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DIE ELF  —   2. Kapitel: NULL

#2.1 | Umbenennungen

Irena hatte den Krieg überlebt und war weder ins KZ geworfen noch vergewaltigt worden. Nur aus ihrem polnischen ‚A‘ war ein deutsches ‚E‘ geworden: Irene. Guntram hatte sie konspirativ im Westberliner Vorort Frohnau untergebracht, bevor er selbst in den letzten Kriegsmonaten noch an die Front geschickt wurde. Zum Schluss hatte ihn auch sein ‚kriegswichtiger Betrieb‘ nicht mehr retten können. Vor Vertrauten weissagte er hellsichtig: „Also, wenn die mich erst brauchen, dann ist der Krieg verloren.“ Weit hatte er es sowieso nicht mehr bis zur Front: gerade mal hundert Kilometer nach Osten. ‚Irgendwie‘ kam er aber ab von seiner Truppe und geriet unter die Russen. Auf Anregung des Kommandanten, dem er vorgeführt wurde, ging er zurück hinter die Linien und überredete die Soldaten dort, aufzugeben. Ein deutsches Kriegsgericht hätte ihn dafür zum Tode verurteilt, die Sowjets sahen das anders und schickten ihn zur Belohnung nach Hause. Der Krieg war ja dann sowieso gleich vorbei.

Die Sowjets waren also längst da, als Guntram nach ein paar Tagen Fußmarsch in Berlin ankam, aber im August 1945 erreichten sogar die Franzosen den Norden der ruinierten Hauptstadt, und sie beschlagnahmten die hübsche Villa in Frohnau. Na ja, anders hatten es die Deutschen im Juni 1940 in Paris auch nicht gemacht. Das aus dem Vorortsparadies vertriebene Paar kam bei einem Geschäftsfreund von Guntram unter: in der Reichsstraße, Westend. Ganz nahe am Adolf-Hitler-Platz. So hieß er schon ab April 1933, gleich nach der ‚Machtergreifung‘. Dass die Menschen sich das und den Gruß ‚Heil Hitler‘ gefallen ließen, werde ich niemals, niemals, verstehen, auch mit 99 nicht. Inzwischen hieß er natürlich wieder wie vorher ‚Reichskanzlerplatz‘ und ab Dezember 1963 Theodor-Heuss-Platz, aber da war Theodor Heuss auch schon tot. Benennungen von Verkehrsinseln und Gebäuden nach Lebenden schicken sich nicht: Das machen nur Proleten wie Faschisten und Kommunisten. Jedenfalls – knapp neben dem wieder neutralisierten Platz, in einem abgetretenen Raum der Vierzimmerwohnung von Kurt Becker, wurde ich gezeugt, wohl nicht absichtlich, zu diesen Zeiten; aber anders als bei seiner vorigen Freundin Renate, organisierte Guntram dieses Mal keine Abtreibung. Nein, er ließ sich sogar von seiner bisherigen Frau scheiden und heiratete Irene ziemlich bald, nachdem er im Januar 1948 endlich aus dem Gefängnis gekommen war. Da war ich gerade mal anderthalb Jahre alt und von da an: nicht von schlechten Eltern.

In diesem Zusammenhang stellt sich wissbegierigen Lesenden die Frage: Warum und wie überlebten meine zukünftigen Eltern die Nazizeit auf sehr unterschiedliche Weise, und was hatte Guntram denn im Gefängnis zu suchen? Aber das lasse ich hier mal offen. Bei jeder guten Geschichte bleibt etwas Unerklärbares im Raum stehen, und sogar schlechte Geschichten versuchen, sich mit diesem Kniff aufzuwerten. Bei denen wird dann Nichterklärtes einfach als Unerklärliches ausgegeben, und wenn es niemand merkt, ist der Erfolg ja befriedigender als die Wahrheit. Ganz Wissbegierige können allerdings über das Vorleben meiner Mutter etwas mehr erfahren: im Blog unter ‚Leben lernen‘ ab #2.34. Über meinen Vater gebe ich weitere Hinweise ein andermal.

Foto: Privatarchiv H. R.

Mit allen anderen Neugeborenen hatte ich gemein, dass ich mich an den Vorgang des Austritts im weiteren Verlauf meines Lebens nicht mehr würde erinnern können. Mehr aber auch nicht. Sechs Wochen lang soll ich die Augen nicht geöffnet haben, und ich trank nicht. Meiner Mutter musste die ‚schöne‘ Milch abgepumpt werden, erwähnte sie mir gegenüber sehr viel später bedauernd (‚vorwurfsvoll‘ traute sie sich nicht; Kleinkinder gelten nicht als schuldfähig). Ein Mensch, dessen erste Eindrücke Sommer, Sonne und Wärme sind, der nimmt die Welt womöglich anders wahr als jemand, der im Winter geboren wird. Weiter möchte ich die Astrologie nicht treiben. Das war’s. Keine Spekulationen mehr. Ab jetzt kann ich mich auf eigene Beobachtungen verlassen.
Ich möchte diesen Abschnitt aber – etwas vorgreifend – mit einem positiven Satz beschließen: Am 28. Februar 1952 wurde Danzigs ehemaliger Gauleiter Albert Forster hingerichtet.

Foto links (Albert Forster): Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto rechts (Ausschnitt/bearb.): Bundesarchiv, Bild 101I-031-2436-03A/Koch, CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons | Titelillustration mit Material von Shutterstock: K.Sorokin (Hammer), AVA Bitter (Waage) und aus dem Privatarchiv H. R. (Baby), Bundesarchiv, Bild 183-J313336, CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons  (zerstörtes Gebäude), Bundesarchiv, Bild 101I-031-2436-03A/Koch, CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons  (Hinrichtung/Ausschnitt/bearb.)

Fortsetzung folgt am Freitag, 24.11.2023

46 Kommentare zu “#2.1 | Umbenennungen

  1. Tja, Benennungen von Verkehrsinseln und Gebäuden nach Lebenden, das machen nur Proleten. Ich sage nur Trump Tower, Trump International Hotel and Tower, Trump World Tower…

      1. ‚Trump Jail‘ wäre ein zusätzliches Gebäude, das ich begrüßen würde.

      2. Da kommen dann die politischen Gegner rein, wenn Trump im November nächsten Jahres von seinen verwirrten Anhängern erneut zum Präsidenten gewählt wird. Eine schöne Gemeinschaftszelle für Hillary, Joe Biden, Bill Barr, Frau Hutchinson etc.
        (So richtig zum Lachen ist mir übrigens nicht zumute.)

  2. Man kann sich diese Biografien, die so eng mit dem Krieg verbunden sind, gar nicht mehr richtig vorstellen. Hierzulande meine ich. Da machen die momentanen Entwicklungen überall auf der Welt nich einmal mehr Angst.

    1. Meistens kann man sich ja mehr vorstellen als passiert. Wenn es umgekehrt läuft, hat entweder die Phantasie versagt oder die Politik.

      1. Aber werden die Menschen nicht wieder radikaler? Oder bringen die sozialen Medien etc. so etwas nur deutlicher zum Vorschein? So viele gefährliche Konflikte auf einem Haufen gab es doch wirklich lange nicht mehr.

      2. Die einen werden radikaler, die anderen gleichgültiger. Beides nicht hilfreich.

  3. Es ist doch immer wieder abscheulich, was für Unmenschlichkeiten alle Kriege und fanatische Ideologien mit sich bringen. Das Bild des Erhängten spricht Bände! Als Kind in Trümmer hineingeboren zu sein ist sicher nicht einfach.

      1. Die Hamas mit Tieren zu vergleichen, wie Israels Regierung das getan hat, ist deshalb das verkehrte Bild. Unmenschlich können nur Menschen sein: Wenn es die Situation hergibt, leider seit jeher und immer wieder.

      2. Unmenschlichkeit scheint ja im Gegenzug auch genau dieselbe Unmenschlichkeit zu provozieren. So barbarisch, wie der Angriff der Hamas auf Israel war, so schrecklich ist die Vergeltung im Gazastreifen. Zivilisten sterben und leiden in beiden Fällen.

  4. Wie Irene den Krieg so schadlos überstehen konnte, habe ich mich beim Einstieg auch gleich gefragt. Aber es können ja nicht alle Fragen beantwortet werden. Aber ein großes Glück, das steht wohl außer Frage.

    1. Ich glaube kaum, dass allein die Umbenennung von Irena zu Irene viel dazu beigetragen hat. Geschadet hatte es sicher aber auch nicht. Vielleicht gab es ja gute Beziehungen zu bestimmten Offizieren? Mir hatte mein Großvater erzählt, dass er als Offizier viele Juden schützen konnte, da er eine gute Stellung hatte und seine Behauptungen „der oder die sei deutsch“ nie angezweifelt wurden. Allerdings musste er auch einen gewissen Soll an Juden erfüllen und sie ohne Zucken entsenden, damit er selbst nicht auffälig wurde. Ihn hat das so sehr mitgenommen, dass er nie darüber hinwegkam. Seitdem er dies gebeichtet hat, fühle ich mich schuldig, einen NS Offizier in der Familie gehbat zu haben. Ich konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen. Dieser Faschismus hat die Menschlichkeit von zu vielen verdammt.

      1. Eines der besten Bibel-Zitate: ‚Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.‘ Johannes 8,7. Über eine Situation zu richten, in der man selbst nie war, ist schwierig. Zu leicht reagiert man anmaßend, selbstgefällig oder weinerlich.

  5. Ich kann mich ehrlich gesagt gar nicht an meine ersten Eindrücke erinnern. Die ersten wikrlichen Erinnerungen, da muss ich schon mehrere Jahre alt gewesen sein.

      1. Bei mir ist es ein Urlaub mit den Eltern in Griechenland. Da muss ich auch um die 4 oder 5 gewesen sein. Es gibt da eine Szene mit meinem Vater am Strand, an die ich mich gut erinnere. Die nächste Erinnerung kommt dann auch wieder erst ein Jahr oder so später.

  6. Ich habe den Schrecken des Krieges am eigenen Leib erfahren und mich berührt dieser Artikel sehr. Irena’s Geschichte, wie sie den Krieg überstanden hat, erfreut mich; haben wir alle Überlebenden doch so viel Trauer und Schmerz erfahren. Die Tatsache, dass sie nicht ins KZ geschickt wurde, zeugt von unerschütterlichem Glück in einer Zeit tiefster Dunkelheit. Ich wünschte, die Menschen hätten aus dieser grausamen Zeit mehr gelernt.

    1. Die Menschen, die einen Krieg erleben müssen, lernen in der Regel viel. Die Menschheit hingegen, die ist im Lernen äußerst träge. Da werden in jeder Generation wieder die gleichen Entscheidungen getroffen und dieselben Fehler gemacht.

      1. Menschen lernen nicht nur viel, sie verdrängen auch viel. Und manche verherrlichen den Krieg sogar als ‚Stahlgewitter‘. Wenn in Zukunft statt der Panzer und Maschinengewehre nun Drohnen und Cyber-Attacken den Gegner lahmlegen, dann haben die Kriegshelden wohl endlich ausgedient.

      2. Erst gerade habe ich von AI-Dronen gelesen. Damit würde wohl endgültig alles außer Kontrolle geraten. Ich würde hoffen, dass die Politiker wenigstens dort strengere Regeln schaffen würden. Aber die Hoffnung ist aller Wahrscheinlichkeit nach wieder vergebens. Wer will sich schon die neuesten Errungenschaften oder einen Vorteil gegenüber den Konkurrenten entgehen lassen.

  7. Unfassbar wie ungreifbar Krieg für mich Jahrzehnte über Jahrzehnte lang war. Er schien so weit entfernt und unmöglich zu meinen Lebzeiten… Und nun? Ukraine, Russland und Nahost; zudem der Rechtruck in der heimsichen Politiklandschaft, der mich nur schaudern lässt vor all der Dummheit in dieser Gesellschaft! Was ist mit all unserer Aufklärung?? Haben alle Schulen dieses Landes versagt?

    1. Die Aufklärung hat den Kolonalismus nicht verhindert und tut heute mehr Buße als Gutes. Das nutzen Autokraten. In der Schule können einzelne Lehrer nicht das gerade biegen, was in gewissen Elternhäusern aus Gleichgültigkeit, Fanatismus oder Fehleinschätzung schiefgegangen ist. Der 1990 anscheinend siegreiche Liberalismus hat 2023 einen schweren Stand.

    2. Die Schule kann natürlich nicht gegen Eltern ankommen, die ihre Kinder entweder ganz vernachlässigen oder radikal und ignorant erziehen. Aber noch weniger kommt sie dagegen an, wenn Politiker falsche Ideale vorleben. Wer sich Trump oder Boris Johnson anschaut (Olaf Scholz taucht ja weniger im Fernsehen auf), der versteht halt nicht, dass er sich selbst benehmen soll.

  8. Ich finde es ehrlich gesagt sehr anwiedernd und abescheulich, wie Sie hier Bilder von einer Erhängung zeigen, als wäre dies das Normalste! Überall im Netz werde ich verfolgt von diesen Elendsbildern, die mich nicht mehr schlafen lassen.

    1. Leider gehört das aber auch zu unserer Realität. Die Bilder werden hier ja nicht missbraucht, sondern im historischen Kontext gezeigt. Was ist daran falsch?

    2. Die Aufregung verstehe ich auch nicht. Man kann natürlich so tun, als gäbe es nicht Schlechtes auf der Welt. Ich bin aber nicht besonders überzeugt davon, dass das irgendjemandem hilft.

      1. Ich glaube, bei den vielen schrecklichen Bildern in den Nachrichten gibt es einfach Leute, die versuchen sich so gut es geht von solchen Dingen fernzuhalten. Das kann man zwar als naiv, ignorant oder realitätsfremd abtun, aber ich verstehe auch, dass man sich von so viel Gewalt überfordert fühlt.

    3. Damals war das nun mal ‚das Normalste‘. Im Fall hier oben trifft es nicht einen von Nazis ermordeten Deserteur, sondern einen Kriegsverbrecher. Wir leben nicht mehr im Zeitalter des Wortes, sondern in dem der Bilder. Leider. Erklärungen sind weniger gefragt. Urteile werden oft auf einen Blick gefällt. Natürlich muss man sich trotzdem nicht alles angucken, was im Netz kursiert, aber die Augen zu verschließen, rettet den Vogel Strauß auch nicht.

      1. Eigentlich würde man ja meinen, dass in unserer Fake-News-Zeit gründlicher geschaut wird, bevor man sich eine Meinung bildet. Genau das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein. Vorschnelle Urteile, faktenlose Aufregung, unverrückbarere Meinungen.

  9. ich bin gegen abschiebung, aber bei dem gesindel mach ich gern eine ausnahme: nazis raus! raus! raus! ab zum mond schiessen und tschüss!

    1. Die Nazis aus dem Text sollten mittlerweile wohl nicht mehr am Leben sein. Oder meinen Sie Neonazis? AfDler? Wohin würden Sie die denn abschieben wollen?

      1. Das Wort ‚Nazi‘ hat doch heute gar keine Bedeutung mehr. Es steht nur noch für ‚Arschloch‘.

      2. Dürfte man einen der Begriffe für Geert Wilders in Holland benutzen? Ich frage nur aus Interesse…

      3. Für Putin ist Selenskyj ein Nazi, für Erdoğan ist Netanjahu einer. Bjön Höcke kommt der im Westen üblichen Definition wohl am nächsten. Beunruhigend, dass seine Wähler das wohl auch so sehen – und begrüßen.

  10. Ist es nicht so, dass Morde und Hinrichtungen, die bejubelt werden, die Gewaltspirale nur weiter unterstützen? Ich sage nicht, dass es nicht grausame Menschen gibt oder gab, die die Welt nicht braucht oder besser nie erlebt hätten, aber wer sind wir, wenn wir bei Bomben, Raketen und Erhängungen klatschen?

    1. Mich überrascht ja doch, dass der letzte Abschnitt so starke Reaktionen auslöst. An Gewaltverherrlichung habe ich wirklich nicht denken müssen. An Pietätlosigkeit auch nicht. Im Endeffekt heißt es doch nur, dass letztendlich das Gute gesiegt hat und Forster seine gerechte Strafe bekommen hat. Alles andere scheint mir etwas ausschweifend interpretiert.

      1. Dass ich mich manchmal etwas sarkastisch ausdrücke, das wissen meine Leser(innen) und ich selbst. Wehleidigkeit und Besserwisserei als Sensibilität zu interpretieren, das ist auch nicht neu, aber durch das Internet zum Mainstream geworden.

      2. Die Wahl der Worte ist immens wichtig. Das wird heutzutage manchmal vergessen. Andererseits wird momentan gerne jedes einzelne Wort, und zwar sehr unabhängig vom jeweiligen Zusammenhang, auf die Goldwaage gelegt. Es ist eine etwas seltsame Mischung.

      3. Ich habe da ein ganz anderes Gefühl. Also wenn es um die Wahl der passenden Worte geht. Es ist doch viel eher so, dass darauf fast penetrant geachtet wird. Künstlerstatements auf Twitter/X z.B. sind doch selten noch wirklich spontan oder ‚frei von der Seele‘. Das meiste wird mit einem Marketingberater präzise geskriptet. Damit eben niemandem auf die Füße getreten wird. Der Shitstorm soll ja möglichst ausbleiben.

      4. Gilt nicht für den Shitstorm inzwischen das, was für alle Öffentlichkeitsarbeit gilt? Schlechte PR ist besser als keine.

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