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Rundbriefe

Betrifft: Wegdürfen – dableiben müssen

Liebe Leserinnen und Leser,

nach dem Zerfall des Ostblocks sind die Grenzen immer durchlässiger geworden. In Europa sind sie fast verschwunden. Globalisierung: alle Länder bereisen oder zumindest ihre Produkte im Supermarkt finden. Für uns Privilegierte trifft das zu. Steffen Mau nennt Grenzen und sein neues Buch ‚Sortiermaschinen‘. Wer durch darf, bemerkt die Grenzen kaum. Er gleitet durch die Welt wie durch ein gläsernes Kaufhaus. Gerade hat uns Kabul gezeigt, wie schwer es trotzdem immer noch sein kann wegzukommen. Doch oft sind Grenzen nicht mal mehr Mauern, sondern Daten, und sie schließen alle aus, die nicht das richtige Passwort haben. So ordnen Grenzen die Welt und das Selbstverständnis der Menschheit in die, die rein dürfen, und in die, die draußen bleiben müssen. – Visa-Gesellschaften. Daneben gibt es aber noch die Grenzen, die jeder Einzelne sich setzt, nicht im Raum, sondern im Kopf.

Komisch: Bis an die Grenzen zu gehen und darüber hinaus, traut man sich, wenn man jung ist, mehr als im Alter, obwohl man doch als junger Mensch so viel mehr zu verlieren hätte als im Alter (wenn man in Zeit misst). Sich abzufinden ist eine Altersschwäche. ‚Was geht mich der Zustand der Welt an, wenn ich tot bin?‘ ist deshalb ein naheliegender Gedanke, aber niemand traut sich, ihn auszusprechen – gilt als unsolidarisch und umweltschädlich.

Wer Kinder hat oder Enkel, denkt vielleicht anders. Aus Altruismus oder aus Fortpflanzungsideologie? Die Natur braucht keinen Schutz, den brauchen bloß die Menschen. Ist die Natur des Menschen sein unabweisbares Unglück? Ist die Natur der Erde sein bedrohtes Glück? – Grenzen der Erkenntnis.

Ach, das Glück, es ist ein Stillstand, und den gibt es andauernd erst im Tod. Für die immer noch Lebenden ist es natürlich erhebender, Tristan und Julia zu bedauern, als sich über den gelungenen Selbstmord von jemandem aus dem Bekanntenkreis zu freuen oder zu ärgern. So bleibt die deprimierende Einsicht: Zufriedenheit ist langweilig, Glück ist unerreichbar. Aber wer das verinnerlicht hat, kommt im Alltag ganz gut zurecht. Es gibt Ziele. Es gibt Momente des Überschwangs. Nicht warten, machen! Fehler sind nicht das, was man getan hat, sondern das, was man unterlassen hat. Der Tod ist eine wunderbare Zeit, um zu bereuen. Das Leben ist zum Handeln da. Zugegeben, meine Handlungen bestehen jetzt im Denken. Man muss halt wissen, welche Lebenszeit sich für welche Aktionen eignet. Seine Grenzen kennenlernen, aber nicht zurückweichen, bevor man sie erreicht hat. Das ist vielleicht Glück.

Unsere Helden im Blog sind auch mit Gedanken geschlagen, obwohl sie noch jünger sind. Die einen können eben nicht denken, die anderen können gar nicht aufhören damit. Das geht schon früh los. Manchmal stört es, manchmal ist es die Rettung.

Ich spreche aus Erfahrung,
Hanno Rinke

11 Kommentare zu “Betrifft: Wegdürfen – dableiben müssen

  1. Ich denke noch darüber nach ob Glück wirklich Stillstand ist. Das würde ja eigentlich dem Gedanken von neulich, nämlich dass schon die Erwartung befriedigen und Glück bringen kann, widersprechen.

  2. Beides, also gar nicht Nachzudenken sowie die ganze Zeit grübeln zu müssen, finde ich schlimm. Die einen rennen blind durch die Welt, die anderen sind dafür in ihren eigenen Gedanken gefangen.

  3. Wenn man Glück hat, schafft man es vielleicht sich mit einigen (persönlich weniger wichtigen) Dingen abzufinden, aber trotzdem noch das ein oder andere Wagnis einzugehen. Gelassenheit kann ja auch Zufriedenheit bringen.

  4. Mancher fühlt aber auch, dass er (sie) in der Jugend so viel zu verlieren hat, dass er dadurch gehemmt wird und nicht weiss wo hin. Der jugendliche Drang kam bei mir jedenfalls erst sehr verspätet.

    1. Ausnahmen gibt es ja immer. Mich überraschen aber auch immer wieder Artikel, in denen die Jugend als zurückhaltend und überfordert dargestellt wird.

      1. Die Ausnahmen oder die Überforderten? Neulich habe ich ebenfalls gelesen, dass es einige Studien gibt, die besagen, dass die junge Generation deutlich weniger Sex hat, als das noch vor 20-30 Jahren der Fall war. Woran das liegt? Ein Überangebot von Pornos? Zu viel anderes zu tun?

      2. Obwohl gleichzeitig schon auf dem Schulhof brutale Pornos geschaut werden. Vielleicht fehlt dadurch dann tatsächlich die Sensibilität für echten Sex.

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