Liebe Leserin, lieber Leser!
Dies ist ein Text in eigener Sache. Na, in wessen denn sonst? Aber nein, das war keine rhetorische Frage. Meine Sonntagslesenden (was für ein Wort!) wissen, dass ich gern chamäleonartig in fremden Hirnen bade und dabei abstruse Gedankenwellen über den Wannenrand schwappen lasse. Dieser Vergleich ist schon deshalb schief, weil Chamäleons höchst ungern ins Wasser gehen, selbst Pfützen meiden, und ich in Wirklichkeit nicht in fremde Hirne steige, sondern nur meiner Fantasie die ausgefallensten Ausflüge im eigenen Körper-Seele-Umfeld gestatte. Doch ab jetzt – das behaupte ich – werde ich in dieser Predigt ehrlich sein, also das schreiben, was ich wirklich denke; wahr muss das deshalb natürlich noch lange nicht sein. Semiprofessionelles Ausloten auf Richtigkeit des Geschriebenen setze ich bei allen voraus, die lesen, was ich mir ausgedacht habe, und das wird ab dem nächsten Absatz unkomplizierter werden als in diesem. Zumindest im Satzbau.
Ein Gewinn des Alters ist neben Erfahrung vor allem der selbstverständlichere Umgang mit Verlust: Er tut noch weh, aber er haut uns nicht mehr um wie mit zwanzig. Es sei denn, die Bombe schlägt unmittelbar neben uns ein.
Der vorige Satz schränkte ja bereits ein, und nach dem Mittagsschlaf muss ich mich korrigieren: Verlust ist immer gleich schmerzhaft. Dass ich mit elf meinen Steiff-Stoffaffen im Schlafwagen vergaß, tut ja nicht mehr weh, aber es ist mir unvergesslich geblieben. All die überflüssigen Schaufensterbummel, die jetzt andere schlendern – ihre Bedeutung liegt nur darin, dass ich sie nicht mehr machen kann. Rollstuhl? So unergiebig wie Urbi et Orbi übers Radio. Wo die Andacht fehlt, fehlt alles.
Hans Christian Andersen beschreibt in seinem wenig bekannten Märchen Ein Herzeleid ein Mädchen, das als einziges Kind in der Straße das Grab des toten Mopses nicht sehen darf, weil ihm kein Knopf als Eintrittsgeld zur Verfügung steht. Die Vermischung des Tragischen mit dem Grotesken ist mir, seit ich schreibe, ein Vorbild gewesen. Dass mir meine Mutter immer aus Andersens anmutiger Poesie und nie aus Grimms grimmiger Sammlung vorlas, hat mein Denken stark beeinflusst, und Wissenschaftler mögen erknobeln, ob mein heutiger Schreibstil aus der genetischen oder aus der umweltlerischen Beeinflussung von damals erwachsen ist. Jedenfalls ist aus mir ein kindisch gebliebener Erwachsener geworden.
„Man spielt nicht mit dem Essen“, bekommen Kinder gesagt, wenn sie den Spinat auf dem Teller verrühren, statt ihn sich in den Mund zu stopfen. Meine Eltern waren schon begeistert, wenn ich das Essen überhaupt eines Blickes würdigte. Bereits die Mutterbrust hatte ich ja verweigert. „Man spielt nicht mit den Wörtern“, hätte ich eher ermahnt werden müssen, denn früh schon behandelte ich sie wie Bauklötzchen und errichtete Gebäude des Gegenteils. So wurde später bei mir aus Rosa Luxemburg Lila Lichtenstein, und noch später hätte ich mir einen transvestierenden Zwitter namens Manuela Mascara oder Fernando Feminino gut vorstellen können.
Mein Vater war nicht für Märchen, sondern für Christian Morgenstern zuständig. Am liebsten rezitierte er:
Nein!1
Pfeift der Sturm?
Keift ein Wurm?
Heulen
Eulen
hoch vom Turm?
Nein!
Es ist des Galgenstrickes
dickes
Ende, welches ächzte,
gleich als ob
im Galopp
eine müdgehetzte Mähre
nach dem nächsten Brunnen lechzte
(der vielleicht noch ferne wäre).
Ich kenne es nach wie vor auswendig.
Aber auch der ‚Der Zwölf-Elf‘2 gefiel mir. Leicht gekürzt:
Der Zwölf-Elf kam auf sein Problem
und sprach: Ich heiße unbequem.
Und siehe da, der Zwölf-Elf nannt’ sich
von jenem Tag ab Dreiundzwanzig.
Morgenstern starb in Untermais, wo ich jetzt halbjährlich lebe. Vielleicht werde ich es mit dem Abdanken wie er halten. Aber bis der Tod oder ein anderer Diktator mich anbrüllt: „Genug gelebt!“, lasse ich mich lieber noch eine Weile dort wehmütig spazieren fahren, wo ich früher beschwingt rumgelaufen bin.
Manchmal möchte ich bis an mein Lebensende in einer Art Dämmerschlaf gehalten werden, und dann wieder schäme ich mich für diesen Wunsch, aber freue mich schon aufs Totsein. Das Ärgerliche am Totsein? Man kann den Gläubigen nicht rechthaberisch sagen: „Siehste, hier is’ nix!“
Je älter ich werde, desto unwichtiger wird mir die Ewigkeit. Mit achtzehn schrieb ich Musik, die von allen späteren Generationen nicht einfach bloß als ‚tief empfunden‘ ausgelegt werden sollte, sondern als formal so schlüssig, dass (wie es ja auch war) jede Modulation, jede Abwandlung des Themas, jede kontrapunktische Verschränkung eine ganz bestimmte Geisteshaltung zwischen Zweifel und Gewissheit ausdrücken sollte. Es war ein sehr schwieriger Prozess, zu lernen, dass die Welt womöglich auch ohne meine Kompositionen auskommen kann, ohne darben zu müssen. Schlimm genug. Und jetzt? Sollte ich mich etwa hurenhaft vor die Menschheit hinstellen wie vor einen unschlüssigen, eigentlich dämlichen Freier, auf dessen Knete man immer noch scharf ist, und spitz formulieren: „Du weißt ja nicht, was dir entgeht!“?
Nicht mal Phönizier und Pharaonen haben ihre Ewigkeitsgelüste dauerhaft befriedigen können, allenfalls ein paar Professoren und Touristikunternehmen wissen noch von ihnen, und so habe ich dann aus unwillkommener Einsicht: „Wie wär’s mal mit uns zwein?“ zur Gegenwart gesagt. Gestalten muss man sie dann sowieso selber. Sie macht ja nichts, sie lässt höchstens zu.
Ich gehöre inzwischen wohl zum alten Eisen, muss mir aber aus Selbsterhaltungsinteresse wie wertbeständiges Platin vorkommen. Dabei weiß ich: Mein Bildungskanon ist überholt. Die Namen von Protagonisten der Dramen um Ödipus, Hamlet und Faust braucht kein Abiturient mehr zu kennen. Die Belegschaft von Harry Potter und Game of Thrones kennt jeder (außer mir).
Karajan war sicher, dass alle Welt seine Beethoven-Sinfonien auf DVD würde sehen wollen, aber er nahm sie geldgierig nicht für ‚meine‘ Deutsche Grammophon auf, sondern für unseren zahlungskräftigen Konkurrenten Sony. Ich war – im Gegensatz zu unserem Präsidenten – schon damals gelassen. Und tatsächlich: Karajans Video-Vermächtnis – von der technischen Entwicklung gnadenlos überholt! Wer noch hören will, muss streamen. Bevor man etwas beginnt, kann man glauben, hoffen, abschätzen. Hinterher ist man der/die Dumme, wenn man scheitert und die Ursachen dafür falsch beurteilt.
Erfinder Edison hat die Macht des Tons gegenüber der Macht des Bildes 1878 wohl verkehrt eingeschätzt. ‚Zum Zwecke der Bewahrung der Reden, der Stimmen und der letzten Worte von sterbenden Familienmitgliedern – wie von großen Männern – wird der Phonograph fraglos die Fotografie ersetzen.‘3 Edison glaubte eben vor allem an seine eigene Erfindung und an andere ‚große Männer‘; Ton statt Bild. Zumindest das Hörbuch gibt ihm recht.
Glauben oder nicht glauben! Das ist hier nicht die Frage, sondern der Unterschied. Sich vorzustellen, das Leben habe einen Sinn, ist für jeden (nach seiner unfreiwilligen Geburt) auf alle Fälle wünschenswert. Diejenigen, die zusätzlich an jemanden außerhalb glauben können, haben es – oberflächlich betrachtet – leichter als die, die ihren Sinn notgedrungen bereits im Diesseits finden müssen. Nachteil für die Jenseitsbewussten: Sie können keine Banken ausrauben oder noch erfolgversprechendere krumme Dinger drehen, weil zu befürchten ist, dass ihnen das im nächsten Leben, an das sie tröstlicherweise glauben, als Frevel angerechnet wird. Aber: Katholische Mafia-Bosse und islamistische Eroberer kommen ja auch damit irgendwie klar, weil das unbekannte Wesen für einfach alles da ist: Strafen, Belohnen, Verzeihen – Hauptsache, man glaubt. Aber irgendwann kommt das böse Erwachen, oder das gute. Oder gar keins.
Den eigenen Tod kann man sich noch so lebhaft ausmalen, vorstellen kann man ihn sich kaum. Eine Welt ohne mich? Nicht meine Welt. Dabei: War das Leben denn wirklich ein Film im Zeitraffer? Nein. Ich lag nie im Koma, ich saß nie im Gefängnis. Ich habe all die Jahre bewusst und selbstbestimmt durchlebt. Fast wie in Zeitlupe. Trotzdem fällt es mir schwer zu begreifen, wie alt ich bin. Jaja, dass ich in der Grunewald-Villa auf dem Schoß meines Vaters saß: „So reiten die Damen … – So reiten die Herren … – So ruckeln die Bauern, so ruckeln die Bauern!“ – „Nochmal! Nochmal!“ Das ist sehr, sehr lange her. Meine Mutter, Kurt und Carola lachten. Mein Vater kannte das schon. Ich würde keine Ruhe geben. Mehr. Immer mehr. Noch mehr!
Mein Vater hatte nach der Mittleren Reife eine kaufmännische Lehre gemacht. Wäre er stattdessen Doktor in meinem Fachbereich ‚Geisteswissenschaften‘ geworden, säße ich jetzt im Altersheim statt in von ihm gekauften Häusern.
Seit wir nach Hamburg gezogen waren, hatten meine Eltern einige gute Bekannte, aber keine Freunde mehr wie in Berlin. Ich habe mich gern als Außenseiter stilisiert, dabei hatte ich immer Freunde. In Berlin, Hamburg, Paris, Wien, London, New York. Der Übergang zu guten Bekannten ist ja fließend.
Als ich sechsundzwanzig wurde, bot mir meine Mutter an, eine Einladung zu organisieren, und bat mich um Namen. Ich war gerade beim fünften Gast angekommen, da unterbrach sie mich: „Es muss ja nicht gleich so ausufernd sein!“ Im Freundeskreis machten wir uns später darüber lustig. ‚Ausufernd!‘ Was für ein Ausdruck! Ähnlich zitierbar wie ihre Einschätzung: „Also, dieses Sakko ist noch ganz anständig“, was hieß, dass ich es eigentlich nur noch zu Hause tragen konnte. Sie lachte immer mit, wenn wir es erwähnten. So sportlich war sie dann doch. Überhaupt: Immer war sie Dame der Lage und kleidete sich und mich entsprechend. Mein Vater ließ seine Anzüge in Berlin vom ‚Westen – Maß-Atelier‘ schneidern. In Hamburg trug er ‚von der Stange‘.
Wenn ich mich in meiner Einbildung sehe, dann sehe ich einen nonchalanten Typen im eleganten Outfit, die Hände lässig in den Hosentaschen: die Kenntnis der Regeln mustergültig zur Schau stellend und sie dann torpedierend, eindringlich, nicht aufdringlich. Wäre das schön! Wenn ich in den Spiegel gucke, sehe ich einen alten Kerl, dem ich lieber aus dem Wege ginge. Kein weiser, sondern ein törichter Alter.
Manche Jungen wollen so schnell wie möglich weg von Zuhause und im Motorradsattel davonpreschen. Einige von ihnen landen im Graben oder gar im Grab. ‚So reiten die Toten, so reiten die Toten.‘ Da war ich anders. Ich ließ meine Vorfahren vorfahren – auf der Rennstrecke und an der Friedhof-Auffahrt. Heute kann ich die Teenager schulmeistern: „So jung wie ihr war ich schon lange! Ob ihr mal so alt werdet wie ich, das habt ihr noch lange nicht bewiesen.“
Ideale hat man besonders in der Jugend, heißt es. Stimmt wohl. Wer dann sagt: „Ich bin grundsätzlich für die Schwachen!“, hört sich nobel an. Leider erfährt mancher Wohlgesinnte später, dass die Schwachen im Allgemeinen nicht besser sind als die Starken, sondern nur schwächer, sodass sie, wenn sie selbst an die Macht kommen, nicht viel ehrenwerter handeln als die zuvor geschassten Eliten. Da kann man bis an sein Lebensende immer neue Schwache finden, sich für sie einsetzen und die ganze Zeit über falschliegen.
Zynisch? Aufs Ganze gesehen ist alles immer besser geworden, das weiß ich: vom Kessel über offenem Feuer bis zum Induktionskochherd; von der Kindersterblichkeit bis zur Seniorenbetreuung. Als Abiturient wollte ich sogar selbst die Menschen verbessern, jetzt schwanke ich dazwischen, ob ich sie beeinflussen oder unterhalten möchte. Im ersten Fall ist Gewaltanwendung üblich, um widerborstige Zeitgenossen zu ihrem Glück zu zwingen und Störenfriede zu eliminieren. Im zweiten Fall muss man sich davor hüten, die Pointe zu versauen.
Situationskomik zu beschreiben, ist zum Beispiel nie witzig. Wenn jemand etwas erzählt und endet mit: „Was haben wir da gelacht!“, kann er sich tausendmal auf die Schenkel klopfen oder am Boden wälzen, die Zuhörer hüsteln bloß verlegen. Aber auch ohne solch eklatante Fehleinschätzung kann man etwas falsch machen.
„Es war ein Unfall!“, stammelte Milliardärswitwe (Witwe seit eben) Kamilla T., während sie das Küchenmesser aus ihrem Gatten, der ihr soeben mitgeteilt hatte, dass er sich von ihr scheiden lassen würde, ohne ihr einen Penny Abfindung zu gewähren, weil er dahintergekommen war, dass sie ein Verhältnis mit dem Chauffeur begonnen hatte, behutsam herauszog. „Ich wollte Radieschen schneiden und hatte nicht gesehen, dass er direkt neben dem Brett stand.“ Der Chauffeur lächelte nachsichtig: „Ich stecke mir die Radieschen sowieso lieber im Ganzen in den Mund. Mit etwas Butter.“ Richtig. Mildernde Umstände.
Mildernde Umstände? „Ich stecke mir die Radieschen sowieso lieber im Ganzen in den Mund. Mit etwas Butter“, sagte der Chauffeur, nachdem er erfahren hatte, dass seine Chefin einen verhängnisvollen Fehler begangen hatte. Falsch. Man versteht den Zusammenhang nicht. Die Reihenfolge ist wichtig. Bei allem. Immer. Wer streut erst das Salz in den Teller und gießt dann die Suppe darüber? Bei Tee und Milch ist es in England umstritten. Originell sein zu wollen, ist gefährlich. Wenn’s dumm läuft, ist man bloß blöd. Kommissar Konrad Kotzkübel grübelt. Er ist nicht blöd. Nennt der Fahrer Kamilla ‚gnädige Frau‘ oder ‚mein süßes Puppchen‘? Der Beamte gibt nicht auf. Er will es wissen.
Ach, auch ich wollte so vieles: wissen und tun! Jetzt will ich das Schicksal nicht mehr herausfordern, ich will ihm nur noch ein Schnippchen schlagen und mit dem Geist den Körper überlisten. Gar nicht so einfach. Ich beobachte meinen Leib mit Argwohn. Womit will er mich jetzt wieder beeindrucken? Zittern, Brennen, Krampfen, Jucken, Kitzeln? Je mehr ich auf ihn achte, desto geschmeichelter macht er mir zu schaffen. Das Gleichgewicht Körper – Seele ist ein ständiges Problem mit ständigen Lösungsvorschlägen. Beim Sex zum Beispiel: Da spielt der Körper kaum noch eine Rolle, die Gedanken wandern weiter. Beim Essen: Das geht noch einigermaßen, mit Schneidehilfe. Wichtig: kein Gang ohne Tierbeteiligung. Erst etwas aus dem Meer als Vorspeise – Lachs, Garnelen, Austern; als Hauptgericht Fleisch mit Beilagen – Stall, Wild, Geflügel; zum Nachtisch etwas mit Ei und Sahne. So sieht ein Festmahl aus. Von allem wenig, aber nur das Beste. Im Alltag darf es auch mal vegan sein (obwohl Knoblauch und Petersilie in reichlich Butter einfach besser schmecken als nur mit Olivenöl, das Kuhleid mal beiseitegelassen). Beim Betrachten: meinen Garten, Landschaften aus dem Autofenster, Filme auf der Leinwand, Bücher über Dinge und Menschen. Das sind so meine Vergnügungen. Von all den Möglichkeiten, mich auszudrücken, ist mir bloß noch das Schreiben geblieben. Zuerst hatte ich vor, in dieser Staffel alle Überschriften auf ‚tz‘ enden zu lassen:
Schutz – Schmutz,
Schmerz – Scherz – Herz,
Witz – Sitz – Blitz – Schlitz – Kitz.
Nun ist es anders gekommen. Man muss Absichten auch mal fallen lassen. Weil sie nicht überzeugen oder weil man sie nicht mehr verwirklichen kann. Die fünf Sinne und das Alter: ein tristes Thema. Alles, was ich nicht bin. Vor allem: was ich nicht mehr bin. Was ich war und nie wieder sein werde. Mein Gleichgewicht ist dahin seit dem Schlaganfall. Aber nicht alles, was vorbei ist, ist vorbei. Tiere lernen, Menschen lernen. Das funktioniert nur durch die Erinnerung. Die Erinnerung schafft Nostalgie und Traumata. Aus der Erinnerung heraus erwächst das Bedürfnis, weiterzukommen. Wie weit? ‚Normal‘ sein – ein Ideal, ein Schreckgespenst? Das Innerste erreicht man nur, wenn man bis zum Äußersten geht. Kaffee trinken, wenn man ohnehin schon hellwach ist. Schlaftabletten nehmen, wenn man sowieso müde ist. Die Träume, oh, diese Träume. Sich in ihnen finden, sich in ihnen verlieren. Die Träume beschwören die Vergangenheit: die Menschen, die Schauplätze. Wer war wo wie? Ich kann gar nicht abschweifen, weil ich überhaupt kein Thema habe, nur die Hoffnung auf die Überschrift zu diesem Text.

Wenn man seine Brieftasche verloren hat, mit allen Ausweisen, allen Plastikkarten, allem Geld – vielleicht wurde sie auch geklaut –, dann gibt es nur eins: aufwachen! Bis auf einmal in Florenz ist mir das auch jedes Mal gelungen. Ach, Träumen ist wie ein zweites Leben, und so schön gefahrlos, ohne dass man es weiß. Wachsein kommt da einfach nicht mit.
Aber ich habe keine Lust, in Vergleichen zu schwelgen: ‚Jetzt bin ich so alt, wie meine Großmutter war, als meine Großmutter so alt war, wie ich jetzt bin.‘ Wer war ich 1956, wer bin ich heute? Die Fünfzigerjahre waren für meine Mutter eine Befreiung. Heute wird diese Zeit als hinterwäldlerisch und dumpf dargestellt. Bei uns war das Klima anders. Meine Eltern reisten ohne mich nach Paris, London, New York und mit mir nach Italien. Was spießig ist, wusste ich nicht. Es kam bei uns nicht vor.
Meine Eltern liebten nicht die CDU, aber Adenauer. Ein Mann mit Charakter! Er war der eine von zwei Politikern, die das mittlere Drittel des 20. Jahrhunderts in Deutschland bestimmten. Der andere war dreizehn Jahre jünger: Adolf Hitler. Als Adenauer abtrat, war dessen Halbland zu einer Macht innerhalb der westlichen Welt geworden. Adenauer hatte ein Land voller Täter und Mitläufer regiert. Er war Realist, wie skeptische Konservative es im Gegensatz zu gutgläubigen Sozialisten eben sind, und deshalb war ihm die Unzuverlässigkeit seiner Landsleute völlig bewusst, aber er wusste auch, dass er keine anderen hatte. Also bemühte er nicht den moralischen Zeigefinger, sondern baute darauf, dass Opportunisten auch unter anderen Gegebenheiten Opportunisten bleiben würden. Adenauer hat es geschafft, in die Geschichte einzugehen. Für mich bleibt wohl stattdessen die Alternative: primelartig einzugehen, ohne Geschichte geschrieben zu haben; na, immerhin wenigstens Geschichten.
Ich war immer schon so außergewöhnlich moderat, dass ich gern dabei zugesehen hätte, wie sich Linksextreme und Rechtsextreme gegenseitig zerfleischen, damit auf ihren verstümmelten Leichen das Land der bedingungslosen Mittelmäßigkeit errichtet werden kann. Ach, was! Wie mittelmäßig waren denn viele der hirnverbrannten Extremisten beider Lager? Die Diktatur der Ausgeglichenheit – sie muss errichtet werden! AfD-Verbot? Gern! Aber dann auch weg mit der Linken! So werden die Wähler und Frauen gezwungen, das anzukreuzen, was übrig bleibt.
Das Bleibende. Kennen Sie den Begriff ‚Generativität‘? Oder sind Sie so modern, dass Sie lieber geduzt werden wollen? Kennst Du – nein, kleingeschrieben –: Kennst du den Begriff ‚Generativität‘? Er erlaubt es dir, deine Eitelkeit ‚Fürsorge‘ zu nennen, indem du etwas hinterlässt, das den zukünftigen Generationen dabei hilft, dich zu bewundern. Mein üblicher Sarkasmus! Da ich keine Kinder in die Welt gesetzt habe (weder meine Eltern noch meine Ungeborenen haben das von mir verlangt), galt für mich: Sinnstiftung nicht durch Sperma, sondern durch Hirnschmalz. Dass mir Aufmerksamkeit auch nach meinem Tod wichtig ist, hätte ich mit zwanzig bestimmt bejaht. Wege zum Ruhm. Dabei: Applaus zu Lebzeiten einzuheimsen, ist einfach sicherer, als auf anschließende Huldigungen zu hoffen. Der ‚gefallene Soldat‘ hat nicht mehr viel von der routiniert weihevollen Kranzniederlegung nachgeborener Staatsoberhäupter an seinem Ehrenmal. Oder doch?
Jetzt, mit fast achtzig, rede ich mir jedenfalls ein, dass es mir völlig gleichgültig sei, was mit mir und mit der Welt geschieht, wenn ich dereinst, also ziemlich bald, tot sein werde. Dann wieder finde ich das verantwortungslos und mag mir nicht glauben. Selbst einen erinnerungswürdigen Beitrag zu leisten und der Menschheit alles Gute zu wünschen: Das verlange ich von mir! Die Forderung steht im Raum rum, etwas unabgeholt, und ich stehe in der Ecke – Gesicht zur Wand. Bockig sage ich: Sein Leben zu vergeuden ist nicht nur sinnvoll, weil es Spaß macht, sondern auch deshalb, weil es sowohl die Götter als auch die Rechtschaffenen ärgert. Das klingt sehr unerwachsen. Wie immer kommt es auf die Benennung an. Sagt man statt ‚sein Leben zu vergeuden‘ ‚sich sein Leben lang die gute Laune zu bewahren‘, dann wird daraus wieder eines jener anzustrebenden Ziele, die ich vor vierzig, fünfzig Jahren verfolgte. Außerdem beschäftigt mich zurzeit etwas wirklich: Religionen – meinetwegen, die soll’s geben. Im Rahmen der Staatsführung allerdings verabscheue ich sie zutiefst. Die Beseitigung des iranischen Mullah-Regimes ist mir Herzensangelegenheit. Weg mit denen! Ölpreis und Feigheit sind keine akzeptablen Gegenargumente. Und wer wird sich bei dieser hehren Aufgabe ums Völkerrecht scheren? Tun die das etwa? Aber wir wollen uns doch nicht mit denen auf eine Stufe stellen! Papperlapapp.
Marx, Freud, Einstein, Bob Dylan, Mark Zuckerberg. Ein paar Juden haben die Welt weitergebracht, zum Guten und zum Schlechten. Viele Islamisten haben die Welt zurückgeworfen. Genau, lasst uns sein wie das Leben: überraschend und ungerecht! Ja, so borniert, apodiktisch und draufgängerisch war ich früher.
Ach, damals! Diese Fensterplätze im Flugzeug, die Welt zu meinen Füßen. Diese voreiligen Schritte, mit denen ich siegessicher die Hotelflure in aller Welt entlanggefegt bin, federnd, vibrierend, zum Fahrstuhl, rauf, runter, jung und erfolgsverwöhnt – ich kann mir schwerlich einreden, das nicht zu vermissen. Die Ziele meines lächerlichen Laufens – die vermisse ich nicht.
Denke ich so etwas in einzelnen Wörtern oder weiß ich es einfach? Die Anatomie des Bewusstseins beschäftigt mich ständig: Wenn ich die Hand hebe – was habe ich vorher gedacht? Ich habe sicher nicht Wort für Wort in mir formuliert: „Jetzt will ich mal die Hand heben!“, aber irgendetwas gedacht haben muss ich doch. Sonst bleibt die Hand ja unten. Wenn ich es denke, sind es Begriffe; wenn ich es ausspreche, sind es ja bloß Laute, aber gerade bei denen bewirken Kleinigkeiten viel: Lobeshymnen oder Todesurteile. Mein Vater erklärte mir: „Händedruck oder Hundedreck – das macht den Unterschied.“ Recht hatte er, und so habe ich die Unterscheidung von Vokalen frühzeitig verinnerlicht.

Ich liebe Aphorismen. Sie fassen etwas zusammen, was sonst langwierig, langweilig wäre. Aber: So ist das Leben nicht. Neben den Bonmots muss es auch die ausführlichen Betrachtungen geben, und wenn man Glück hat, sind die sogar aufregender als das griffige, abgegriffene Schlagwort. Da kennt mein Anpassungsbedürfnis Grenzen. Ich sage immer noch gepflegt ‚Sehr gut!‘ statt ranschmeißerisch ‚Megageil!‘.
Wer schon mit siebzehn die Welt nicht verändern wollte, der wird es mit über siebzig wohl auch nicht mehr versuchen. Oder doch? Recht behalten zu haben gegen alle, die sich – damals – für klüger und vor allem für besser hielten, das ist ein großer Antrieb. Wobei: Dass meine Mutter immer schon wusste, dass Hitler ein kleinkarierter Schreihals war und den Krieg verlieren wird, hat mein Vater ihr geglaubt, aber aus ihrem frühen Wissen, das zunächst mal bloß eine Vermutung war, hat sie nichts gemacht. Das Deutsche Reich lag ihr nicht, am Herzen schon gar nicht, während mein Vater dazu erzogen war, es zu achten.
Haben die, die einer Utopie (Religion/Ideologie) glauben, ein besseres Leben, oder die, die sich aufklärerisch davon befreit haben? Der Wunsch, das Leben – nicht nur für sich selbst, sondern auch für möglichst viele andere – besser zu machen, hat viel bewirkt. Vor allem im heute unter Rechtfertigungsdruck stehenden Westen. Er hat den Kapitalismus gebracht, der für das, was Leute wollen, Geld einstreicht, aber auch die Erfindungen, auf denen die globale Welt heute aufbaut. Dass der Westen sich inzwischen ständig für alles entschuldigt, ist nobel. Nützlich ist es nicht. Neue pragmatische Allianzen werden die alten ethischen Behauptungen ersetzen. Widerspruch? Jaja, heute findet es allgemeine Zustimmung, auf die USA zu schimpfen. Verständlich. Aber die Erklärung der Menschenrechte, Rock ’n’ Roll, Jeans, Hamburger und Google kamen auch dorther. Im Allgemeinen war das für die Europäer unvorhersehbar. Deshalb bin ich auch jetzt nicht nostalgisch. Ich trauere dem weggeschmolzenen Eis von gestern nicht hinterher, sondern bin zukunftsorientiert und freue mich auf den Schnee von übermorgen. Vorher bestaune ich aber erst mal den Vorfrühling da draußen. Eigentlich halte ich mich ja für rückwärtsgewandt. Ein Irrtum. So sehr ich mir Vergangenheit vergegenwärtigen kann: Zurückhaben möchte ich nichts davon. Und noch früher, vor meiner Geburt, als es noch kein allgemeines Wahlrecht und noch keine maschinell hergestellte Zahnpastatube gab, will ich sowieso nicht gelebt haben. Ich führe mit meiner eigenen Zeit eine Liebesehe. Falls anschließend nichts mehr kommt, dann ist mir mein Hiersein so, wie es nun mal ist, immer noch lieber als gar nichts. Bisher. Die Zukunft, sie ist mir willkommen. Ich verlange bloß von ihr, sie soll außergewöhnlich sein und bequem. Dabei weiß ich aus Erfahrung: Diese Freude macht mir keine Zeit. Gar keine. Euch auch nicht.
Manchmal lasse ich ihr jetzt einfach ihren Lauf, der Zeit. Ich zerwarte sie still – in der Hoffnung, dass etwas passiert. Oder dass nichts passiert? Ich weiß es nicht. Kennt ihr euch aus in eurer Zeit?
So weit meine Denkanstöße. Und dabei lasse ich es jetzt – als Schluss überraschend einfallslos – bewenden für den Rest des Vorfrühlings. Es gibt zwar eigentlich nichts, wozu mir nichts einfällt, aber anstatt gleich plappermäulig loszulegen, lasse ich die Dinge erst mal eine Weile schmurgeln und sich setzen. Wenn dabei genügend Bratensatz aus Satzgefügen haften bleibt am Kopftopf, dann kann ich ihn ja ab Mai auch wieder abkratzen vom Boden der Traumsachen und meine übliche Soße über das Tagesfleisch kippen. Sauce. Mit links. Meine Beine, ach, wie träge! Aber mit dem Schädel werde ich weiterhin versuchen, in alle Richtungen gleichzeitig zu laufen, damit genügend auf mich einprasselt für ein weiteres Mal. Ganz außer Acht lassen darf ich den Leib dabei allerdings nicht. Meine Physiotherapeutin verschreckte mich mit der Mitteilung, dass der Körper ab 60 in jedem Jahr zwei Prozent Muskelmasse abbaut. Mit 80 hat man sich dann also 33 Prozent Verlust zugelegt. Mittels Krafttraining kann der Verlust auf ein Prozent gesenkt werden: 0,99 (hoch 20) ≈ 0,817, das sind schlappe 18 Prozent. Auch deprimierend! Aber etwas weniger. Also, trainierte ich täglich schön – Leib und Seele! Und wenn ich einfach bloß untätig rumsitze und loriothaft von einer rumhantierenden Person durch die offene Tür gefragt werde: „Was machst du da?“, dann antworte ich nicht unschuldig: „Ich sitze hier …“, sondern kenntnisreich: „Ich baue Muskeln ab!“
Ich weiß, ich sollte endlich damit aufhören, die Les-Enden (Mettenden, Flugenten und Begreifenten) meines Blogs so hemmungslos den übermütigen Ausgeburten meines Assoziationsbedürfnisses auszusetzen. Aber, lutherhaft: Ich kann nicht anders.
Liebreiz, Brechreiz, Milchreißverschlusssachbeschädigungarnrollenverteilungarnrollenverteilungarnrollenverteilungarnrollenverteilungarnrollenverteilung
Interpunktionsmäßig habe ich mich diesmal auch ins Zeug gelegt:
1. ) Später …
2.) Avenue bis Zufahrtsstraße:
3.) Markttag!
4.) Na, was denn?
5.) Keine Beichte.
6.) Mildernde Umstände –
Mehr unterschiedliche Satzzeichen nach den Überschriften gehen nicht!
Wer noch nicht genug von mir hat, kann EISINSEL lesen. Da tobe ich mich etwas weniger sanft aus als im Blog. Da werden heißes Herz und kalte Schulter gezeigt. Mir zumindest ist keine der handelnden Personen unsympathisch, aber nur eine hat einen Namen.
Also, habt es gut bis zur nächsten Staffel!
Ihr, Dein/dein, Euer Wanderprediger
Hanno Rinke

Quellen: 1, 2 Christian Morgenstern: ‚Galgenlieder‘ (Gedichtband), Erstauflage: 1905 erschienen im Verlag Bruno Cassirer, Berlin; zu 2: aus ‚Das Problem‘
3 T. A. Edison in ‚North American Review‘: ‚The Phonograph and Its Future‘, 1878
Grafiken: Kl-generiert via Midjourney | Video: H. R. Privatarchiv/Produktion: ALEKS & SHANTU

Lieben Dank für diese Predigten, Ich wünsche einen schönen Sonntag!
Ich werde Sie am nächsten Sonntag vermissen
In meinem Kopf schreibt es weiter.
Zum Glück!!!
Und wer’s nicht mag, wird nicht geschlachtet, sondern braucht mich einfach nicht zu lesen.
Am Ende vielleicht ganz einfach: lesen, wenn’s einem etwas gibt. Und wenn nicht – weiterziehen. Es gibt ja genug andere Kirchen. 😄
Die vertane Zeit bekommen der unbereicherte Leser und seine Frau allerdings ärgerlicherweise nicht zurück.
Das ist eine traurige Einsicht: Verlust bleibt Verlust, auch wenn man lernt, ihn auszuhalten.
Trotzdem heisst es ja oben auch: Ein Gewinn des Alters ist neben Erfahrung vor allem der selbstverständlichere Umgang mit Verlust: Er tut noch weh, aber er haut uns nicht mehr um wie mit zwanzig. 😉 So läuft eben einfach das Leben. Man kann nicht viel anderes tun, als sich zu arrangieren.
Gegen das Unvermeidliche anzukämpfen, kostet Kraft ohne Gewinn. Besser, sich gegen das Vermeidbare auflehnen. Bringt mehr.
Logisch. Notiert.
Den Unterschied zu realisieren, ist wichtig!
Ich las erst „Je älter ich werde, desto umsichtiger wird mir die Ewigkeit.“ Vielleicht auch das.
Schön wäre es natürlich, wenn die Ewigkeit möglichst umsichtig mit einem wäre…
Eigentlich ist die Ewigkeit mehr unsicher.
Was mich an Ihrem Text beschäftigt, ist diese fast schon störrische Ehrlichkeit im Umgang mit dem Älterwerden. Da wird nichts beschönigt, aber auch nichts dramatisiert. Verlust bleibt Verlust, egal ob es der Steiff-Affe ist oder die eigene Beweglichkeit. Der Unterschied ist nur, dass man irgendwann lernt, damit zu leben, ohne dass es weniger wahr wird. Das hat etwas Nüchternes, fast Trockenes – und gerade dadurch wirkt es auch ziemlich überzeugend.
Gefühlt ist es aber vorher leider ziemlich hautnah und feucht.
Der Körper macht was er will, Erinnerungen auch, Gedanken springen. Und das Schreiben versucht irgendwie, das alles zusammenzuhalten, obwohl man merkt, dass es natürlich nie ganz gelingen kann.
Davon darf man sich aber auch nicht einschränken lassen. Natürlich funktioniert nicht immer alles zu 100%, aber das heißt ja nicht, dass es keinen Wert für uns hat.
Spitzfindige sehen gerade in den Einschränkungen einen Wert. Das Zusammenhalten beim Schreiben ist dagegen eine Frage des Talents und der Disziplin.
Dass am Ende das Schreiben übrig bleibt, wirkt gar nicht pathetisch, sondern eher pragmatisch. Es ist einfach das Medium, in dem man all diese Widersprüche unterbringen kann. Nicht lösen, nicht ordne, aber zumindest festhalten. Vielleicht ist das schon genug?!
Viel mehr geht wohl nicht. Ein gewisse Ästhetik kann man auch unterbringen.
Die Leserschaft dankt jedenfalls 😊
Der Autor auch.
Die Stelle zur „Generativität“ bleibt hängen. Dieses Bedürfnis, etwas zu hinterlassen, das einen überdauert – und gleichzeitig das Wissen, dass da auch eine Menge Eitelkeit drinsteckt.
Das macht den Menschen aus.
Etwas hinterlassen zu wollen, beinhaltet meistens ein gewisses Maß an Eitelkeit. Beachtet zu werden, macht stolz. Übers internet gelingt das heute vergleichsweise vielen. Wofür auch immer.
Aber ist das schon Beachtung? Wenn man ein paar Likes auf Instagram bekommt? Oder für ein paar Tage ein virales TikTok-Video hat?
Wie bei allem gilt auch bei der Beachtung: Masse oder Klasse.
Was sich ja durchzieht, ist ein gewisses Misstrauen gegenüber allen großen Erklärungen. Religion, Ideologie, auch der eigene künstlerische Anspruch … alles wird einmal durchgespielt und dann wieder infrage gestellt. Es bleibt am Ende also nichts, woran man sich endgültig festhalten kann. Sehen Sie das so?
Fragen zu können, muss man als genauso befriedigend ansehen, wie Antworten zu bekommen.
Ich hatte beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass hier jemand gleichzeitig festhalten und loslassen will…
Möglichst ohne Krampf im Arm oder im Hirn.
Viele Islamisten haben die Welt zurückgeworfen. Sicher. Das haben die USA übrigens auch. Da soll man für Abtreibungen wieder ins Gefängnis geworfen werden. Willkommen zurück im frühen 20. Jahrhundert.
Der Islamismus ist eben nicht der Islam.
Das Trumpismus ist auch nicht Amerika.
Auch wahr.
Solange, anders als in China, Mehrheiten in Demokratien wechseln können, ist alles drin.
Beeinflussen und Unterhalten. Das beschreibt wohl ziemlich gut, vor welcher Entscheidung viele stehen, die etwas öffentlich machen.
Geht doch auch Beides.
Zumindest versuche ich es.
Auf den Frühling freue ich mich riesig. Auch wenn mein Heuschnupfen meistens in den ersten paar Wochen noch dazwischenfunkt.
Ich gönne ihnen die Pause. Aber auf die Rinksche Bratensauce freue ich mich aber auch.
Bis dahin haben Sie dann hoffentlich wieder eine gute Nase!
Die Passagen über das Essen haben mich fast mehr interessiert als alles andere. Hahaha. Dieses genaue Wissen, was ein „Festmahl“ ist – das wirkt wie ein letzter Bereich, in dem noch Kontrolle möglich ist.
Also, ich maße mir Kontrolle auch in anderen Bereichen an, in meiner täglich wechselnden Kleiderfarbe zum Beispiel. Heute ist es apricot. Morgen vielleicht pink?
Beides hübsch
Hauptsache kein Rentnerbeige.
Quel horreur! Da muss ich immer daran denken, wie Ich meine 76 Jahre alte Oma in Erinnerung habe und wie nun meine Eltern im selben Alter aussehen.
Dagegen kann man was tut: farbig, aber nicht bunt!
Ich mag diesen Trotz am Ende. Dieses „Ich kann nicht anders“. Das rettet den Text für mich ein bisschen vor der Melancholie, die sonst schnell zu schwer werden könnte.
Bei anderen könnte „Ich kann nicht anders!“ auch in Melachonie umschlagen. Bei mir ist es eben Trotz statt Einsicht.
Sympathisch, denn Trotz ist ja viel lebendiger. Einsicht hat oft etwas Abschließendes, Endgültiges, als hätte man etwas verstanden und damit abgelegt. Trotz dagegen hält die Sache offen, widersetzt sich, bleibt in Bewegung. Ich mag diese Energie.
Das spornt mich richtig an! Altersbockigkeit.
Das Verhältnis von Körper und Geist zieht sich ja fast wie ein leiser roter Faden durch alles. Der Körper wird nicht verklärt, sondern eher misstrauisch beobachtet, fast wie ein Eigenleben. Und gleichzeitig merkt man, wie sehr das Denken von ihm beeinflusst wird.
Das ist eine späte Einsicht. Früher lief der Körper so mit. Jetzt verweigert er sich und verschafft sich dadurch Beachtung.
Man spielt nicht mit den Wörtern, das ist wirklich ein toller Satz. In einiger Hinsicht, natürlich nicht unbedingt als Autor, sollte man sich das ja tatsächlich zu Herzen nehmen.
Einzelne Wörter können viel aufbauen und viel zerstören. Im Wahlkampf werden sie immer wichtiger, mit Punkt nach jedem Wort. Strategie oder Masche? München. Reiter. Passt nicht mehr.
Warum eigentlich? Ist das wirklich nur weil die Aufmerksamkeitsspanne durch die Sozialen Medien so kurz geworden ist? Bzw. weil die Aussage auf einen Instagram-Slide passen muss?
Wer etwas in einem Wort zusammenfassen kann, gilt etwas. Mal ist es philosophisch, mal populistisch.
Ich entfolge mittlerweile allen Profilen, die auf Instagram nur platte Einzeiler teilen. Ich dachte eine zeit lang, dass es interessant und wichtig ist zu sehen, wie die Mehrheit der Leute denkt, oder was gerade so die Stimmungen sind. Mittlerweile regt es mich nur auf und deprimiert mich. Genug davon.
Was die Mehrheit denkt, ist vor Wahlen wichtig. Sonst muss man sich wohl, solange man in Ruhe gelassen wird und die Welt nicht ändern will, seinen eigenen Reim machen.
Ich habe es fast aufgegeben die Welt ändern zu wollen. Kapitulismus.
Allein gilt das ja auch als schwierig.
In der Stelle, in der von einer „Diktatur der Ausgeglichenheit“ die Rede ist und dann vorgeschlagen wird, sowohl die Alternative für Deutschland als auch Die Linke zu verbieten, steckt ja ein ziemlich klarer Gedanke drin: Wenn die Ränder stören, dann entfernt man sie einfach – und zwingt damit alle, sich in der Mitte einzurichten. Aber genau darin liegt der Widerspruch. Eine „Diktatur“, selbst wenn sie im Namen der Ausgeglichenheit auftritt, hebt ja gerade das auf, was Demokratie ausmacht: die Möglichkeit, unterschiedliche, auch unbequeme Positionen zu vertreten.
Es ist natürlich fast zynisch: Dieses „Dann müssen die Wähler eben das wählen, was übrig bleibt“ klingt wie eine Mischung aus Frust und Provokation. Es ist weniger ein ernst gemeinter politischer Vorschlag als ein Gedankenspiel: Was passiert, wenn man den Wunsch nach Ruhe und Ordnung konsequent zu Ende denkt? Nicht?
Gleichzeitig zeigt sich darin auch eine gewisse Ungeduld mit politischer Vielfalt. Die Extreme werden nicht mehr als Teil des Systems ausgehalten, sondern als Störung empfunden, die man beseitigen möchte. Aber genau das wäre eben der Punkt, an dem man selbst anfängt, undemokratisch zu denken – auch wenn man sich dabei auf „Ausgleich“ beruft.
Der Wunsch nach Balance kippt eben doch schnell in den Wunsch nach Kontrolle.
Darauf wollte ich aufmerksam machen. In meiner üblichen Art.
Vielen Dank für die unterhaltsame Staffel der Predigten. Ich wünsche Ihnen eine gute Pause.
+1
Danke! Es denkt sich ja weiter und will dann raus.
Die ganzen Erinnerungssachen haben bei mir fast Neid ausgelöst. Nicht auf Ihr Leben selbst, sondern auf die Klarheit, mit der diese Bilder noch da sind.
Die unklaren Bilder müssen halt aufgehübscht werden.
Das hilft auf alle Fälle um spannendere Geschichten zu schreiben. Lieben Dank für die Ihrigen.
Ich hasse die unschuldige Aussage: „Ich habe mir Mühe gegeben.“ Aber ich h a b e mir Mühe gegeben.
Ich finde die politischen Aussagen whrlich gesagt schwierig. Und nicht unbedingt, weil man sie nicht sagen darf, sondern weil sie so endgültig klingen. Da hätte ich mir mehr Zweifel gewünscht.
Wie ich formuliere: „borniert, apodiktisch und draufgängerisch“. Ein Beispiel – vor allem ein mahnendes.
Mahnende Beispiele sollte es viel mehr geben. Es wird immer sofort über Schwarzmalerei geredet, aber es hilft doch auch nicht weiter konstant zu beruhigen und Schönzureden. Dadurch ändern sich die Dinge nicht.
Satire braucht die Spitze, auf die sie es treiben kann.
Ich kenne das Gefühl, dass man morgens noch halb im Traum hängt und sich fragt, was eigentlich real ist.
Im Traum weiß man nicht, dass man träumt, aber im Wachsein ist man sich sicher, dass man wach ist.
Es gibt ja auch Wachträume. Das passiert mir relativ häufig am Morgen. Da bin ich eigentlich schon wach, träume aber trotzdem irgendwie noch weiter. Man könnte auch sagen ich phantasiere, ohne dass ich Kontrolle über meine Gedanken habe.
Interessant. Das kenne ich nicht.Ist das eher wie Rausch oder wie Betäubung?
Das ist spannend. Ich wollte immer solche Klarträume haben. Das muss ein echt interessantes Erlebnis sein.
Ich fürchte, das ist nicht erlernbar.
Hamlet/Hamnet ist ja gerade sogar wieder in. Das Harry Potter Remake auf HBO natürlich ebenso. Bisher ist das beides an mir vorbeigegangen. Dass wir schon soweit sind, dass der Mainstream neu aufgelegt wird, erstaunt mich allerdings.
Die Wiederholungen kommen immer schneller. Bald kommt das Remake vor dem Original.
Jepp. Anstatt der nächsten Staffel wird gleich die aktuelle Staffel mit anderen Schauspielern nachgedreht. Das wäre doch mal ein Konzept für Netflix, nein?
Wenn dabei die Geschlechtsmerkmale divers eingeebnet werden, auch für progressieve Konsumenten empfehlenswert.
Ein Mann mit Charakter! Ich wünschte, dass könnte man von Kanzler Merz sagen.
Das kann man doch! Und man findet immer genügend Leute, die es glauben.
Es hat ja auch noch niemand spezifiziert ob es um einen guten oder schlechten Charakter geht…
Charakterlos ist ja auch irgendwie schlimmer als ein schlechter Charakter …