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Rundbriefe

Betrifft: Was uns blüht und was uns welkt

Liebe Leserinnen und Leser,

Civey macht dauernd Umfragen und die Talkshows machen sich genauso wichtig: Soll man der Ukraine Beitrittsverhandlungen zur EU in Aussicht stellen? Soll man Kohlekraftwerke oder gar Atomkraftwerke länger laufen lassen? Soll man Putin einen ehrenvollen Rückzug ermöglichen oder der Ukraine schwere Waffen liefern? Die Gefragten wägen ihre Antworten sorgfältig ab und kreuzen entsprechende Vorgaben an oder äußern bei ‚Lanz‘ Durchdachtes. Alle Fichten brennen lichterloh, und die Bewohner des Walddorfes erörtern, ob sie die Feuerwehr rufen oder auf Regen warten sollen. So kommt es mir vor. Für die Umwelt sei es fünf vor zwölf, heißt es, aber Putin hat uns längst dreizehn geschlagen, und auf erneuerbare Energie zu setzen ist dann besonders effektiv, wenn man noch genügend lange am Leben ist, um sich mit diesem Thema bis zu dessen allmählicher Durchsetzung zu beschäftigen. Der Frühling ist vorbei. Die Eiszeit hat begonnen.

Während ich das schreibe, freue ich mich, dass ich mehr empört als verängstigt bin. Brüssel ringt noch um Gemeinsamkeit; gleichzeitig ist nicht auszuschließen, dass aus Russland bald Raketen auf das störrische Litauen abgeschossen werden und die NATO ihren Bündnis-Verpflichtungen nachkommen muss. Derweil walzen sich russische Panzer tiefer in die Ukraine, und ob sie am Dnjepr, an der Weichsel oder an der Elbe haltmachen wollen, ist noch nicht ausgemacht. Putin will alles, und weniger wird ihm nicht genügen. Die Russen sind es gewohnt, verfüttert zu werden. Die Ukrainer werden nicht nachgeben. Der Tod wäre sonst ebenso unausweichlich, nur weniger ehrenvoll, meinen sie. Verbrannte Erde schreckt niemanden. Die einen stürmen mit derselben Begeisterung in die ‚Sonderoperation‘ wie im Ersten Weltkrieg, die anderen versuchen unrealistische Beschwichtigung wie vor dem Zweiten. Jeder lernt das aus der Geschichte, was er gerade will, und nebenbei ist die ‚Documenta‘ in Kassel so modern, ein indonesisches ‚Kollektiv‘ antijüdische Propaganda erst ausstellen und dann abdecken zu lassen.

Der Westen habe kein Rückgrat, lasse sich alles gefallen und wolle sich bloß amüsieren, glaubten der Kreml und China. Inwieweit sie sich getäuscht haben, ist leider nicht ganz klar. Die einen fühlen sich immer noch schuldig, weil ihr Ur-Ur-Ur-Urgroßvater einem ‚Negerhäuptling‘ seine Sklaven abgekauft hat (schlimmster Kolonialismus), die anderen finden nach wie vor, dass unzufriedene Frauen nur mal kräftig durchgefickt werden müssten (schlimmster Machismo). Der Westen ist, anders als der Osten, uneins. Hoffentlich ist das seine Stärke. In der Dekadenz hat es sich zu allen Zeiten angenehmer gelebt als im Aufbruch. Mal sehen, in welchem Zeitalter wir uns befinden.

Auch im Blog werden jetzt Probleme beschrieben. In ihrer Bedeutungslosigkeit liegt ihre Komik. Und natürlich in meiner Schilderung …

Grinsend,
Hanno Rinke



Cover mit Material von: Marcus Lenk/Unsplash (Häuser, hinten mittig und links), C Dustin/Unsplash (Wolke) und Shutterstock: ANDRIY B (Buch), Jan Martin Will (Baum), Wondervisuals (Haus, hinten links), Anibal Trejo (Fernsehturm), gomolach (Kerzenflamme), Marti Bug Catcher (Brandenburger Tor)

12 Kommentare zu “Betrifft: Was uns blüht und was uns welkt

  1. Solche Umfragen machen ja tatsächlich Sinn um zu sehen, wie die Stimmung in der Bevölkerung nun gerade ist. Aber die Entscheidungen sollten doch trotzdem die Leute treffen, die sich mit den jeweiligen Themen auch wirklich auskennen.

    1. Wenn Politiker aber gegen den Willen der eigenen Bevölkerung entscheiden (siehe Roe v. Wade) dann sollte man sich auch Gedanken machen.

      1. Mich wundert ja ehrlich gesagt, dass sowohl die Kuratoren wie auch die lokalen Politiker vom dieser Kontroverse so überrascht wurden. Das ist schon befremdlich.

  2. Eine Bedeutungslosigkeit, die es ja eigentlich nur auf den ersten Blick ist, ist mir weitaus lieber, als mich tagein tagaus mit Bombenangriffen beschäftigen zu müssen.

      1. In Amerika werden im Jahr 2022 Schwangerschaftsabbrüche wieder unter Strafe gestellt. Gleichzeitig sagt eine Angestellte des Trump White House in einer Art und Weise aus, dass man denkt man wäre in einer HBO Serie. Unglaublich.

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