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Rundbriefe

Betrifft: Unverdünnt

Liebe Leserinnen und Leser,

bevor ich gezeugt wurde, wollte ich wirklich alles andere, als ausgerechnet leben zu müssen. Aber wie’s nun mal so ist: Hat man sich erst mal über die ersten Folgen einer TV-Serie hinweggequält, erliegt man den Cliffhangern und will wissen, wie die Sache ausgeht. Wirklich? Will man in der Serie nicht lieber einen Hauch von Unendlichkeit spüren und hofft, dass die Intrigen, Kämpfe und Siege gerade mal so vorübergehend sind, wie sie – aufs Große und möglichst Ganze gesehen – bereits die Geschichtsbücher von der überlieferten Wirklichkeit bieten: endlos!? Eigentlich will man doch, dass es weitergeht und man mit den inzwischen vertraut gewordenen Helden und Schurken weiterlieben und -hassen kann, wobei natürlich sowohl die Protagonistinnen wie die Zuschauerinnen gendermäßig korrekt mitgemeint sind (lästig, das immer bedenken zu müssen!). Gewohnheit und/oder Abenteuer? Natürlich stumpfen wir auch ab und brauchen im Alter stärkere Reize als mit zehn: Damals reichte schon ein falsches Gerippe in der Geisterbahn. Heute fahren uns allenfalls noch die Gaspreise in die Knochen. Es fällt mir sehr, sehr schwer, all das nicht zu vermissen, was früher das Besondere war, aber noch viel mehr vermisse ich das, was früher selbstverständlich war und mir jetzt nicht mehr möglich ist. Ich kann nicht mehr Schritt halten, weder mit den Fußgängern noch mit der Technik – sitzen geblieben, liegen gelassen: auf eigenen Wunsch. Die Fantasie muss es richten.

In meinem Alter neigt man dazu, sich die Dinge, die man nicht (mehr) haben kann, einfach bloß vorzustellen. Das klappt natürlich beim Sex besser als beim Ruhm. Jugendfantasien drängen nach Verwirklichung. Altersfantasien hoffen auf Selbstgenügsamkeit, besonders die ungenügsamen. Und doch: Es war so schön, übermütig zu sein. Die Erinnerung daran schmerzt und tröstet.

Der Konsumpsychologe Hans-Georg Häusel sagt: ‚Es gibt vier große Emotionssysteme: Eins ist für Sicherheit zuständig, ein weiteres für Harmonie, also soziale Bindungen und Fürsorge, eins für die Neugier und eins für Dominanz.‘1 Im Alter lässt bei vielen das Streben nach Dominanz nach, und die Neugier beschränkt sich auf die süffige Schadenfreude über die Peinlichkeiten von Prominenten. Zu diesen Alten gehöre ich natürlich nicht: Mein Streben nach Dominanz besteht noch – in der Theorie. Ohne dass ich etwas dafür tue, es zu realisieren. All diese Ideen, Einsichten, Verrücktheiten, das Erlernte und das Erlebte; dass das alles untergehen soll mit mir! – Komisch. Die Natur kann sich Verschwendung leisten. Dass dieses unbarmherzige Abstraktum von vielen Idioten verehrt wird wie eine Göttin, macht mich ratlos. Unser Sinn für Ästhetik lässt uns Teile von ihr schön finden, besonders dort, wo der Mensch sie nicht verschandelt hat: die unberührte Natur. Mein Gott! Ich finde die Grachten von Amsterdam und die Hochhäuser am Central Park in New York schöner als sandige Wüsten und felsige Berggipfel. Hübsch wäre es, wenn nur noch schwule Babys geboren würden. Dann bräuchte die Menschheit zum Aussterben weder Atomkraft noch CO2-Ausstoß zu bemühen. Die LGBT-Gemeinde, einschließlich להט״ב und ЛГБТ, könnte ebenfalls zufrieden sein, und in tausend Jahren wäre alles so grün, wie es die Politik nie hinbekommen kann. Putin würde vermutlich den Herodes raushängen und alle Neugeborenen ermorden lassen. Dann sterben die Russen eben noch etwas eher aus. Macht doch nichts! Wenn man nicht mehr viel unter Menschen kommt, wird man unbarmherziger und trauriger. Die Wirklichkeit hat längst ihre Magie verloren. Ich kann sie nicht mehr greifen, höchstens noch begreifen, ohne einzugreifen. Das muss genügen. In meinem Alter gehöre ich zu der Generation, die ihren Kindern eine zerstörte Umwelt hinterlässt. Es ist keine Entschuldigung für unsere Unachtsamkeit, aber das, in was wir hineingeboren wurden, na, das war auch von schlechten Eltern.

Viel wird für uns Über-70-Jährige nicht mehr kommen. Wir müssen jetzt leben! Später ist zu spät. Hedonistisch oder moralisch? – Mein Ideal war immer das unverdünnte Leben, aber dafür fehlte mir der Mut. Meistens habe ich doch mehr oder weniger Tonic in meinen puren Gin reingeschummelt. Ich habe es versäumt, an meinen sexuellen Lüsten oder meinen aufopferungswilligen Taten zu sterben. Durch Leichtsinn, Mutwillen oder Einsicht habe ich trotzdem mit meiner Lebensdauer gespielt: Ich bin zu schnell Auto gefahren, ich habe zu aufrührerische Sachen gesagt, aber ich habe ängstlich oder einsichtig auf zu krasse Rauschmittel und zu krebserregendes Grillgut verzichtet. Pflichtbewusstsein, das hatte ich ungern, aber immer. Alles dies habe ich gefälligst als so befriedigend einzustufen, dass es sich dafür lohnt, am Leben sein zu müssen. Dankbarkeit, die kann schon früh einsetzen oder auch gar nicht kommen: Veranlagungssache.

‚Leben ist die Erfolgsphase eines Immunsystems‘, sagt Peter Sloterdijk.2 Also, ganz so prosaisch möchte ich es nicht ausdrücken. Ich kann mich nicht beklagen. Bei wem auch? Im Blog lässt sich nachlesen, wie ich mir mein Leben aneigne, indem ich es beschreibe – meine Nachlese.

In bester Absicht,
Hanno Rinke



Quellen: 1 ‚Die wissenschaftliche Fundierung des Limbic® Ansatzes‘, von Hans-Georg Häusel | 2 Aus ‚Die Presse‘: ‚Peter Sloterdijk pries den „Zauber“ der Oberärzte‘, von Thomas Kramar
Cover mit Material von: Marcus Lenk/Unsplash (Häuser, hinten mittig und links), C Dustin/Unsplash (Wolke) und Shutterstock: ANDRIY B (Buch), Jan Martin Will (Baum), Wondervisuals (Haus, hinten links), Anibal Trejo (Fernsehturm), gomolach (Kerzenflamme), Marti Bug Catcher (Brandenburger Tor)

14 Kommentare zu “Betrifft: Unverdünnt

  1. Später ist zu spät. Das gilt aber nicht nur mit 70, sondern auch schon vorher. Man weiss ja doch nie wann das Ende kommt.

    1. Die Chancen werden mit dem Alter trotzdem etwas geringer. Aber im Prinzip haben Sie ja recht. Ausruhen sollte man sich nicht zu lange. Dafür ist das Leben zu schade.

      1. Aber wie! Nun droht uns Putin auch noch mit Atomwaffen. Es bleibt hoffentlich ein Bluff. Aber ich sehe noch nicht, wie dieser Krieg ein gutes Ende nehmen soll.

      2. Man muss die Ukraine unterstützen wo es nur geht. Gleichzeitig verzockt sich Putin hoffentlich mit der Idee sämtliche Reservisten zu rekrutieren. Mit etwas Glück hat das russische Volk die Nase bald voll.

  2. Im Satz „Bei wem auch?“ steckt ziemlich viel Wahres. Letztlich kann man sich ja höchstens noch bei sich selbst beklagen. Alles andere bringt nichts. Ändern kann man nur selbst etwas.

  3. die Magie ist überall! Nicht nur, wenn man Gin mit Tonic verdünnt. Auch in Musik, in guten Texten, in Berührungen. Traurig und unbarmherzig? Ja, warum nicht. Dazu hat jeder das Recht. Aber es gibt immer auch die andere Seite, und die lohnt sich.

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