Teilen:

1411
DIE ELF  —   1. Kapitel: MINUS ELF

#1.1 | Der liebe Gott und das schwarze Loch

Präambel:

Als Gott die Erde in sechs Tagen erschuf und am siebten ausruhte, war die Welt noch in Ordnung. Inzwischen müssen wir uns, falls wir nicht lieber blöde bzw. bildungsfern bleiben wollen, mit dem Urknall und seinen Folgen auseinandersetzen. Dass der Urknall still war, weil es noch keine Schallwellen gab, ist kosmisch-komisch, aber unerheblich. Alles andere, was dann in 13,8 Milliarden Jahren passierte, ist dagegen von Bedeutung. Nachdenkliche Scholastiker und romantische Schwärmer sagten: Die Welt ist so wunderbar! Es muss einen Gott geben, der das alles erdacht hat.

Bild links (‚Bildnis des Philosophen Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibniz‘ – C. B. Francke): Herzog Anton Ulrich-Museum/Wikimedia Commons, gemeinfrei | Foto rechts (Charles Darwin, sitzend): Henry Maull/John Fox/Wikimedia Commons, gemeinfrei

Leibniz glaubte, Gott habe die beste aller möglichen Welten geschaffen, gerade in ihrer Veränderungsfähigkeit. Dann allerdings stellte Darwin klar, dass diese Wunderwelt durch ständige Auslese zustande gekommen ist, einschließlich des von Gott womöglich gar nicht vorgesehenen Menschen. Das Paradies – ein Hirngespinst? Dann gäbe es ja gar keine Erbsünde, und Gott wäre es erspart geblieben, sich einen Sohn zu konstruieren, der zur Besänftigung von Vaters Zorn über die menschliche Wissbegierde (verbotenes Naschen an der Erkenntnis-Frucht!) kreuzweise hatte leiden müssen. Viele Väter ärgern sich ja über die Disziplinlosigkeit ihrer Brut, wenn die anfängt, von ihrem freien Willen Gebrauch zu machen, da ist Gott keine Ausnahme; gut, dass sich wenigstens der nachgeborene Jesus von seinem Erzeuger hat lenken und von Judas hat küssen lassen. ‚Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab …‘ Oje, oje! Diese Unterstellung aus dem Johannes-Evangelium fand ich schon immer schwer nachvollziehbar.

Bild oben (‚The damned box. Place of execution in ancient Rome. The crucified slaves. the year 1878.‘ – F. A. Bronnikov): Wikimedia Commons, gemeinfrei

Ein allmächtiger Gott, dem alle unblutigen Mittel zur Verfügung stehen, soll einem Stück von sich selbst, das er ‚Sohn‘ nennt, das hat antun lassen? Damit er den Menschen verzeihen kann, dass er sie vermurkst hat? Erst der neue Entwicklungsschritt, die künstliche Intelligenz, wird den Fehler wiedergutmachen und den freien Willen bei den zukünftigen Geschöpfen ausmerzen. Bis dahin fragen wir uns seit Darwin: Ist all das völlig umsonst oder – schlimmer noch – gar nicht passiert? 2000 Jahre Fake? Und wenn wir schon beim Fragen sind: Was war eigentlich vor dem Urknall, und warum hat es denn plötzlich geknallt?

Anderer Lösungsansatz:

Die Gesetze des Universums sind so kompliziert: mit Raumzeitkrümmung und Quantengravitation – da muss es einen Schöpfer geben! Wieso eigentlich? Wenn es einen Schöpfer gäbe, dann hätte er die Welt in sechs Tagen gezimmert, am siebten verschnauft und auf all diese schwer zu berechnenden Gesetzmäßigkeiten verzichtet. Es sei denn, er hätte für die Menschen eine Art Quizshow mit Hindernissen aufgebaut, was Videospielern eher einleuchten würde als Gottesanbeterinnen. Vielleicht ist Gott gar kein so gütiger Vater, wie ihn naive Großmütter jahrhundertelang ihren Enkeln beschrieben haben, sondern er ist das schwarze Loch, um das die Planeten unserer Galaxie kreisen. Gruseliger Gedanke. – Also weg davon, ab zu uns!

36 Kommentare zu “#1.1 | Der liebe Gott und das schwarze Loch

  1. Als Gott die Erde erschuf, war alles noch in Ordnung. Aber ein paar Tage später sah das doch bestimmt schon anders aus!?

      1. Sowohl eine neue Form von Nationalismus wie der doch eigentlich schon fast vergessene Faschismus scheinen wieder in Mode zu kommen. Mich gruselt es immer, egal ob es um die AfD hier in Deutschland, Marine Le Pen in Frankreich oder Trump in Amerika geht. Ich verstehe nicht, dass so viele Leute auf so etwas hereinfallen. Fake News alleine können doch nicht der Grund sein.

      2. Für eine große Anzahl von Menschen ist jede Antwort besser als zu viele Fragen. Auch ich sehe dadurch unsere westlichen Demokratien in Gefahr. Sich nur für die Vergangenheit zu schämen, wird nicht ausreichen, um unsere Werte zu vermitteln.

  2. Man braucht doch nur die Nachrichten schauen, da bleibt die Frage ‚Gibt es einen allmächtigen Gott‘ doch gar nicht aus.

    1. Gott ist ja nicht für die Kriege verantwortlich. Weder dafür, dass sie entstehen, noch dafür sie zu beenden. Das müssen die Menschen schon selbst hinkriegen.

      1. Ich finde „Gott“ bzw. ein Glauben ist hauptsächlich dazu da, den Menschen Halt und etwas Trost zu geben. Mit der Weltpolitik oder den großen Fragen der Gesellschaft hat das doch herzlich wenig zu tun.

      2. Der tröstende Gott scheint mir auch am nötigsten zu sein. Ich glaube es glaubt niemand weil er den Urknall nicht versteht.

      3. Der Wunsch, glauben zu können, scheint ausgeprägter als der Wunsch, wissen zu wollen. Weitergebracht hat die Menschen nur das Wissen. Deshalb wird es von allen Religionen so klein wie möglich gehalten. Wissen untergräbt die Autoriät des Glaubens. Tröstlich ist das nicht.

      4. Da kommt ja auch ihr Argument von weiter oben ins Spiel. Der Glauben liefert zumindest erstmal Antworten. Wer da nicht weiter hinterfragt, dem reicht das vielleicht.

  3. Mir gefällt (neben dem Text) ja sehr, dass neuerdings immer schon darauf hingewiesen wird, wann der nächste Teil erscheint. Sejr hilfreich 🙂

    1. Finde ich auch super. Es ist ja nur ein kleines Detail, aber solch kleine Details machen ja die Qualität eines Blogs aus.

  4. Hmmmm ein schwarzes Loch … ein gruseliger Gedanke, aber vielleicht sogar wahrscheinlicher als alles andere?

    1. Sie meinen Gott ist das schwarze Loch?! Dann wäre er ja eher Abgrund als Rettung. Daran glaube ich ebenso wenig wie an das, was uns die Kirche erzählen will. Die Menschen sind schon selbst verantwortlich. Da kann man sich nicht einfach so rausstehlen.

      1. Was in Gaza passiert gleicht sicherlich einem großen schwarzen Loch. Und dabei geht es mir gar nicht daran eine Seite im Konflikt zu wählen. Diese ganzen toten Zivilisten sind doch einfach nur schrecklich.

      2. Gaza hätte ein zweites Monaco am Mittelmeer werden können. Geld genug ist geflossen. Aber wenn nicht der Tourismus, sondern der Märtyrertod das Ziel ist, dann entsteht eine Situation, wie wir sie jetzt haben.

  5. Für mich bleibt die Frage: Kann etwas, woran weltweit so viele Menschen glauben, Fake sein? Also selbst, wenn die Entstehungsgeschichte der Erde nicht unbedingt das ist, was in der Bibel erzählt wird – hat die Religion nicht alleine durch die Gläubigen seine Daseinsberechtigung?

    Übrigens schön, dass sie wieder da sind, Herr Rinke!

      1. Im Mittelalter glaubten die meisten Menschen, dass die Erde eine Scheibe sei. Noch im 19.Jahrhundert glaubten die Menschen, sie würden niemals fliegen können. Jeder Glaube hat eine Daseinsberechtigung, bis sein Gegenteil bewiesen ist. Das dürfte dem Gottesglauben den Ewigkeitsstatus sichern.

  6. Ich glaube seit meiner Jugend nicht mehr so richtig an Gott. Aus meinem Gefühl heraus würde ich sagen, dass es immer mehr Menschen so geht. Aber was nimmt die Stelle des Glaubens ein? Bleibt das auch nur ein großes schwarzes Loch? An Spiritualität in irgend einer Form fehlt es doch ein bisschen.

    1. Ja genau. Bei aller Progressivität fehlt es mir auch ein wenig an gemeinsamen Werten und wenn man das so nennen will Spiritualität. Dass im Nahen Osten gerade wegen eines unterschiedlichen Glaubens gekämpft wird, muss man da mal beiseite lassen. Aber hier bei uns scheinen mir viele Menschen etwas verloren durchs Leben zu gehen. Nur mein persönliches Emfpinden.

      1. Der Humanismus hat versucht, Gott zu ersetzen. Er hat dabei etwas länger durchgehalten als der Kommunismus, aber jetzt steht es auch um ihn schlecht. Gott ist einfach stärker. Was die Evolution sich dabei wohl gedacht hat?

      2. Ich frag mich trotzdem noch was danach kommt. Irgendwann ist dich bestimmt auch damit mal Schluss.

      3. Manchen Menschen ist wohler bei dem Gedanken, dass für ihr Bewusstsein irgendwann mal Schluss ist, als mit der Aussicht auf eine ständig präsente Ewigkeit.

  7. Diese Mischung aus Sarkasmus und gleichzeitigem tiefen Interesse für das ausgesuchte Thema hat mir wirklich gefehlt!

    Gibt es etwa doch einen Gott? Und wenn ja, warum lässt er die Menschen so sehr leiden? Was passiert mit dem Klima und der Erde? Gibt es irgendwann einen großen Neustart? Ich glaube, wir werden die Antworten nicht finden, zumindest nicht gemeinsam.

    1. Jeder hat seine eigenen Antworten dazu. Die einen ziehen in den Krieg, weil sie glauben, dass ihr Gott der beste ist und alle Ungläubigen vernichtet, wenn schon nicht bekehrt, werden müssen. Die anderen meditieren und machen Yoga und kümmern sich nicht um die Institution Kirche, die Berliner feiern ihre Sonntagsgottesdienste direkt im Berghhain Club.

      1. Wer intensiv glaubt ist nur leider nicht immer besonders tolerant gegenüber Andersdenkenden. Da sind dann Konflikte schnell vorprogrammiert.

      2. Überzeugungen kann man wohl nicht still für sich behalten. Auch ich ertappe mich dabei, vor dem Bildschirm zu sitzen und Talkshow-Teilnehmer anzuschreien.

  8. Die menschliche Wissbegierde scheint in den letzten Jahren ja eher nachgelassen zu haben. Trotz des Informationsüberflusses.

    1. Das glaube ich nicht. Wir nehmen die vielen Desinteressierten heute nur mehr wahr. Früher traten sie gar nicht erst in Erscheinung.

      1. Ich finde unsere Jugend auch nicht uninteressiert. Eigentlich würde ich genau das Gegenteil sagen.

  9. Ich muss bei Ihrem Text an dieses virale TikTok-Video denken: Grammy-Nominee Bobbi Storm (ich glaube so hieß sie) singt ungefragt und gegen jedes Bitten der Crew für die Passagiere eines Flugzeuges … because God told her so. Nun ja …

    1. Das wäre nicht meine erste Assoziation gewesen, aber das Video habe ich sogar gesehen. Schon beeindruckend, wie Gott sie anscheinend vor allem anleitet ihr neues Album zu promoten. Gottes Wege sind eben unergründlich.

      1. Leider ist bloß unser Gott unergründlich, und zwar da, wo die Kirche keine Antworten hat. Der Allah der Hamas ist dagegen ganz eindeutig und über jeden Zweifel erhaben. Also, dann doch lieber Bobbis Stimme am Himmel.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

vier × zwei =