Teilen:

0103
Sonntagspredigten

Markttag!

Liebe Mitbewerber, liebe Konsumenten!

Im Alles. Diese Träume! Immer diese Träume! Schlaf macht schlaff. Ich komme erst spät auf den Markt. Zu spät? Die meisten Anbieter packen schon ihren Kram zusammen. Am Stand für Lebens­mitteleien wartet keine Kundschaft mehr. Ich komme gleich dran. „Nein, mein Herr, tut mir leid“, sagt der Verkäufer oder Erzeuger oder Gott: „Trans­zendenz ist alle. Ich hätte noch schönes Dies­seits im Angebot.“ – „Ach!“ Ich bin enttäuscht. „Na gut, geben Sie mir achtzig Jahre.“

Er legt das Zeug auf die Waage. „Darf’s etwas mehr sein?“ – „Meinet­wegen.“ Kommt ja nicht so drauf an. Was zu viel ist, wird eben weggeworfen. (Für die Tafel wäre es wohl zu schäbig.) Aber erst mal trage ich mein Päckchen. Ich trage es brav und ohne zu murren.



Nun bin ich also im Diesseits. Hier ist alles endlich. Gott sei Dank! Was anfängt, wie gerade der Krieg im Nahen Osten, muss irgendwann auch wieder aufhören. Vom Gras­halm bis zur Riesen­schild­kröte, die immerhin 200 Jahre alt werden kann, ist alles, was lebt, vergänglich. Materie weniger. Aber wer will schon als Eisen rosten oder als Plastik die Meere verun­reinigen? Ich bin ein Mensch. Manche von uns glauben, sie hätten eine unsterb­liche Seele. – Eine will­kommene Ausrede! Denn der Mensch ist nicht gerade eine Glanz­leis­tung der Evolution. Er kann weder rennen wie die Anti­lope noch klettern wie der Affe. Der Adler kann besser sehen, die Fleder­maus kann besser hören, der Hund kann besser riechen, der Schwan kann schöner singen. Das Krokodil hätte der Evolu­tion den Menschen längst aus der Ent­wicklung rausge­fressen, hätte sie ihm nicht doch noch etwas mitge­geben, was ihn über­lebens­fähig macht: seinen Verstand (nicht bei allen gleich gut ausge­prägt, aber zur Kommu­ni­kation im Rudel reicht es). Durch sein Bewusst­sein schafft es der Mensch, sich als Krone der Schöp­fung zu empfinden, ob es nun stimmt oder nicht. Seinen Stern als den Mittel­punkt des Alls zu sehen, musste er sich aller­dings bereits abgewöhnen.

Abfallprodukte des Verstandes sind uner­klär­liche und erklär­bare Gefühle, ein Kosmos für sich, der behindert und vorwärts­drängt. Die Gefühle können stören und helfen, und so gut wie keiner möchte sie missen. Anbieter stellen sich darauf ein und bedienen die Empfin­dungen mit ihren Produkten: von der Werbung über die Auf­machung bis zum Inhalt. Konsu­menten fühlen sich bisweilen unange­nehm durch­schaut, aber lieber noch kaufen sie und genießen. Da bin ich keine Ausnahme.

Ich heiße hier Hanno Rinke und verschlafe niemals. Ich zerstö­bere die Vergangen­heit mit meinen Gedanken und plane unab­lässig die Zukunft: Reise­ziele, Sitz­ordnungen, Antworten auf Fragen, von denen ich hoffe, dass sie mir irgend­wann mal gestellt werden. Dazwi­schen gibt es ein Abstraktum, das heißt ‚Gegenwart‘. Es ist vorbei, sobald man es denkt, aber einige Super­schlaue definieren ‚Gegenwart‘ als alles seit Galilei oder seit Einstein oder seit vorigem Sommer. Modern ist die sogenannte ‚Gegenwart‘ hier immer. Zeitlos ist sie selten. Wie in den 1960er-Jahren Miets­häuser gebaut und Männer­haare (nicht) beschnitten wurden, das finden die Heutigen total überholt. Mini­röcke waren 1965 modern. Jetzt modern sie im Müll­eimer der Geschichte. Aber dann kommt ‚Retro‘: Man kramt das – plötzlich wieder – Brauch­bare raus aus dem Dreck und verkauft es teurer als beim ersten Mal.

Hier im Diesseits muss ich selber meinen Stand auf dem Markt aufbauen. Ein bunter, lärmiger Markt oder ein gries­grämiger, öder: Es kommt ganz darauf an, wie ich den Markt sehe – so ist er dann. Ich verkaufe über­wiegend mich: nett verpackt in erträg­lichen Dosen. Seine Haut zu Markte zu tragen, gilt als unfein, als ehren­rührig, als abge­schmackt. Da es trotz­dem so gut wie jeder macht, braucht man es nur anders zu benennen, und gleich ist es ehrenvoll oder gewieft oder notwendig, also erlaubt.

Besonders beliebt ist es, etwas in seine Haut einprägen zu lassen. Es gibt Orna­mente und vorgestanzte Embleme, auch Rektum-Geweihe. Täto­wierte denken, dadurch ihre Einmalig­keit zu unterstreichen. Ein Irr­glaube. Diesem Wahn erliegen leider viele Anbieter auf ihren sehr unter­schied­lichen Suchen nach Erleuch­tung, Origi­nalität oder Kund­schaft. Ringe in Nase, Ohr, Lippe, Zunge, you name it! Eine Unsäg­lichkeit ‚name‘ ich aber selbst noch: ‚Es wird vertikal in die Falte der oben zusammen­laufenden großen Scham­lippen gestochen und tritt am Venus­hügel wieder aus.‘1

Am Markt ist einfach jeder Körper­teil gefragt, nicht bloß die Haut: Seinen Fuß in der Tür zu haben ist besser, als ganz draußen zu bleiben. Bis jemand die Tür zuknallt: Fuß ab! Seine Finger im Spiel zu haben ist gut, solange es keiner merkt. Sonst: Blamage oder Verur­teilung. Aber ob, wann und wie das passiert, ist völlig ungewiss und der Mode unter­worfen. Trump macht das sehr geschickt. Der gibt sich gar nicht erst bigott, sondern gleich brachial. Er weiß: Nie darf man sich erwischen lassen. Ein raffi­nierter Schach­zug, um dem vorzubeugen, ist: Ehrlich­keit. Bei Stormy Daniels und Jeffrey Epstein bestand da noch Lern­bedarf, bei Venezuela und Grönland schon nicht mehr.

Wer den Markt scheut oder verachtet, kann Beamter werden. Aber vermut­lich werden auch Profes­soren auf dem Uni-Campus gehandelt. Zumindest sind für deutsche Dozenten fast sechs Prozent Gehalts­zulage bei den Tarif­verhand­lungen im Februar erhandelt worden. Weil das ganze Volk in ihre Vorle­sungen strömen will? – Nein, weil der öffent­liche Dienst mit seinen Bus­fahrern ein so wirksames Erpres­sungs­potenzial hat.

Politiker erwähnen ständig die ‚hart‘ arbeiten­den Menschen, die es sicher gibt, aber wie die schwarz­fahrenden Menschen sind sie nicht der viel beschworene Regelfall. Ich zum Beispiel habe immer weich an meiner Markt-Karriere gestrickt, gebe aber unum­wunden zu, dass Weich­arbeiter wie ich im Allge­meinen mehr verdienen als die, die wirklich körper­lich hart arbeiten. Das, was der Verstand leisten sollte, wird hier höher dotiert als das, was der Körper leisten muss.

Nicht erst seit es alternative Wahr­heiten gibt und Angriffs­kriege ‚Spezial-Operationen‘ heißen, als sei man in einem ideo­logischen OP, ist es üblich, das, was man verkaufen will, so zu nennen, dass die Kund­schaft zufrieden ist. Neben diesem Schmu gibt es EU-Richtlinien, die bestimmen, dass auf jeder Packung alles Mögliche stehen muss, was kein Mensch liest, und die Angst vor Atom­kraft­werken und genmani­pulierter Nahrung ist immer noch so groß, dass besonders fort­schritt­liche Verbraucher sich eher mit Kornkäfern und Getreide­motten anfreunden können als mit dagegen geimpftem Weizen. Diese umwelt­bewussten Mit-Dies­sei­tigen sorgen sich um den ewig strah­lenden Atom­müll, und es wäre verblendet, zu behaupten, sie wollten zurück zu einer Welt, in der sich noch die Sonne um die Erde drehte. Sie denken eben alles zu Ende. Nur nicht die Reak­tionen der anderen Anbieter und Kunden auf dem Markt. Das ist keine Fehl­ein­schätzung wie bei einem Sturm, der schon nicht so heftig toben wird, es dann aber doch tut. Nein, es ist ein Blick in den wolken­freien Himmel. Einen Sturm, den gibt es nicht. Na, gut! Da ticke ich anders. Ich bin mit Sprüchen wie ‚Klappern gehört zum Hand­werk‘ und ,Du musst mit den Wimpern klimpern‘ groß geworden. Algo­rithmen kamen erst später dazu. Etwa gleich­zeitig mit den Umwelt­akti­vist:innen. Besorgte, die sich als ‚links‘ einstufen, legen Stromnetze und Flughäfen lahm. Sie wissen: besser jetzt Kältetote als später mal CO2-Tote. Im Berliner Südwesten traf es im Januar ja sowieso keine Prole­tarie­rinnen, sondern Ausbeuter. Da stellt sich der Mindest­lohn-Blumen­binderin in der Fried­hofs­gärtnerei, Onkel-Tom-Straße, sogar noch eine selbst­bestimmte Aufgabe, die ihr von der KI nicht so leicht wegge­schnappt werden kann. Nur: Wie lange darf die Straße noch so heißen?

‚Sensibilität‘, vor allem in Hautfarben- und Geschlechts­zugehö­rigkeits­fragen, ist hier unter Progres­siven Voraus­setzung, damit man über­haupt den Mund aufmachen darf, und das möglichst, um das Regiment der alten, weißen Männer zurechtzurücken. Der von der Jugend nicht mehr ernst genommene Fack-ju-Göhte-Dichter wird deshalb zeitgemäß korrigiert:

Rosa sah ein Knäblein stehn,
Knäblein auf der Heiden.
War so jung und morgenschön,
lief sie schnell, ihn nah zu sehn,
sah’s mit vielem Neiden.

Vieles bleibt mir rätselhaft: Jemand, der ganz groß ist, muss doch eine ganz andere Perspek­tive, ein ganz anderes Lebens­gefühl haben, als jemand, der ganz klein ist. Von der Bewusst­werdung bis zum Tod. Wenn ich darüber zu verzweifeln drohe, was Menschen einander antun, dann frage ich mich zwischen­durch auch manchmal, wie es sein kann, dass sie einander überhaupt verstehen bei all den Unterschieden. Denn wer weiß, dass er recht hat, der weiß auch, dass er sich alles erlauben kann: Das Schlimme muss beendet und das Gute durch­gesetzt werden. Unbedingt. Und weil er oder sie das noch selbst erleben will, hat es Eile mit der Guillotine, mit der Diktatur des Prole­tariats und mit der Redu­zierung des Kohlen­dioxids. Die Dinge einfach laufen lassen? Das wäre eine Option für Feiglinge, also keine, die in Betracht kommt. Die Wahl der Mittel entscheidet über die Akzep­tanz, und die Wahl an der Urne entscheidet über die Regierung. Entschei­dungen, immerzu Entschei­dungen! Sogar in Demo­kratien sind sie nach ewig langem Hin und Her irgend­wann mal unerlässlich.

Was werfe ich auf den Markt und welchen Preis kann ich dafür verlangen? Mit dem Zoll-Hin-und-Her zwischen den USA und dem Rest der Welt kennt man sich inzwischen ja weder an der Börse noch auf dem Flohmarkt aus. Die erfolgreichste Messe findet wieder in der Kirche statt.

Wenn ich ‚Bio‘ auf meine Ware draufschreibe, kann ich gleich zwei Euro draufschlagen. Wenn’s stimmt, umso besser. Klingt halt gut.

Nehmen die Abnehmer es mir ab, mein Engagement für die gute Sache, und sind sie auch bereit, mehr dafür zu zahlen? Wie viel Glück schafft mein Produkt? Textilien aus Bangladesch sind nicht nachhaltig. Kauf­rausch ist nicht nachhaltig. Glück ist nicht nachhaltig. Glück besteht inzwi­schen vor allem aus der Abwesen­heit von Unglück. Ich habe KEINE Angst, KEINE Sorgen, KEINE Schulden. Oder das Glück besteht darin, Wunschlosigkeit zu vermeiden. Leicht hungrig vom Essen aufzustehen: Das ist Glück. Wer sich fragt: „Bin ich glücklich?“, der ist wohl glücklich. ‚Die‘ natürlich auch. Wenn beide unglück­lich wären, hätten sie es schon gemerkt, und alles, was nicht uner­träglich ist, muss man sich halt zwingen, als ‚glücklich‘ zu definieren.

Unglücklichsein ist zweifellos literarischer. Die Beschreibung von Glück interessiert keine Sau, nicht mal eine lesende. Konflikt­losig­keit muss einsam genossen werden, kommt aber in der Realität nicht vor, höchstens als Zeichen von Unsen­sibi­lität, also getarnt. Unglück allein reicht aber auch nicht aus als Gesprächs­stoff. Es muss schon ein Ereignis her, damit man darüber sprechen kann. Nicht jeder bringt es dabei zur Brillanz von Tolstois ‚Anna Karenina‘-Anfang. ‚Mein Kanarienvogel ist weggeflogen‘ muss oft reichen und erntet bereits mehr Auf­merk­samkeit als ‚Ich fühl’ mich heut’ nicht so …‘ Ein guter Verkäufer ist immer auch ein guter Redner und umgekehrt. Der geöffnete Mund kommt vor der ausgestreckten Hand. Erst das Wort, dann die Ware. Der Anbieter, dem die Leute glauben, der kann auch seinen Müll als ausgefallene Spezialität verkaufen. Zur Not ist es halt Kunst, also teuer.




Ich hatte schon einiges mit Leuten, die sich ‚Künstler‘ nannten, zu tun gehabt und wusste deshalb: Ein Talent spielt schnell verrückt. Ein Genie wird bloß wahnsinnig. Wegen solcher Behaup­tungen hielt ich mich eine Zeit lang für einen durch und durch schlechten Menschen, dessen gerechte Strafe das Diesseits hier ist: Leben und Leben hassen. Doch schließlich verzieh ich mir und wurde keck. Da habe ich dann meinen Körper gern an den Mann gebracht, aber nie gegen Geld, jedenfalls nicht gegen sofortige Bezahlung. Mittel­fristig hat sich mein physischer Einsatz trotzdem vor allem finanziell gelohnt, weil ich hübsch zurecht­gemacht (nur selten nackt) meine jeweiligen Aufgaben besser erfüllen konnte, im Beruf schneller aufstieg und mehr verdiente. Ein festes Ziel zu haben, das ist immer wichtig, hier im Diesseits. Aber Ziele fallen nicht vom Himmel. Man muss an sie glauben können. Mit der Drei­faltig­keit ist es ähnlich. Auch sie fällt ja nicht vom Himmel, um den Glauben an sie zu unter­mauern. Ist ein Ziel allerdings erreicht, dann muss man sich ein neues suchen. Da hatte ich Glück. Weil ich meine Ziele nie erreicht hatte, konnte ich bei den alten bleiben. Das war praktisch: jahre­lang dieselben Aufgaben, Aufgeben nicht erfor­derlich. Zunächst mal versuchte ich es mit Lyrik.

Nina, die zweitbeste Freundin meiner Mutter, musste nach ihrer Schei­dung arbeiten. Erika, die beste Freundin meiner Mutter, musste das nicht, weil ihr Mann Werner, der sich eigentlich von ihr auch hatte scheiden lassen wollen, starb, bevor er seinen Ent­schluss in eine befrei­ende Tat hatte umsetzen können. Ihn selbst wollte eigentlich gerade sein Betrieb raus­werfen, also, das war nicht sein eigener, aber, weil Werner tot war, ging das nun nicht mehr, und deshalb bekam Erika eine so ordent­liche Pension, dass sie sorgenfrei leben konnte, statt zu arbeiten, was ihr ohnehin nicht besonders lag. Wissen tue ich das alles von meinem Vater und bin deshalb sicher, dass es stimmt. Mein Vater war damals verschwie­gener als später und schon vorher so vertrauens­würdig gewesen, dass er zum Vorsit­zenden der Berliner Energie­versorgung, prosaischer: der ‚Kohlevereinigung West‘, gewählt worden war. In dieser Funktion hatte er Hinter­bliebenen­pensionen zu bestimmen und war gegenüber Erika, die er nicht leiden konnte, großzügig gewesen. (Das war ihm leicht­gefallen, weil er ja nicht selber zahlen musste.)

Erika hatte vor ihrer Heirat im Modehaus Horn am Kurfürstendamm den Damen am Eingang ‚Guten Tag‘ sagen müssen, und zwar dermaßen freundlich, dass die berufs­mäßigen Gattinnen möglichst viel Haus­halts­geld in Berlins angesagtestem Beklei­dungs­institut ausgaben: ein Mode­markt, dessen gehobenes Sortiment man hier im umzingelten Westberlin anstandslos, also mit Anstand, anbieten und sich anbieten lassen konnte. Anbiedern durfte sich Erika dabei selbst­verständ­lich nicht. Bloß empfehlen. In dieser ihrer Funktion als Animier­dame hatte meine Mutter Erika auch zunächst kennen­gelernt, dann auf ein Kostüm­fest zu uns nach Hause einge­laden (ich war damals zwei) und sie schließlich mit Werner verkuppelt, was Erika nach der Trauung hoch­näsig machte, allerdings so hochnäsig, dass Werner sich doch lieber wieder von ihr trennen wollte, aber nicht mehr dazu kam, weil er dann ja – wieso auch immer – starb. Ich verwende hier die Original­namen, weil ich an keine noch lebenden Nach­kommen der Ange­führten glaube und Überprüfungen eher wünschenswert fände.

Nina musste also im Gegensatz zu Erika arbeiten und tat das im Merlin-Verlag, wo sie sich vor den Veröf­fent­lichungen von Jean Genet ekelte. Gleichzeitig bekam sie aber eine Ahnung vom Verlags­wesen und nannte mir einige Adressen, an die ich bald nach dem Abitur meine Gedichte schickte. Keiner wollte sie, und so ging es mein Leben lang weiter. Eine Aufzählung des Grauens:

1967 lehnte mich die neu gegründete Münchner Film­hochschule als Regie-Aspiranten ab. Dabei habe ich bei der Aufnahme­prüfung schlüssig darüber referiert, was ich mir unter Drama­turgie vorstelle.

1968 reichte ich meinen selbst (eigenwillig) gesungenen poten­ziellen Hit Regen und Gewitter beim Schlager-Wett­bewerb ein. Text-Fortsetzung:

… sind für Touristen bitter,
für mich war dieser Wolkenbruch der Durchbruch in mein Glück.
Wolkenbruch und Regen,
die machten dich verlegen,
du warst bis auf die Haut durchnässt und küsstest mich zurück.
Wolkenbruch und Regen,
ich habe nichts dagegen,
wenn stundenlang die Blitze peitschen und der Donner kracht.
Wolkenbruch und Regen,
das bringt uns Erntesegen.
Regen und Gewitter,
da werde ich zum Ritter,
da reit’ ich wie ein Held zur Schlacht,
da werde ich verwegen,
da kommt es zum Gewitter und Gezitter in der Nacht.

Das Tonband bekam ich nie zurück. Auch meine durch­dachten Sonaten fanden kein Gehör, und meine streng kompo­nierten Orchester­werke spielten weder selbst eine Rolle, noch wurden sie von anderen gespielt.

Ich schrieb Theaterstücke, die keine Bühne aufführte, und Romane, die kein Verlag veröf­fent­lichte. Der Markt entschied sich gegen mich, was den Kunden die Auswahl ersparte. Eine meiner text­lastigen Vorlagen, die im vergan­genen Jahr prominent verfilmt worden ist, wartet auch immer noch auf den Verleih, der das Werk in die Kinos bringt. Jedes Jahr habe ich einen Film gedreht, der in Bild, Text und Musik das Lebensgefühl der Zeit einzufangen versuchte. Veröffentlicht? – Nie. Bitter. Brauche ich also Süß­stoff? Bitte nein! Pfeffer? Hab’ ich. Na ja …

In meinen Gedanken neige ich vielleicht zum Extremen, in meinem Handeln eher zum Schlichten. Doch einfach nur stattfinden – ohne zu fragen, ohne zu klagen, ohne zu hadern. Wünschenswert? Das, was man will, ist wertvoller als das, was man hat. Nichts mehr zu wollen, ist ein Zeichen von Genügsamkeit oder von Depressionen. In beiden Disziplinen bin ich nicht zu Hause. Das Schrille und das Stille – das ist meine Welt. Eigentlich doch eine gute Voraussetzung. Hat trotzdem nicht geklappt.

Erfolgreicher als an den Kunst­märkten war ich an den Finanz­märkten. Dass Spar­bücher nichts taugen, wusste ich. Neben meinem sehr aus­kömm­lichen Verdienst im Beruf kam mir eine Erb­schaft zugute. Im Gegen­satz zu vielen Deutschen hatte ich keine Angst vor der Börse, inves­tierte kühl, diver­sifi­zierte ordentlich und ließ mich profes­sionell beraten. So brachte ich es nicht zu Ruhm, wohl aber zu erfreu­lichem Wohl­stand. Infolge­dessen werde ich von Lohn­emp­fängern profes­sionell umsorgt und pflege eigen­verant­wortlich meine Interessen. Mein pol­nischer Betreuer nennt mich abwechselnd ‚Chef‘ und ‚mein lieber Freund‘. Beides gefällt mir. Er summt unablässig etwas, das ohne Tonika und Domi­nante auskommt, und ich muss ohne etwas auskommen, das ich früher mit Leiden­schaft prakti­ziert habe: Einkaufen. Auf dem Wochen­markt, im Laden, zwischen den Gängen der Riesen-Super­märkte. Keine Verkäuferin anzuflirten, keinen Sortierer anzugrinsen, keine Kundin anzu­rempeln (Verzeihung!) – es fehlt mir wie das Klavier­spielen, das Auto­steuern, das Mit-der-Hand-Schreiben. Aber Senti­men­talität führt weiter, und zwar ins Abseits.

Inzwischen bestelle ich alles im Internet, wofür ich früher mit zielsicherer Auf­geschlos­sen­heit durch die Feinkost-Tempel gewall­fahrtet bin. Mein Handy rühre ich wochen­lang nicht an, aber die Fest­platte ist meine Verbin­dung zur Innen- wie zur Außen­welt. Im Mittel­alter wäre ich jetzt nicht bloß tot, sondern auch ohne Internet. Das Ent­setzen darüber teile ich mit den Enkeln meiner Alters­genossen. Das Gewöhn­liche, das ich früher immer selbst bei Aldi in den Einkaufs­wagen geworfen habe, wird jetzt von denen, die mich umsorgen, dort gekauft, wo auch die mit Meer­salz verfei­nerte Butter herkommt. Macht ja nichts. Ich habe keine Erben.

Rezepte lasse ich mir inzwischen durch die KI vor­schlagen, kochen lasse ich nach wie vor selber. Gourmets schmecken den Unter­schied. Weil ich seit meinem Schlag­anfall etwas unbe­holfen bin, belehrt Robert die Essens­gäste: „Chef hat gekocht mit meine Hände.“

In der Küche verwenden wir das Würzigste, was der Markt gerade zu bieten hat: mehr in Richtung Chili als in Richtung Haferschleim. Etwas anderes als die eigene Zunge im Mund zu haben, kann erfreulich sein. Muss es aber nicht. Küsse, Pralinen und Tabletten erzeugen sehr unter­schied­liche Reize am Gaumen. Die Tabletten sollen schützen. Aber der Tod droht. Mir jedenfalls. Von Ferne. Noch. Allmäh­lich werden die Stände um mich herum abgebaut. Ach ja, der Verkäufer, Erzeuger, Gott hatte ja recht: Es durfte und es darf ruhig noch ein biss­chen mehr sein. Immer noch. Wer jung stirbt, stirbt zwar ohne Alters­flecken, er/sie nimmt aber auch weniger Erfah­rungen mit in sein gemütliches Grab oder in seine form­schöne Urne. Das wäre doch schade!

Mit all meinen guten Wünschen für eure weihe­volle Aufer­stehung als Mahnerin, als Marketingmann oder als umweltfreundliche Ware – im Alles lässt sich das vom Catering bestimmt organisieren – steige ich lob­preisend von meiner Kanzel und gehe wieder mal in mich. Bis zum nächsten Sonntag.

Euer selbst- und auch sonst zufriedener
Hanno Rinke


YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die
Datenschutzerklärung von YouTube.

Youtube laden

Quelle: 1Wikipedia
Grafiken: Kl-generiert via Midjourney | Video: H. R. Privatarchiv/Produktion: ALEKS & SHANTU

32 Kommentare zu “Markttag!

  1. Diese autobiografischen Rückblicke auf Ihre künstlerischen Zurückweisungen haben eine tragikomische Qualität. Die Aufzählung der gescheiterten Projekte (Filmhochschule, Schlager, Sonaten, Theaterstücke) liest sich wie eine Chronik verpasster Gelegenheiten. Und doch schwingt darin kein Selbstmitleid, sondern eine fast stoische Feststellung: Der Markt entschied anders. Das ist irgendwie bitter und gleichzeitig befreiend nüchtern.

    1. Verpasste Gelegenheiten gibt es ja immer. Und trotzdem findet das Leben dann seinen Weg. Der Erfolg des Blogs zeigt es doch, nicht wahr?

      1. Die Nachrichten heute Morgen haben mich verwundert. Grundsätzlich ist es sicher gut, dass er als Diktator ausgeschaltet ist. Aber was nun kommt, dafür scheint es keinen wirklichen Plan zu geben. Ähnlich wie schon im Irak damals.

      2. Dabei kommt es nicht nur auf einzelne Persönlichkeiten an, sondern auf Mut und Stimmung des Volkes. Darum ist die Zukunft bei solchen Eingriffen schwer vorhersagbar. Aber ich habe Hoffnung!

  2. Wenn Sie schreiben, dass Sie sich „in erträglichen Dosen“ verkaufen, benennen Sie eine Form der Selbstinszenierung, die nicht als Ausnahme, sondern als Regel erscheint. Das Sich-Anbieten wird zur sozialen Praxis, die nur unterschiedlich benannt wird – je nach Kontext ehrbar oder anstößig.

    1. Wem man sich bis zu welchen Grade zumuten kann, entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Zu wenig ist genauso verkehrt wie zu viel.

  3. Was ist das denn für ein Kinoprojekt, von dem Sie da sprechen? Das klingt interessant! Ich hoffe, es findet sich ein Weg zum Zuschauer…

    1. Es wird nochmal dran gearbeitet, um es marktfreundlicher zu machen. Die großen Namen allein ziehen offentlich nicht. Ich schreibe wohl zu vertrackt.

      1. Oh! Wie? Ein Rinketext mit großen Schauspielnamen verfilmt? Wikelich? Ich bin sofort dabei 🤗

  4. Die Passage über Gegenwart und Modernität zeigt doch gut, wie sehr Zeitbegriffe von ihren Definitionen abhängen. Was heute noch „modern“ ist, wird durch Abgrenzung bestimmt und kann schnell wieder obsolet werden. Das Wiederauftauchen als „Retro“ verweist darauf, dass der Markt auch mit Vergangenem operiert, sofern es sich eben neu etikettieren lässt.

  5. In Ihrem Text erscheint der Markt weniger als Ort des Handels denn als Grundzustand des Lebens. Er ist kein abgegrenzter Raum, sondern eine dauerhafte Situation. Man steht nicht nur gelegentlich am Stand, man ist der Stand. Lebenszeit wird abgewogen, Eigenschaften werden ausgestellt, Haltungen etikettiert. Selbst das Scheitern bekommt einen Preis, selbst das Glück eine Verpackung. Der Tausch hört nicht auf, er verlagert sich nur von Dingen auf Identitäten. Treffend, aber eigentlich schaudert es einen dabei nur.

  6. Dass die Beschreibung von Glück keine Sau interessiert, erkläre ich meinem Freund auch immer. Er beschwert sich oft, dass sämtliche Filme, Serien, Romane so verstörend, traurig, aufwühlend, etc. sind. Aber was soll man schon erzählen, wenn alle einfach happy sind?!

      1. Viel Vergnügen!
        Der Zustand von Glück ist eine einzige Harmonie. Wie soll man damit ein Musikstück schreiben?

  7. Während die Kunstmärkte Sie abwiesen, belohnte Sie die Börse. Das wirft eine stille, aber schneidende Frage auf: Was misst Erfolg eigentlich?

    1. Auf ein erfolgreiches Leben kann einer zurückblicken, der vierzig Jahre nach seinen Acker bestellt hat, aber auch einer, der 40 Jahre lang in der Weltpolitik mitgemischt hat.
      Mark Zuckerberg ist weltweit erfolgreich. Beliebt oder beneidet? Eher nicht.

      1. Richtig. Letztendlich wertet jeder wieder selbst was für ihn Erfolg bedeutet. Da nützt das Ansehen oder der Neid von außen gar nicht immer viel.

  8. Wenn Sie Gefühle „Abfallprodukte des Verstandes“ nennen, ist das erstmal ein Schlag. Als wären sie bloß Nebenprodukte vom Denken, kein großes Mysterium. Aber genau das macht den Reiz aus: Gefühle sind dann nicht heilig oder tiefsinnig per se, sondern etwas, das halt entsteht und trotzdem ordentlich Wirbel macht.

    1. Tiere fühlen sicher auch ohne Verstand, aber seine Gefühle zu verstehen und einzuordnen, bedeutet Menschsein.

  9. Der Markt als Dauerzustand. Das leuchtet ein. Man steht eigentlich nie wirklich „hinter“ dem Stand, sondern immer mittendrin.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

elf − 2 =