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Rundbriefe

Betrifft: Ampeleien

Liebe Leserinnen und Leser,

genauso habe ich mir das vorgestellt: Die SPD habe ich mit Erststimme gewählt, weil mir Scholz am ehesten als Kanzler einleuchtete. Zweitstimme: FDP wegen der Finanzen und der zügigen Fahrt über die Autobahn. Die Grünen als Dreingabe waren mir recht. Sind doch so modern seit 1978! CDU geht einfach nicht mehr. Wer in der Kanzler-Auswahl derart instinktlos ist, taugt auch sonst nichts. Linke und AfD kamen aus ideologischen Gründen nicht infrage.

Nun regieren die also. Die Ampel schaltet aber nicht besonders verkehrsgerecht. Mehr wirkt es wie ein Kreisverkehr ohne klare Vorstellung, in welche Richtung es rausgehen soll. So habe ich mir das nicht vorgestellt.

Drei Themen will ich kurz ansprechen.

Der Klimawandel wird zumindest lautstark thematisiert. – Ist mir völlig egal. Die Generation vor mir ist, sofern sie den Krieg überlebt hat, nicht daran zugrunde gegangen, dass wir Nachkriegskinder entsetzt gefragt haben: „Wie konntet ihr bloß?“ Ich werde mich auch nicht im Grabe umdrehen, wenn sich die Nachkommen fremder Leute über unsere jetzige Entschlusslosigkeit aufregen werden. Wenn Europa auf einen russischen Angriff in Richtung Ukraine seinerseits Sanktionen beschließt, woraufhin Moskau den Ölhahn zudreht und Deutschland Atomstrom aus Frankreich importieren muss, finde ich das zumindest eine interessante Wendung. Auf den vielen Steinkohle-Kraftwerken, die China noch bauen will, dürfen wir uns sowieso nicht ausruhen. Selber abschalten macht stark, egal wie wenig das für das Gesamtklima bedeutet. Wenn jeder sagt, der andere müsse anfangen, passiert gar nichts.

Sehr gut finde ich die Freigabe von Marihuana, wenn das auch aus Angst vor den moralinsauren Miesmachern in den abgehalfterten Parteien ziemlich zaghaft passiert. Ich selbst habe ja seit den Neunzigern des verflossenen Jahrhunderts weder Kokain noch Haschisch zu mir genommen, aber doch hellsichtig in den Stoff investiert. Wenn nun statt der Drogenbosse ich etwas von der Entwicklung habe, begrüßte ich das heiter: Guten Tag!

Das Herrlichste aber ist die Aufhebung von § 219a. Die CDU will eine Erläuterung, wie der Abbruch stattfinden könnte, vermeiden, um ungeborenes Leben zu schützen. Was soll das? Nicht nur ich wäre sehr gern abgetrieben worden. Es ist doch ein Gebot der Nächstenliebe, den scheinbar zum Auf-die-Welt-kommen Verdammten dieses Los zu ersparen, ihnen das allem Leben innewohnende Leiden nicht aufzuerlegen. Den wenigsten bieten die paar Glücksmomente für all das Elend der Erde einen gerechten Ausgleich. Wer abgetrieben wurde, obwohl er es schön gehabt hätte, hat halt Pech gehabt. Das gilt für die unterprivilegierten Massen unter den Lebenden genauso. Auch der Menschheit wäre mit einer Abtreibung von Hitlers Mutter durchaus gedient gewesen. Niemand hätte das als eigennützig ansehen dürfen. Die Möglichkeit, dem Fötus zukünftige Umweltkatastrophen und seine Mitmenschen zu ersparen, sollte bis zum zweiten Lebensjahr ausgedehnt werden, auch wenn nach bisherigem Verständnis die Abtreibung nach Verlassen des Mutterleibs juristisch ‚Mord‘ heißt. Nach 24 Monaten hat sich dann aber doch schon so viel Persönlichkeit herausgebildet, dass dem Baby seine Existenz zugemutet werden kann. Man hängt ja inzwischen auch irgendwie dran, als Mutter oder Nachbarin. Weltbevölkerungstechnisch gesehen wäre eine zeitlich ausgedehntere Erlösung des (dann nicht mehr ganz) Neugeborenen zwar wünschenswert, aber da dürfen die Eltern in Nigeria oder Norwegen auch mal egoistisch sein. Jeder hat das Recht, ein Kind zu haben. Nur das Kind wird nicht gefragt, ob es leben will. Wenn es wüsste, was ihm bevorsteht, würde es in mindestens 80 Prozent der Fälle ablehnen. Das Unvorhersehbare: Ist man erst mal da, dann schafft man es doch ziemlich oft, das Beste aus den Gegebenheiten zu machen: das Schlimme zu verdrängen und das Gute zu genießen. Das kann der Fötus natürlich noch nicht wissen, und darum ist es gut, dass er nicht gefragt wird.

Wie im Blog unsere Protagonistin aus ihrer Situation etwas Erfreuliches machen soll, ist ein wenig rätselhaft.

Trotzdem hoffnungsvoll,
Hanno Rinke



Cover mit Material von Julian Hochgesang/Unsplash (Auto) und Shutterstock: Rejean Bedard (Möwe), Alliance Images (Frau), stockyimages (Mann), Vereshchagin Dmitry (Kreuzfahrtschiff), steamroller_blues (Collie)

24 Kommentare zu “Betrifft: Ampeleien

  1. Ähnlich empfinde ich das ehelich gesagt auch. Man merkt noch gar nicht so richtig, dass überhaupt eine neue Regierung an der Macht ist. Das ist sicher kein gutes Zeichen.

    1. Ich glaube auch nicht, dass viele im Nachhinein bereuen auf der Welt zu sein. Die Menschen wollen leben, und zwar nicht nur im reichen Westen. Selbst ein vom Krieg gebeuteltes Land wie Syrien liegt im internationalen Vergleich nur auf Platz 176.

      1. Wenn man da ist, will man da sein. Aber wenn man vorher das Skript zu lesen bekäme, würden doch viele sagen: „Nein, dieses Drehbuch soll mal jemand anderes verfilmen!“

      2. Hmmm, so richtig sicher wäre ich mir da trotzdem nicht. Die Neugier ist ja meistens größer als die Vernunft.

      3. Ohne Frage. Sind die Menschen da nicht neugierig genug gewesen? Oder doch einfach zu ängstlich?

      4. Als Tochter einer unverheirateten Näherin in Bangladesch sind die Aussichten für ein ‚interessantes‘ Leben geringer als für den Sohn eines amerikanischen Verlegers und einer Film-Schauspielerin. Ängstlich sein können beide. (Un)glücklich sein auch.

    1. Dieses Spiel um Paragraf 219 finde ich auch albern. Bald ist es soweit wie in den USA und wir streiten um das Recht auf Abtreibung generell.

      1. Zum Glück ist Deutschland weniger gläubig als Amerika. Anders kann man das wohl nicht sagen.

      2. Amerika macht einem deutlich weniger Angst als die AfD hierzulande. Aber man kann sich auch nicht den ganzen Tag den Kopf über so etwas zerbrechen. Sonst wird man ähnlich verrückt wie die Figur aus der Geschichte im Blog.

      3. Wirklich? Das hätte ich nun aber ohne groß nachzudenken andersherum gesagt. Schließlich wurde hier noch nicht aus Protest der Bundestag gestürmt.

      4. Da man ja nun nicht vor allem Angst haben kann, ist es sinnvoll, sich in den USA mehr vor Trump und hier mehr vor Alice Weidel zu fürchen, um seine Grusel-Ansprüche zu befriedigen.

      5. Vor Frau Steinbach als neuem AfD Mitglied gruselt es mich auch. Aber man braucht wohl kaum Angst vor ihrer Rolle fort zu haben.

  2. Aber was denken Sie denn nun über den Klimawandel? Geht die Diskussion an Ihnen vorbei oder sagen Sie doch, man muss bei sich selbst anfangen? Sie sprechen ja beide Punkte an.

    1. Manchmal ist das Mittelmaß wirklich gar nicht so schlecht wie seine Reputation. Aber ich finde trotzdem immer, dass „extreme“ Argumente in die eine oder andere Richtung zum Denken anregen können.

      1. Na man braucht halt Anstöße. Es hilft dann nur wenn man zwischen extremen Argumenten und Populismus unterscheiden kann. Da hört es ja schnell auf.

      2. Dafür nimmt Satire die Zuhörer / Leser deutlich ernster als die Populisten ihre Gefolgschaft.

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