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Rundbriefe

Wie wir von uns denken

Liebe Leserinnen und Leser,

man kann sich negativ definieren: Ich bin Nichtraucher, Nichtschwarzer, Nichtvegetarier. Beliebt ist auch das eingeschränkte Negativum: Ich bin nicht grundsätzlich gegen Selbstverteidigung, aber wenn dabei im Gazastreifen das unschuldige Baby einer bereits siebenfachen Mutter stirbt, dann soll doch lieber die Hamas jahrelang Bomben auf Israel werfen, als dass ich weiterhin diesen abscheulichen Bildern aus dem Kriegsgebiet ausgesetzt werde. Verhältnismäßigkeit heißt immer: Lass dir so viel wie möglich gefallen! Was das anbetrifft, ist die Schmerzschwelle bei AfD-Wählern und bei Islamisten ähnlich niedrig; ihre Devise lautet eher: ‚Wehr dich!‘.

Die Wirklichkeit ist eine Schimäre. Unsere Wahrheit filtern wir uns aus dem, was wir ‚wahr‘nehmen, und sie bestimmt dann unser Denken und Handeln. Das sollte uns gnädig stimmen gegenüber anderen Wahrheiten. Tut es aber nicht. Die meisten Menschen wollen ihre ‚Wahrheit‘ genannten Überzeugungen durchsetzen: mit Worten oder mit Waffen. Wenn sie behaupten, tolerant zu sein, sind sie oft nur gleichgültig. Am tolerantesten bin ich gegenüber Dingen, die mich nichts angehen. Da dürfen Menschen, die ich nicht kenne, das Geschlecht wechseln, abtreiben und ihr Geld für Glücksspiele ausgeben. Verantwortungsvolle Mitbürger sind anders als ich: Sie kümmern sich nicht nur um sich, sondern verlangen von der ganzen Welt, auf Flugreisen, Fast Food und Billig-Klamotten zu verzichten. Auch ich verzichte auf all das, allerdings ohne mir gleichzeitig den Genuss zu gönnen, meine Umgebung mit solchen Forderungen zu gängeln. Stille Verachtung muss reichen. Sie trägt dann aber leider nicht dazu bei, die Erde zu einem lebenswerteren Ort zu machen, sondern beschränkt sich darauf, meine Küche und meinen Kleiderschrank zu zieren.

Für das Gewissen waren ja früher die Religionen zuständig. Noch heute soll man in Israel und Palästina kein Schwein essen (offenbar keine sehr bindende Gemeinsamkeit) und in Indien kein Rumpsteak. Nach Ansicht vieler Kirchen ist die Gottesmacht lebhaft an Speiseplan, Trinkgewohnheiten und Bekleidung der Gläubigen interessiert. Frauen ein Kopftuch – wenn nicht gar die Totalverhüllung – vorzuschreiben, damit sie mich nicht zu zügelloser Gier anstiften, das halte ich als Vorsichtsmaßnahme für etwas übertrieben. Na klar: Wenn das Gebot nur für sexy Weiber gälte, dann könnte man die Maßnahme gegenüber den unattraktiven Frauen als diskriminierend auslegen. Geht also nicht. Muss auch nicht, denn Religionen haben es gut, jedenfalls solange sie Zulauf haben. Sie können behaupten, ohne beweisen zu müssen. Glauben heißt: Das is’ halt so! Wie beim Papiergeld: Für einen bedruckten Schein ohne künstlerischen Wert bekomme ich etwas Reales, das ich vernaschen oder an die Wand hängen kann, zum Beispiel. Die Finanzwelt lebt von Gläubigen und Gläubigern.

Der Staat als Ordnungsmacht hat es sehr viel schwerer. Er muss das Verantwortungsgefühl seiner Bürger einfordern. Was für ein Gefühl ist das? – Gar keins. Es ist eine Idee. Und in welche Richtung diese Idee fortschreitet, das wird bei Demonstrationen zu beeinflussen versucht, bei Talkshows erörtert und an der Wahlurne entschieden. Das Prinzip ist einleuchtend, baut aber auf die Anwesenheit selbstständiger, der Gemeinschaft verpflichteter Bürger. Vor allem die westlichen Demokratien sind es gewohnt, zu behaupten, dass sie ihr Zusammenleben nach den Forderungen der Französischen Revolution ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ handhaben. Aber der Liberalismus befindet sich in einer Krise. Keine Ode an die Freude. Alle Menschen werden, ja, was denn eigentlich? Jedenfalls keine Brüder! USA, UK, Frankreich, Deutschland. Jeder versucht ständig, seine Gegner im eigenen Staat zu diskreditieren. Und jede macht es mit ihren Gegnerinnen auch nicht besser. Zu woke, zu unsensibel, zu radikal, zu dies, zu das. Schön, etwas übertrieben von mir! Aber nur zur Verdeutlichung, also legitim. Natürlich hat Björn Höcke recht: Das Holocaust-Denkmal ist ein Denkmal der Schande. – Es erinnert daran, wie schändlich die Deutschen gehandelt oder weggesehen haben, und es ist gut, zu dieser Schande zu stehen und sie künftigen Generationen vor Augen zu führen. Bismarck-Statuen in Grünanlagen zu besprühen, um gegen Teile seiner Politik vor hundertfünfzig Jahren zu protestieren, ist die heute beliebtere Form der Vergangenheitsbewältigung, auch wenn den meisten Park-Besuchern Bismarck nur noch vom Hering her geläufig ist.

Ja, ich bin skeptisch, war es schon immer. Immer schon wollte ich lieber vom Baum der Erkenntnis kosten, als nackt durchs Paradies zu stromern. Trotzdem balanciere ich weiterhin auf dem Schwebebalken meiner Hoffnung, dass es nicht nur mit der Wissenschaft (bestimmt), sondern auch mit der Einsicht der Menschen (möglicherweise) vorwärtsgeht. Mit mir selbst natürlich auch, das letzte Stück. Darum will ich mich nicht länger negativ, sondern positiv definieren: Ich bin ein tabakloser, weißer Fleischfresser. Geht doch!

Im Blog nimmt die Entwicklung auch Fahrt auf. Da werde ich allmählich der, der ich bin, und alle Welt kann mir dabei zusehen.

Genießen Sie ’s!
Hanno Rinke



Cover mit Material von Shutterstock: Morphart Creation (Gehirn), MoreVector (Hand mit Glas) und aus Privatarchiv H. R. (7)

38 Kommentare zu “Wie wir von uns denken

  1. Gaza, was für ein schwieriges Thema. Es geht ja mittlerweile nicht mehr um ein unschuldig getötetes Baby, sondern um ca. 4000 unschuldig getötete Kinder. Die Grenze, ob die Bomben der Hamas oder die „Verteidigungsangriffe“ Israels schlimmer sind, verwischt immer mehr.

    1. Dass Israel sich verteidigt, finde ich vollkommen angemessen. Schließlich wurden sie von der Hamas auf ekelhafteste Weise angegriffen. So etwas gab es ja seit dem Holocaust nicht. Sollen sie da einfach zusehen?

      1. Mich verwundert nicht, dass sich Israel verteidigt. Ich bin eher leicht erstaunt, dass sie anscheinend eine erneute Besetzung des Gazastreifens ins Auge fassen.

      2. Nach dem Abzug der Israelis hätte Gaza von all den Subventionen, die es bekam, ein Urlaubsparadies am Mittelmeer werden können. Stattdessen wurde es ein von Fanatikern beherrscher Elendsstreifen.

      3. Das ist wohl war. Aber so eine militärische Kontrolle funktioniert langfristig doch trotzdem nie. Das sieht man in Gaza, in Afghanistan etc. leider immer wieder. Es bleibt nur die Frage, wie man solche Konflikte besser lösen kann.

      4. Man kann die Hamas jedenfalls nicht einfach weiter so machen lassen, wie bisher. Das sollte nach dem 07. Oktober klar sein.

  2. Der Staat als Ordnungsmacht hat es besonders schwer, wenn er gegen die mehrheitliche Meinung seiner Bürger handelt. Wenn dann viele gar nicht wählen (siehe Brexit), dürfen sie sich eigentlich auch nicht beschweren. Wenn sie erst zu spät merken, was sie da gewählt haben (siehe Roe v. Wade), dann kann man nur noch hoffen, dass bis zu den nächsten Wahlen nicht alles zu spät ist.

    1. Demokratie funktioniert eben nur, wenn möglichst viele Menschen mitmachen. Aber auch dann bleibt die Frage, was man mit einem Wahlergebnis anstellen soll. 23,6% der Niederländer wünschen sich Geert Wilders als Ministerpräsident ihres Landes. 76,4% haben anders gewählt. Was nun? Stellt man trotzdem eine rechtsradikale Regierung auf, weil Wilders der große Wahlsieger ist?

      1. Die Konservativen glaubten 1933 Hitler bändigen zu können. Ein Irrtum. In Rom regiert seit Oktober 2022 die ‚Postfaschistin‘ Georgia Meloni. Die Hälfte des Jahres lebe ich in Italien. Es steht noch.

      2. Die Autokraten lassen sich ungern abwählen. Das ist mir die größte Sorge. Ansonsten vertraue ich aber weiter darauf, dass die Wähler doch nicht so dumm sind, wie man manchmal vermuten könnte.

      3. Vertrauen fand ja schon Lenin nicht so gut wie Kontrolle. Vertrauen darauf, dass „die Wähler doch nicht so dumm sind“, ist besonders ambitioniert.

  3. Wenn jemand seinen täglichen Kaffee aus schlechtem Gewissen mit Hafer- anstatt mit Kuhmilch trinkt, wird die Erde für ihn selbst jedenfalls nicht zu einem lebenswerteren Ort.

    1. Vielleicht doch: Ihre Gesinnung schönt ihnen ihre Umgebung, finden manche Menschen; andere setzen alles daran, dass die Welt einmal so aussehen soll wie in ihren Wunschvorstellungen. – Ich trinke meinen Espresso übrigens schwarz, verschone also sowohl die Kuh als auch das Getreide.

    2. Man kann seine Gewohnheiten schon ändern. Eine Tasse schwarzer Kaffee ist doch z.B. eine Option. Andererseits muss man es sich selbst ja auch nicht zu schwer machen. Wer weiterhin seine Kuhmilch trinkt, kann ja vielleicht mit dem Zug in den Urlaub fahren statt zu fliegen. Oder ein Geschäftstreffen per Zoom erledigen. Man muss nicht immer 100%ige Hingabe von sich selbst verlangen.

      1. Also, dann nehm ich doch lieber Schlagobers zum großen Braunen, als mit dem Zug nach Antalya zu fahren.

      2. Ja genau. Aber wenn jeder schon mal das tut, was im leicht fällt, wäre doch schon einiges gewonnen.

      3. Ich frage mich nur immer ob der Erbsenmilch-Cortado wirklich unser Klima retten kann.

  4. Toleranz ist immer einfacher, wenn man selbst gar nicht so richtig betroffen ist. Genau deshalb gibt es doch immer wieder diese Wahlergebnisse, über die dann alle völlig überrascht sind. Da wird dann nämlich deutlich, dass der Nachbar gar nicht so tolerant ist, wie man im Gespräch immer vermutet hatte. Und man selbst möglicherweise auch nicht.

    1. Was sich Toleranz nennt, ist oft nur Gleichgültigkeit. Laut Dante schmoren ‚die Lauen‘ in noch tieferer Hölle als die Bösewichter.

      1. Die lauen Seelen, die nie recht lebend waren – ob Dante mit unserem schwarz-weissen Populismus zufriedener gewesen wäre als mit den Gleichgültigen?

      2. Die Zeiten sind schwer vergleichbar. Wenn ich keine Verbündeten habe, sind die Gleichgültigen für mich bequemer als die Gegner. Aber vielleicht nicht lehrreicher.

      1. Diese ganzen Zuschreibungen auf -ismus sind inzwischen so inflationär, dass sie außer ‚ich find dich scheiße‘ eigentlich nichts mehr aussagen.

  5. In Hamburg gab es 78 Entwürfe, die das Bismarck-Denkmal neu denken wollten. Laut einer mutmaßlich kompetenten Jury war kein Vorschlag umsetzenswert. Das scheint mir ein gutes Bild dieser Debatten zu sein. Meckern ist immer leichter als Lösungen zu finden.

    1. Vielleicht könnte man die Letzte Generation fragen, ob sie das Denkmal mit orangener Farbe besprühen möchte. Da wären dann zumindest gleich 2 Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Das arme Brandenburger Tor muss ja nun doch nicht nonstop beschmiert werden.

      1. Ich hoffe, dass die LG wenigstens für den entstandenen Schaden zahlen wird. Ich muss zugeben, dass sich mir diese Art von Protest nicht erschließt.

      2. Wenn’s keiner merkt, nutzt es nichts. Aber wenn alle es ablehen, auch nicht. Die Mentalität ‚Hauptsache auffallen‘ reicht vielleicht im Pop, in der Politik greift sie zu kurz.

      3. Es ist ja auch nicht so, dass die Politik nicht wüsste, dass der Klimawandel ein riesiges Problem ist. Dieses Aufmerksamkeit-generieren-wollen scheint mir an der Sache vorbei zu gehen.

  6. Nur weil man in verschiedenen Parteien arbeitet, muss man ja nicht gleich ‚Gegner‘ sein. Eigentlich sollen die Parteien ja dennoch kooperieren. So stellt man es sich in einer Demokratie vor.

    1. Hier in Deutschland tun sie das doch auch. Wir sind ja noch etwas entfernt, von den politischen Schlammschlachten anderer Länder. Die AfD bleibt da selbstverständlich außen vor. Aber auch dort geht es ja schlicht und einfach darum, dass man eine Linie zieht, wo mit antidemokratischen und rechtsradikalen Sentiments geflirtet wird. Unter der Gürtellinie wird selbst da nicht gekämpft.

      1. Was antidemoktatisch ist, wird genauso unterschiedlich beurteilt wie, wo die Gürtellinie sitzt. Bei manchen ist sie schon bis zu den Knien gerutscht, ohne dass es sie stört.

      2. Und nach Meloni und Wilders kommt 2027 Le Pen? Ich verzweifle langsam an meinen Mitwählern.

  7. Konsum als Religion scheint vielen näher zu sein als an einen strafenden Gott zu glauben. Der leere Geldbeutel straft zwar auch, aber man hat da doch einen etwas leichteren Überblick. Wenn das Konto leer ist, spart man eben den Rest des Monats. Man muss aber nicht jedesmal gleich zur Beichte.

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