Liebe Mitbewerber, liebe Konsumenten!
Im Alles. Diese Träume! Immer diese Träume! Schlaf macht schlaff. Ich komme erst spät auf den Markt. Zu spät? Die meisten Anbieter packen schon ihren Kram zusammen. Am Stand für Lebensmitteleien wartet keine Kundschaft mehr. Ich komme gleich dran. „Nein, mein Herr, tut mir leid“, sagt der Verkäufer oder Erzeuger oder Gott: „Transzendenz ist alle. Ich hätte noch schönes Diesseits im Angebot.“ – „Ach!“ Ich bin enttäuscht. „Na gut, geben Sie mir achtzig Jahre.“
Er legt das Zeug auf die Waage. „Darf’s etwas mehr sein?“ – „Meinetwegen.“ Kommt ja nicht so drauf an. Was zu viel ist, wird eben weggeworfen. (Für die Tafel wäre es wohl zu schäbig.) Aber erst mal trage ich mein Päckchen. Ich trage es brav und ohne zu murren.

Nun bin ich also im Diesseits. Hier ist alles endlich. Gott sei Dank! Was anfängt, wie gerade der Krieg im Nahen Osten, muss irgendwann auch wieder aufhören. Vom Grashalm bis zur Riesenschildkröte, die immerhin 200 Jahre alt werden kann, ist alles, was lebt, vergänglich. Materie weniger. Aber wer will schon als Eisen rosten oder als Plastik die Meere verunreinigen? Ich bin ein Mensch. Manche von uns glauben, sie hätten eine unsterbliche Seele. – Eine willkommene Ausrede! Denn der Mensch ist nicht gerade eine Glanzleistung der Evolution. Er kann weder rennen wie die Antilope noch klettern wie der Affe. Der Adler kann besser sehen, die Fledermaus kann besser hören, der Hund kann besser riechen, der Schwan kann schöner singen. Das Krokodil hätte der Evolution den Menschen längst aus der Entwicklung rausgefressen, hätte sie ihm nicht doch noch etwas mitgegeben, was ihn überlebensfähig macht: seinen Verstand (nicht bei allen gleich gut ausgeprägt, aber zur Kommunikation im Rudel reicht es). Durch sein Bewusstsein schafft es der Mensch, sich als Krone der Schöpfung zu empfinden, ob es nun stimmt oder nicht. Seinen Stern als den Mittelpunkt des Alls zu sehen, musste er sich allerdings bereits abgewöhnen.
Abfallprodukte des Verstandes sind unerklärliche und erklärbare Gefühle, ein Kosmos für sich, der behindert und vorwärtsdrängt. Die Gefühle können stören und helfen, und so gut wie keiner möchte sie missen. Anbieter stellen sich darauf ein und bedienen die Empfindungen mit ihren Produkten: von der Werbung über die Aufmachung bis zum Inhalt. Konsumenten fühlen sich bisweilen unangenehm durchschaut, aber lieber noch kaufen sie und genießen. Da bin ich keine Ausnahme.
Ich heiße hier Hanno Rinke und verschlafe niemals. Ich zerstöbere die Vergangenheit mit meinen Gedanken und plane unablässig die Zukunft: Reiseziele, Sitzordnungen, Antworten auf Fragen, von denen ich hoffe, dass sie mir irgendwann mal gestellt werden. Dazwischen gibt es ein Abstraktum, das heißt ‚Gegenwart‘. Es ist vorbei, sobald man es denkt, aber einige Superschlaue definieren ‚Gegenwart‘ als alles seit Galilei oder seit Einstein oder seit vorigem Sommer. Modern ist die sogenannte ‚Gegenwart‘ hier immer. Zeitlos ist sie selten. Wie in den 1960er-Jahren Mietshäuser gebaut und Männerhaare (nicht) beschnitten wurden, das finden die Heutigen total überholt. Miniröcke waren 1965 modern. Jetzt modern sie im Mülleimer der Geschichte. Aber dann kommt ‚Retro‘: Man kramt das – plötzlich wieder – Brauchbare raus aus dem Dreck und verkauft es teurer als beim ersten Mal.
Hier im Diesseits muss ich selber meinen Stand auf dem Markt aufbauen. Ein bunter, lärmiger Markt oder ein griesgrämiger, öder: Es kommt ganz darauf an, wie ich den Markt sehe – so ist er dann. Ich verkaufe überwiegend mich: nett verpackt in erträglichen Dosen. Seine Haut zu Markte zu tragen, gilt als unfein, als ehrenrührig, als abgeschmackt. Da es trotzdem so gut wie jeder macht, braucht man es nur anders zu benennen, und gleich ist es ehrenvoll oder gewieft oder notwendig, also erlaubt.
Besonders beliebt ist es, etwas in seine Haut einprägen zu lassen. Es gibt Ornamente und vorgestanzte Embleme, auch Rektum-Geweihe. Tätowierte denken, dadurch ihre Einmaligkeit zu unterstreichen. Ein Irrglaube. Diesem Wahn erliegen leider viele Anbieter auf ihren sehr unterschiedlichen Suchen nach Erleuchtung, Originalität oder Kundschaft. Ringe in Nase, Ohr, Lippe, Zunge, you name it! Eine Unsäglichkeit ‚name‘ ich aber selbst noch: ‚Es wird vertikal in die Falte der oben zusammenlaufenden großen Schamlippen gestochen und tritt am Venushügel wieder aus.‘1
Am Markt ist einfach jeder Körperteil gefragt, nicht bloß die Haut: Seinen Fuß in der Tür zu haben ist besser, als ganz draußen zu bleiben. Bis jemand die Tür zuknallt: Fuß ab! Seine Finger im Spiel zu haben ist gut, solange es keiner merkt. Sonst: Blamage oder Verurteilung. Aber ob, wann und wie das passiert, ist völlig ungewiss und der Mode unterworfen. Trump macht das sehr geschickt. Der gibt sich gar nicht erst bigott, sondern gleich brachial. Er weiß: Nie darf man sich erwischen lassen. Ein raffinierter Schachzug, um dem vorzubeugen, ist: Ehrlichkeit. Bei Stormy Daniels und Jeffrey Epstein bestand da noch Lernbedarf, bei Venezuela und Grönland schon nicht mehr.
Wer den Markt scheut oder verachtet, kann Beamter werden. Aber vermutlich werden auch Professoren auf dem Uni-Campus gehandelt. Zumindest sind für deutsche Dozenten fast sechs Prozent Gehaltszulage bei den Tarifverhandlungen im Februar erhandelt worden. Weil das ganze Volk in ihre Vorlesungen strömen will? – Nein, weil der öffentliche Dienst mit seinen Busfahrern ein so wirksames Erpressungspotenzial hat.
Politiker erwähnen ständig die ‚hart‘ arbeitenden Menschen, die es sicher gibt, aber wie die schwarzfahrenden Menschen sind sie nicht der viel beschworene Regelfall. Ich zum Beispiel habe immer weich an meiner Markt-Karriere gestrickt, gebe aber unumwunden zu, dass Weicharbeiter wie ich im Allgemeinen mehr verdienen als die, die wirklich körperlich hart arbeiten. Das, was der Verstand leisten sollte, wird hier höher dotiert als das, was der Körper leisten muss.
Nicht erst seit es alternative Wahrheiten gibt und Angriffskriege ‚Spezial-Operationen‘ heißen, als sei man in einem ideologischen OP, ist es üblich, das, was man verkaufen will, so zu nennen, dass die Kundschaft zufrieden ist. Neben diesem Schmu gibt es EU-Richtlinien, die bestimmen, dass auf jeder Packung alles Mögliche stehen muss, was kein Mensch liest, und die Angst vor Atomkraftwerken und genmanipulierter Nahrung ist immer noch so groß, dass besonders fortschrittliche Verbraucher sich eher mit Kornkäfern und Getreidemotten anfreunden können als mit dagegen geimpftem Weizen. Diese umweltbewussten Mit-Diesseitigen sorgen sich um den ewig strahlenden Atommüll, und es wäre verblendet, zu behaupten, sie wollten zurück zu einer Welt, in der sich noch die Sonne um die Erde drehte. Sie denken eben alles zu Ende. Nur nicht die Reaktionen der anderen Anbieter und Kunden auf dem Markt. Das ist keine Fehleinschätzung wie bei einem Sturm, der schon nicht so heftig toben wird, es dann aber doch tut. Nein, es ist ein Blick in den wolkenfreien Himmel. Einen Sturm, den gibt es nicht. Na, gut! Da ticke ich anders. Ich bin mit Sprüchen wie ‚Klappern gehört zum Handwerk‘ und ,Du musst mit den Wimpern klimpern‘ groß geworden. Algorithmen kamen erst später dazu. Etwa gleichzeitig mit den Umweltaktivist:innen. Besorgte, die sich als ‚links‘ einstufen, legen Stromnetze und Flughäfen lahm. Sie wissen: besser jetzt Kältetote als später mal CO2-Tote. Im Berliner Südwesten traf es im Januar ja sowieso keine Proletarierinnen, sondern Ausbeuter. Da stellt sich der Mindestlohn-Blumenbinderin in der Friedhofsgärtnerei, Onkel-Tom-Straße, sogar noch eine selbstbestimmte Aufgabe, die ihr von der KI nicht so leicht weggeschnappt werden kann. Nur: Wie lange darf die Straße noch so heißen?
‚Sensibilität‘, vor allem in Hautfarben- und Geschlechtszugehörigkeitsfragen, ist hier unter Progressiven Voraussetzung, damit man überhaupt den Mund aufmachen darf, und das möglichst, um das Regiment der alten, weißen Männer zurechtzurücken. Der von der Jugend nicht mehr ernst genommene Fack-ju-Göhte-Dichter wird deshalb zeitgemäß korrigiert:
Rosa sah ein Knäblein stehn,
Knäblein auf der Heiden.
War so jung und morgenschön,
lief sie schnell, ihn nah zu sehn,
sah’s mit vielem Neiden.
Vieles bleibt mir rätselhaft: Jemand, der ganz groß ist, muss doch eine ganz andere Perspektive, ein ganz anderes Lebensgefühl haben, als jemand, der ganz klein ist. Von der Bewusstwerdung bis zum Tod. Wenn ich darüber zu verzweifeln drohe, was Menschen einander antun, dann frage ich mich zwischendurch auch manchmal, wie es sein kann, dass sie einander überhaupt verstehen bei all den Unterschieden. Denn wer weiß, dass er recht hat, der weiß auch, dass er sich alles erlauben kann: Das Schlimme muss beendet und das Gute durchgesetzt werden. Unbedingt. Und weil er oder sie das noch selbst erleben will, hat es Eile mit der Guillotine, mit der Diktatur des Proletariats und mit der Reduzierung des Kohlendioxids. Die Dinge einfach laufen lassen? Das wäre eine Option für Feiglinge, also keine, die in Betracht kommt. Die Wahl der Mittel entscheidet über die Akzeptanz, und die Wahl an der Urne entscheidet über die Regierung. Entscheidungen, immerzu Entscheidungen! Sogar in Demokratien sind sie nach ewig langem Hin und Her irgendwann mal unerlässlich.
Was werfe ich auf den Markt und welchen Preis kann ich dafür verlangen? Mit dem Zoll-Hin-und-Her zwischen den USA und dem Rest der Welt kennt man sich inzwischen ja weder an der Börse noch auf dem Flohmarkt aus. Die erfolgreichste Messe findet wieder in der Kirche statt.
Wenn ich ‚Bio‘ auf meine Ware draufschreibe, kann ich gleich zwei Euro draufschlagen. Wenn’s stimmt, umso besser. Klingt halt gut.
Nehmen die Abnehmer es mir ab, mein Engagement für die gute Sache, und sind sie auch bereit, mehr dafür zu zahlen? Wie viel Glück schafft mein Produkt? Textilien aus Bangladesch sind nicht nachhaltig. Kaufrausch ist nicht nachhaltig. Glück ist nicht nachhaltig. Glück besteht inzwischen vor allem aus der Abwesenheit von Unglück. Ich habe KEINE Angst, KEINE Sorgen, KEINE Schulden. Oder das Glück besteht darin, Wunschlosigkeit zu vermeiden. Leicht hungrig vom Essen aufzustehen: Das ist Glück. Wer sich fragt: „Bin ich glücklich?“, der ist wohl glücklich. ‚Die‘ natürlich auch. Wenn beide unglücklich wären, hätten sie es schon gemerkt, und alles, was nicht unerträglich ist, muss man sich halt zwingen, als ‚glücklich‘ zu definieren.
Unglücklichsein ist zweifellos literarischer. Die Beschreibung von Glück interessiert keine Sau, nicht mal eine lesende. Konfliktlosigkeit muss einsam genossen werden, kommt aber in der Realität nicht vor, höchstens als Zeichen von Unsensibilität, also getarnt. Unglück allein reicht aber auch nicht aus als Gesprächsstoff. Es muss schon ein Ereignis her, damit man darüber sprechen kann. Nicht jeder bringt es dabei zur Brillanz von Tolstois ‚Anna Karenina‘-Anfang. ‚Mein Kanarienvogel ist weggeflogen‘ muss oft reichen und erntet bereits mehr Aufmerksamkeit als ‚Ich fühl’ mich heut’ nicht so …‘ Ein guter Verkäufer ist immer auch ein guter Redner und umgekehrt. Der geöffnete Mund kommt vor der ausgestreckten Hand. Erst das Wort, dann die Ware. Der Anbieter, dem die Leute glauben, der kann auch seinen Müll als ausgefallene Spezialität verkaufen. Zur Not ist es halt Kunst, also teuer.

Ich hatte schon einiges mit Leuten, die sich ‚Künstler‘ nannten, zu tun gehabt und wusste deshalb: Ein Talent spielt schnell verrückt. Ein Genie wird bloß wahnsinnig. Wegen solcher Behauptungen hielt ich mich eine Zeit lang für einen durch und durch schlechten Menschen, dessen gerechte Strafe das Diesseits hier ist: Leben und Leben hassen. Doch schließlich verzieh ich mir und wurde keck. Da habe ich dann meinen Körper gern an den Mann gebracht, aber nie gegen Geld, jedenfalls nicht gegen sofortige Bezahlung. Mittelfristig hat sich mein physischer Einsatz trotzdem vor allem finanziell gelohnt, weil ich hübsch zurechtgemacht (nur selten nackt) meine jeweiligen Aufgaben besser erfüllen konnte, im Beruf schneller aufstieg und mehr verdiente. Ein festes Ziel zu haben, das ist immer wichtig, hier im Diesseits. Aber Ziele fallen nicht vom Himmel. Man muss an sie glauben können. Mit der Dreifaltigkeit ist es ähnlich. Auch sie fällt ja nicht vom Himmel, um den Glauben an sie zu untermauern. Ist ein Ziel allerdings erreicht, dann muss man sich ein neues suchen. Da hatte ich Glück. Weil ich meine Ziele nie erreicht hatte, konnte ich bei den alten bleiben. Das war praktisch: jahrelang dieselben Aufgaben, Aufgeben nicht erforderlich. Zunächst mal versuchte ich es mit Lyrik.
Nina, die zweitbeste Freundin meiner Mutter, musste nach ihrer Scheidung arbeiten. Erika, die beste Freundin meiner Mutter, musste das nicht, weil ihr Mann Werner, der sich eigentlich von ihr auch hatte scheiden lassen wollen, starb, bevor er seinen Entschluss in eine befreiende Tat hatte umsetzen können. Ihn selbst wollte eigentlich gerade sein Betrieb rauswerfen, also, das war nicht sein eigener, aber, weil Werner tot war, ging das nun nicht mehr, und deshalb bekam Erika eine so ordentliche Pension, dass sie sorgenfrei leben konnte, statt zu arbeiten, was ihr ohnehin nicht besonders lag. Wissen tue ich das alles von meinem Vater und bin deshalb sicher, dass es stimmt. Mein Vater war damals verschwiegener als später und schon vorher so vertrauenswürdig gewesen, dass er zum Vorsitzenden der Berliner Energieversorgung, prosaischer: der ‚Kohlevereinigung West‘, gewählt worden war. In dieser Funktion hatte er Hinterbliebenenpensionen zu bestimmen und war gegenüber Erika, die er nicht leiden konnte, großzügig gewesen. (Das war ihm leichtgefallen, weil er ja nicht selber zahlen musste.)
Erika hatte vor ihrer Heirat im Modehaus Horn am Kurfürstendamm den Damen am Eingang ‚Guten Tag‘ sagen müssen, und zwar dermaßen freundlich, dass die berufsmäßigen Gattinnen möglichst viel Haushaltsgeld in Berlins angesagtestem Bekleidungsinstitut ausgaben: ein Modemarkt, dessen gehobenes Sortiment man hier im umzingelten Westberlin anstandslos, also mit Anstand, anbieten und sich anbieten lassen konnte. Anbiedern durfte sich Erika dabei selbstverständlich nicht. Bloß empfehlen. In dieser ihrer Funktion als Animierdame hatte meine Mutter Erika auch zunächst kennengelernt, dann auf ein Kostümfest zu uns nach Hause eingeladen (ich war damals zwei) und sie schließlich mit Werner verkuppelt, was Erika nach der Trauung hochnäsig machte, allerdings so hochnäsig, dass Werner sich doch lieber wieder von ihr trennen wollte, aber nicht mehr dazu kam, weil er dann ja – wieso auch immer – starb. Ich verwende hier die Originalnamen, weil ich an keine noch lebenden Nachkommen der Angeführten glaube und Überprüfungen eher wünschenswert fände.
Nina musste also im Gegensatz zu Erika arbeiten und tat das im Merlin-Verlag, wo sie sich vor den Veröffentlichungen von Jean Genet ekelte. Gleichzeitig bekam sie aber eine Ahnung vom Verlagswesen und nannte mir einige Adressen, an die ich bald nach dem Abitur meine Gedichte schickte. Keiner wollte sie, und so ging es mein Leben lang weiter. Eine Aufzählung des Grauens:
1967 lehnte mich die neu gegründete Münchner Filmhochschule als Regie-Aspiranten ab. Dabei habe ich bei der Aufnahmeprüfung schlüssig darüber referiert, was ich mir unter Dramaturgie vorstelle.
1968 reichte ich meinen selbst (eigenwillig) gesungenen potenziellen Hit Regen und Gewitter beim Schlager-Wettbewerb ein. Text-Fortsetzung:
… sind für Touristen bitter,
für mich war dieser Wolkenbruch der Durchbruch in mein Glück.
Wolkenbruch und Regen,
die machten dich verlegen,
du warst bis auf die Haut durchnässt und küsstest mich zurück.
Wolkenbruch und Regen,
ich habe nichts dagegen,
wenn stundenlang die Blitze peitschen und der Donner kracht.
Wolkenbruch und Regen,
das bringt uns Erntesegen.
Regen und Gewitter,
da werde ich zum Ritter,
da reit’ ich wie ein Held zur Schlacht,
da werde ich verwegen,
da kommt es zum Gewitter und Gezitter in der Nacht.
Das Tonband bekam ich nie zurück. Auch meine durchdachten Sonaten fanden kein Gehör, und meine streng komponierten Orchesterwerke spielten weder selbst eine Rolle, noch wurden sie von anderen gespielt.
Ich schrieb Theaterstücke, die keine Bühne aufführte, und Romane, die kein Verlag veröffentlichte. Der Markt entschied sich gegen mich, was den Kunden die Auswahl ersparte. Eine meiner textlastigen Vorlagen, die im vergangenen Jahr prominent verfilmt worden ist, wartet auch immer noch auf den Verleih, der das Werk in die Kinos bringt. Jedes Jahr habe ich einen Film gedreht, der in Bild, Text und Musik das Lebensgefühl der Zeit einzufangen versuchte. Veröffentlicht? – Nie. Bitter. Brauche ich also Süßstoff? Bitte nein! Pfeffer? Hab’ ich. Na ja …
In meinen Gedanken neige ich vielleicht zum Extremen, in meinem Handeln eher zum Schlichten. Doch einfach nur stattfinden – ohne zu fragen, ohne zu klagen, ohne zu hadern. Wünschenswert? Das, was man will, ist wertvoller als das, was man hat. Nichts mehr zu wollen, ist ein Zeichen von Genügsamkeit oder von Depressionen. In beiden Disziplinen bin ich nicht zu Hause. Das Schrille und das Stille – das ist meine Welt. Eigentlich doch eine gute Voraussetzung. Hat trotzdem nicht geklappt.
Erfolgreicher als an den Kunstmärkten war ich an den Finanzmärkten. Dass Sparbücher nichts taugen, wusste ich. Neben meinem sehr auskömmlichen Verdienst im Beruf kam mir eine Erbschaft zugute. Im Gegensatz zu vielen Deutschen hatte ich keine Angst vor der Börse, investierte kühl, diversifizierte ordentlich und ließ mich professionell beraten. So brachte ich es nicht zu Ruhm, wohl aber zu erfreulichem Wohlstand. Infolgedessen werde ich von Lohnempfängern professionell umsorgt und pflege eigenverantwortlich meine Interessen. Mein polnischer Betreuer nennt mich abwechselnd ‚Chef‘ und ‚mein lieber Freund‘. Beides gefällt mir. Er summt unablässig etwas, das ohne Tonika und Dominante auskommt, und ich muss ohne etwas auskommen, das ich früher mit Leidenschaft praktiziert habe: Einkaufen. Auf dem Wochenmarkt, im Laden, zwischen den Gängen der Riesen-Supermärkte. Keine Verkäuferin anzuflirten, keinen Sortierer anzugrinsen, keine Kundin anzurempeln (Verzeihung!) – es fehlt mir wie das Klavierspielen, das Autosteuern, das Mit-der-Hand-Schreiben. Aber Sentimentalität führt weiter, und zwar ins Abseits.
Inzwischen bestelle ich alles im Internet, wofür ich früher mit zielsicherer Aufgeschlossenheit durch die Feinkost-Tempel gewallfahrtet bin. Mein Handy rühre ich wochenlang nicht an, aber die Festplatte ist meine Verbindung zur Innen- wie zur Außenwelt. Im Mittelalter wäre ich jetzt nicht bloß tot, sondern auch ohne Internet. Das Entsetzen darüber teile ich mit den Enkeln meiner Altersgenossen. Das Gewöhnliche, das ich früher immer selbst bei Aldi in den Einkaufswagen geworfen habe, wird jetzt von denen, die mich umsorgen, dort gekauft, wo auch die mit Meersalz verfeinerte Butter herkommt. Macht ja nichts. Ich habe keine Erben.
Rezepte lasse ich mir inzwischen durch die KI vorschlagen, kochen lasse ich nach wie vor selber. Gourmets schmecken den Unterschied. Weil ich seit meinem Schlaganfall etwas unbeholfen bin, belehrt Robert die Essensgäste: „Chef hat gekocht mit meine Hände.“
In der Küche verwenden wir das Würzigste, was der Markt gerade zu bieten hat: mehr in Richtung Chili als in Richtung Haferschleim. Etwas anderes als die eigene Zunge im Mund zu haben, kann erfreulich sein. Muss es aber nicht. Küsse, Pralinen und Tabletten erzeugen sehr unterschiedliche Reize am Gaumen. Die Tabletten sollen schützen. Aber der Tod droht. Mir jedenfalls. Von Ferne. Noch. Allmählich werden die Stände um mich herum abgebaut. Ach ja, der Verkäufer, Erzeuger, Gott hatte ja recht: Es durfte und es darf ruhig noch ein bisschen mehr sein. Immer noch. Wer jung stirbt, stirbt zwar ohne Altersflecken, er/sie nimmt aber auch weniger Erfahrungen mit in sein gemütliches Grab oder in seine formschöne Urne. Das wäre doch schade!
Mit all meinen guten Wünschen für eure weihevolle Auferstehung als Mahnerin, als Marketingmann oder als umweltfreundliche Ware – im Alles lässt sich das vom Catering bestimmt organisieren – steige ich lobpreisend von meiner Kanzel und gehe wieder mal in mich. Bis zum nächsten Sonntag.
Euer selbst- und auch sonst zufriedener
Hanno Rinke

Quelle: 1Wikipedia
Grafiken: Kl-generiert via Midjourney | Video: H. R. Privatarchiv/Produktion: ALEKS & SHANTU

Retro, Bio-Label und Guillotine in einem Atemzug – das ist schon ziemlich virtuos.
Schönen Sonntag, Herr Rinke.
Danke, aber ich muss gestehen, es brauche schon ein paar Atemzüge mehr, um den Text zu konzipieren.
Diese autobiografischen Rückblicke auf Ihre künstlerischen Zurückweisungen haben eine tragikomische Qualität. Die Aufzählung der gescheiterten Projekte (Filmhochschule, Schlager, Sonaten, Theaterstücke) liest sich wie eine Chronik verpasster Gelegenheiten. Und doch schwingt darin kein Selbstmitleid, sondern eine fast stoische Feststellung: Der Markt entschied anders. Das ist irgendwie bitter und gleichzeitig befreiend nüchtern.
Verpasste Gelegenheiten gibt es ja immer. Und trotzdem findet das Leben dann seinen Weg. Der Erfolg des Blogs zeigt es doch, nicht wahr?
Was ich unterschlagen habe: Im Beruf war ich ja auch erfolgreich.
Am Ende bleibt dieses leise Trotzige: Es darf ruhig noch ein bisschen mehr sein. Genau.
Das sieht man mit 79 halt anders als mit 19. Bei Khamenei war es aber genug.
Die Nachrichten heute Morgen haben mich verwundert. Grundsätzlich ist es sicher gut, dass er als Diktator ausgeschaltet ist. Aber was nun kommt, dafür scheint es keinen wirklichen Plan zu geben. Ähnlich wie schon im Irak damals.
Dabei kommt es nicht nur auf einzelne Persönlichkeiten an, sondern auf Mut und Stimmung des Volkes. Darum ist die Zukunft bei solchen Eingriffen schwer vorhersagbar. Aber ich habe Hoffnung!
Wenn Sie schreiben, dass Sie sich „in erträglichen Dosen“ verkaufen, benennen Sie eine Form der Selbstinszenierung, die nicht als Ausnahme, sondern als Regel erscheint. Das Sich-Anbieten wird zur sozialen Praxis, die nur unterschiedlich benannt wird – je nach Kontext ehrbar oder anstößig.
Wem man sich bis zu welchen Grade zumuten kann, entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Zu wenig ist genauso verkehrt wie zu viel.
Was ist das denn für ein Kinoprojekt, von dem Sie da sprechen? Das klingt interessant! Ich hoffe, es findet sich ein Weg zum Zuschauer…
Es wird nochmal dran gearbeitet, um es marktfreundlicher zu machen. Die großen Namen allein ziehen offentlich nicht. Ich schreibe wohl zu vertrackt.
Oh! Wie? Ein Rinketext mit großen Schauspielnamen verfilmt? Wikelich? Ich bin sofort dabei 🤗
Ebenso
Die Passage über Gegenwart und Modernität zeigt doch gut, wie sehr Zeitbegriffe von ihren Definitionen abhängen. Was heute noch „modern“ ist, wird durch Abgrenzung bestimmt und kann schnell wieder obsolet werden. Das Wiederauftauchen als „Retro“ verweist darauf, dass der Markt auch mit Vergangenem operiert, sofern es sich eben neu etikettieren lässt.
Der freie Markt ist schwer vorhersehbar. Darum scheuen Diktatoren ihn.
Schlaf macht schlaff ist heute Morgen auch mein Motto
Jemand Komisches sagte mir mal, er fühle sich nach Schlaf ausgeruht.
Unverständlich!
In Ihrem Text erscheint der Markt weniger als Ort des Handels denn als Grundzustand des Lebens. Er ist kein abgegrenzter Raum, sondern eine dauerhafte Situation. Man steht nicht nur gelegentlich am Stand, man ist der Stand. Lebenszeit wird abgewogen, Eigenschaften werden ausgestellt, Haltungen etikettiert. Selbst das Scheitern bekommt einen Preis, selbst das Glück eine Verpackung. Der Tausch hört nicht auf, er verlagert sich nur von Dingen auf Identitäten. Treffend, aber eigentlich schaudert es einen dabei nur.
Wenn man es akzeptiert, vielleicht sogar damit spielt, wird es erträglicher.
Es bleibt ja nichts anderes übrig.
Dass die Beschreibung von Glück keine Sau interessiert, erkläre ich meinem Freund auch immer. Er beschwert sich oft, dass sämtliche Filme, Serien, Romane so verstörend, traurig, aufwühlend, etc. sind. Aber was soll man schon erzählen, wenn alle einfach happy sind?!
Er kann ha RomComs schauen.
Viel Vergnügen!
Der Zustand von Glück ist eine einzige Harmonie. Wie soll man damit ein Musikstück schreiben?
Während die Kunstmärkte Sie abwiesen, belohnte Sie die Börse. Das wirft eine stille, aber schneidende Frage auf: Was misst Erfolg eigentlich?
Auf ein erfolgreiches Leben kann einer zurückblicken, der vierzig Jahre nach seinen Acker bestellt hat, aber auch einer, der 40 Jahre lang in der Weltpolitik mitgemischt hat.
Mark Zuckerberg ist weltweit erfolgreich. Beliebt oder beneidet? Eher nicht.
Richtig. Letztendlich wertet jeder wieder selbst was für ihn Erfolg bedeutet. Da nützt das Ansehen oder der Neid von außen gar nicht immer viel.
Wenn Sie Gefühle „Abfallprodukte des Verstandes“ nennen, ist das erstmal ein Schlag. Als wären sie bloß Nebenprodukte vom Denken, kein großes Mysterium. Aber genau das macht den Reiz aus: Gefühle sind dann nicht heilig oder tiefsinnig per se, sondern etwas, das halt entsteht und trotzdem ordentlich Wirbel macht.
Tiere fühlen sicher auch ohne Verstand, aber seine Gefühle zu verstehen und einzuordnen, bedeutet Menschsein.
Der Markt als Dauerzustand. Das leuchtet ein. Man steht eigentlich nie wirklich „hinter“ dem Stand, sondern immer mittendrin.