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Rundbriefe

Betrifft: Ein Nachruf

Liebe Leserinnen und Leser,

als die Queen mir huldvoll ihre Hand hinhielt, ergriff ich sie, ohne ergriffen zu sein. Es war der 6. Mai 1986 und alles sehr komisch, fand ich. Ich liebe gut gebügelte Servietten auf dem Esstisch, gut gebügelte Anzüge im Kleiderschrank und freundliches Benehmen gegenüber Menschen, die mir nichts getan haben. Sehr viel konservativer bin ich allerdings nicht.

Die Queen war mir seit ihrer Krönung geläufig. In den Farbfilm über diese Veranstaltung schickten mich meine Eltern 1953 mit unserem Dienstmädchen Annemarie Kruse ins ‚Astor‘ am Kurfürstendamm. Zu den Walt-Disney-Filmen waren sie noch selbst mitgekommen. Aber jetzt war ich schon sieben geworden, Annemarie sogar neunzehn, mehr Beaufsichtigung war überflüssig.

Meine Begegnung mit der Queen außerhalb der Leinwand fand im Barbican Centre in London in der Pause eines Bernstein-Konzertes statt. Bernsteins Manager Harry Kraut hatte mich ins Defilee beordert, wohl, um mir eine Freude zu machen, und es war ja auch etwas Besonderes.

Im dafür vorgesehenen Gang begrüßte die Queen natürlich als Erstes den ganz vorn in der Reihe angetretenen Bernstein und stellte ihm die eigentümliche Frage: „Do you do this more frequently?“ Bernstein verdutzt: „You mean conducting or meeting Queens?“ Im Englischen bedeutet ‚Queen‘ auch ‚Tunte‘, und Bernstein war bekanntermaßen schwul. Beides mag Königin Elisabeth unbekannt gewesen sein. Bernstein hatte früher schon im Weißen Haus für den damaligen Präsidenten Eisenhower gespielt, und der hatte anschließend all sein Wissen über klassische Musik zusammengeklaubt und Bernstein wissen lassen: „You know, I am not so familiar with all those arias and barcarolles!“

Die Queen war eine durch und durch prosaische Frau, die ihre Hunde und Pferde liebte, aber mit Kunst nichts am sehr, sehr bunten Hut hatte. Angezogen war sie ja immer wie die Herrscherin des Papageienstaates. Das Protokoll regelt streng, wer vonseiten des Veranstalters der Queen gegenübertreten darf. Dazu gehört auch der für den Bühnenschmuck zuständige Dekorateur. Er interessierte Elisabeth am meisten. Sie verwickelte ihn in ein Gespräch über die Aufzucht von Chrysanthemen, und die Entourage, angeführt von Prinz Philip, musste minutenlang hinter ihr stehen und schlaue Gesichter machen.

In Amsterdam habe ich in Bernsteins Garderobe Königin Beatrix gesehen. Sie wirkte sehr viel kenntnisreicher und souveräner. Längst hat sie zugunsten ihres Sohnes Willem-Alexander abgedankt. Elisabeth traute Charles das Amt offenbar nicht zu. Dass sie dessen geltungssüchtige, geschiedene Frau nicht mochte, kann ich verstehen. Die trieb sich mit dem zwielichtigen Dodi Al-Fayed rum, und als sie unangeschnallt von ihrem betrunkenen Chauffeur totgefahren wurde, heulte ganz England, weil Diana auch als Partygirl doch immer noch die Königin der Herzen gewesen war. Da musste die Queen erst mal zurechtgewiesen werden, dass sie gefälligst zu trauern habe. Nun trauern wir um sie. Sie war halt immer da. Eine zuverlässige, beständige Größe. Ihre Disziplin, ihr Pflichtbewusstsein habe ich bewundert. Mit dröger Stimme trug sie vor, was zu sagen man ihr auferlegte. Was sie fühlte, sagte sie nicht. Sie hielt den Laden zusammen, uneigennützig. Vor ihrer Leistung habe ich Respekt. Falls es ein nächstes Leben gibt, dann hat sie sich verdient, dass das dann heiterer und unbeschwerter wird.

Meran, am 11.09.2022
Hanno Rinke



Cover mit Material von: Marcus Lenk/Unsplash (Häuser, hinten mittig und links), C Dustin/Unsplash (Wolke) und Shutterstock: ANDRIY B (Buch), Jan Martin Will (Baum), Wondervisuals (Haus, hinten links), Anibal Trejo (Fernsehturm), gomolach (Kerzenflamme), Marti Bug Catcher (Brandenburger Tor)

14 Kommentare zu “Betrifft: Ein Nachruf

  1. Dass Hanno Rinke selbst die Queen schon getroffen hat, darf einen wohl mittlerweile nicht mehr verwundern… 😲

      1. Man weiss es tatsächlich noch nicht so genau, oder? Ich habe bisher nichts Präzises gelesen.

      2. Man munkelt sie sei gefallen. Das wäre in dem Alter ja tatsächlich ein möglicher Grund.

  2. Kurz vor ihrem Tod hat sie ja sogar noch darauf bestanden, dass Camilla den Titel der Königin tragen soll. So groß kann die Abneigung also nicht gewesen sein.

  3. Über das Königreich an sich kann man ja denken was man will. Für Elisabeth und ihre 70 Jahre auf dem Thron habe ich trotzdem Respekt.

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