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0304
Rundbriefe

Betrifft: Société Anonyme

Liebe Leserinnen und Leser,

Angstfrei & Furchtlos – das wäre zurzeit meine Lieblingsfirma: eine Gesellschaft mit unbeschränkter Haftung. Denn in der Hitparade des Schlimmen steht für mich bei gleicher Intensität die Reihenfolge fest:

3. Platz: der Schmerz,
2. Platz: die Übelkeit,
1. Platz: die Angst.

Dabei weiß ich um den Übergang von Angst und Lust, um die Achterbahn der Gefühle bei Sex-Eskapaden, Horrorfilmen, Abenteuerurlauben – um die Hoffnung, dass es beherrschbar bleibt, die Hoffnung, dass es ausartet.

Immer am Abgrund. Kann man anders leben? Lange Zeit dachte ich: nein. Die Dinge philosophisch anzugehen, fand ich oft bereichernd, wenn auch manchmal etwas hinderlich. Vernünftig zu handeln, fand ich oft befriedigend, nachträglich. Aber unvernünftig zu handeln, gefiel mir auch, währenddessen. Anschließend wird es heikel; also Vorsicht vor Reue! Sie raubt dem Erlebten seinen Charme. So viel muss man wissen über das, was passiert oder unterbleibt, und das muss dann auch reichen. Obwohl: Viele Menschen suchen ihr Heil lieber im Nichtwissenwollen und finden es dort womöglich auch, weil nun mal eine erträgliche Lüge besser zu verkraften ist als eine unerträgliche Wahrheit.

Die ausgleichende Gerechtigkeit: Das, was man sich vorstellen kann, ist schlimmer als das, was passieren wird. Meistens. Nie wird es der Realität gelingen, die Fantasie zu überflügeln. Nur sind beide keine Göttinnen und haben deshalb keine Lust auf Wettstreit. Wer keine Fantasie hat, wird von fantasiebegabten Menschen bemitleidet oder verachtet. Wer keinen Realitätssinn hat, wird von klar denkenden Menschen mit derselben säuerlichen Mischung überschüttet. Mitleid, Verachtung und Neid – auch keine Götter, aber ein Dressing, mit dem sich die Menschheit, dieser ständig wachsende, fleischfressende Salat, täglich übergossen fühlt: Das einzelne Blatt fühlt sich so.

Zeitenwende. Die ‚letzte Generation‘, die sich auf der Fahrbahn festklebt, um die Welt zu retten, darf sich jetzt anhören, sie solle lieber in der Ukraine kämpfen, so wie die Aufmüpfigen meines Jahrgangs angeschnauzt wurden: „Dann geh doch in die DDR!“ Dass es da um die Umwelt noch schlimmer stand als im Westen, gab dem Vorschlag so etwas durchtrieben Überlegenes. Aber wer die Dinge vor Ort verändern will, geht nicht weg. Er kehrt freiwillig zurück – wie Nawalny – oder bleibt da – wie Selenskyj. Und hier? In Deutschland gab es immer ein paar ‚Schreihälse‘, aber die meisten von uns haben es sich zwischen Wohlstand, Arbeit und Urlaub ganz bequem gemacht. Das eigene Seelenleben sorgt ja für genügend Abwechslung. Der Körper ist zwar kompliziert: Herz, Nieren, Lunge, das Zusammenspiel der Kräfte und Säfte. Undurchschaubar. Die Seele ist dem gegenüber einfach: Sie will lieben und geliebt werden. Und weil das im Regelfall misslingt, hat man sein ganzes Leben lang auch ohne äußere Schwierigkeiten genug zu tun; aber nun sind sie da, die äußeren Schwierigkeiten, und wir erkennen, wie fahrlässig wir gehandelt haben: ‚Deutschland hat seine Sicherheit in die Vereinigten Staaten, seinen Energiebedarf nach Russland und sein vom Export getragenes Wirtschaftswachstum nach China ausgelagert‘1, sagt die Politikwissenschaftlerin Constanze Stelzenmüller. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Der Rubel soll nicht rollen, die Laufbänder rollen vielleicht bald nicht mehr und die – womöglich wirklich – letzte Generation kann an autofreien Sonntagen ihre Hände in den Asphalt rammen.

Einen Weg gibt es immer. Ob es ein Ausweg war, sehen wir später, wenn wir draußen sind. Für uns geht es stattdessen wie immer nach hinten los: Im Blog genießen wir weiterhin die Berliner Aufbruchstimmung von damals, vor mehr als zwanzig Jahren. Meine Erzählweise macht ja deutlich, dass vieles gar nicht erst glänzt und bereits dadurch den Eindruck vermeidet, Gold zu sein.

Trotzdem versilbernd,
Hanno Rinke



Quelle: 1 im Interview mit ‚The Economist‘/Frankfurter Allgemeine/FAZ.NET vom 20.03.2022
Cover mit Material von: Marcus Lenk/Unsplash (Häuser, hinten mittig und links), C Dustin/Unsplash (Wolke) und Shutterstock: ANDRIY B (Buch), Jan Martin Will (Baum), Wondervisuals (Haus, hinten links), Anibal Trejo (Fernsehturm), gomolach (Kerzenflamme), Marti Bug Catcher (Brandenburger Tor)

22 Kommentare zu “Betrifft: Société Anonyme

  1. Mittlerweile kehren wohl tatsächlich schon wieder eine große Zahl an ukrainischen Geflüchteten zurück. Jedenfalls wenn man den Zeitungen glaubt. Mich überrascht das ehrlich gesagt.

  2. Es wird ja schon vor den Auswirkungen gewarnt, die der Ukrainekrieg auf den internationalen Klimaschutz haben könnte. Immer wenn man denkt, es kommt nicht schlimmer…

      1. So geht mir das auch selten. Ich brauche auch ein bisschen Optimismus um durchs Leben zu kommen. Sonst würde es mir zu düster.

  3. Die Mehrheit der Deutschen lebt doch eher gemütlich als am Abgrund. Risikofreude ist doch nicht gerade eine typische Eigenschaft.

      1. Es scheint mir ja eine gute Mischung aus Beidem zu sein. Mir persönlich sind die ganzen Crypto-Währungen noch zu unberechenbar. Ich will das Risiko zumindest ungefähr einschätzen können.

  4. Angst ist wohl tatsächlich das Schlimmste Übel. Selbst den Schmerz stellt man sich ja immer noch einmal schlimmer vor als er letztendlich ist. Oder der Körper hat seine Systeme um sich im allerärgsten Fall so abzuschotten, dass man zumindest einigermaßen geschützt ist.

  5. Angstfrei & Furchtlos macht ja schnell leichtsinnig. Aber ein wenig mehr Leichtigkeit nach zwei Jahren Pandemie und den schlimmen Nachrichten aus der Ukraine wäre schon schön.

      1. Ohne Angst wird man leichtsinnig, ohne Leichtsinn stumpfsinnig – ohne Ying kein Yang, ohne grau kein bunt.

      1. Ich hatte im Urlaub mal eine schlimme Lebensmittelvergiftung. Ich habe mich da auch so gefühlt, als würde ich den nächsten Tag kaum erleben. Wirklich eine üble Sache.

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