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Trinken. Träumen. Trösten.

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#4 – Architekturkunde

Tagsüber ist alles in Butter oder zumindest in Margarine, aber abends zwischen sieben und acht, da geht’s – hui! – auf zur Walpurgisnacht. Da schießen die Säfte hoch; die Energien strahlen: Hinten von den Lendenwirbeln in den Nacken, und von vorne aus dem Magenschlund in den Kehlkopf; ein Strahl verläuft vom Rippenbogen zur Prostata und einer quer durchs Zwerchfell. Die Nervenbahnen nutzen ihr gesamtes Verkehrsnetz für den Transport von Sensationen. Erwiesenermaßen steigt mein Blutdruck um mindestens zwanzig Punkte. Mir wird heiß und kalt. Mal gelingt es, die Panik niederzudrücken, dann wieder nicht. Schmerzen und vage Lustgefühle wechseln einander ab. Es brennt kurz hier und juckt kurz da. Es ist, als ob alle Rauschzustände, die ich mir je – wodurch auch immer – verschafft habe, leichenhaft aus ihren Gräbern steigen und um Erinnerung buhlen. Dies kann sich stundenlang hinziehen, unbeeindruckt von Blutdrucksenkern und Beschwichtigungstropfen. Man denkt ja, wie schon gesagt: ‚Wo eine Pille ist, ist auch ein Weg.‘ – Hier nicht. Es folgt ein Schlaf, der jede Stunde zum Auswringen des Lakens unterbrochen wird. Oder es folgt kein Schlaf. Da liegt man dann so rum, lauert auf den Schlummer, trifft Menschheitsentscheidungen oder Verstorbene wieder und denkt sich Limericks aus wie:

Ein lammfrommer Vater aus Graumich
der mochte die Pater; die Frau’n nich’!
Die eigene hatt’ ihn verlassen,
die anderen konnt’ er nur hassen.
Bloß seine Tochter, die mocht’ er.

Der Geist kann albern und ernst sein. Das einzig Erfreuliche, was der Körper kann, ist Orgasmus. Ansonsten ist es noch das Beste, wenn er sich neutral verhält; denn seine anderen Verlautbarungen sind: Hunger, Durst, Jucken, Brennen, Kratzen, Kitzeln, Stechen, Krampfen, Ziehen, Pochen, Brechreiz, Atemnot, Herzklopfen, Schwindel und Durchfall. Bis auf Hunger und Durst habe ich die ganze Latte abwärts. Aber nie gleichzeitig.

Gestern Nachmittag, Sonntag, ging es mir sogar recht gut. Ich machte einen kleinen, dummen Spaziergang vom Haupteingang aus nach links und kam nach nochmaligem Linksabbiegen in die schrillste Straße, die ich je gesehen habe. Wie die Weltausstellung des schlechten Geschmacks stehen da unsägliche Bauwerke in unsäglichen Gärten. Ein Fotoband dieser Straße wäre lohnend. Ich werde meine Freundin Kristina fragen, ob sie als Fotografin dieses Kuriosum interessiert und ob sie ihre guten Beziehungen zum ‚Stern‘ für eine Reportage nutzen kann. Mit Begleittexten von bösartigster Harmlosigkeit oder verständnisvoller Rührung könnte ich dienen. Da gibt es ‚Bauhaus‘, zehntausend Meilen hinter Dessau, mit regenbogenfarbenen Wolkenstores in den Fenstern und das gelb geklinkerte Einfamilienhaus mit den beliebten Glasbausteinen, von denen zwei gern bunt sein dürfen. Springbrünnchen, Amphore (Plastik) und Gartenzwerg fügen sich zum Ensemble, aber das Dollste sind überall die Gardinen. Man kann dort in Fensterbekleidung promovieren: Doktor Rüsche. Bis auf schlicht fallende Stores gibt es dort alles, und nicht ein Tüll gleicht dem anderen, nicht mal am selben Haus. Dazwischen ein paar manierliche Bootshäuser wie von der Havel und, völlig verblüffend, drei gepflegte elegante Jugendstilhäuser, eingeflogen aus der Hauptstadt. Nachdem ich mich sattgesehen hatte und zum Krankenhaus zurückgekehrt bin, gewahrte ich, an die Südostecke des Gebäudekomplexes geklemmt, eine schäbige, kleine Terrasse mit weggeklappten Stühlen und Ausblick auf den Besucherparkplatz. „Wie schön wäre es“, dachte ich versonnen, „dort jetzt zu sitzen und zu schreiben; noch schöner, den Parkplatzblick mildernd, mit einem hohen Glas Gin Tonic; zwischen den beiden schwimmenden Eiswürfeln spielt ein tiefgrünes Stück Limone Schiffchen.“ Die Eiswürfel machen ‚klick‘ und schmelzen. Das verdünnt den Drink, aber es verwässert ihn auch. Man wird wohl noch etwas Gin nachgießen müssen, damit aus dem Parkplatz ein Palmenhain wird …

Besser gleich mit dem Schreibblock im Garten-Restaurant von Versailles sitzen: im Schlossgarten unter Kastanien. An der beschlagenen Flasche ‚Sancerre‘ rinnt ein tastender Tropfen dem weißen Tischtuch entgegen. Der Kellner stellt die Flasche in den silbernen Kübel auf hohem Fuße zurück, und wenn die Flasche alle ist, fragt er: „Monsieur?“ Der ‚Gallo Nero‘-Chianti in San Gimignano, der Sherry in der Bodega in Cadiz, der ‚Martini‘-Cocktail in ‚Harrys Bar‘ in Venedig, der ‚Bellini‘ auf der Terrasse des ‚Excelsiors‘. Tequila Sunrise in Miami, Wermut unter der Brücke, Fusel in der ‚Aldi‘-Tüte: Immer passt ein Alkohol, und er gehört dazu wie der Schierlingsbecher zu Sokrates.

Trinken, träumen, trösten. Drei Lebensentwürfe. Kann der Alkohol sie vereinen?
Wie kumpanenhaft schnell Körper und Geist gemeinsame Sache machen und vergessen, wie groß der gewesene Schmerz war, wenn es gilt, die zukünftige Lust zu erobern! Welches Opfer lohnt es sich, der Vernunft zu bringen? Wer will siebenundneunzig Jahre alt und alle zwei Stunden gewendet werden? Es ist eine Tugend, Maß halten zu können, aber auch zur Maßlosigkeit gehört Talent.

Wem man Gläubigkeit und Furcht vor Strafe zutrauen kann, auf den kann man sich einigermaßen verlassen. Ein gläubiger Moslem wird eher als lebende Bombe in einen israelischen Kindergarten springen als ein Glas Rotwein anrühren. Wo schiere Selbstdisziplin gefragt ist, wird die Frage nach dem Wozu dringlicher. Welchen Gewinn bringt Verzicht? Zumindest: Welchen Verlust verhindert er, der Verzicht? Da Laster auf die Dauer krank und hässlich machen, vertraue ich misstrauisch eher meiner Furcht und meiner Eitelkeit als meiner Einsicht. Dabei war es doch so schwer für mich gewesen, zu lernen, den Augenblick zu genießen und ihn nicht um seiner Vergänglichkeit oder um der silbrigen Zukunft willen zu missachten. Hier droht keine Gefahr. Wem steht im Krankenzimmer der Sinn nach Lachs und Aquavit? Ich werde versuchen, mich hier fit zu machen wie der Spion im heimatlichen Hauptquartier, bevor er in die Kälte muss. Oder, gefährlicher noch: in die Hitze. Solange ich in Obhut bin, hole ich mir brav meine drei Liter Wasser vom Sprudel speienden Automaten. Das Wasser ist für eine gastroenterologische Station bemerkenswert kalt, genauer gesagt: Es ist eisig. Normalerweise wäre es nur mit einem doppelten Scotch, zur Not auch Bourbon, zu genießen. Hier behelfe ich mir stattdessen mit einem kräftigen Schuss aus dem Teewasserhahn. So wie ich auch nur das Innere aus den kross frittierten Kartoffelkroketten mit der Gabel herauspflücke. Hier herrscht Friede. Doch was wird draußen?

Titel- und Schlussgrafik mit Material von Shutterstock: zizi_mentos und JpegPhotographer

31 Kommentare zu “#4 – Architekturkunde

    1. Ich schlafe erstaunlich ruhig seit diesem aufgezwungenen Hausarrest. Vielleicht ein Zeichen und eine Erinnerung sich mehr Ruhe zwischen der ganzen Arbeit zu gönnen?

    1. Ich bleibe passend zum Ende des Textes beim Scotch. Und frage mich dabei warum es immer noch bzw. schon wieder Whisky-Temperaturen draußen hat.

    2. Trinken, träumen, trösten passt ja auch so gut zu diesen doch etwas einsamen und anstrengenden Virustagen. Bleiben Sie alle gesund!

      1. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Leute ohne Laster auch sehr wenige Tugenden haben.“ Ob Lincoln da Recht hatte sei dahingestellt. Dass Menschen mit Laster durchaus auch viele Tugenden haben können, kann ich aber aus Erfahrung bestätigen.

  1. Ich hoffe sehr, dass es nicht siebenundneunzig Jahre werden. Die Fälle, in denen man dann noch glücklich und fit wie ein Turnschuh ist, sind ja relativ selten.

  2. Der Körper kommt hier so schlecht weg. Ich bin sicher es gibt auch noch andere positive Empfindungen als den Orgasmus … allerdings habe ich spontan auch Probleme ein Beispiel zu geben 🧐

  3. Angie sagt: bleibt doch zu Hause,
    Corona erlaubt keine Sause.
    Die Nerven liegen blank,
    in den sozialen Medien gibt es Zank,
    am besten wir machen mal Pause.

      1. Hahaha (stehend! fyi), ab und an tauchen diese Artikel wie „20 Emojis You’ve Been Using Wrong“ auf … ich bin immer wieder erstaunt, wie oft ich diese Dinger falsch interpretiere.

      1. Momentan quillt mein Feed in der Tat von Verschwörungstheorien, Besserwissereien und panischen Schlimmstszenarien über. Ein wenig Leichtigkeit täte uns allen wahrscheinlich gut.

      2. Das ist wohl wahr. Mir gefallen die ganzen angebotenen live streams wirklich gut. Es gibt unzählige (Heim-)Konzerte, Tanz, Theater, Lectures. Dazu werden Filme online frei zugänglich gemacht und es gibt eine ganze Reihe von Angeboten unserer Museen. Man muss sich die Situation zu Nutze machen so gut es geht.

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