Teilen:

2203
Sonntagspredigten

Mildernde Umstände –

Liebe Leserin, lieber Leser!

Dies ist ein Text in eigener Sache. Na, in wessen denn sonst? Aber nein, das war keine rhetorische Frage. Meine Sonntagslesenden (was für ein Wort!) wissen, dass ich gern chamäleon­artig in fremden Hirnen bade und dabei abstruse Gedanken­wellen über den Wannenrand schwappen lasse. Dieser Vergleich ist schon deshalb schief, weil Chamä­leons höchst ungern ins Wasser gehen, selbst Pfützen meiden, und ich in Wirk­lich­keit nicht in fremde Hirne steige, sondern nur meiner Fantasie die ausgefal­lensten Ausflüge im eigenen Körper-Seele-Umfeld gestatte. Doch ab jetzt – das behaupte ich – werde ich in dieser Predigt ehrlich sein, also das schreiben, was ich wirklich denke; wahr muss das deshalb natür­lich noch lange nicht sein. Semi­profes­sionelles Ausloten auf Richtig­keit des Geschrie­benen setze ich bei allen voraus, die lesen, was ich mir ausge­dacht habe, und das wird ab dem nächsten Absatz unkompli­zierter werden als in diesem. Zumindest im Satzbau.

Ein Gewinn des Alters ist neben Erfahrung vor allem der selbst­verständ­lichere Umgang mit Verlust: Er tut noch weh, aber er haut uns nicht mehr um wie mit zwanzig. Es sei denn, die Bombe schlägt unmit­telbar neben uns ein.

Der vorige Satz schränkte ja bereits ein, und nach dem Mittags­schlaf muss ich mich korrigieren: Verlust ist immer gleich schmerz­haft. Dass ich mit elf meinen Steiff-Stoff­affen im Schlaf­wagen vergaß, tut ja nicht mehr weh, aber es ist mir unvergesslich geblieben. All die über­flüssigen Schau­fenster­bummel, die jetzt andere schlendern – ihre Bedeutung liegt nur darin, dass ich sie nicht mehr machen kann. Rollstuhl? So unergiebig wie Urbi et Orbi übers Radio. Wo die Andacht fehlt, fehlt alles.

Hans Christian Andersen beschreibt in seinem wenig bekannten Märchen Ein Herzeleid ein Mädchen, das als einziges Kind in der Straße das Grab des toten Mopses nicht sehen darf, weil ihm kein Knopf als Ein­tritts­geld zur Verfü­gung steht. Die Vermischung des Tragi­schen mit dem Grotesken ist mir, seit ich schreibe, ein Vorbild gewesen. Dass mir meine Mutter immer aus Andersens anmutiger Poesie und nie aus Grimms grimmiger Sammlung vorlas, hat mein Denken stark beeinflusst, und Wissen­schaftler mögen erknobeln, ob mein heutiger Schreib­stil aus der geneti­schen oder aus der umwelt­lerischen Beein­flussung von damals erwachsen ist. Jeden­falls ist aus mir ein kindisch gebliebener Erwachsener geworden.

„Man spielt nicht mit dem Essen“, bekommen Kinder gesagt, wenn sie den Spinat auf dem Teller verrühren, statt ihn sich in den Mund zu stopfen. Meine Eltern waren schon begeistert, wenn ich das Essen überhaupt eines Blickes würdigte. Bereits die Mutter­brust hatte ich ja verweigert. „Man spielt nicht mit den Wörtern“, hätte ich eher ermahnt werden müssen, denn früh schon behandelte ich sie wie Bauklötz­chen und errichtete Gebäude des Gegen­teils. So wurde später bei mir aus Rosa Luxemburg Lila Lichtenstein, und noch später hätte ich mir einen trans­vestie­renden Zwitter namens Manuela Mascara oder Fernando Feminino gut vorstellen können.

Mein Vater war nicht für Märchen, sondern für Christian Morgenstern zuständig. Am liebsten rezitierte er:

Nein!1

Pfeift der Sturm?
Keift ein Wurm?
Heulen
Eulen
hoch vom Turm?

Nein!


Es ist des Galgenstrickes
dickes
Ende, welches ächzte,
gleich als ob
im Galopp
eine müdgehetzte Mähre
nach dem nächsten Brunnen lechzte
(der vielleicht noch ferne wäre).

Ich kenne es nach wie vor auswendig.

Aber auch der ‚Der Zwölf-Elf‘2 gefiel mir. Leicht gekürzt:

Der Zwölf-Elf kam auf sein Problem
und sprach: Ich heiße unbequem.
Und siehe da, der Zwölf-Elf nannt’ sich
von jenem Tag ab Dreiundzwanzig.

Morgenstern starb in Untermais, wo ich jetzt halb­jährlich lebe. Vielleicht werde ich es mit dem Abdanken wie er halten. Aber bis der Tod oder ein anderer Diktator mich anbrüllt: „Genug gelebt!“, lasse ich mich lieber noch eine Weile dort wehmütig spazieren fahren, wo ich früher beschwingt rumgelaufen bin.

Manchmal möchte ich bis an mein Lebens­ende in einer Art Dämmer­schlaf gehalten werden, und dann wieder schäme ich mich für diesen Wunsch, aber freue mich schon aufs Tot­sein. Das Ärger­liche am Tot­sein? Man kann den Gläubigen nicht recht­habe­risch sagen: „Siehste, hier is’ nix!“

Je älter ich werde, desto unwichtiger wird mir die Ewigkeit. Mit achtzehn schrieb ich Musik, die von allen späteren Genera­tionen nicht einfach bloß als ‚tief empfunden‘ ausgelegt werden sollte, sondern als formal so schlüssig, dass (wie es ja auch war) jede Modu­lation, jede Abwand­lung des Themas, jede kontra­punktische Verschränkung eine ganz bestimmte Geistes­haltung zwischen Zweifel und Gewissheit ausdrücken sollte. Es war ein sehr schwieriger Prozess, zu lernen, dass die Welt womöglich auch ohne meine Kompo­sitionen auskommen kann, ohne darben zu müssen. Schlimm genug. Und jetzt? Sollte ich mich etwa hurenhaft vor die Menschheit hinstellen wie vor einen unschlüssigen, eigentlich dämlichen Freier, auf dessen Knete man immer noch scharf ist, und spitz formulieren: „Du weißt ja nicht, was dir entgeht!“?

Nicht mal Phönizier und Pharaonen haben ihre Ewig­keits­gelüste dauerhaft befriedigen können, allenfalls ein paar Professoren und Touristik­unter­nehmen wissen noch von ihnen, und so habe ich dann aus unwill­kommener Einsicht: „Wie wär’s mal mit uns zwein?“ zur Gegen­wart gesagt. Gestalten muss man sie dann sowieso selber. Sie macht ja nichts, sie lässt höchstens zu.

Ich gehöre inzwischen wohl zum alten Eisen, muss mir aber aus Selbst­erhal­tungs­interesse wie wertbe­ständiges Platin vorkommen. Dabei weiß ich: Mein Bildungs­kanon ist überholt. Die Namen von Prota­gonisten der Dramen um Ödipus, Hamlet und Faust braucht kein Abiturient mehr zu kennen. Die Belegschaft von Harry Potter und Game of Thrones kennt jeder (außer mir).

Karajan war sicher, dass alle Welt seine Beethoven-Sinfonien auf DVD würde sehen wollen, aber er nahm sie geld­gierig nicht für ‚meine‘ Deutsche Grammophon auf, sondern für unseren zahlungs­kräftigen Konkurrenten Sony. Ich war – im Gegensatz zu unserem Präsidenten – schon damals gelassen. Und tatsächlich: Karajans Video-Vermächtnis – von der technischen Entwick­lung gnadenlos überholt! Wer noch hören will, muss streamen. Bevor man etwas beginnt, kann man glauben, hoffen, abschätzen. Hinterher ist man der/die Dumme, wenn man scheitert und die Ursachen dafür falsch beurteilt.

Erfinder Edison hat die Macht des Tons gegenüber der Macht des Bildes 1878 wohl verkehrt eingeschätzt. ‚Zum Zwecke der Bewahrung der Reden, der Stimmen und der letzten Worte von sterbenden Familien­mit­gliedern – wie von großen Männern – wird der Phonograph fraglos die Fotografie ersetzen.‘3 Edison glaubte eben vor allem an seine eigene Erfindung und an andere ‚große Männer‘; Ton statt Bild. Zumindest das Hörbuch gibt ihm recht.

Glauben oder nicht glauben! Das ist hier nicht die Frage, sondern der Unter­schied. Sich vorzu­stellen, das Leben habe einen Sinn, ist für jeden (nach seiner unfreiwilligen Geburt) auf alle Fälle wünschens­wert. Diejenigen, die zusätzlich an jemanden außerhalb glauben können, haben es – oberfläch­lich betrachtet – leichter als die, die ihren Sinn notgedrungen bereits im Diesseits finden müssen. Nachteil für die Jenseits­bewussten: Sie können keine Banken ausrauben oder noch erfolg­ver­sprechen­dere krumme Dinger drehen, weil zu befürchten ist, dass ihnen das im nächsten Leben, an das sie tröstlicherweise glauben, als Frevel angerechnet wird. Aber: Katholische Mafia-Bosse und isla­mis­tische Eroberer kommen ja auch damit irgendwie klar, weil das unbekannte Wesen für einfach alles da ist: Strafen, Belohnen, Verzeihen – Hauptsache, man glaubt. Aber irgend­wann kommt das böse Erwachen, oder das gute. Oder gar keins.

Den eigenen Tod kann man sich noch so lebhaft ausmalen, vorstellen kann man ihn sich kaum. Eine Welt ohne mich? Nicht meine Welt. Dabei: War das Leben denn wirklich ein Film im Zeitraffer? Nein. Ich lag nie im Koma, ich saß nie im Gefängnis. Ich habe all die Jahre bewusst und selbst­bestimmt durchlebt. Fast wie in Zeitlupe. Trotzdem fällt es mir schwer zu begreifen, wie alt ich bin. Jaja, dass ich in der Grunewald-Villa auf dem Schoß meines Vaters saß: „So reiten die Damen … – So reiten die Herren … – So ruckeln die Bauern, so ruckeln die Bauern!“ – „Nochmal! Nochmal!“ Das ist sehr, sehr lange her. Meine Mutter, Kurt und Carola lachten. Mein Vater kannte das schon. Ich würde keine Ruhe geben. Mehr. Immer mehr. Noch mehr!

Mein Vater hatte nach der Mittleren Reife eine kaufmännische Lehre gemacht. Wäre er statt­dessen Doktor in meinem Fachbereich ‚Geistes­wissen­schaften‘ geworden, säße ich jetzt im Altersheim statt in von ihm gekauften Häusern.

Seit wir nach Hamburg gezogen waren, hatten meine Eltern einige gute Bekannte, aber keine Freunde mehr wie in Berlin. Ich habe mich gern als Außen­seiter stilisiert, dabei hatte ich immer Freunde. In Berlin, Hamburg, Paris, Wien, London, New York. Der Übergang zu guten Bekannten ist ja fließend.

Als ich sechsund­zwanzig wurde, bot mir meine Mutter an, eine Einladung zu organi­sieren, und bat mich um Namen. Ich war gerade beim fünften Gast angekommen, da unterbrach sie mich: „Es muss ja nicht gleich so ausufernd sein!“ Im Freundes­kreis machten wir uns später darüber lustig. ‚Ausufernd!‘ Was für ein Ausdruck! Ähnlich zitierbar wie ihre Einschätzung: „Also, dieses Sakko ist noch ganz anständig“, was hieß, dass ich es eigentlich nur noch zu Hause tragen konnte. Sie lachte immer mit, wenn wir es erwähnten. So sportlich war sie dann doch. Überhaupt: Immer war sie Dame der Lage und kleidete sich und mich entsprechend. Mein Vater ließ seine Anzüge in Berlin vom ‚Westen – Maß-Atelier‘ schneidern. In Hamburg trug er ‚von der Stange‘.

Wenn ich mich in meiner Einbildung sehe, dann sehe ich einen nonchalanten Typen im eleganten Outfit, die Hände lässig in den Hosen­taschen: die Kenntnis der Regeln muster­gültig zur Schau stellend und sie dann torpe­dierend, eindringlich, nicht aufdringlich. Wäre das schön! Wenn ich in den Spiegel gucke, sehe ich einen alten Kerl, dem ich lieber aus dem Wege ginge. Kein weiser, sondern ein törichter Alter.

Manche Jungen wollen so schnell wie möglich weg von Zuhause und im Motorrad­sattel davon­preschen. Einige von ihnen landen im Graben oder gar im Grab. ‚So reiten die Toten, so reiten die Toten.‘ Da war ich anders. Ich ließ meine Vorfahren vorfahren – auf der Renn­strecke und an der Friedhof-Auffahrt. Heute kann ich die Teenager schul­meistern: „So jung wie ihr war ich schon lange! Ob ihr mal so alt werdet wie ich, das habt ihr noch lange nicht bewiesen.“

Ideale hat man besonders in der Jugend, heißt es. Stimmt wohl. Wer dann sagt: „Ich bin grund­sätzlich für die Schwachen!“, hört sich nobel an. Leider erfährt mancher Wohl­gesinnte später, dass die Schwachen im Allge­meinen nicht besser sind als die Starken, sondern nur schwächer, sodass sie, wenn sie selbst an die Macht kommen, nicht viel ehren­werter handeln als die zuvor geschassten Eliten. Da kann man bis an sein Lebens­ende immer neue Schwache finden, sich für sie einsetzen und die ganze Zeit über falsch­liegen.

Zynisch? Aufs Ganze gesehen ist alles immer besser geworden, das weiß ich: vom Kessel über offenem Feuer bis zum Induktions­kochherd; von der Kinder­sterb­lich­keit bis zur Senioren­betreuung. Als Abiturient wollte ich sogar selbst die Menschen verbessern, jetzt schwanke ich dazwi­schen, ob ich sie beein­flussen oder unter­halten möchte. Im ersten Fall ist Gewalt­anwen­dung üblich, um wider­bors­tige Zeit­genossen zu ihrem Glück zu zwingen und Stören­friede zu eliminieren. Im zweiten Fall muss man sich davor hüten, die Pointe zu versauen.

Situationskomik zu beschreiben, ist zum Beispiel nie witzig. Wenn jemand etwas erzählt und endet mit: „Was haben wir da gelacht!“, kann er sich tausend­mal auf die Schenkel klopfen oder am Boden wälzen, die Zuhörer hüsteln bloß verlegen. Aber auch ohne solch eklatante Fehl­ein­schätzung kann man etwas falsch machen.

„Es war ein Unfall!“, stammelte Milliar­därs­witwe (Witwe seit eben) Kamilla T., während sie das Küchen­messer aus ihrem Gatten, der ihr soeben mitgeteilt hatte, dass er sich von ihr scheiden lassen würde, ohne ihr einen Penny Abfindung zu gewähren, weil er dahinter­gekommen war, dass sie ein Verhältnis mit dem Chauffeur begonnen hatte, behutsam herauszog. „Ich wollte Radieschen schneiden und hatte nicht gesehen, dass er direkt neben dem Brett stand.“ Der Chauffeur lächelte nach­sichtig: „Ich stecke mir die Radieschen sowieso lieber im Ganzen in den Mund. Mit etwas Butter.“ Richtig. Mildernde Umstände.

Mildernde Umstände? „Ich stecke mir die Radieschen sowieso lieber im Ganzen in den Mund. Mit etwas Butter“, sagte der Chauffeur, nachdem er erfahren hatte, dass seine Chefin einen verhängnis­vollen Fehler begangen hatte. Falsch. Man versteht den Zusammen­hang nicht. Die Reihenfolge ist wichtig. Bei allem. Immer. Wer streut erst das Salz in den Teller und gießt dann die Suppe darüber? Bei Tee und Milch ist es in England umstritten. Originell sein zu wollen, ist gefährlich. Wenn’s dumm läuft, ist man bloß blöd. Kommissar Konrad Kotzkübel grübelt. Er ist nicht blöd. Nennt der Fahrer Kamilla ‚gnädige Frau‘ oder ‚mein süßes Puppchen‘? Der Beamte gibt nicht auf. Er will es wissen.

Ach, auch ich wollte so vieles: wissen und tun! Jetzt will ich das Schicksal nicht mehr heraus­fordern, ich will ihm nur noch ein Schnipp­chen schlagen und mit dem Geist den Körper überlisten. Gar nicht so einfach. Ich beobachte meinen Leib mit Argwohn. Womit will er mich jetzt wieder beein­drucken? Zittern, Brennen, Krampfen, Jucken, Kitzeln? Je mehr ich auf ihn achte, desto geschmei­chelter macht er mir zu schaffen. Das Gleich­gewicht Körper – Seele ist ein ständiges Problem mit ständigen Lösungs­vorschlägen. Beim Sex zum Beispiel: Da spielt der Körper kaum noch eine Rolle, die Gedanken wandern weiter. Beim Essen: Das geht noch einiger­maßen, mit Schneide­hilfe. Wichtig: kein Gang ohne Tier­beteili­gung. Erst etwas aus dem Meer als Vorspeise – Lachs, Garnelen, Austern; als Hauptgericht Fleisch mit Beilagen – Stall, Wild, Geflügel; zum Nachtisch etwas mit Ei und Sahne. So sieht ein Fest­mahl aus. Von allem wenig, aber nur das Beste. Im Alltag darf es auch mal vegan sein (obwohl Knoblauch und Peter­silie in reichlich Butter einfach besser schmecken als nur mit Olivenöl, das Kuhleid mal beiseite­gelassen). Beim Betrachten: meinen Garten, Land­schaften aus dem Autofenster, Filme auf der Leinwand, Bücher über Dinge und Menschen. Das sind so meine Vergnü­gungen. Von all den Möglich­keiten, mich auszudrücken, ist mir bloß noch das Schreiben geblieben. Zuerst hatte ich vor, in dieser Staffel alle Über­schriften auf ‚tz‘ enden zu lassen:

Schutz – Schmutz,

Schmerz – Scherz – Herz,

Witz – Sitz – Blitz – Schlitz – Kitz.

Nun ist es anders gekommen. Man muss Absichten auch mal fallen lassen. Weil sie nicht überzeugen oder weil man sie nicht mehr verwirk­lichen kann. Die fünf Sinne und das Alter: ein tristes Thema. Alles, was ich nicht bin. Vor allem: was ich nicht mehr bin. Was ich war und nie wieder sein werde. Mein Gleich­gewicht ist dahin seit dem Schlag­anfall. Aber nicht alles, was vorbei ist, ist vorbei. Tiere lernen, Menschen lernen. Das funktio­niert nur durch die Erinne­rung. Die Erinnerung schafft Nostalgie und Traumata. Aus der Erin­nerung heraus erwächst das Bedürfnis, weiter­zukommen. Wie weit? ‚Normal‘ sein – ein Ideal, ein Schreck­gespenst? Das Innerste erreicht man nur, wenn man bis zum Äußersten geht. Kaffee trinken, wenn man ohnehin schon hellwach ist. Schlaf­tablet­ten nehmen, wenn man sowieso müde ist. Die Träume, oh, diese Träume. Sich in ihnen finden, sich in ihnen verlieren. Die Träume beschwören die Vergan­genheit: die Menschen, die Schau­plätze. Wer war wo wie? Ich kann gar nicht abschweifen, weil ich über­haupt kein Thema habe, nur die Hoffnung auf die Über­schrift zu diesem Text.



Wenn man seine Brieftasche verloren hat, mit allen Ausweisen, allen Plastik­karten, allem Geld – viel­leicht wurde sie auch geklaut –, dann gibt es nur eins: aufwachen! Bis auf einmal in Florenz ist mir das auch jedes Mal gelungen. Ach, Träumen ist wie ein zweites Leben, und so schön gefahrlos, ohne dass man es weiß. Wachsein kommt da einfach nicht mit.

Aber ich habe keine Lust, in Verglei­chen zu schwelgen: ‚Jetzt bin ich so alt, wie meine Großmutter war, als meine Groß­mutter so alt war, wie ich jetzt bin.‘ Wer war ich 1956, wer bin ich heute? Die Fünf­ziger­jahre waren für meine Mutter eine Befreiung. Heute wird diese Zeit als hinter­wäld­lerisch und dumpf darge­stellt. Bei uns war das Klima anders. Meine Eltern reisten ohne mich nach Paris, London, New York und mit mir nach Italien. Was spießig ist, wusste ich nicht. Es kam bei uns nicht vor.

Meine Eltern liebten nicht die CDU, aber Adenauer. Ein Mann mit Charakter! Er war der eine von zwei Politikern, die das mittlere Drittel des 20. Jahr­hunderts in Deutsch­land bestimmten. Der andere war dreizehn Jahre jünger: Adolf Hitler. Als Adenauer abtrat, war dessen Halbland zu einer Macht inner­halb der west­lichen Welt geworden. Adenauer hatte ein Land voller Täter und Mitläufer regiert. Er war Realist, wie skeptische Konser­vative es im Gegen­satz zu gutgläubigen Sozia­listen eben sind, und deshalb war ihm die Unzuver­lässig­keit seiner Lands­leute völlig bewusst, aber er wusste auch, dass er keine anderen hatte. Also bemühte er nicht den mora­lischen Zeige­finger, sondern baute darauf, dass Oppor­tunis­ten auch unter anderen Gegeben­heiten Oppor­tunis­ten bleiben würden. Adenauer hat es geschafft, in die Geschichte einzu­gehen. Für mich bleibt wohl statt­dessen die Alter­native: primelartig einzu­gehen, ohne Geschichte geschrieben zu haben; na, immerhin wenigstens Geschichten.

Ich war immer schon so außergewöhnlich moderat, dass ich gern dabei zuge­sehen hätte, wie sich Links­extreme und Rechts­extreme gegen­seitig zerfleischen, damit auf ihren verstüm­melten Leichen das Land der bedin­gungs­losen Mittel­mäßigkeit errichtet werden kann. Ach, was! Wie mittel­mäßig waren denn viele der hirn­ver­brannten Extre­misten beider Lager? Die Diktatur der Ausge­glichen­heit – sie muss errichtet werden! AfD-Verbot? Gern! Aber dann auch weg mit der Linken! So werden die Wähler und Frauen gezwungen, das anzu­kreuzen, was übrig bleibt.

Das Bleibende. Kennen Sie den Begriff ‚Genera­tivi­tät‘? Oder sind Sie so modern, dass Sie lieber geduzt werden wollen? Kennst Du – nein, kleingeschrieben –: Kennst du den Begriff ‚Genera­tivi­tät‘? Er erlaubt es dir, deine Eitel­keit ‚Fürsorge‘ zu nennen, indem du etwas hinter­lässt, das den zukünftigen Gene­ra­tionen dabei hilft, dich zu bewundern. Mein üblicher Sarkasmus! Da ich keine Kinder in die Welt gesetzt habe (weder meine Eltern noch meine Ungebo­renen haben das von mir verlangt), galt für mich: Sinn­stiftung nicht durch Sperma, sondern durch Hirn­schmalz. Dass mir Aufmerk­samkeit auch nach meinem Tod wichtig ist, hätte ich mit zwanzig bestimmt bejaht. Wege zum Ruhm. Dabei: Applaus zu Leb­zeiten einzu­heimsen, ist einfach sicherer, als auf anschließende Huldi­gungen zu hoffen. Der ‚gefallene Soldat‘ hat nicht mehr viel von der routi­niert weihe­vollen Kranz­nieder­legung nach­geborener Staats­ober­häupter an seinem Ehrenmal. Oder doch?

Jetzt, mit fast achtzig, rede ich mir jeden­falls ein, dass es mir völlig gleich­gültig sei, was mit mir und mit der Welt geschieht, wenn ich dereinst, also ziem­lich bald, tot sein werde. Dann wieder finde ich das verant­wor­tungs­los und mag mir nicht glauben. Selbst einen erinne­rungs­würdigen Beitrag zu leisten und der Mensch­heit alles Gute zu wünschen: Das verlange ich von mir! Die Forderung steht im Raum rum, etwas unab­geholt, und ich stehe in der Ecke – Gesicht zur Wand. Bockig sage ich: Sein Leben zu vergeuden ist nicht nur sinnvoll, weil es Spaß macht, sondern auch deshalb, weil es sowohl die Götter als auch die Recht­schaf­fenen ärgert. Das klingt sehr uner­wachsen. Wie immer kommt es auf die Benen­nung an. Sagt man statt ‚sein Leben zu vergeuden‘ ‚sich sein Leben lang die gute Laune zu bewahren‘, dann wird daraus wieder eines jener anzu­stre­benden Ziele, die ich vor vierzig, fünfzig Jahren verfolgte. Außerdem beschäftigt mich zurzeit etwas wirklich: Religionen – meinetwegen, die soll’s geben. Im Rahmen der Staats­führung aller­dings verabscheue ich sie zutiefst. Die Besei­ti­gung des iranischen Mullah-Regimes ist mir Herzensangelegenheit. Weg mit denen! Ölpreis und Feigheit sind keine akzeptablen Gegen­argumente. Und wer wird sich bei dieser hehren Aufgabe ums Völker­recht scheren? Tun die das etwa? Aber wir wollen uns doch nicht mit denen auf eine Stufe stellen! Papper­lapapp.

Marx, Freud, Einstein, Bob Dylan, Mark Zuckerberg. Ein paar Juden haben die Welt weiter­gebracht, zum Guten und zum Schlechten. Viele Islamisten haben die Welt zurück­geworfen. Genau, lasst uns sein wie das Leben: über­raschend und ungerecht! Ja, so borniert, apodik­tisch und draufgängerisch war ich früher.

Ach, damals! Diese Fensterplätze im Flug­zeug, die Welt zu meinen Füßen. Diese voreiligen Schritte, mit denen ich sieges­sicher die Hotel­flure in aller Welt entlang­gefegt bin, federnd, vibrierend, zum Fahr­stuhl, rauf, runter, jung und erfolgs­verwöhnt – ich kann mir schwerlich einreden, das nicht zu vermissen. Die Ziele meines lächer­lichen Laufens – die vermisse ich nicht.

Denke ich so etwas in einzelnen Wörtern oder weiß ich es einfach? Die Anatomie des Bewusst­seins beschäftigt mich ständig: Wenn ich die Hand hebe – was habe ich vorher gedacht? Ich habe sicher nicht Wort für Wort in mir formu­liert: „Jetzt will ich mal die Hand heben!“, aber irgend­etwas gedacht haben muss ich doch. Sonst bleibt die Hand ja unten. Wenn ich es denke, sind es Begriffe; wenn ich es ausspreche, sind es ja bloß Laute, aber gerade bei denen bewirken Kleinig­keiten viel: Lobes­hymnen oder Todes­urteile. Mein Vater erklärte mir: „Hände­druck oder Hunde­dreck – das macht den Unter­schied.“ Recht hatte er, und so habe ich die Unter­scheidung von Vokalen früh­zeitig verinnerlicht.



Ich liebe Aphorismen. Sie fassen etwas zusammen, was sonst lang­wierig, lang­weilig wäre. Aber: So ist das Leben nicht. Neben den Bonmots muss es auch die ausführ­lichen Betrach­tungen geben, und wenn man Glück hat, sind die sogar aufregender als das griffige, abgegriffene Schlagwort. Da kennt mein Anpas­sungs­bedürfnis Grenzen. Ich sage immer noch gepflegt ‚Sehr gut!‘ statt ran­schmei­ßerisch ‚Megageil!‘.

Wer schon mit siebzehn die Welt nicht verändern wollte, der wird es mit über siebzig wohl auch nicht mehr versuchen. Oder doch? Recht behalten zu haben gegen alle, die sich – damals – für klüger und vor allem für besser hielten, das ist ein großer Antrieb. Wobei: Dass meine Mutter immer schon wusste, dass Hitler ein klein­karierter Schrei­hals war und den Krieg verlieren wird, hat mein Vater ihr geglaubt, aber aus ihrem frühen Wissen, das zunächst mal bloß eine Vermutung war, hat sie nichts gemacht. Das Deutsche Reich lag ihr nicht, am Herzen schon gar nicht, während mein Vater dazu erzogen war, es zu achten.

Haben die, die einer Utopie (Religion/Ideologie) glauben, ein besseres Leben, oder die, die sich aufklä­rerisch davon befreit haben? Der Wunsch, das Leben – nicht nur für sich selbst, sondern auch für möglichst viele andere – besser zu machen, hat viel bewirkt. Vor allem im heute unter Recht­ferti­gungs­druck stehenden Westen. Er hat den Kapita­lismus gebracht, der für das, was Leute wollen, Geld einstreicht, aber auch die Erfin­dungen, auf denen die globale Welt heute aufbaut. Dass der Westen sich inzwischen ständig für alles entschuldigt, ist nobel. Nützlich ist es nicht. Neue prag­matische Allianzen werden die alten ethischen Behaup­tungen ersetzen. Wider­spruch? Jaja, heute findet es allge­meine Zustimmung, auf die USA zu schimpfen. Verständlich. Aber die Erklärung der Menschen­rechte, Rock ’n’ Roll, Jeans, Hamburger und Google kamen auch dorther. Im Allge­mei­nen war das für die Europäer unvor­her­sehbar. Deshalb bin ich auch jetzt nicht nostalgisch. Ich trauere dem weggeschmolzenen Eis von gestern nicht hinterher, sondern bin zukunftsorientiert und freue mich auf den Schnee von übermorgen. Vorher bestaune ich aber erst mal den Vorfrüh­ling da draußen. Eigent­lich halte ich mich ja für rückwärtsgewandt. Ein Irrtum. So sehr ich mir Vergan­genheit vergegen­wärtigen kann: Zurück­haben möchte ich nichts davon. Und noch früher, vor meiner Geburt, als es noch kein allgemeines Wahl­recht und noch keine maschinell herge­stellte Zahnpasta­tube gab, will ich sowieso nicht gelebt haben. Ich führe mit meiner eigenen Zeit eine Liebesehe. Falls anschließend nichts mehr kommt, dann ist mir mein Hiersein so, wie es nun mal ist, immer noch lieber als gar nichts. Bisher. Die Zukunft, sie ist mir willkommen. Ich verlange bloß von ihr, sie soll außerge­wöhnlich sein und bequem. Dabei weiß ich aus Erfahrung: Diese Freude macht mir keine Zeit. Gar keine. Euch auch nicht.

Manchmal lasse ich ihr jetzt einfach ihren Lauf, der Zeit. Ich zerwarte sie still – in der Hoffnung, dass etwas passiert. Oder dass nichts passiert? Ich weiß es nicht. Kennt ihr euch aus in eurer Zeit?

So weit meine Denkanstöße. Und dabei lasse ich es jetzt – als Schluss überra­schend einfallslos – bewenden für den Rest des Vorfrüh­lings. Es gibt zwar eigentlich nichts, wozu mir nichts einfällt, aber anstatt gleich plapper­mäulig loszulegen, lasse ich die Dinge erst mal eine Weile schmurgeln und sich setzen. Wenn dabei genügend Braten­satz aus Satz­gefügen haften bleibt am Kopftopf, dann kann ich ihn ja ab Mai auch wieder abkratzen vom Boden der Traumsachen und meine übliche Soße über das Tages­fleisch kippen. Sauce. Mit links. Meine Beine, ach, wie träge! Aber mit dem Schädel werde ich weiterhin versuchen, in alle Richtungen gleichzeitig zu laufen, damit genügend auf mich einprasselt für ein weiteres Mal. Ganz außer Acht lassen darf ich den Leib dabei allerdings nicht. Meine Physio­thera­peutin verschreckte mich mit der Mitteilung, dass der Körper ab 60 in jedem Jahr zwei Prozent Muskel­masse abbaut. Mit 80 hat man sich dann also 33 Prozent Verlust zugelegt. Mittels Krafttraining kann der Verlust auf ein Prozent gesenkt werden: 0,99 (hoch 20) ≈ 0,817, das sind schlappe 18 Prozent. Auch depri­mierend! Aber etwas weniger. Also, trainierte ich täglich schön – Leib und Seele! Und wenn ich einfach bloß untätig rumsitze und loriot­haft von einer rumhan­tierenden Person durch die offene Tür gefragt werde: „Was machst du da?“, dann antworte ich nicht unschuldig: „Ich sitze hier …“, sondern kenntnis­reich: „Ich baue Muskeln ab!“

Ich weiß, ich sollte endlich damit aufhören, die Les-Enden (Mettenden, Flugenten und Begreifenten) meines Blogs so hemmungslos den über­mütigen Ausgeburten meines Asso­zia­tions­bedürf­nisses auszusetzen. Aber, lutherhaft: Ich kann nicht anders.

Liebreiz, Brechreiz, Milchreiß­verschluss­sach­beschädi­gungarnrol­len­ver­teilungarnrol­lenverteilungarn­rol­len­ver­teilungarnrollen­ver­teilungarnrol­lenverteilung

Interpunktionsmäßig habe ich mich diesmal auch ins Zeug gelegt:

1. ) Später …
2.) Avenue bis Zufahrtsstraße:
3.) Markttag!
4.) Na, was denn?
5.) Keine Beichte.
6.) Mildernde Umstände –

Mehr unterschiedliche Satz­zeichen nach den Über­schriften gehen nicht!

Wer noch nicht genug von mir hat, kann EISINSEL lesen. Da tobe ich mich etwas weniger sanft aus als im Blog. Da werden heißes Herz und kalte Schulter gezeigt. Mir zumindest ist keine der handelnden Personen unsym­pathisch, aber nur eine hat einen Namen.

Also, habt es gut bis zur nächsten Staffel!

Ihr, Dein/dein, Euer Wanderprediger
Hanno Rinke


YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die
Datenschutzerklärung von YouTube.

Youtube laden

Quellen: 1, 2 Christian Morgenstern: ‚Galgenlieder‘ (Gedichtband), Erstauflage: 1905 erschienen im Verlag Bruno Cassirer, Berlin; zu 2: aus ‚Das Problem‘
3 T. A. Edison in ‚North American Review‘: ‚The Phonograph and Its Future‘, 1878

Grafiken: Kl-generiert via Midjourney | Video: H. R. Privatarchiv/Produktion: ALEKS & SHANTU

89 Kommentare zu “Mildernde Umstände –

      1. Und wer’s nicht mag, wird nicht geschlachtet, sondern braucht mich einfach nicht zu lesen.

      2. Am Ende vielleicht ganz einfach: lesen, wenn’s einem etwas gibt. Und wenn nicht – weiterziehen. Es gibt ja genug andere Kirchen. 😄

      3. Die vertane Zeit bekommen der unbereicherte Leser und seine Frau allerdings ärgerlicherweise nicht zurück.

    1. Trotzdem heisst es ja oben auch: Ein Gewinn des Alters ist neben Erfahrung vor allem der selbst­verständ­lichere Umgang mit Verlust: Er tut noch weh, aber er haut uns nicht mehr um wie mit zwanzig. 😉 So läuft eben einfach das Leben. Man kann nicht viel anderes tun, als sich zu arrangieren.

      1. Gegen das Unvermeidliche anzukämpfen, kostet Kraft ohne Gewinn. Besser, sich gegen das Vermeidbare auflehnen. Bringt mehr.

  1. Was mich an Ihrem Text beschäftigt, ist diese fast schon störrische Ehrlichkeit im Umgang mit dem Älterwerden. Da wird nichts beschönigt, aber auch nichts dramatisiert. Verlust bleibt Verlust, egal ob es der Steiff-Affe ist oder die eigene Beweglichkeit. Der Unterschied ist nur, dass man irgendwann lernt, damit zu leben, ohne dass es weniger wahr wird. Das hat etwas Nüchternes, fast Trockenes – und gerade dadurch wirkt es auch ziemlich überzeugend.

  2. Der Körper macht was er will, Erinnerungen auch, Gedanken springen. Und das Schreiben versucht irgendwie, das alles zusammenzuhalten, obwohl man merkt, dass es natürlich nie ganz gelingen kann.

    1. Davon darf man sich aber auch nicht einschränken lassen. Natürlich funktioniert nicht immer alles zu 100%, aber das heißt ja nicht, dass es keinen Wert für uns hat.

      1. Spitzfindige sehen gerade in den Einschränkungen einen Wert. Das Zusammenhalten beim Schreiben ist dagegen eine Frage des Talents und der Disziplin.

  3. Dass am Ende das Schreiben übrig bleibt, wirkt gar nicht pathetisch, sondern eher pragmatisch. Es ist einfach das Medium, in dem man all diese Widersprüche unterbringen kann. Nicht lösen, nicht ordne, aber zumindest festhalten. Vielleicht ist das schon genug?!

  4. Die Stelle zur „Generativität“ bleibt hängen. Dieses Bedürfnis, etwas zu hinterlassen, das einen überdauert – und gleichzeitig das Wissen, dass da auch eine Menge Eitelkeit drinsteckt.

      1. Etwas hinterlassen zu wollen, beinhaltet meistens ein gewisses Maß an Eitelkeit. Beachtet zu werden, macht stolz. Übers internet gelingt das heute vergleichsweise vielen. Wofür auch immer.

      2. Aber ist das schon Beachtung? Wenn man ein paar Likes auf Instagram bekommt? Oder für ein paar Tage ein virales TikTok-Video hat?

  5. Was sich ja durchzieht, ist ein gewisses Misstrauen gegenüber allen großen Erklärungen. Religion, Ideologie, auch der eigene künstlerische Anspruch … alles wird einmal durchgespielt und dann wieder infrage gestellt. Es bleibt am Ende also nichts, woran man sich endgültig festhalten kann. Sehen Sie das so?

  6. Viele Islamisten haben die Welt zurück­geworfen. Sicher. Das haben die USA übrigens auch. Da soll man für Abtreibungen wieder ins Gefängnis geworfen werden. Willkommen zurück im frühen 20. Jahrhundert.
    Der Islamismus ist eben nicht der Islam.

      1. Solange, anders als in China, Mehrheiten in Demokratien wechseln können, ist alles drin.

  7. Beeinflussen und Unterhalten. Das beschreibt wohl ziemlich gut, vor welcher Entscheidung viele stehen, die etwas öffentlich machen.

  8. Auf den Frühling freue ich mich riesig. Auch wenn mein Heuschnupfen meistens in den ersten paar Wochen noch dazwischenfunkt.
    Ich gönne ihnen die Pause. Aber auf die Rinksche Bratensauce freue ich mich aber auch.

  9. Die Passagen über das Essen haben mich fast mehr interessiert als alles andere. Hahaha. Dieses genaue Wissen, was ein „Festmahl“ ist – das wirkt wie ein letzter Bereich, in dem noch Kontrolle möglich ist.

    1. Also, ich maße mir Kontrolle auch in anderen Bereichen an, in meiner täglich wechselnden Kleiderfarbe zum Beispiel. Heute ist es apricot. Morgen vielleicht pink?

      1. Quel horreur! Da muss ich immer daran denken, wie Ich meine 76 Jahre alte Oma in Erinnerung habe und wie nun meine Eltern im selben Alter aussehen.

  10. Ich mag diesen Trotz am Ende. Dieses „Ich kann nicht anders“. Das rettet den Text für mich ein bisschen vor der Melancholie, die sonst schnell zu schwer werden könnte.

    1. Bei anderen könnte „Ich kann nicht anders!“ auch in Melachonie umschlagen. Bei mir ist es eben Trotz statt Einsicht.

      1. Sympathisch, denn Trotz ist ja viel lebendiger. Einsicht hat oft etwas Abschließendes, Endgültiges, als hätte man etwas verstanden und damit abgelegt. Trotz dagegen hält die Sache offen, widersetzt sich, bleibt in Bewegung. Ich mag diese Energie.

  11. Das Verhältnis von Körper und Geist zieht sich ja fast wie ein leiser roter Faden durch alles. Der Körper wird nicht verklärt, sondern eher misstrauisch beobachtet, fast wie ein Eigenleben. Und gleichzeitig merkt man, wie sehr das Denken von ihm beeinflusst wird.

    1. Das ist eine späte Einsicht. Früher lief der Körper so mit. Jetzt verweigert er sich und verschafft sich dadurch Beachtung.

  12. Man spielt nicht mit den Wörtern, das ist wirklich ein toller Satz. In einiger Hinsicht, natürlich nicht unbedingt als Autor, sollte man sich das ja tatsächlich zu Herzen nehmen.

    1. Einzelne Wörter können viel aufbauen und viel zerstören. Im Wahlkampf werden sie immer wichtiger, mit Punkt nach jedem Wort. Strategie oder Masche? München. Reiter. Passt nicht mehr.

      1. Warum eigentlich? Ist das wirklich nur weil die Aufmerksamkeitsspanne durch die Sozialen Medien so kurz geworden ist? Bzw. weil die Aussage auf einen Instagram-Slide passen muss?

      2. Wer etwas in einem Wort zusammenfassen kann, gilt etwas. Mal ist es philosophisch, mal populistisch.

      3. Ich entfolge mittlerweile allen Profilen, die auf Instagram nur platte Einzeiler teilen. Ich dachte eine zeit lang, dass es interessant und wichtig ist zu sehen, wie die Mehrheit der Leute denkt, oder was gerade so die Stimmungen sind. Mittlerweile regt es mich nur auf und deprimiert mich. Genug davon.

      4. Was die Mehrheit denkt, ist vor Wahlen wichtig. Sonst muss man sich wohl, solange man in Ruhe gelassen wird und die Welt nicht ändern will, seinen eigenen Reim machen.

  13. In der Stelle, in der von einer „Diktatur der Ausgeglichenheit“ die Rede ist und dann vorgeschlagen wird, sowohl die Alternative für Deutschland als auch Die Linke zu verbieten, steckt ja ein ziemlich klarer Gedanke drin: Wenn die Ränder stören, dann entfernt man sie einfach – und zwingt damit alle, sich in der Mitte einzurichten. Aber genau darin liegt der Widerspruch. Eine „Diktatur“, selbst wenn sie im Namen der Ausgeglichenheit auftritt, hebt ja gerade das auf, was Demokratie ausmacht: die Möglichkeit, unterschiedliche, auch unbequeme Positionen zu vertreten.

    Es ist natürlich fast zynisch: Dieses „Dann müssen die Wähler eben das wählen, was übrig bleibt“ klingt wie eine Mischung aus Frust und Provokation. Es ist weniger ein ernst gemeinter politischer Vorschlag als ein Gedankenspiel: Was passiert, wenn man den Wunsch nach Ruhe und Ordnung konsequent zu Ende denkt? Nicht?

    Gleichzeitig zeigt sich darin auch eine gewisse Ungeduld mit politischer Vielfalt. Die Extreme werden nicht mehr als Teil des Systems ausgehalten, sondern als Störung empfunden, die man beseitigen möchte. Aber genau das wäre eben der Punkt, an dem man selbst anfängt, undemokratisch zu denken – auch wenn man sich dabei auf „Ausgleich“ beruft.

    Der Wunsch nach Balance kippt eben doch schnell in den Wunsch nach Kontrolle.

  14. Die ganzen Erinnerungssachen haben bei mir fast Neid ausgelöst. Nicht auf Ihr Leben selbst, sondern auf die Klarheit, mit der diese Bilder noch da sind.

      1. Das hilft auf alle Fälle um spannendere Geschichten zu schreiben. Lieben Dank für die Ihrigen.

      2. Ich hasse die unschuldige Aussage: „Ich habe mir Mühe gegeben.“ Aber ich h a b e mir Mühe gegeben.

  15. Ich finde die politischen Aussagen whrlich gesagt schwierig. Und nicht unbedingt, weil man sie nicht sagen darf, sondern weil sie so endgültig klingen. Da hätte ich mir mehr Zweifel gewünscht.

    1. Wie ich formuliere: „borniert, apodik­tisch und draufgängerisch“. Ein Beispiel – vor allem ein mahnendes.

      1. Mahnende Beispiele sollte es viel mehr geben. Es wird immer sofort über Schwarzmalerei geredet, aber es hilft doch auch nicht weiter konstant zu beruhigen und Schönzureden. Dadurch ändern sich die Dinge nicht.

  16. Ich kenne das Gefühl, dass man morgens noch halb im Traum hängt und sich fragt, was eigentlich real ist.

      1. Es gibt ja auch Wachträume. Das passiert mir relativ häufig am Morgen. Da bin ich eigentlich schon wach, träume aber trotzdem irgendwie noch weiter. Man könnte auch sagen ich phantasiere, ohne dass ich Kontrolle über meine Gedanken habe.

      2. Interessant. Das kenne ich nicht.Ist das eher wie Rausch oder wie Betäubung?

      3. Das ist spannend. Ich wollte immer solche Klarträume haben. Das muss ein echt interessantes Erlebnis sein.

  17. Hamlet/Hamnet ist ja gerade sogar wieder in. Das Harry Potter Remake auf HBO natürlich ebenso. Bisher ist das beides an mir vorbeigegangen. Dass wir schon soweit sind, dass der Mainstream neu aufgelegt wird, erstaunt mich allerdings.

      1. Jepp. Anstatt der nächsten Staffel wird gleich die aktuelle Staffel mit anderen Schauspielern nachgedreht. Das wäre doch mal ein Konzept für Netflix, nein?

      2. Wenn dabei die Geschlechtsmerkmale divers eingeebnet werden, auch für progressieve Konsumenten empfehlenswert.

      1. Es hat ja auch noch niemand spezifiziert ob es um einen guten oder schlechten Charakter geht…

      2. Charakterlos ist ja auch irgendwie schlimmer als ein schlechter Charakter …

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

zwanzig + 20 =