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2003
Trinken. Träumen. Trösten.

#3 – Erziehung durch die Wand

Am Mittwoch, 1. Juli 1998 war das Räumkommando pünktlich. Während es unten alles auseinandernahm, raffte ich oben alles zusammen: Computer, Drucker, Aktenordner, Küchengeräte, Schreibwaren und Kleidungsstücke. Gegen elf Uhr brach ich auf, in mein größtes Abenteuer seit Rolands Beerdigung. Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, die Landstraße von Lauenburg über Ludwigslust und Nauen bis nach Berlin zu nehmen, um mir die Genugtuung zu verschaffen, unbehelligt überall dort fahren zu können, wo ich mich erst mit meinen Eltern und später mit Roland vor den Dämonen der schaurigen Schattenwelt und den Radarkontrollen der lauernden Vopos gegruselt hatte. Aber das Wetter machte mir einen Strich durch die Abrechnung, und so fuhr ich lieber über die Autobahn durchs teils sonnige, teils regengepeitschte Mecklenburg ins gleichfalls sichtbehinderte und bisweilen aufgeheiterte Brandenburg. Ich horchte fortwährend misstrauisch auf die Geräusche meines alten Gefährts und auf die Gefühle meiner alternden Seele, aber alles blieb im Pegel des Normalen.

Neuruppin ist nicht mehr Ostzone, Ribbeck ist nicht mehr Ostzone, Potsdam ist nicht mehr Ostzone. Ich hakte einen Ort nach dem andern genüsslich ab und hätte zu gern Honecker auf dem Beifahrersitz gehabt. Dann hielt ich meinen Einzug im wetterwendischen Berlin, gleich grenzenlos hinein in den Stau an der Siegessäule und schnurstracks an der Siegessäule vorbei über die Behren- in die Friedrichstraße. Das dauert bei günstigen Verkehrsbedingungen keine zwanzig Minuten, und ich konnte es nicht fassen, dass mir das eingeklemmte Westberlin als Lebensraum mal genug gewesen war, nicht nur als Kind, sondern auch später, wenn ich hier Tage oder Wochen zugebracht hatte.

So, nun sind wir wieder am Ende des allerersten Absatzes dieses Erlebnisberichtes angekommen, und ich kann nach den einleitenden Vorgeschichten die sehr viel kürzere Hauptgeschichte auf den Operationstisch legen:

Albertinen-Krankenhaus, Hamburg-Schnelsen, April 2001

Es ist alles gar nicht so schlimm. Kranksein heißt auch: Ausreden haben. Unterlassen dürfen, was man tun zu müssen meint. Sich scham-los gehen lassen. Sein lassen. Loslassen. Vor allem komme ich endlich mal wieder unter Menschen: Die serbische Putzfrau, deren Dorf nahe der rumänischen Grenze von den NATO-Bomben verschont blieb, weil keine Industrie in der Nähe ist. Die niedersächsische Schwester aus Winsen, der jeden Tag auf dem Weg zum Dienst der Stau im Elbtunnel droht. Der Junge aus der Krankenpflegeschule, der gar nichts zu sagen hat, und der Oberpfleger, der – neben anderen Privilegien – die Schlüsselgewalt hat, mein Fenster zu öffnen oder zu schließen. Gänge voller Menschen, Hallen voller Leute. Demütig wartende Patienten, siegesgewisse Doktoren, hässliche Deutsche und hübsche Ausländerinnen. Chefs und Hilfsarbeiter massenweise – und dann schreite ich zurück zu meinem Krankenzimmer, zielsicher wie einer der Oberärzte, bloß eben nicht in weißlichem Kittel, sondern in cremefarbenem Frottee. Ich luge in mein Bad und lege mich in mein Bett. Es ist fast wie vor zwanzig Jahren, wenn ich von nächtlichen New-York-Ausflügen zurückkehrte ins ‚Parker Meridian‘. Damals war ich gesünder, müder und ergriffener: Trinken. Träumen. Trösten? Hinwegtrösten über das Ende eines Abenteuers oder darüber, dass keins stattgefunden hatte.

Die Station ist durchaus abwechslungsreich. Auf dem Flur ist Party, all day long, und hinter mir kreischt eine Frau, als würde ihr immer mal wieder die Haut schichtweise abgezogen. Die Haut scheint ihr dabei schneller nachzuwachsen als Prometheus die Leber. Am Freitagabend wurde sie wohl eingeliefert; ich hatte Blutdruck 210/130 und eigene Sorgen. Nachts dämmerte ich unter Ohropax und Beruhigungsmitteln beunruhigt in meinem Schweiß. Samstagmorgen machten meine Ohren und mein Magen gleichzeitig mit der Neuen (Uralten) Bekanntschaft. Ihre apokalyptischen Peinigungsschreie schnellten mir krampfartig die Speiseröhre empor. Aufgeschreckt flüchtete ich zum Personal. Der mächtigste Pfleger versprach: „Wir geben ein Beruhigungsmittel.“ – „Ihr oder mir?“, fragte ich scherzend. In Krankenhäusern scherze ich ununterbrochen. Das soll mich beliebt oder zumindest bewundernswert machen. Er lachte: „Na, Ihnen. Die hat keine Schmerzen, die hat Demenz.“ Und seither versichern mir jeder Arzt und jede Schwester, wenn ich wegen des Herz- und markerschütternden Geschreis vorstellig werde, sie hätte keine Schmerzen, sie hätte Demenz. Soll das etwa heißen, dass sie keine Höllenqualen leidet, sondern aus Übermut juchzt?

Die Nachtschwester, mit der ich logischerweise am intimsten bin, verriet mir, dass meine Nachbarin 1904 geboren sei und alle zwei Stunden gedreht werden müsse wie ein Grillgut, weil sie sich durchgelegen habe auf beiden Seiten und dass sie auch von ihren Ausscheidungen überall wund sei. Pädagogischerweise habe ich meiner Mutter von da an bei unseren täglichen Telefongesprächen zwischen Schnelsen und Othmarschen angedroht, dass auch sie so wegsiechen würde, wenn sie nicht endlich mehr äße. Dazu halte ich dann den Telefonhörer ganz eng gegen die Wand: soll ja auch wirken! Erziehung muss nicht freundlich sein, sondern effektiv. Der schwarze Mann allerdings, mit dem hilflose Eltern ihren Kindern zur Abschreckung gern droh(t)en, hat mir im ‚Crisco‘-Keller immer viel mehr Spaß gemacht, als es jetzt die unverstorbene bleiche Leiche auf der Erste-Klasse-Matratze nebenan tut. Das Grauen packt einen vor solchem Sterben, und dass da nicht rund um die Uhr Morphium gereicht wird wie Partyhäppchen, ist mir unverständlich. Man braucht halt immer noch wie Göring seine Zyankalikapsel. Ich habe mir stattdessen angewöhnt, wenn ihr Schreien zur Raserei abhebt, mir vorzustellen, wie fanatisch sie 1933 als Neunundzwanzigjährige ‚Heil Hitler!‘ gebrüllt haben mag. Und auch sonst hat die Fantasie hier, wie überhaupt, mehr Spielraum als der Körper: bisweilen zu beider Unheil.

Titel- und Schlussgrafik mit Material von Shutterstock: Roman Samborskyi und zizi_mentos

25 Kommentare zu “#3 – Erziehung durch die Wand

      1. Zum Glück passiert das in den allerwenigsten Fällen. Die meisten Infektionen verlaufen doch relativ harmlos. Unterschätzen darf man dieses Virus nicht, aber unnötig Angst haben hilft doch auch nicht weiter.

      2. Rechter Fuß, linkes Ohr, Zahn oder Darm – das was man gerade hat, ist immer das Schlimmste. Und jetzt haben wir alle Ausgangssperre: das Gegenteil von Hausverbot.

  1. LOL, erinnert mich an dieses absurde Phänomen, dass sich die Erziehung irgendwann umkehrt. Erst werden wir von unseren Eltern erzogen, irgendwann erziehen wir dann usnere Eltern.

      1. Wenn es um Corona geht, muss man entscheiden worüber man spricht. Das Virus selbst ist wohl mäßig aggressiv. In den meisten Fällen verläuft eine Ansteckung nicht sonderlich schlimm. Die komplette Situation (wirtschaftlich, sozial) ist sicherlich relativ ernst.

  2. Zyankalikapsel – die gab es neulich ja schon einmal. Gibt es da mittlerweile nicht elegantere Lösungen? Was ist eigentlich mit Sterbehilfe, gibt es Neuigkeiten zu dem Thema? Keine Angst, es interessiert mich tatsächlich einfach.

      1. Wie fühlt man sich denn eigentlich als Demenzkranker? Gibt es dazu Studien? Ist das eigene Empfinden auch so schlimm (abgesehen von Schmerzen natürlich) oder ist das eher die Außenwahrnehmung?

      2. Das Grauen packt einem ja generell vorm Sterben. Ist deshalb die Virus-Panik auch so groß? Allein am Auf-dem-Sofa-sitzen kanns ja nicht liegen.

  3. Fisting-Fantasien mit dem schwarzen Mann aus dem Crisco-Keller … keine Frage, dass das spannender scheint, als unter Schmerzen hinwegzusterben.

    1. Da fällt mir auf, dass so etwas heute viel weniger im dunklen Keller, sondern ganz einfach per Dating-App stattfindet. Vielleicht sogar weniger sexy, aber die Zeiten ändern sich eben doch.

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