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Trinken. Träumen. Trösten.

#7 – Ungemach bei Friedrich II.

Was man so alles macht aus Übermut. In der Taxe zum Bahnhof bereute ich es eigentlich schon, aber Verabredung ist Verabredung. Ich fuhr über Rhein und Main nach Frankfurt, wo mich Silkes Schwester Esther in Empfang nahm und mich aus der Stadt über verschlungenste Autobahnen eine Dreiviertelstunde lang zu ihrer Siedlung fuhr. Das Haus ist schick und groß, stattlich und gediegen. Draußen war ein kleiner Garten, der sich raffiniert beleuchten, wegen Eiseskälte allerdings nicht betreten ließ. Vor das garstige Nachbarhaus hatte Walter einen Teich gesetzt, in dem es laut Esther von der Kaulquappe bis zum Goldfisch alles gibt, was das Herz erfreut. Die Nachbarn werden sich vermutlich im Sommer vor Mücken nicht retten können. Ja, das kommt davon. Warum wohnen sie auch da?

Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen, was etwas weniger meine Schuld war als sonst, denn bis zum Nachmittag sollte ich nüchtern bleiben, und danach war weder Zeit noch Gelegenheit gewesen. Esther verriet, sie habe butterweiche Steaks, junge Kartoffeln und gemischtes Gemüse. Das alles sollte es geben, sobald Walter einträfe. Sie machte zwei Martini-Cocktails, und ich kaute ausführlich an meiner Olive. Nach anderthalb Stunden war sie gerade dabei, den dritten Cocktail zu mixen und nach Salznüssen zu kramen, als das Telefon klingelte. Walter hatte mal eben ein Auto nach Offenburg (soll irgendwo bei Stuttgart sein) verkauft, höchst gewinnbringend natürlich, und dort hingeschafft. Er macht das zusammen mit einem Freund, der Gerichtsvollzieher ist und – so denk ich mir – Tipps gibt, wo man rasch was Zwangsvollstrecktes ersteigern kann. Die beiden riefen von unterwegs an und wollten um elf am Hauptbahnhof in Frankfurt abgeholt werden. Esther und ich schlangen die halbrohen Steaks in uns hinein (das gemischte Gemüse blieb für den nächsten Tag) und fuhren zurück in die Stadt. Während dieser Zeit erfuhr ich, dass ‚L’Oréal‘ super sei, besonders die neue Kosmetikserie, um deren Werbekonzept Esther beruflich bemüht ist. Ich bekam auch von Esthers Chefin zu hören, aber vor der Person grauste es mich gleich, denn sie ist unfähig, dumm und komplexbeladen. Trotzdem mischt sie sich in alles ein, und zwar so tückisch, dass sie sehr beliebt ist, „beim Kunden“ (die Firma ‚L’Oréal‘ offenbar), weil der Kunde zu einfältig ist, ihre dumme, komplexbeladene Unfähigkeit zu durchschauen. Hatte ich nicht so ähnliche Personalbeschreibungen schon mal von unserer Münchner Kollegin Helen Kuzay gehört? Wer war wohl dümmer: Die Dummen oder die, die nicht merkten, wie dumm die Dummen waren?

Der Zug war pünktlich, wir auch. In der Bar vom Hotel ‚Frankfurter Hof‘ wurde ich mit einem Viertel Roten gastfrei gehalten und bekam gut mit, wie die drei darüber beratschlagten, auf welchem Wege man wohl noch mehr Geld verdienen – na, vielleicht besser: bekommen – könnte. Darüber war es dann auch fast eins geworden, so dass mich Esther und Walter zurückfuhren nach Wiesbaden. Das war ja wirklich sehr nett von ihnen, aber sie sagten, es mache ihnen nichts aus, weite Strecken zu fahren. Also mir eigentlich ja. Früher, als sie noch in Düsseldorf lebten, waren sie häufiger mal – „Walter isst so gerne indonesisch“ – zum Abendbrot nach Amsterdam gefahren. Schade, dass das mit der DDR-Grenze so umständlich ist, sonst könnten sie jetzt von Frankfurt aus, in entgegengesetzter Richtung gefahren, öfter mal Thüringer Speckknödel haben. Vor 45 Jahren wäre auch schlesisches Himmelreich nicht aus der Welt gewesen.

Am nächsten Morgen saß ich pünktlich um halb neun auf meinem Warteplatz und harrte des Psychiaters. Männer in weißen Kitteln schlenderten vorbei. Ob es der ist? Oder der? Der wär ganz nett. Hoffentlich nicht der. Nein, aber wenn es der ist! Er unterhält sich eine Weile mit einem anderen und – ist es dann natürlich. Anthony Perkins vor 20 Jahren. Erwartungsvoll und milde erotisiert folge ich ihm in den etwas abgelegeneren Teil des Hauses, wie bei ‚Psycho‘. Er liest den Bericht des Professors. Ich lese den ‚Spiegel‘. Das irritiert ihn offenbar, so, als ob ich die Sache nicht ernst genug nähme. „Und warum kommen Sie jetzt zu mir?“, fragt er endlich, und ich merke gleich, dass er etwas geknickt ist, dass ich nicht extra seinetwegen, sondern im Rahmen einer Gesamtuntersuchung nach Wiesbaden gereist bin. Ich nehme ihm aber rasch die Komplexe, indem ich ihm ein bisschen davon erzähle, wie verrückt ich bin, und das söhnt uns dann aus, wir finden Gefallen aneinander und reden über anderthalb Stunden. Zwischendurch fragt er nach „Partnerschaft“, und ich sage „ja“, und er bohrt nicht weiter und denkt, nun hat er was, aber das gönn ich ihm nicht und sag ihm fünf Minuten später doch von mir aus, dass ich schwul bin und jeder das wissen darf. Die Schlappe ist recht herb für ihn, und er revanchiert sich mit der Bemerkung, dass meine Eltern Außenseiter seien und ich auch „und das sogar sexuell“. So plaudern wir halt, und am Ende findet er, meine Beschwerden könnten psychischer Natur sein, müssten es aber nicht, und ich könnte ja mal eine Psychotherapie machen, müsste es aber nicht. Mit diesen zweckdienlichen Informationen versehen begab ich mich zurück in mein Hotel, um die Schlussbesprechung des Nachmittags abzuwarten. Ich hatte mich die ganze Zeit über in Wiesbaden so elend gefühlt, dass mir schon dämmerte, mir könnte nicht wirklich was fehlen.

Der Arzt für die Schlussbesprechung entschuldigte sich zunächst mehrfach, dass es ihn gab und dass er er war. Der Professor hatte mir aber gleich am Anfang gesagt, dass er nach München müsse und sein Oberarzt das Gespräch führen würde. Nachdem ich dem Oberarzt mehrfach eindringlich versichert und dann noch mal beteuert hatte, dass ich es wirklich nicht so schlimm fand, dass er mit mir redete, begann er das Gespräch mit der wohl als Vertrauen schaffend gemeinten Frage nach meinem Beruf. Ich antwortete wahrheitsgemäß und bekam zu spüren, wie voreilig ich ihn akzeptiert hatte. Der Professor hatte es mit dem Hinweis bewenden lassen, er sei „Thomaner“ und mir nur ein bisschen Bach vorgesungen. Dieser hier referierte eine halbe Stunde über die Mannheimer Schule, um mir anschließend so heikle Fragen zu stellen, wie die, ob ich Stamitz oder Friedemann Bach für einen größeren Erneuerer hielte. Wieso es Bachs jüngster Sohn so lange am Hofe Friedrichs des Großen ausgehalten hatte, war ihm ein Rätsel, das er zehn Minuten lang mit mir zu knacken versuchte. Als er schließlich aufgab, schwirrten mir sämtliche Johanns, Christophs, Philips, Emanuels und Sebastians wie Stechmücken durchs Hirn. „So“, sagte er, „ich habe Ihren Bericht auch noch nicht gelesen. Ich setz mich jetzt neben Sie, und wir sehen uns das zusammen an.“ Das fand ich keck. Bei welcher tödlichen Krankheit würde sein Gesicht sich verfinstern, und was mochte der Psychiater über mich ausgeplaudert haben? Aber es blieb alles langweilig, und das war mir ausnahmsweise recht. Der Abend war auch wohltuend ereignislos, und so flog ich am nächsten Morgen ab, in dem Glauben, nicht so sehr bald sterben zu sollen. Doch wie lange hält solche Hoffnung vor?

Die Maschine landete in München, nein doch nicht, startete durch, einen Meter über dem Rollfeld, und zog Kreise. Ich machte mir so meine Gedanken über Gesundheitsbescheinigungen und die sichere Eisenbahn. Dann erzählte der Kapitän, es sei da ein ‚schlechter Luftstrom‘ gewesen. Gegorene Kohlsuppe? Es dauerte noch eine Weile und schließlich verkündete er: „Wir versuchen eine neue Landung.“ Ich fand das ein bisschen vage ausgedrückt, aber es klappte.

Helen hatte das geplante Weißwurst-Essen abgesagt, weil sie sich nicht gut fühlte. Die Zeit wäre auch eng geworden. Nicht nur wegen der verspäteten Landung, sondern auch, weil sich doch der Schlüssel im Schließfach nur halb rumdrehen ließ. Ich hatte mein Gepäck dort verstaut im Hauptbahnhof, weil ich dann eben die bayerische Brotzeit allein einnehmen wollte. Nicht dass das Schließfach offen geblieben wäre, nein, nein, zu war es schon, aber der Schlüssel ließ sich in keiner Richtung bewegen. Nun war mein Gepäck zwar schwer und lästig, aber ich wollte es eigentlich trotzdem mitnehmen und fragte mich deshalb zur Aufsicht durch. Nach einer Weile fand ich jemanden, und wieder eine Weile später kam auch jemand mit, ruckelte an dem Schlüssel und sagte: „Er klemmt.“ – „Ja“, sagte ich, „eben!“ Es erschien also jemand mit Handwerkszeug und schraubte das Schloss heraus. Dabei ging er so fingerfertig vor, dass ich sowohl mein Gepäck als auch meinen Zug noch bekam, etwas knapp natürlich, man rennt ja nicht so schnell mit so vielen Sachen, aber immerhin. Drei Stunden später konnten mich meine Eltern in Bozen in die Arme schließen. Die Erholung sollte beginnen. Eine große Aufgabe.

Erst trinken, dann träumen und dann trösten … oder doch eher trauern? Viel geweint, viel gelacht. Angst hatte ich immer, aber den Mut habe ich mir selten abkaufen oder gar stehlen lassen. Einem intensiven Leben habe ich immer den Vorzug vor einem langen Leben gegeben. Theoretisch. Jetzt stehe ich auf der Schwelle zwischen beidem. Da passt vielleicht ein Titel aus meinem Album ‚Auf Leben und Tod‘. Meine Stimme ist halt, wie sie ist. Die Melodie ist halt so, wie ich Lieder komponiere, aber den Text, den ich vor 30 Jahren geschrieben habe, finde ich immer noch einleuchtend und als passenden Abschluss für diesen letzten Zwischenbericht vor dem nächsten großen Reise-Block:

‚GELEBT HABEN‘



Hanno Rinke, im März 2020

Titel- und Schlussgrafik mit Material von Shutterstock: OPOLJA und zizi_mentos

30 Kommentare zu “#7 – Ungemach bei Friedrich II.

  1. Haha wie wunderbar, solche Geschichten kann nur das Leben schreiben. Absurd und komisch. Ich bin gespannt auf den kommenden Reisebericht!

    1. Ein Bach singender Professor, ein Oberarzt mit Faible für die Mannheimer Schule, und ein aus Hitchcocks Psycho entsprungener Psychiater – kurios sind die in der Tat alle.

  2. Ein saftiges Steak hätte ich heute auch gerne. Corona und die damit einhergehenden Vorratseinkäufe bringen mir momentan eher Pasta und Eintöpfe.

    1. Mein Lieblings-Vietnamese um die Ecke hat leider zum Wochenende die Abholung eingestellt und bis Ostern den Laden dicht gemacht. Ich werde wohl auch meine Eintopf-Kenntnisse auffrischen müssen.

    1. Naja, momentan darf man ja schon froh sein, wenn einem durch die Corona-Zuschüsse die Existenz gesichert wird. Neue Freunde kommen später.

      1. Dabei scheinen diese Sofortprogramme erstaunlich gut zu funktionieren. Jedenfalls scheint es auf den ersten Blick so. Mal schauen was die Kleinunternehmer nach den ersten Wochen so sagen…

      2. Ob die Programme greifen wird man wahrscheinlich erst in ein paar Monaten sehen. Vor allem muss man erstmal abwarten, wie lange sich die ganze Krise und der damit verbundene Stillstand noch hinzieht.

  3. Ich lese diesen Text voll butterweichen Steaks, Luxushotels, singenden Ärzten, steckengebliebenen Schlüsseln, … und mir wird noch einmal bewusst wie ereignislos diese Quarantäne-Tage doch sind.

    1. Ein gutes Unternehmen versucht aber natürlich auch den Kunden davon zu überzeugen was es selbst als das Beste ansieht. Wer einfach blind Kundenwünsche erfüllt, gegen das eigene bessere Wissen und Gewissen, macht keine gute Arbeit.

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