>> ZWISCHEN WEGDÖSEN UND AUFSTEHEN <<
Die Rettung der Menschheit
Liebe Leserinnen, liebe Leser!
Angenommen, ich habe am Morgen ausnahmsweise gedacht: ‚Ja! Roter Knopf! Weg sein!‘, dann führt das ganz zielsicher ins Selbstmitleid, weil ich jetzt eindeutig weiß: Es geht mir so erbärmlich, ich finde mein Leben so jämmerlich – und das, obwohl es allen anderen Menschen auf der Welt noch viel schlechter geht als mir; also, das ist doch bestimmt der Höhepunkt aller Tiefpunkte. Schlimmer kann es nun nicht mehr kommen. Doch. Ich muss aufs Klo. Der Körper ist wirklich unausstehlich. Während meines schweren Ganges will ich natürlich auch den Geist beschäftigen, und wenn ich mich schon auf nichts freuen kann, dann kann ich mich doch vielleicht wenigstens dazu überreden, auf etwas neugierig zu sein, das über die Farbe meiner Ausscheidungen hinausreicht. Manchmal pinkle ich Blut. Ist nicht weiter schlimm, dann weiß ich, dass ich immer noch träume. Bin ich aber wirklich wach, dann versuche ich es erst mal im ganz Allgemeinen, auch jetzt noch, 2025: Will ich nicht vielleicht doch sehen, ob und wie der Elbtower dereinst fertig wird? Wird Friedrich Merz eine Koalition zustande bringen, die über die ganze Legislaturperiode hinweg hält? Teilen sich Trump, Putin und Xi Jinping die Welt auf? Werden wir in Zukunft die KI bestimmen oder die KI uns? Sind die Umweltkatastrophen Vorboten eines inzwischen unaufhaltsamen Klimawandels? Ist die Menschheit noch zu retten! Und ich selbst? Wenn ich lese, dass jemand mit 82 gestorben ist, dann finde ich das angemessen. Wenn ich bedenke, dass ich dann nur noch drei Jahre hätte, finde ich das seltsam. Drei Jahre – das war eine so lange Zeit zwischen zwölf und fünfzehn und eine so kurze zwischen 75 und 78. Ich weiß: wieder ein Gemeinplatz, also wahr!
Am 94. Geburtstag meiner Großmutter erhob sie das Sektglas und sagte: „Nun lasst uns darauf trinken, dass ich den nächsten Geburtstag nicht mehr erleben muss!“ Ich war neunundzwanzig und schockiert. So eine fromme Frau! Oder gerade deswegen. Sie erhoffte sich ‚drüben‘ etwas Unterhaltsameres als ihr ödes Alter. Vielleicht auch mehr Gesellschaft. Ach, Gesellschaft. Früher war ich so gern unterwegs und unter Menschen: im Café, im Kino, im Gedränge. Jetzt bin ich am liebsten wie Kevin ‚allein zu Haus‘. 1993 beklagte sich Max Raabe: ‚Kein Schwein ruft mich an.‘ Heute hasse ich es, wenn das Telefon klingelt, und ich muss mich überwinden, dranzugehen. Handy ist sowieso ausgeschaltet. Friedrich Rückert und Gustav Mahler kann ich zustimmen: ‚Ich bin der Welt abhanden gekommen.‘1 Na ja, seit meinem Schlaganfall ist auch die Welt mir abhandengekommen. Nein, eigentlich nicht wirklich. Das, was noch geht, ist weniger als früher, aber nicht nichts. Und das Leben besteht ja weiterhin aus viel mehr als nur aus Schmerz und Kummer. Gott – oder wem auch immer – sei Dank! Manchmal versuchen wir sogar zusätzlich noch zu leugnen oder zumindest darüber hinwegzusehen, wie sehr uns etwas wehtut oder bedrückt. Gut so! Ein noch erheblicherer Teil unseres drangsalierten Daseins wird zwar nicht geleugnet, als Verdruss aber auch nicht thematisiert. Klagen darüber wären zu wehleidig. Mitleid bliebe aus. Pars pro toto: Zähne putzen, Kartoffeln schälen, Steuererklärungen ausfüllen. Zum größten Teil besteht das Leben aus Verrichtungen, die es nicht mal bis zu solcher Größe schaffen, dass wir ihnen die Ehre zubilligen, sie als ‚Unglück‘ zu bezeichnen: Mehr als 50 Prozent des Lebens sind einfach bloß lästig. Da ich kein verrottetes Gebiss, keine schrumpeligen Pellkartoffeln und keinen zusammenbrechenden Staat haben möchte, muss ich mich darein fügen, dass das halt so ist. Und weil allen anderen das genauso geht, bilden wir eine Gemeinschaft der Belästigten, wobei diejenigen unter uns, die Personal haben, etwas weniger unter Belästigungen leiden als die Selbststaubsauger. Ohnehin reicht der Zusammenhalt unserer weltumspannenden Gruppe der Belästigten über die Dimension von Kaffeekränzchen und Skatbruderschaft nicht hinaus und hat keinerlei Aussicht auf allgemeine gesellschaftliche Unterstützung.
Spätestens an diesem Punkt bin ich wieder unter die Decke gekrochen. Ratlos. Sterben ja doch alle. Sogar ich. Und wenn ich den Elbtower noch bewohnt sehen werde, dann wird eben einfach ein anderes Gebäude hochgezogen, dessen Fertigstellung ich nicht mehr erleben soll. Und wenn doch, wird sofort das nächste Großprojekt genehmigt (natürlich erst nach jahrelangen bürokratischen Hindernisläufen, aber immerhin). Nie werde ich gegen die Architektur anleben können. Es geht immer weiter, und ich bekomme nur einen ganz kleinen Ausschnitt des Ganzen zu sehen, mehr nicht, denn an irgendeinem Bauabschnitt kommt er ja dann: der Tod – nicht, weil einer vom Gerüst gefallen ist (oder auch das noch), sondern weil jetzt ich dran bin, meinen Beitrag zur Entgreisung Europas zu leisten. Und was passiert nun mit allem, was ich mir teils widerwillig, teils lustvoll an Wissen angeeignet habe? Futsch? Umgekehrt: Wie fände ich es wohl, wenn ein neuer Zweig der Hirnchirurgie es schaffen würde, all mein mühsam geistig Errungenes jemand anderem einzupflanzen? Erst mal fände ich es unappetitlich. Auch ungerecht. Der oder die soll selber lernen! Wenn die Person auf dem Operationstisch mit meiner Bildung auch all meine Beängstigungen mitbekäme, na, da wäre ich an deren Stelle vorsichtig. Lohnt es sich, mein sehr plastisches Wissen über das Köchelverzeichnis eingepflanzt zu bekommen, wenn nicht auszuschließen ist, dass einige meiner mindestens genauso plastischen Albträume mit durchflutschen? Kann mir eigentlich egal sein, denn so oder so: Mir selbst bleibt nichts. Und vorher? Irdisches Glück wird überschätzt, wenn man nicht an die Unsterblichkeit glaubt. Zu viel Glück mündet in Überdruss. Dann wird man waghalsig und verliert alles. Es sei denn, man erreicht gerade dadurch eine, vielleicht sogar die nächste Stufe. Wer ist ‚man‘? Bin ich das? Schon klar: Ich beobachte mich gerade dabei, wie ich mich beobachte. Das tut doch eigentlich jeder. Manchmal. Oder nicht? Bin ich Mann oder man? Man kann es auch übertreiben. Fanden wir nicht. ‚Fraudulent‘ ist ein nicht mehr gebräuchliches Wort. Wir behüteten Abiturienten, Harald und ich, verwendeten es, wenn wir einander eine Abweichung von unseren nie definierten Prinzipien vorwarfen. Es bedurfte nicht mal eines strafenden ‚Du Sau!‘. Das pikierte ‚Fraudulent!‘ reichte aus, um die Zurechtweisung deutlich zu machen. Wenig erstaunlich: Der Rest unserer Altersgenossen war für diese ironische Betrachtungsweise ungeeignet. Meine vom Krieg durchgerüttelten Eltern waren da anpassungsfähiger. Sie grinsten mit.
Die Auflehnung unserer als ‚68er‘ in die Geschichte eingegangenen Alters-, aber auch nicht mehr, -genossen führte zu Konsequenzen, um Dinge zu legalisieren, die wir uns sowieso herausnahmen. Gebildete Jungs aus gutem Hause durften eben mehr als blöde Proleten, damals schon: frech sein, schwul sein, überheblich sein. Da fehlte uns wohl der Wille, daran etwas zu ändern.
Die Grenze zwischen kreativem und zerstörerischem Wahnsinn, gibt es die? Ich habe sie immer gesucht und nie überschritten. Von welcher Richtung her ich kam, weiß ich allerdings nicht. Gesteuerter Wahnsinn – das war immer mein unerreichbares Ideal. In Wirklichkeit bin ich wie alle. Eigentlich wünschen wir uns doch Resopal-Genüsse: spannend, sprudelnd, spritzend, aber hinterher abwaschbar.
Wie oft habe ich meinen Körper verflucht, na ja, missachtet. Darin war mir der heilige Franziskus ein Vorbild. Er wusch sich nicht, kam mir aber trotzdem (oder deswegen?) in seiner Unbedingtheit zumindest auf Abbildungen immer schon sehr anregend vor. Die Tierliebe? Meinetwegen. Vor allem: Askese und Ekstase – meine Leitbilder. Mehr will ich darüber nicht sagen. Ich weiß ja, nur wer dem Betrachter Deutungsmöglichkeiten überlässt, hat Aussicht darauf, dass mal eine Doktorarbeit über ihn geschrieben wird. Noch schöner wäre natürlich ein Gelehrtenstreit. Der beflügelt den Geist. Und der geschmähte, trainierte, verhätschelte Körper?
Körperlos wäre ich lustlos. Ohne ein körperliches Signal lässt sich Geistiges nicht einschätzen. Erst mein Körper zeigt mir, dass ich verstanden habe: durch Zittern bei Anspannung, durch Arme-Hochreißen beim Jubeln, durch Tränen-Vergießen bei Rührung. Ohne die Reaktionen meines Körpers könnte ich mir nicht glauben, so wie ich meiner Trauer nicht glaube, wenn sich in meinen Augen nichts regt, oder meiner Lust nicht, wenn untenrum alles still bleibt.
Andererseits: Allem Denken zu misstrauen, das keine körperlichen Reaktionen hervorruft – das geht natürlich auch nicht. Dann wäre die Menschheit bei Magengrummeln als Reaktion auf ein gebratenes Mammutfilet und bei Sexgelüsten als Reaktion auf einen geeigneten Artgenossen stehen geblieben. Manchen Zeitgenossen würde das gefallen: so schön ehrlich.
Die Dinge einfach geschehen zu lassen, das wird von Leuten gepredigt, die, glaube ich, unter den Begriff ‚Esoteriker‘ fallen. Da fallen sie tief, denn das Gegenteil ist richtig. Die eigene Dramaturgie zu erkennen und durchzusetzen: das gibt dem Leben Sinn. Für den Einzelnen, eventuell Einzigartigen, ist seine Dramaturgie seine Richtschnur und für den Rest der Vorhandenen alles zwischen Geht-mich-nichts-an, Erleuchtung und Todesurteil. Wie etwas anfängt, wie etwas Bestand hat (oder auch nicht) und wie etwas aufhört – da reicht die Wirklichkeit oft einfach nicht aus, um uns zu befriedigen oder zu erschüttern. Da hat der Mensch erst die Erzählung, dann das Drama und dann den Film erfunden. Dramaturgie.
Ich lese sehr viel über Geschichte, ich bemühe mich, mir die Gegenwart zu erschließen, indem ich die Vergangenheit zu begreifen versuche. Ich liebe der Wahrheit verpflichtete historische Filme, und ich hasse Science-Fiction, wobei ich natürlich Werke wie ‚1984‘ und ‚Brave New World‘ bewundere, weil die ja kein digitaler Quatsch fürs Popcorn-Kino sind, sondern Warnungen vor einer Zukunft, die niemals stattfinden soll.
Nun liege ich also da und weiß genau: Ich werde nicht mehr einschlafen. ‚1984‘ schien sich ab 1990 im größten Teil der Welt erledigt zu haben. War wohl ein Irrtum, während ich mich den Verführungen der ‚Schönen neuen Welt‘ weiterhin gern ausgesetzt sehe: Ich guck’ mir eben lieber Bilder von Luxushotels an als vom Elend in Gaza. (Wobei, wenn es nach Trump geht, demnächst das andere auf das eine folgt.) Die Augen verschließen? Alles, was mir hilft und keinem schadet, ist erlaubt, finde ich und finde das ziemlich banal. Die Dinge werden so leicht banal, vor allem, wenn man sie aufschreibt. Und wenn man sie bloß denkt? Oder vage fühlt? – Da ist nichts. Mir tut nichts weh, ich friere nicht, ich schwitze nicht, mich juckt und kitzelt nichts, mir ist nicht übel – also signalisiert oder behauptet mein Körper, er sei glücklich. Ich glaube ihm nicht. Er steuert auf Kontrollverlust zu: beim Laufen, beim Greifen. Ich muss schon zufrieden sein, wenn das Hirn noch die Gedanken richtig formulieren kann. Die Seele wird nicht gefragt. Gibt es sie überhaupt? – Unbewiesen. Was von dem, was mich ausmacht, nenne ich Seele? Reine Definitionsfrage. Aber ich frage eben doch. Und weil es keine Antwort gibt, tröste ich mich, indem ich mir erkläre: Mag sein, dass ich jetzt nicht rundum glücklich bin, aber ich habe doch immerhin großes Glück gehabt: Früher wäre ich verloren gewesen. Ich traue mir einfach nicht zu, dass ich das Rad erfunden hätte, um mich selbst auf einem Sattel oder meine Last auf einem Karren effektiv vorwärtszubewegen, oder dass ich die erste Treppe entworfen hätte, um Höhenunterschiede angenehmer zu überwinden als durch Rauf- und Runterklettern. Die Kanalisation wäre mir nicht eingefallen, obwohl ich sie nach dem Abwasch oder dem Stuhlgang schon damals gut hätte brauchen können. Dass es mir gelungen wäre, Acetylsalicylsäure zu Aspirin zu verarbeiten, kommt mir unwahrscheinlich vor; meine Kopfschmerzen hätte ich aushalten müssen; und ich wäre auch nicht auf die Idee gekommen, ein Wildschwein zu zähmen, um Mortadella herzustellen, geschweige denn der Wurst mit einer elektrischen Aufschnittmaschine hauchdünne Scheiben abzutrotzen. Ich hätte mich allenfalls von Beeren ernähren können, wenn meine Eltern mir beigebracht hätten, welche essbar sind. Wie viele Menschen waren wohl gestorben, bevor eine Gruppe dieses Wissen an ihre Nachkommen weiterzugeben vermochte: „Das hier kannst du essen, das da nicht, das ist giftig!“ Stundenlang Krämpfe, Schreie, Stöhnen, dann der Tod. Der rote Knopf ist schneller und humaner. Aber nicht schon vor Nutzung des Feuers oder des Staubsaugers gelebt zu haben ist auch viel wert. Drei Sekunden Dankbarkeit. So viel Zeit muss sein.
Stille. Ein paar Geräusche jenseits des immer noch heruntergelassenen Rollladens. Wieder Stille. Ich drehe mich um. Es muss sich doch etwas denken lassen, das es mir erlaubt, grübelnd liegen zu bleiben, statt … Seltsam: Denen, die mit dem Tod spielen, geht es oft besser als denen, die ums Überleben kämpfen. Oder spielen gar nicht die Freitod-Sympathisanten mit dem Tod und seinen Schlaftabletten, sondern der Tod spielt mit ihnen, weil sie Zeit haben, sich mit ihm zu beschäftigen? Die hingegen, deren Leben – von Ferne betrachtet – oft so wenig lebenswert erscheint, verbringen ihre ganze Zeit damit, ja nicht zu verhungern und sich tüchtig zu vermehren. Ich bin nicht dankbar dafür, leben zu dürfen – ein sehr anstrengendes Geschenk ist das, ich wäre gern abgetrieben worden, aber ich schäme mich meiner Undankbarkeit ein wenig, vor wem auch immer. Dagegen bin ich dankbar dafür, dass es den Tod gibt, der – wie der Förster in seinem Revier – verhindert, dass man den Wald vor Rehen nicht sieht. Ich hätte so viele Vorschläge für den Tod, wen er alles mitnehmen müsste und wen er wieder zurückbringen sollte. Statt dieser erbarmungslosen Lebensverlängerung im Krankenhaus … der gleichzeitigen Jugendarbeitslosigkeit von fast 27 Prozent in Spanien … Rente mit 70, 80, 90 … Meine Gedanken werden immer fadenscheiniger; ich merke schon: nutzt nichts. Mir fallen keine Ausreden mehr ein, und ich drücke auf den Knopf. Natürlich nicht den roten, sondern den, der erst einmal zumindest meine Rollläden zwingt, sich zu erheben, sodass das ungeduldige Tageslicht mein Schlafzimmer stürmen kann, als gäbe es bei mir was umsonst.
Angeekelt von dieser Gier, mich überrumpeln zu wollen, schreite ich nun selber ein: Ich stehe auf. Sofort sehe ich mir interessiert dabei zu, wie ich abwäge, ob ich die Kleidungsstücke, die von gestern Abend her ziemlich schlampig über dem Stuhl baumeln, ordentlich in den Schrank hängen beziehungsweise zur Schmutzwäsche geben werde, oder ob ich mir zunächst mal selbst etwas anziehe. Wenn ich zuerst Ordnung schaffe, finde ich das ein gutes Zeichen: Ein wohlsortierter Kleiderschrank ist wie ein ordentlich gepflegtes Grab: Da waltet Anstand. Der Tod ist Chaos oder Chaos ist der Tod. Oder ist der Tod die letzte Ordnung? Prunkvolle Beisetzungen. Festliche Kleidung. Wie man sich kleidet, so siegt man. Jogginghose, T-Shirt; Sakko, Jeans; schwarzer Anzug, weißes Brautkleid. Kleidung ist Camouflage: der geniale Firmengründer im Polohemd, der Auftragskiller mit der Armani-Jacke, der schwarze Anzug, nachdem er seinen Auftrag erledigt hat. Die Braut trägt Schwarz. Die Zeit zeitet nicht, sie vergeht, und das äußerst pünktlich. Dem Tod hat noch nie jemand nachgesagt, dass er tötet. Aber was tut er? Vermutlich gibt es ihn gar nicht. Weder tröstet der Tod das Mädchen aus Schuberts Lied, noch holt er sich den Jedermann aus Hofmannsthals Festspiel-Hit. Er ist ein vom Menschen erfundenes Wort für das biologische Ende eines Lebewesens, bevor die Verwesung einsetzt, an der Würmer und Pflanzen mehr Gefallen finden als die Hinterbliebenen, sofern sie Pietät besitzen. Manchmal ist er sogar mehr: bohrende Gedanken, die sich ihrer Mumifizierung entziehen. Für so vieles hätte ich dem Menschen, der jetzt im Sarg liegt, noch danken müssen; so vieles hätte ich ihn noch fragen müssen; einiges hätte ich ihm noch verzeihen müssen. Zu spät. Was bleibt? – Die in den Urnen; da kann ich nur an Asche denken. Bei den anderen denke ich: ‚Wie sie jetzt wohl aussehen mögen in ihren geborstenen Särgen?‘, und es gruselt mich. Die Liebe ist stärker als der Tod. Dieser Satz steht immer dann abrufbar als Antwort bereit, wenn der Tod schon gesiegt hat und die einsam gewordene Liebe noch umherirrt und Fragen stellt, weil sie sich nicht abfinden will mit dem Verlust. Oh, wie gut ich diesen Zustand kenne! Die Bilder, die Vergleiche, die Traurigkeit. Bitte keine schwermütigen Erinnerungen jetzt, keine tränentreibenden Traumpassagen! Wenn der Tag schon mit Weinen beginnt, endet er mit Schnäpsen.
Noch nüchtern,
Hanno Rinke
Quelle: 1 ‚Ich bin der Welt abhanden gekommen‘, Gedicht von Friedrich Rückert aus dem Zyklus ‚Liebesfrühling‘, vertont von Gustav Mahler
Grafik mit Material der mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH
Der Körper als unerbittlicher Taktgeber – immer wieder zwingt er uns zur Rückkehr ins Banale, selbst inmitten tiefster Gedankenketten.
und doch: Genau darin liegt die Verlässlichkeit des Daseins.
Man könnte auch kommentieren, dass man sich darauf verlassen kann, dass sich alles ändern wird: die Verlässlichkeit auf die Unverlässlichkeit. Trost: Überraschungen lockern den Seinsbrei auf. Dann schmeckt er etwas süßer.
Der Mensch sucht eben nach Logik. Manchmal gibt es sie, manchmal nicht. Und nun?
Damit leben, dass manches nicht erklärt werden kann, von selbsternannten Heilsbringern schon gar nicht.
So ist es wohl. Der Körper holt uns immer wieder ins Hier und Jetzt zurück, zwingt uns, den Moment zu spüren, selbst wenn der Geist in anderen Welten schwebt.
Der Geist kann nicht schweben, wenn der Darm krampft.
Andererseits ist Lust ohne Beteiligung des Körpers selten. Nicht beim Essen, nicht beim Hinsehen, nicht beim Fühlen. Ich habe mich zunächst mit der Einheit von Körper und Geist abgefunden. Inzwischen genieße ich sie.
Der Körper ist eben doch mit allem anderen verbunden. Den Mensch gibt es nur als Einheit.
Experimente, den Geist nach dem Tod weiter existieren zu lassen, erschrecken mich. Aber dass ein Flugzeug 200 Menschen in 13 Stunden von Frankfurt nach Tokio bringt, war nicht nur für Neandertaler, sondern auch für Napoleon noch unvorstellbar. Die Zukunft wird uns ständig erklärt. Und dann wird sie ganz anders.
Die Zukunft hat oft eine seltsame Art, unsere Vorstellungen zu überlisten 😉
Die Zukunft ist ja keine Göttin Fortuna. Sie hat keinen Plan. In Teilen können wir die Zukunft beeinflussen, in Teilen beeinflusst sie uns.
Die Zukunft ist wohl einfach irgendwie das, was wir draus machen, und manchmal kommt es eben anders, als man denkt. Hoffentlich bereuen wir keine Entscheidungen, wenn wir dann wirklich wissen, was sie gebracht haben.
Einerseits dienen die jeweiligen Umstände oft als Ausreden für Versagen, andererseits ist es einfach, im Nachhinein Vorwürfe zu machen, wenn man vom Ausgang der Geschichte her urteilt. Schwierig.
Ich muss immer zuerst Ordnung schaffen – egal, worum es geht. Ohne eine klare Struktur gibt es keinen Raum für anderes. Vielleicht ist das meine Art, das Chaos zu zähmen, bevor ich mich wirklich auf etwas einlassen kann.
Das ist wohl eine Charakter- oder Erziehungsfrage. Man sieht es schon beim Kochen. Die einen richten ein Trümmerfeld in der Küche an, die anderen schaffen in wohlgesetzter Ordnung ein kulinarisches Kunstwerk. Ob man das rausschmeckt?
Vielleicht schmeckt man weniger die Ordnung als die Liebe, die jemand ins Kochen steckt. Aber ein bisschen Küchenchaos hat sicher auch seinen eigenen Charme!
Wie schmeckt Liebe? Die einen mögen es nicht zu süß, die anderen mögen es ordentlich scharf. Ich fürchte, Talent und Routine bringen bessere Ergebnisse als unbeholfene Liebe. Natürlich: schlecht gemacht kann rührend sein, und das ist manchmal mehr wert als ein Michelin-Stern.
Liebe, die man schmeckt, gibt es bei Pfanni. Probieren Sie doch mal.
Stimmt! Als ich noch beim Kochen geschummelt habe, habe ich für Kartoffelbrei immer das Pfanni-Pulver mit Milch und Wasser verrührt, nie das von Knorr. Dann aber kräftig Knorr Hühnerbrühe dran, Muskat drüberreiben – fertig.
Gesteuerter Wahnsinn, interessant … Vielleicht ist das genau der Moment, in dem wir die Freiheit des Chaos mit der Klarheit der Struktur verbinden, der uns ermöglicht, über die Grenzen des Bekannten hinauszugehen, ohne völlig den Halt zu verlieren. Also ein Versuch, in der Unordnung ein System zu erkennen, das sich selbst entfaltet, ohne dass wir es vollständig kontrollieren können!? Wenn man das so denkt, dann entsteht in so einer Spannung zwischen Kontrolle und Freiheit eine neue Form des Schöpfens – eine, die uns sowohl fordert als auch befreit. Gesteuerter Wahnsinn ist dann wohl auch nicht die Abwesenheit von Ordnung, sondern ihre radikalste Form.
Also ein System, das aus der Freiheit der Unordnung erwächst
Also entweder Chaos oder System. Beides gleichzeitig geht ja nicht.
Das stimmt, Chaos und System scheinen zumindest auf den ersten Blick unvereinbar. Aber in vielen Fällen entsteht das eine aus dem anderen. Oft ist es so, dass Chaos eine Art von „rohem Stoff“ ist, aus dem sich im Laufe der Zeit ein System entwickeln kann. Zum Beispiel, wenn unstrukturierte Ideen oder Ereignisse aufeinandertreffen, kann sich durch Mustererkennung und Wiederholung ein System herauskristallisieren. Das sieht man z.B. in Mathematik und Phsyik.
Der Grenzbereich zwischen Vorhersagbarkeit und Chaos bei nichtlinearen dynamischen Systemen ist ein Teilgebiet der Physik. Aber auch der Zustand meines Kleiderschranks.
Hahahaha.
Da schließe ich mich wohl leider an!
Wo kein anderer hinschaut, ist der Ehrgeiz, vorbildlich zu sein, etwas geringer. Zwischen Ordungsfanatiker und Messi gibt es aber glücklichweise einige Abstufungen.
An diesem fehlenden Ehrgeiz hat selbst Marie Condo auf Dauer nichts ändern können.
Sie will zuerst die Kleidung und die Erinnerungsstücke zuletzt einsortiert haben. Es fängt allerdings bereits damit an, dass viele Kleidungsstücke für mich Erinnerungen an Ereignisse haben.
Der Text bringt es auf den Punkt! Ich stimme zu, dass viele Aspekte des Lebens viel komplizierter sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen.
Ja. Diese Einsicht kommt immer wieder und wieder und wieder…
Das Gesetz von Ursache und Wirkung ist nicht sonderlich kompliziert. Wir schätzen nur oft falsch ein, was die Wirkung auslösen kann: Wut, Scheidung, Krieg. Aber auch Wertschätzung, Trost, Glück.
Manchmal sind es die ganz kleinen Dingen, die auf einmal eine große Reaktion oder sogar eine Eskalation verursachen. Man kennt es leider aus Erfahrung.
Das passiert am häufigsten, wenn der Anlass das Feuer auflodern lässt, die Ursache schwelte schon lange.
Inkl. des Todes 😉
Der Tod ist ja das Sicherste von der Welt. Die Umstände des Sterbens sind es nicht. Das ist vielleicht auch besser so, sonst würde man sich womöglich jahrelang auf diesen Moment hinängstigen.
Ich merke, dass ich, zumindest in letzter Zeit, nicht viel an den Tod denken musste. Trotzdem lese ich diese Reihe wirklich gerne. Wahrscheinlich heisst das einfach, dass meine Sorgen momentan woanders liegen, oder dass sie nicht so groß sind. Wie auch immer, es ist kein schlechtes Gefühl.
Das freut mich. Die vier Teile handelt ja zum größten Teil vom Leben und von Dingen, die uns alle freuen oder uns zu schaffen machen.
Ohne Frage. Leben, Tod, und alles dazwischen. Am besten mit Humor, wo’s geht.
Humor ist immer gut. Allerdings muss man unterscheiden zwischen platten Witzen und pointiert formulierten Einsichten.
Herr Rinke, die Dissonanz in Ihrem Text ist in der Tat bemerkenswert – eine Mischung aus Resignation und doch einer seltsamen Klarheit. Sie schaffen es, den Tod nicht nur als Ende, sondern auch als eine Art Ordnung darzustellen, die das Leben in seiner chaotischen, anstrengenden Unbeständigkeit zähmt. Diese Ambivalenz zwischen der Sehnsucht nach dem Tod und der Kritik an der Zwangsläufigkeit des Lebens bringt eine scharfe, beinahe bittere Energie mit sich. Ihre Betrachtung über das Leben als „anstrengendes Geschenk“ geht unter die Haut und regt zum Nachdenken an, auch wenn die Gedanken irgendwann in der Leere verblassen. Es ist für mich ein Text, der weder Trost noch Antwort gibt, sondern vielmehr in seiner Dissonanz verweilt und uns Leser damit in diese kühle, nachdenkliche Stille zieht.
Passend zum Thema Tod eben.
Im abschließenden letzen Teil am kommenden Sonntag gebe ich mir Mühe, aus dem Drama eine Burleske zu machen.
haha. ich bin gespannt. dann wird der tod der „star“ der show? immer noch dramatisch, aber mit einem unerwarteten twist? in der burleske gehen tragik und komik ja auch gerne hand in hand.
Nur noch sechs Tage …
Und jedem Ende wohnt ein Zauber inne…
Hoffen wir es.
Hermann Hesse sah das etwas anders. Wegtreten hat nun mal andere Auswirkungen als loslegen.
Aber Hesse sagt doch auch „Der Tod ist nur ein Horizont, und ein Horizont ist nichts anderes als die Grenze unseres Sehens.“
Hoffen wir, dass das Sehen nicht in Blindheit übergeht!
Bitte keine schwermütigen Erinnerungen.
Ich war vor zwei Wochen auf der Beerdigung eines Freundes, der überraschend jung gestorben ist. Einfach so, im Schlaf. Ich war sowohl überrascht, wie erfreut, dass die Veranstaltung tatsächlich ohne zu viel Schwermut ausgekommen ist. Es gab viele schöne Erinnerungen, es wurde sogar zusammen gelacht. Ein Verlust bleibt ein Tod trotzdem immer. Da helfen keine Erinnerungen. Weder schwere, noch leichte.
Das klingt nach einer schönen Feier. Trotzdem mein Beileid.
Im Alter beginnt man notgedrungen, sich an das Sterben von Weggefährten zu gewöhnen. Aber das eigene Sterben kann man nicht üben. Es bleibt rätselhaft.
Und die Angst davor schwindet dadurch auch nicht.
Die meisten Menschen thematisieren es nicht. Aber manche fürchten sich, manche freuen sind darauf, besonders, wenn sie glauben, im Jenseits geliebte Personen wieder zu treffen. Ein tröstlicher Gedanke, wenn man es glauben kann.
Eigentlich machen ja auch nur der Wahrheit verpflichtete historische Filme Sinn. Historisches mit verdrehten Fakten verstehe ich nicht.Da wird manchmal am Drehbuch hin und her geschraubt, um einen besseren Effekt für die Zuschauer zu erreichen und dann liest man im Nachhinein in der Kritik, dass die Vorgänge eigentlich ganz anders waren. Es irritiert mich jedes Mal aufs Neue.
Das geht mir in den zahlreichen Biopics der letzten Jahre so. Da ist es ja am Ende fast immer so, dass die im Film entscheidenden Szenen faktisch gar nicht stimmen.
Stimmt. So war’s im Bob Dylan Film auch wieder.
Was war denn daran falsch?
Für mich: Hauptsächlich die Idee, dass Dylan’s Songs direkt mit seinem Leben verbunden sind. Dabei unterstreicht er eigentlich immer, dass sein Schreiben eben nicht autobiographisch ist.
Filme sind keine Geschichtsbücher, aber wenn man von einem Charakter behauptet, es handle sich um eine authentische Person, übernimmt man Verantwortung. Ansonsten soll bloß der bekannte Name für Umsätze sorgen.
So ist es wohl. Da nimmt man sich eine spannende Geschichte, die unbedingt erzählt werden muss … und dann ändert man die Geschehnisse, weil einem die Geschichte doch nicht spannend genug ist. Der durchschnittliche Netflix-Schauer merkt es zum Glück nicht.
Eigentlich sind mir kommerzielle Verfälschungen lieber als ideologische.
Je mehr Nachrichten ich lese, desto mehr denke ich, dass eine Rettung der Menschheit nicht mehr möglich ist.
Ja, schwierig. Wie soll die Demoktatie überleben? Wenn ich lese, welch unendlicher, kostspieliger Aufwand um die Terroristin Klette betrieben wird – in Russland wäre eine kostengünstige Kugel zum Einsatz gekommen.
Tja, die demokratischen Systeme, die auf Rechtsstaatlichkeit und Transparenz basieren, haben oft höhere Kosten und komplexe Verfahren, um mit solchen extremen Fällen umzugehen. Die Herausforderung besteht wohl darin, die Balance zu finden zwischen einer gerechten und fairen Behandlung und dem Schutz der Gesellschaft vor Gefahren. Die Antwort auf diese Frage sollte aber nicht nur im finanziellen Aufwand liegen, sondern auch in der Frage, wie wir als Gesellschaft unsere Werte, wie Gerechtigkeit und Menschenrechte, bewahren wollen. Gerade heute.