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Rundbriefe

Betrifft: Was ich nicht verstehe

Liebe Leserinnen, Liebe Leser,

wenn jemand wegwill von mir, lass ich ihn gehen. Es sei denn, ich bin wahnsinnig verliebt. Dann überwinde ich meinen Stolz und bettele die Person an oder bringe sie um. Das kommt darauf an, was ich selber für ein Mensch bin: mehr Heinrich IV. in Canossa oder mehr Othello auf Zypern. Versteh ich beides ein bisschen. Was ich nicht verstehe, ist, warum man ein Volk, das nicht meins sein will, nicht in Ruhe lässt. Ich versteh’ es nicht. Aber ich versuche, es zu verstehen.

Eroberungskriege, wie Hitlers Überfall auf Polen, sind etwas anderes. Er wollte die Völker des Ostens vernichten und dort die germanische Rasse ansiedeln. Das ist bodenlos, und ich nehme es jedem deutschen Soldaten übel, der nicht desertieren wollte. Dass er es nicht konnte, ohne aufgehängt zu werden, ist mir klar, aber die Begeisterung vieler Deutscher über die anfänglichen Siege ist zum Kotzen unappetitlich.

Großbritanniens Verteidigung der Falklandinsel, 14 000 km von England entfernt, war gerechtfertigt. 99,8 Prozent der Bewohner sprachen sich für einen Verbleib bei Großbritannien aus, nur drei Bewohner stimmten dagegen. Stimmberechtigt waren 1672 Menschen, die Wahlbeteiligung lag bei ca. 92 Prozent. (Jahresdurchschnittstemperatur 5 °C. Na, vielen Dank!)

Dass die Katalanen von Madrid wegwollten, habe ich nicht eingesehen. In einer symbolischen Volksabstimmung 2009 sprachen sich rund 95 % der Teilnehmer dafür aus, dass Katalonien ein eigener Staat innerhalb der EU werden soll. Die Abstimmungsbeteiligung betrug allerdings nur 27 %. Was soll das? Dass die Schotten sich über den Brexit ärgerten, verstand ich schon eher. Die Trennung zwischen Indien und Pakistan 1947 verlief chaotisch. Nur weil die einen Moslems waren und die anderen Hindus. Religionen sind Geiseln der Menschheit. Ob die verfeindeten Nordiren überhaupt wissen, worin sich ihre beiden Konfessionen unterscheiden? Wie reibungslos verlief dagegen 1993 die unideologische Trennung von Tschechien und der Slowakei!

Wenn die Bayern dringend einen eigenen Staat haben wollten, – lass sie gehen. Schwierig, wenn wie im Kosovo, Serben und Albaner so durchmischt sind, dass keiner nachgeben will. Überhaupt nicht schwierig ist es dagegen in der Ukraine und auf Taiwan: Die wollen nicht. Aber Putin und Xi wollen. Da werden durch das Machtstreben einzelner Herrscher Kriege riskiert, als könnte man sich noch so am Weltbuffet bedienen wie in Zeiten vor der Atombombe. Das Recht des Stärkeren. Nach Corona und während des Klimawandels hätten doch alle wirklich genug damit zu tun, ihre Wirtschaften in Ordnung zu bringen. Stattdessen: ausgetobte Großmachtfantasien und ein klatschendes Publikum im eigenen Land.

Ich habe tatsächlich ab den siebziger Jahren geglaubt, die Menschheit wird immer besser und es wird ihr immer besser gehen. Jetzt glaube ich das nicht mehr. Einerseits Missgunst, wenn der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft Business Class fliegt und die RBB-Intendantin einen teuren Wagen nutzt – (als ich noch in der freien Wirtschaft tätig war, saß ich nur dann nicht in der Business Class, wenn ich First Class flog, und geschlafen habe ich in Fünf-Sterne-Hotels; damit müssen staatliche Stellen konkurrieren können, wenn sie Spitzenleute haben wollen), – andererseits Zustimmung, wenn größenwahnsinnige Eroberer ihre Angriffskriege rechtfertigen. Nein, ich hatte eine schöne Zeit, die ich als Aufbruch verstand. Jetzt sehe ich einen Abbruch: der Beziehungen, der Währungen, der Werte. China wird siegen. Trotzdem bleibe ich Optimist: Den Zusammenbruch all unserer Errungenschaften werde ich – Gnade der frühen Geburt – nicht mehr erleben.

In meinem Blog kann ich mich noch ganz ungeniert mit Privatem befassen. Das ist nicht verantwortungsbewusster, aber unterhaltsamer. Sich Mühe zu geben, ist gut. Gut zu sein, ist besser.

So gesehen,
Hanno Rinke



Cover mit Material von: Marcus Lenk/Unsplash (Häuser, hinten mittig und links), C Dustin/Unsplash (Wolke) und Shutterstock: ANDRIY B (Buch), Jan Martin Will (Baum), Wondervisuals (Haus, hinten links), Anibal Trejo (Fernsehturm), gomolach (Kerzenflamme), Marti Bug Catcher (Brandenburger Tor)

11 Kommentare zu “Betrifft: Was ich nicht verstehe

  1. Das Volk selbst interessiert einen eben nicht sonderlich. Es geht ja eher um das Land und die eigene Machtposition.

  2. Beim Brexit war ja auch erstaunlich, dass die jungen Generationen kaum abgestimmt haben. Obwohl es für sie eine deutlich bedeutendere Entscheidung nach sich gezogen hat als für die Alten.

      1. Und wieviele dieser jungen Menschen hat es mittlerweile bereut nicht zur Abstimmung gegangen zu sein?

  3. Den Firmenwagen mit Massagesitz gönne ich ihr. Aber wenn sie tatsächlich private Gäste auf RBB-Kosten beköstigt hat, dann ist das falsch.

    1. Sicher ist es falsch. In der freien Wirtschaft passiert es dauernd. Wenn sich unsere Chefsekterärin erfundene Gäste für die eingereichten Belege ausdachte, nannte sie das ‚Märchenstunde‘. Waren allerdings keine Gebührengelder.

    2. Ja komische Sache. Wahrscheinlich muss der RBB da reagieren, alleine schon weil es eben ‚falsch‘ ist. Andererseits scheint mir da wirklich nichts Außergewöhnliches vorgefallen zu sein.

      1. Also in diesem Fall geht es glaube ich nicht um den Dienstwagen oder die Geschäftsessen oder die teure Renovierung an sich, sondern darum, dass bei Frau Schlesinger wohl ein recht auffälliges Benehmen in eine bestimmte Richtung vorhanden zu sein scheint. Dass man ihr da nicht weiter vertraut kann ich in dem Fall gut nachvollziehen.

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