Teilen:

0803
Sonntagspredigten

Na, was denn?

Hallo, Leute!

Was denkt ihr euch eigentlich? Wovon redet ihr überhaupt?! Tückisch tuschelnd im Treppen­haus, klamm­heim­lich kichernd in der Kantine, klan­destin konspi­rativ in der Kaserne? – Am liebsten natürlich über Geheim­nisse. Geheim­nisse sind dazu da, ausge­plaudert zu werden. Was soll man sonst mit ihnen machen? Bewahren ist keine Tätig­keit, und sagen, was sowieso jeder weiß, gilt in Talk­shows zwar als üblich bei den Teil­nehmern, aber auch als verdrießlich fürs Publikum. Im Infor­mations­geschäft ist es ähnlich, und das geht dann so: Wir wissen aus der Tagesschau, dass es in Remagen plötz­lich noch mal geschneit hat. Im März! Anschlie­ßend an die Nach­richten gibt es dazu einen Brenn­punkt. Die nach­folgenden Sendungen verschieben sich um etwa zwanzig Minuten. Reporterin Renate Rehauge ist vor Ort. „Renate Rehauge, was können Sie uns aus Remagen berichten?“ – „Also, soweit man das bisher beur­teilen kann, scheint es hier ziemlich kalt zu sein. Wir warten aber noch auf die Stellungnahme unserer Chefmeteo­rologin Frau Dr. Holle.“ – „Danke für diese Einschätzung aus Remagen, Renate Rehauge. Wir schalten jetzt zu unserem Korres­pondenten Walther Winter in Washington: Walther, wie beurteilt der amerika­nische Kongress die Situation?“ – „Das ist schwer zu sagen, Waltraut. Die Abge­ordneten sind noch beim Mittag­essen und wegen Schnee­verwe­hungen zu Hause geblieben. Aber es steht jetzt schon fest, dass viele US-Senatoren nicht wissen, wo Remagen liegt.“ – „Danke nach Washington für diesen Lage­bericht, Walther. Eine ange­spannte Erwar­tungs­haltung also. Wir werden uns im Verlauf der Sendung wieder bei dir melden, um mehr über den drama­tischen Verlauf dieser Ausein­ander­setzung ohne Zusam­men­sitzung zu erfahren. – Was hören wir aus Russ­land? Das fragen wir in Moskau Monica Reitther.“ Und so immer weiter. Aufklärung im Ersten.

Über ein Geheimnis zu sprechen, ohne mehr zu haben als die vage Vermutung, dass es existiert, ist üblich. Eliten, die Kinder­blut trinken, um sich jung zu halten, und Regie­rungen, die von Außer­irdischen einge­setzt sind, um die Mensch­heit, besonders die weiße, auszurotten – das ist kein Geheimnis mehr, sondern Allge­mein­wissen. Zumindest jeden­falls das Wissen darüber, dass Menschen so etwas glauben, ist uns allen geläufig. Ein vielfach geglaubtes Gerücht besagte, dass selbst eine so prosa­ische Frau wie die Ex-Kanzlerin Angela Merkel, die ausschwei­fenden Fantasien wenig Raum bot, eine Reptiloide sei. Mittels Form­verän­derung konnte sie tarnungs­halber zum Menschen mutieren. Meiner Meinung nach ist die Tarnung perfekt: Ein unauf­fälli­geres Äußeres ist kaum denkbar; so unscheinbar, dass es scheinbar völlig geheim­nislos ist.

Besonders viel Anlass, über Adlige und Tadlige bestürzt zu sein, lieferte die Veröf­fent­lichung der Epstein-Akten. Prinz Andrew wurde abge­führt und ‚befragt‘. Titel futsch, Ehre futsch. Gut, dass Mamma Queen das nicht mehr erleben muss! Schon im Januar hatte es auch die norwe­gische Kron­prin­zessin Mette-Marit erwischt. Sie fragte ausgerechnet Jeffrey Epstein, ob es ‚für eine Mutter unange­messen sei, als Bild­schirm­schoner für ihren 15-jährigen Sohn ein Bild von zwei nackten Frauen, die ein Surf­brett tragen, vorzu­schlagen‘, was sie nun selbst als ‚peinlich‘ einstuft. Recht hat sie! Ist sie womög­lich genau wie alle anderen? Eine Klon­prin­zessin? Eine Kloprinzessin? Ihr Erstgeborener von früher, der selbst nie Kronprinz war oder wird, hat nicht bloß Bild­schirm­schoner-Probleme, sondern auch einiges Gerichts­noto­risches auf dem Kerb­holz, und selbst Amerikas demo­kratisches (demora­lisches?) Vorzeige­paar, die Clintons, wird nun epstein­halber vor den Kadi gezerrt. Sogar Spionage für Russ­land durch Epstein ist inzwi­schen denkbar. Eigent­lich wird nichts mehr ausge­schlossen, bis auf eine Ausnahme: ‚Normalität‘. Gefun­dener kann ein Fressen für den Boule­vard nicht sein. Die seriösen Medien nennen ihren Klatsch ‚Analyse‘.

Über Prominente zu lästern, gelingt zwar auch recht gut, ohne die Geheim­nisse der Ziel­person zu erörtern, aber natürlich macht es mehr Spaß, eine unehe­liche Tochter, einen fremd­rassigen Lieb­haber oder einen betrü­gerischen Bank­rott zu unter­stellen und dafür diffuse Gerüchte als schlüssige Beweise zu verkaufen, als lang­weilige Tat­sachen wieder­zukäuen. Die sozialen Netz­werke bilden für Unter­stel­lungen aller Art ein ideales Forum.

Ärgerlich: Auch meine Gedanken werden schnell geheim­nis­los. Dadurch, dass ich sie veröf­fent­liche, mache ich sie allen zugäng­lich, also uninte­ressant. Was will ich bewirken? Aufmerk­samkeit, Zuspruch, Verän­derung, oder will ich einfach (möglichst geist­reich) unter­halten? Ich kann mich in dunklen Andeu­tungen ergehen und somit den Anschein des Geheim­nisses wahren. Gerade aufmerk­sam Lesende empfinden das aber schnell als abge­schmackt. Wahre ich ein Geheimnis zu vorbild­lich, dann steht das dem Wunsch nach Veröf­fent­lichung rasch im Wege. Wenn jedoch alles sowieso klar ist, lohnt sich die Veröf­fent­lichung genauso wenig.

Ein besonders effektvolles Geheimnis taucht immer dann als leuch­tender Mond am Gazetten-Himmel und am Social-Media-Horizont auf, wenn nicht klar ist, ob es über­haupt ein Geheimnis gibt. Vom Mord an Kennedy bis zu den Tätern der Vulkangruppe bleibt da einiges im Dunkeln, und dort ist es ja gut aufgehoben. Manche erwiesenen Tat­sachen wollen in ihrer Meinung Gefes­tigte gar nicht so genau wissen, wie eben Terror von links, die Verstri­ckung des CIA in poli­tische Morde und die Anzahl von Putins Palästen. Etwas aufzu­decken, ohne dass es die Mensch­heit interes­siert, ist für die Auf­decker natürlich erst recht ärgerlich. Spione dagegen freuten sich, nicht enttarnt zu werden.

Ich mochte den Cartoon: „Was wir gleich zu essen bekommen, ist das Geheimrezept meiner Frau. Es hat sie aber auch noch nie jemand danach gefragt.“ Dürfte man heute gar nicht mehr erzählen. Frauen­feindlich! Ginge höchstens noch mit drei Schwulen durch. Oder wäre das homophob?

Priester und Schamanen sind schon von Berufs wegen Träger von Geheim­nissen und müssen strikt auf deren Einhal­tung achten, besonders, wenn sie selbst nicht daran glauben. Gerade dann ist Vorsicht geboten. Denn wenn sie sich verraten, sind sie schnell ihren Job los. Wer will schon von einem katho­lischen Geist­lichen bedient werden, der Wein trinkt statt Jesu Blut? Ein Myste­rium muss ein Mysterium bleiben und hat nicht hinter­fragt zu werden. Dadurch, dass die Wissen­schaft es doch ständig tut, hat schon der Donner­gott seine Klientel eingebüßt; und auch den Juden kann man kaum noch glaubhaft unter­stellen, dass sie Brunnen vergiften.

Wer aufmerksam ist, findet immer ein Geheimnis, wie ein Kind, das ständig fragt: „Warum?“ Im schnee­strot­zenden Winter dieses Jahres sah ich durch das Auto­fenster hindurch den Raben zu. Sie hüpften zur Seite, wenn wir kamen. Ist es auch für sie weniger anstrengend, zu laufen als zu fliegen? Erkennt ein Vogel, dass er stirbt? Wohin zieht er sich dann zurück? Ist er allein? Merken die anderen, dass er weg ist? Sind das überhaupt Geheim­nisse, oder weiß die Biologie als Wissen­schaft längst darüber Bescheid? Wenn der Verstand nicht mehr weiterweiß, wird das Gemüt bemüht. Fair enough. Man kann nicht alles wissen.

Die Veranstaltungen und die Einla­dungen, auf denen ich nicht dabei war, umweht ein Zauber, dem die Realität womöglich gar nicht stand­gehalten hätte. Am nächsten Morgen kann ich mich, falls erfor­derlich, trösten: Jetzt wäre es sowieso vorbei. Ein paar Ereignisse, die ich versäumt habe, bleiben mir dennoch im Gedächtnis haften, und ich muss mir ausmalen, welch blutige Brech­durchfälle ich vom Genuss des Finger­foods bekommen hätte, um mein Fern­bleiben genießen zu können.

Was denkt beim Konzert der zweite Oboist, wenn der erste ein Solo hat? Ist er neidisch, gelassen, abgestumpft? Die erste Geige zu spielen, ist heute bei dieser Kakofonie aus Tönen aller Stimm­lagen aller Konti­nente nicht einfach. Die, die einfach das machen, was sie können, egal wie es ankommt, erreichen gerechter­weise oft mehr als die, die vor allem berühmt werden wollen. Was den Erfolg ausmacht – das Können, das Wissen, der Zeitpunkt –, das bleibt vielfach ein Geheimnis.

Geheimniskrämerei ist unfreundlich konnotiert, doch gar kein Geheimnis zu haben, gilt zwar als seriös, aber unbedeutend. Diplo­maten wollen Geheim­nisträger sein und als solche ange­sehen werden. Sie reagieren moderat. Politiker reagieren anders: Sie sind ‚erschüttert‘ bei einer Katas­trophe und ‚verurteilen scharf‘ bei einem Drohnen­angriff. Ihr Ansatz ist es, transparent zu erscheinen, während Diplomaten lieber den Verdacht streuen, sie hätten noch etwas ganz Tolles in der Hinter­hand. Stimmen muss das nicht, die Gegner verunsichern schon.



Ein Geheimnis ist also dazu da, bewahrt zu werden wie ein Kleinod oder gelüftet zu werden wie ein Kuhstall. Die erste Möglich­keit heißt ‚Diskretion‘, die zweite ‚investigativer Journalismus‘. Berufs­frager dürfen alles. Privatfrager können Ausreden benutzen. Besonders liebte ich mit sechs Jahren den verbrämten For­schungs­drang unserer Haus­hälterin Maria: „Ich frage nicht aus Neugier. Ich frage aus Interesse.“

Das Seltsame an manchen Geheimnissen: Sind sie erst aufgeklärt, vermisst man sie plötzlich. Das Rätsel um den Einsatz des Klapper­storchs zu bestaunen, ist doch ange­nehmer gewesen als die Vorstel­lung, dass man deshalb auf dieser Welt ist, weil der Vati die Mutti gebumst hat. Die bestaunte Möglichkeit des Christ­kindes als Über­bringer von Geschenken ist nun mal poe­tischer als die Lieferung durch Amazon. Mich haben meine Eltern nie mit Ähnlichem wohl­mei­nend betrogen, ohne dass ich verzweifelt wäre. Trotzdem sehe ich ein: Unergrün­detes birgt noch Hoffnung, Gewissheit kann ins Bodenlose stürzen. Einfalt birgt nicht nur Gefahren. Sie kann auch ein Schutz sein. Angst vor der Wahrheit gilt als feige. Manchmal ist sie begründet. Theodor Storm wurde vorgelogen, seine Krebsdiagnose sei ein Irrtum. Daraufhin raffte er sich noch mal auf und verfasste seine bedeutendste Erzählung: Der Schimmelreiter.

Schillers in fünffüßigen Jamben geschrie­benes Gedicht Das verschleierte Bild zu Sais behauptet, dass die unbefugt erzwungene Wahrheit unglück­lich macht, Ibsens Theater­stück Die Wildente kommt – auf sehr andere Weise – zum selben Ergebnis. Doch das sind Ausnahmen.

Von Oscar Wilde gibt es eine Novelle: Die Sphinx ohne Geheimnis. Sie handelt von einer Frau, die täglich das Haus verlässt und zu einer Pension geht. Der Erzähler glaubt, sie träfe dort einen Lieb­haber. Tut sie aber nicht. Sie sitzt nur da und entledigt sich durch diese merk­würdigen Ausflüge ihrer Geheimnislosigkeit.



‚Jede Frau hat ein süßes Geheimnis‘, sang Johannes Heesters im Früh­jahr 1939. Da hatte Hitler mit seinen Kriegs­ab­sichten bereits ein weit weniger süßes Geheimnis, aber, um bei den Damen zu bleiben: Bärbel Bas traue ich einfach kein süßes Geheimnis zu.

Wer unbefugt ein fremdes Geheimnis offenbart, wird in Deutschland nach § 203 bestraft. Besteht aber ein öffent­liches Interesse, dann kann das Vorrang haben, sodass Whistle­blowing erlaubt ist. Wo Denun­ziation anfängt und wo das Interesse an ‚aktuellen Storys und den Top-News deiner Promis bei BUNTE.de‘ gerecht­fertigt ist, das bleibt ein Geheimnis, bis ein Fall vors Gericht kommt oder ein Verprügelter ins Krankenhaus.

Donald Trump macht aus seinen Absichten keine Geheimnisse. Er sagt etwas und dann tut er es sogar! Und das auch noch zum richtigen Zeitpunkt, wie in Venezuela und jetzt wieder in Teheran. So etwas ist selten in der Politik. Dass er anschließend jedes Mal behauptet, etwas so Großartiges habe es in der Geschichte noch nie gegeben, ist auch schon lange kein Geheimnis mehr, sondern ein alter Hut, und es ist nicht einmal gelogen, wenn eine Lüge als Aussage definiert wird, die man selbst nicht glaubt. Dass Politik seit Trumps zweiter Amtszeit unbere­chen­barer geworden ist, liegt zwar durchaus daran, dass er auch unvorhersehbare Entschei­dungen trifft, während Hitler in Mein Kampf schon all seine späteren Maßnah­men verriet. Doch vielleicht entscheidet Trump ja bisweilen wirklich ganz spontan und freut sich dann selbst über seine Über­raschung. Wer weiß? Rätsel­haft ist das schon, aber geheim­nisvoll? Trump ist auch eine Sphinx ohne Geheimnis, und er braucht dafür keine verschwiegene Pension wie bei Oscar Wilde, sondern er kann im Oval Office seine Unter­schrift triumphierend in die Kameras halten. Selbst seine heftigsten Kritiker können nicht behaupten, dass es langweilig sei unter seiner Präsidentschaft. Manche Hasenfüße wünschen sich sogar etwas mehr Ruhe. Aber dafür habt ihr den Falschen gewählt, liebe Amerikaner!

Endlich wieder zurück zu mir! Ich bin ähnlich freimütig wie Trump und muss dabei nicht mal Pein­lich­keiten wie Erektions­schwäche im Ehebett ausgleichen. Hat er die? Facebook hat die von meiner Agentur angestrebte Bewerbung für meinen Blog abgelehnt, weil der Text zu politisch sei. Das fasse ich als Kompliment auf. Bisher hatte ich nur darauf gewartet, dass der Jugendschutz gegen meine EISINSEL einschreiten würde. Aber ich bin offenbar auch im Blog für bisher immer noch ungeschützt zappende Kinder und weiterhin beein­fluss­bare Erwachsene weit gefährlicher, als mir bewusst war. Dabei verrate ich in meinen Büchern, meinen Filmen, meinem Blog alles über mich doch derart hemmungslos, dass niemand etwas über mich aufdecken kann und meine schonungs­lose Offenheit schon in Selbst­gefällig­keit übergeht. Ich habe nichts zu verbergen. Gar nichts.

Oder etwa doch?

Euer franker und freier
Hanno Rinke


YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die
Datenschutzerklärung von YouTube.

Youtube laden

Grafiken: Kl-generiert via Midjourney | Video: H. R. Privatarchiv/Produktion: ALEKS & SHANTU

76 Kommentare zu “Na, was denn?

    1. Mit der Formulierung sichert sich der Schreiber juristisch ab, wenn er jemanden vernichten will. (Am Frauentag natürlich auch die Schreiberin.)

  1. Der Gedanke, dass man verpasste Ereignisse im Nachhinein idealisiert, hat etwas sehr Alltägliches. Ein Abend, bei dem man nicht dabei war, kann leicht zum geheimnisvollen Ereignis werden, gerade weil man ihn sich selbst ausmalen muss.

      1. Wobei für den Zuhörer und seine Gattin die interessanteren Geschichten die von Reinfällen sind.

      2. Hahaha. Ja auf alle Fälle. Einer meiner Lieblingsgeschichten ist die von einem völlig misslungenen Thailandurlaub. Mehr ist mir innerhalb einer Woche selten passiert.

      3. Jahrelang darüber lachen zu können, ist mehr wert als zwei Wochen Badeurlaub.

  2. Der Unterschied zwischen Diplomaten und Politikern in der Art, wie sie mit Geheimnissen umgehen, ist eine interessante Beobachtung. Diplomaten leben gewissermaßen davon, dass man ihnen zutraut, mehr zu wissen, als sie sagen. Ein Teil ihrer Wirkung entsteht gerade aus dieser stillen Reserve. Sie formulieren vorsichtig, lassen Spielraum und vermeiden klare Zuspitzungen.

    Politiker dagegen stehen stärker im Licht der Öffentlichkeit und reagieren oft demonstrativer. Sie müssen Stellung beziehen, Empörung zeigen, verurteilen, ankündigen. Transparenz wirkt dabei fast wie eine Pflichtgeste, auch wenn im Hintergrund natürlich ebenfalls vieles unausgesprochen bleibt.

    So entsteht der Eindruck zweier verschiedener Rollen: Die einen arbeiten eher mit Andeutung und Zurückhaltung, die anderen mit klaren Worten und sichtbaren Reaktionen. Beide bewegen sich dabei auf ihre Weise im Spannungsfeld zwischen Offenheit und Geheimnis.

      1. Ich würde sogar sagen Politiker halten genau so viel zurück wie Diplomaten. Es ist ja letztendlich auch irgendwie der selbe Beruf.

      2. Politikern verschafft es ein besseres Image, ehrlich zu wirken. Alles offen zu legen zeugt allerdings mehr von Idealismus als von Menschenkenntnis.

      3. Alles offen zu legen ist ja auch gar nicht immer klug. Schließlich sollen die Politiker ihre Arbeit ungestört machen können. Wen die Wähler direkt angelogen werden, ist das natürlich was anderes. Das zeigt sich dann in der Regel auch in der kommenden Wahl.

      4. Dieses Insistieren der Journalisten, besonders zu Kriegsthemen, ist enervierend.

      5. Heute Morgen las ich in den Nachrichten, dass die USA scheinbar überrascht sind, dass die Aktion im Iran nicht ähnlich glatt läuft wie in Venezuela. Ich hoffe, dass das nur Klatsch ist. Selbst der Trump-Regierung sollte man ja zutrauen, dass so ein Militärmanöver etwas durchdachter geplant ist. Schließlich hat die Situation das Zeug zu einem lange anhaltenden Konflikt.

      6. Einen Mann zu entführen ist etwas Anderes als ein Land zu bombardieren. Das leuchtet ein.

  3. Tja, am Ende bleibt dann der Eindruck, dass völlige Offenheit ebenso ungewöhnlich ist wie totale Geheimhaltung. Selbst jemand, der behauptet, alles über sich preiszugeben, erzeugt damit automatisch eine neue Frage. Vielleicht besteht das letzte Geheimnis gerade darin, ob es wirklich keines mehr gibt.

    1. Mir gefällt in dem Zusammenhang die Beobachtung, dass Geheimnisse erst richtig leben, wenn sie halb sichtbar sind. Sobald alles auf dem Tisch liegt, verlieren sie hingegen schnell ihren Reiz. Vielleicht braucht das Denken tatsächlich immer ein kleines Stück Dunkelheit.

      1. Wenn alles auf dem Tisch liegt, verlieren Geheimnisse vor allem ihren Namen.

  4. Die Überlegung zum zweiten Oboisten im Orchester ist ein schönes kleines Alltagsrätsel. Wahrscheinlich denkt er manchmal gar nichts und zählt nur die Takte.

  5. Ha! Ihre Überlegung zum Schreiben und Veröffentlichen berührt ein merkwürdiges Paradox: Man teilt Gedanken, um gehört zu werden, und nimmt ihnen damit gleichzeitig ihre Intimität. Der Text zeigt dieses Spannungsfeld ziemlich offen. Spannend.

  6. Interessant ist ja auch, wie schnell ein Gerücht gesellschaftsfähig wird, sobald genügend Menschen darüber sprechen. Dann geht es weniger darum, ob etwas stimmt, sondern darum, dass es Teil der allgemeinen Gesprächskultur geworden ist.

  7. „Die Sphinx ohne Geheimnis“ muss ich lesen. Sie ist bisher an mir vorbeigegangen macht mich aber ziemlich neugierig.

  8. Die Befragung der Clintons, zumindest Hillarys, war allerdings auch etwas albern. Es war ja recht offensichtlich, dass sie Epstein gar nicht persönlich kannte. Selbst die Republikaner schweiften in ihren Fragen ja schnell Richtung Aliens etc. ab.

    1. Bei manchen jahrelangen Befragungen auf Kosten der Steuerzahler fragt man sich wirklich, was dabei herauskommen soll. Bestrafung? Der einzige Nutzen wäre, es in Zukunft besser zu machen. Ob die Corona-Aufarbeitung das erreichen wird?

      1. Noch so ein Thema. Ich lese immer noch in meinen Nachrichten, dass möglicherweise Coronahilfen zurückgezahlt werden sollen. Liegt das nun nicht 6 Jahre zurück? Sollten diese Hilfen nicht „unbürokratisch“ und easy sein?

      2. ‚Unbürokratisch‘ bedeutet wohl, dass es etwas länger dauert, weil bürokratisch ja so flink ist.

  9. Ihre Bemerkung über Geheimnisse in Religion und Wissenschaft zeigt, wie unterschiedlich mit Ungewissheit umgegangen wird. Für die einen ist sie ein Raum des Glaubens, für die anderen ein Forschungsauftrag.

  10. Und die Passage über Ihren eigenen Blog wirkt fast wie ein Gegenexperiment: totale Offenheit statt Geheimniskrämerei.

    1. Offenheit, die vom Hundertste ins Tausendste abgleitet, kann aber auch verkramt sein, und Geheimnislosigkeit macht nicht gerade neugierig.

  11. Facebook hat eine Werbung abgelehnt? Oh Mann. Das war doch wahrscheinlich wieder ein Bot, der den Text oder ein beworbenes Zitat falsch eingestuft hat. Eigentlich unerhört. Und trotzdem auch nicht überraschend.

      1. Politiker natürlich ausgenommen. Den Iran kann man auch ohne Freigabe durch den Kongress angreifen. Reporter dürfen gerne als dumm oder „Piggy“ bezeichnet werden. Frauen erst recht.

      2. Also, ich mag Krieg nicht, aber wenn man erst den Kongress und die UNO fragt und auf Antworten wartet, dann kann man es gleich sein lassen.

      3. Da mag etwas dran sein. Aber das ist nunmal die amerikanische Verfassung und wenn ein amerikanischer Präsident entgegen dessen agiert, dann ist das in seinem Heimatland illegal 🤷🏻‍♂️

  12. Trump mag zwar manchmal unberechenbar sein, aber gleichzeitig ist er doch in seiner Motivation völlig durchschaubar. Viel Geheimnisvolles gibt es da nicht.

      1. Die Motivation durchschaut man erst, nachdem man sich von dem Ereignis hat überraschen lassen.

      2. Das Rätsel, wie impulsiv oder planvoll Trump handelt, ist für Kommentatoren ein gefundenes Fressen.

  13. Mir fiel auf, wie stark Gespräche überhaupt vom Andeuten leben. Sobald jemand sagt „ich darf das eigentlich nicht erzählen“, hört plötzlich jeder genauer zu.

      1. Manch einer will sogar mitdenken. Und manch anderer wählt diese Einleitung nur, um genau diese Aufmerksamkeit zu erregen.

      2. Und selbst wenn man nur zuhört will man doch nicht der allerletzte sein, der von der Sache erfährt.

      3. Kommt natürlich auf die Sache an. Manche erfahre ich am liebsten gar nicht. Von allem, wenn sie mich nichts angeht oder ich sie nicht ändern kann.

      4. Ich finde auch, dass man gar nicht immer alles wissen muss. Vieles ist doch eh nur unnötiger Lärm.

      5. Dieses Dürsten nach Neuigkeiten war verständlich, als früher alle Jubeljahre mal ein Auswärtiger ins Dorf kam. Heute ist das Schielen auf das Smartphone eine Volkskrankheit.

  14. Am schlimmsten finde ich ja, wenn so ein Geheimnis bereits in der Nachrichten-Headline versteckt wird. Clickbait. Die Auflösungen sind meistens so langweilig, dass man direkt erinnert wird, warum die Nachricht versteckt wird.

    1. Ja: „Was du noch nicht über deinen Lieblingspromi weißt!“
      Wenn der Bericht wahr ist, dann hat womöglich seine Katze Junge geworfen, seltener er sie aus dem Fenster.

      1. In der Tat. Was da manchmal überhaupt als Nachrichten verkauft wird, ist schon erstaunlich. Wenn es wenigstens ein Geheimnis zu entdecken gäbe.

      2. Es werden immer mehr Geheimnisse behauptet, als es Geheimnisse gibt. Da ist dann höchstens etwas so Langweiliges hauszufinden wie die Wahrheit, dass da nix ist.

  15. Spielt Erektions­schwäche im Ehebett für DJT eine Rolle? ich dachte die Ehe ist eh hauptsächlich eine Nutz-Ehe für beide Seiten.

    1. Ich glaube die beiden mögen sich weniger als man annehmen würde. Und ich glaube gleichzeitig, die beiden halten sehr viel enger zueinander als man annehmen würde.

      1. Die Art und Weise wie die beiden in der MELANIA Dokumentation interagieren ist mir fast unangenehm. Bei soviel Kälte läuft es einem ja richtig den Rücken herunter.

      2. Manche können ihre Leidenschaft eben vor der Kamera nicht so richtig zeigen …

  16. Das ist echt eine merkwürdige Mischung: Einerseits will man alles wissen, jede Kleinigkeit, jedes Geheimnis aufdecken. Andererseits will man selbst nicht alles preisgeben, seine eigenen Gedanken und Pläne schützen. Man ist neugierig wie ein Kind, aber gleichzeitig vorsichtig wie ein Fuchs. Dieses Hin- und Her erzeugt ständig Spannung – man schielt auf das, was andere verbergen, und hält selbst ein bisschen zurück. Kein Wunder, dass Gespräche oft so vorsichtig ablaufen, und dass man flüchtige Andeutungen macht, statt Klartext zu reden. Es ist ein ständiger Tanz zwischen wissen wollen und nicht alles verraten.

  17. Daneben gibt es aber auch Menschen, die ständig über sich und ihre Eigenart sprechen wollen: „Ich bin ein Mensch, der …“ und sich für die Eigenarten anderer wenig interessieren.

    1. Stimmt, das merkt man schnell. Die reden gern über sich, für andere bleibt wenig Platz. Da geht es in die Richtung selbstverliebt.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

9 + zwanzig =