulassen, liegt nicht jedem.
Die vielen Abschweifungen haben mich zuerst irritiert, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass sie zum Thema passen. Wenn jemand wirklich über Gott, Moral und sich selbst nachdenkt, landet man eben schnell bei ganz anderen Dingen: Sport, Essen, Politik, Sexualität. Das gehört alles irgendwie zum selben Leben.
Alles hängt mit allem zusammen. Eine Auswahl muss man trotzdem treffen: beim Leben und erst recht beim Schreiben …
Sind Zweifel nicht eigentlich die ehrlichste Form von Glauben? Wer nie zweifelt, denkt vielleicht auch nicht besonders viel nach.
Vielleicht. Zweifel heißt ja oft nur, dass man wirklich darüber nachdenkt. Wer sich nie fragt, ob etwas stimmt, glaubt wahrscheinlich eher aus Gewohnheit.
Aber nur zu zweifeln kann auch anstrengend sein. Irgendwann möchte man ja auch einfach mal an etwas festhalten können.
Dass es anstrengend ist, heißt nicht, dass man es sein lassen kann. Niemand zweifelt zu seinem Vergnügen.
Außerdem muss man ja auch nicht „nur zweifeln“. An dem Punkt wäre man wahrscheinlich in einer Depression. Aber „nur“ happy und zufrieden durch sein Leben zu laufen klingt etwas illusorisch.
Zufrieden duchs Leben, das geht womöglich. Happy = glücklich, das kommt nur immer mal wieder vor.
Manchmal denke ich: Zweifel sind so etwas wie die Bewegung im Glauben. Ohne sie würde alles irgendwann starr werden.
Oder Zweifel ist einfach ein Zeichen von Interesse. Wem etwas egal ist, der zweifelt auch nicht daran.
Die Gewissheit ruht sich aus. Nur der Zweifel hat die Menschen aus den Höhlen in die Hochhäuser befördert.
Der Abschnitt über den „Dschungelkönig“ trifft einen wunden Punkt unserer Medienkultur. Wenn jemand wie Gil Ofarim nach einem großen öffentlichen Skandal im Reality-TV wieder als sympathische Figur inszeniert wird, wirkt das fast wie eine moderne Form der Absolution – nur eben nicht im Beichtstuhl, sondern vor Millionen Zuschauern. Das Publikum vergibt, klatscht, stimmt ab, und am Ende steht ein Preisgeld. Natürlich darf jeder eine zweite Chance bekommen. Aber der Mechanismus bleibt seltsam: Reue wird zum Teil der Unterhaltung, und die moralische Bewertung wird vom Einschaltquoten-Applaus begleitet. Das hat etwas Zirkuläres – erst Empörung, dann Läuterung, dann Applaus. Man fragt sich unweigerlich, ob hier wirklich Vergebung stattfindet oder ob Schuld und Reue einfach nur ein weiteres Format im Programm geworden sind.
In diesem Abschnitt wird der fiktive Mönch ja das einzige Mal ausfallend auch gegenüber seinem Beichtvater. Er sieht ein: alles Tingeltangel.
Ein schönes Ende würde er sich selbst an den Haaren aus dem Kloster ziehen, so wie Baron Münchhausen einst aus dem Sumpf.
Realistischer wären Siebenmeilenstiefel. Aber kommt der weltfremde Psychopath außerhalb der Klostermauern überhaupt zurecht?
Gut, dass man Schreibtourette nicht heilen kann 😉
Zumindest ist es als Krankheit nicht ansteckend.
Ich dachte immer Sex auf dem Klo und Fronleichnamsprozession auf der Wiese gehen in der Katholischen Kirche Hand in Hand?
Hand in Hand? Ich dachte immer, da kommen andere Körperteile zum Einsatz.
Mich hat die Stelle über die Angst ziemlich beschäftigt. Man denkt ja meistens: Angst ist einfach nur unangenehm und man will sie loswerden. Aber im Text schimmert auch durch, dass Angst manchmal dazu führt, dass man Dinge viel intensiver erlebt. Dass man mehr nachdenkt, mehr zweifelt, aber auch stärker erleichtert ist, wenn etwas vorbei ist. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Religion für viele Menschen so wichtig ist. Sie gibt dieser Angst irgendwie eine Form, einen Rahmen – mit Schuld, Vergebung, Hoffnung. Die Angst ist dann nicht einfach nur da, sondern gehört plötzlich zu einer Geschichte.
Angst ist ambivalent. Ohne sie würden wir uns dauernd in Lebensgefahr begeben. Manche brauchen sie zum Sex, viele mögen sie als Grusel im Film. Ausgeprägt verdirbt sie das ganze Leben.
Mir reicht ehrlich gesagt die beim Rollercoaster oder im neuen Scream 7. Im Alltag ist es doch deutlich angenehmer, wenn’s halbwegs ruhig bleibt.
Nervenkitzel, den man sich ausgesucht hat, macht halt mehr Spaß als Angst, die einen überfällt.
Danke, wie immer, für Ihre wild tobenden Zeilen!
Danke für Ihren ausgewogenen Zuspruch.
Genau, wie Hanno Rinke schreibt: „manche, die Tore schießen, verdienen – ich meine: Geld verdienen –, nur weil andere Menschen ihnen beim Ballspielen zugucken“. Das ist doch im Grunde genau das gleiche wie bei OnlyFans oder anderen Plattformen: Leute schauen zu, bezahlen vielleicht, und die Performer:innen verdienen daran.
Zuschauen ist eben ein uraltes soziales Phänomen. Schon im Mittelalter standen die Leute auf Marktplätzen und sahen, wie jemand jonglierte, kämpfte oder spielte. Heute sitzen wir vor Bildschirmen (Fußballstadion, Livestream oder OnlyFans) und die Mechanik ist die gleiche: Aufmerksamkeit wird belohnt.
Zusehen kostet was. Zuhören auch. Und nicht mal Essen ist umsonst. Davon leben Sportstadien, Opernhäuser und Restaurants.