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Rundbriefe

Betrifft: Ein bisschen was über das Sterben

Liebe Leserinnen und Leser,

eine Besonderheit des Menschen ist sein Sterben. Zwar können auch andere Tiere sterben, ja sogar Pflanzen können das, bei denen wird allerdings zumeist der Begriff ‚Verwelken‘ angewandt.

Steine, Zeitungen, Pfannkuchen und andere Gegenstände können sich noch so große Mühe geben – es wird ihnen vielleicht gelingen zu zerbröseln, zu zerfleddern oder zu verfaulen, aber: Es wird ihnen nicht gelingen zu sterben.

Sterben zu dürfen ist ein Privileg derer, die altern, eine Erscheinung, die allen Lebewesen gemein ist. Gemein. Hätte sich Gott beziehungsweise die Natur stabilere Geschöpfe ausgedacht, dann kämen diese auf Ewigkeit programmierten Hervorbringungen ohne den lästigen Fortpflanzungstrieb aus, der bereits zu Eigentümlichkeiten wie Masturbation mit Auberginen und Vergewaltigung von Frauen besiegter Völker geführt hat.

Niemandem ist es vergönnt, nicht geboren zu werden, andernfalls heißt er nicht mal, weil es ihn ja nicht gibt. Niemandem ist es vergönnt, nicht sterben zu müssen, was bei Verkehrsunfällen ärgerlich, bei Altersschwachsinn begrüßenswert ist.

Die Angst vor dem Sterben lässt sich unterteilen in die Furcht, davor zu leiden, und das mulmige Gefühl davor, was und ob anschließend noch etwas kommt. Dass da etwas kommt, ist naturwissenschaftlich nicht bewiesen, als Idee aber für Pflanzen und Tiere sehr tröstlich; denn was soll bei denen schon schiefgehen? Für den Menschen ist die Sache heikler, weil er sich die Hölle ausgedacht hat, um ertragen zu können, dass diejenigen, die schlimme Sachen machen, ohne dass sie auf dieser Welt darunter leiden müssen, womöglich niemals bestraft werden könnten, oder weil er, um andere Menschen zu beherrschen, denen einredet, es ginge ihnen anschließend an das Sterben schlecht, wenn sie nicht vorher das tun, was sich der (Wort-)Führer als – für wen auch immer – zweckmäßige Gesetze ausgedacht hat.

Für hypothetische Beispiele einer Hölle gibt es unzählige Beispiele in Kunst und Philosophie, eins grauslicher als das andere; Gottferne ist noch die – aus hiesiger Sicht – netteste Variante. Um den Versuch, die himmlischen Freuden schmackhaft zu machen, steht es weniger gut. Hungernden kann man was von gebratenen Tauben vorschwärmen und Musikliebhaber kann man auf Engelschöre einschwören. (Die Jungfrauen des Islam, die sich auf zerfetzte Gotteskrieger stürzen, bilden eine besonders abstoßende Gruppierung). Für die breite Masse bleibt aber nur die Ausrede, dass sie nach dem Sterben ‚glücklich‘ seien, was – heutzutage – doch mehr nach Gehirnwäsche oder Psychodroge klingt als nach einer befriedigenden Ewigkeit. Dieses Thema wird die Menschheit wohl weiter beschäftigen, solange es sie – trotz schmerzendem Putin und schmelzenden Polkappen – immer noch gibt.

Eine besondere Form des Sterbens ist neben Krieg und Krankheit der Selbstmord. Er wird im Allgemeinen aus Verzweiflung oder aus Neugier begangen und gilt den weiterhin Lebenden als unschicklich bzw. tragisch: ein vergeudetes Leben, nachträglich betrachtet.

Auch im Blog blicken wir wie immer zurück und nicht nach vorn. Dieses Mal leisten wir uns sogar eine weitere Rückblende, um uns über eine Weinprobe mit illustren Gästen lustig zu machen.

Viel Spaß,
Hanno Rinke



Cover mit Material von: Marcus Lenk/Unsplash (Häuser, hinten mittig und links), C Dustin/Unsplash (Wolke) und Shutterstock: ANDRIY B (Buch), Jan Martin Will (Baum), Wondervisuals (Haus, hinten links), Anibal Trejo (Fernsehturm), gomolach (Kerzenflamme), Marti Bug Catcher (Brandenburger Tor)

14 Kommentare zu “Betrifft: Ein bisschen was über das Sterben

  1. Da muss man sich gleich wieder bewusst werden, dass laut Regierungsangaben bereits etwa 10.000 ukrainische Soldaten getötet worden sind. 10.000. Eine unglaublich traurige Zahl.

  2. Was wäre denn, wenn man wirklich Gewissheit hätte, was nach oder beim Tod passiert? Wäre man weniger ängstlich? Sogar ängstlicher?

    1. Man könnte sich zumindest etwas besser darauf vorbereiten. Ich glaube aber nicht, dass es einfacher werden würde.

      1. Hat die Kirche nicht eh genügend Geld um sämtlichen Priestern eine Rente auszuzahlen? Egal ob noch Menschen in den Gottesdienst kommen?

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