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DIE ELF  —   3. Kapitel: PLUS ELF

#3.4 | Ahnungen und Gewissheiten

Am nächsten Tag fuhren wir über den Großglockner. War sehr hoch. Damals erkannte ich, dass mir blumige Täler mehr liegen als majestätische Höhen. Trotzdem posierte ich dort oben (un?)befangen vor Guntrams Kamera: mit Vaters Hut und meinem Limonadenglas – auf einem der raren Fotos aus der Zeit. Welchen Eindruck ich bildlich hinterlasse, das war mir damals schon so wichtig wie heute allen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Den Urlaub fand ich wahrscheinlich weniger langweilig als die anderen. Besonders liebte ich es, mit meiner Großmutter am nicht allzu abschüssigen Hang Himbeeren zu pflücken. Später wurden sie im Speiseraum mit Sahne übergossen, und ich fand es sehr lustig, wenn dann die Maden die Beeren verließen wie Ratten ein Schiff. Ob sie zum Baden oder zum Trinken herauskamen, wurde mir weder klar noch verraten, aber ich aß die Schüssel lieber leer als den Hamburger Eisbeinteller. Obwohl: Das winterlich warme Erbspüree hatte ich eigentlich immer gemocht. Lieber als jetzt die matschigen Bratkartoffeln in der Kärntener Sommerfrische.

An einem der Abende fuhren meine Eltern den beschwerlichen Weg abwärts zum Wörthersee: ins Spielcasino nach Velden. Wie tödlich beleidigt meine Großmutter war, dass sie nicht mitgenommen wurde, erfuhr ich erst viel später. Eine gewisse Schadenfreude interpretierte ich vielleicht zu Unrecht in die Stimmen meiner Eltern, wenn sie darüber sprachen.

Meine Großmutter war sehr ‚standesbewusst‘. Seit ich dieses Wort kenne, habe ich es immer mit mangelndem Selbstwertgefühl in Verbindung gebracht. Streng genommen war Maria Rinke, geborene Elshorst, wohl eher gefallsüchtig. Darum hatte sie auch den Antrag eines soliden Bankdirektors ausgeschlagen, um stattdessen den mehr hermachenden Offizier zu heiraten. So die Überlieferung. Dass ihre Eltern das überhaupt gestatteten! Ansehen war halt fescher als Geld. Womöglich waren die auch gefallsüchtig. Begütert sowieso. Na ja, wer unpolitisch war, ahnte damals den Ausgang des Ersten Weltkriegs nicht, so wie Menschen, die sich mit Politik nicht auskennen (wie zum Beispiel die Pastorentochter Angela Merkel noch 2021 auf billiges Gas aus Russland durch eine weitere Pipeline hoffte). Marias Vater verlor durch die Inflation 1923 sein Vermögen. Sie selbst behielt bis zum Tod ihren Anspruch. Renommee: Als meine Großmutter in den späten Sechzigerjahren auf Mallorca überwinterte, schritt sie, wenn frische Gäste ankamen, im Nerzjäckchen durch die Empfangshalle, damit die Neuankömmlinge gleich wussten, mit wem sie es zu tun hatten. Bösartige Unterstellung? – Sie hat es selbst so erzählt.

Foto: Privatarchiv H. R.

In Kärnten hatte sie bestimmt nichts gleichermaßen Repräsentatives dabei wie ihren räudigen Pelz, trotzdem ärgerlich, nicht in Velden am Roulettetisch zu stehen, sondern mich Elfjährigen an der Backe zu haben. Rien ne va plus.

Zweierlei mochte meine Großmutter nicht: Kochen und Kinder. Dass sie mich trotzdem in Hamburg betreute, wenn meine Eltern auf längeren Reisen waren, hatte zwei Gründe. Erstens: Die ganze Zeit über gab es irgendeine Hausangestellte, die unsere Speisen nach eigenem Gutdünken zubereitete, sodass die Offizierswitwe niemals durch die Küchentür schreiten musste. Zweitens: Meine Eltern trauten der knapp entlohnten Hausangestellten nicht zu, sich fürsorglich genug um mich zu kümmern.

Foto: Privatarchiv H. R.

1988 auf der Fähre von Sausalito nach San Francisco seufzte Irene nach reichlichem Genuss von Austern und Chablis: „Ich bekam immer zu wenig Geld, deshalb bekam ich immer die schlechtesten Mädchen.“ Inzwischen hatten sie und ich für unsere beiden Haushalte genug Geld, aber keine Hausangestellten mehr.

Foto: Privatarchiv H. R. | Titelbild mit Material von Shutterstock: Irina Trusova (Kochtopf), Serafima Antipova (Nerz) sowie aus dem Privatarchiv H. R. (3)

47 Kommentare zu “#3.4 | Ahnungen und Gewissheiten

  1. „Welchen Eindruck ich bildlich hinterlasse, das war mir damals schon so wichtig wie heute allen.“
    Das scheint bei dem Foto aber für alle drei zu gelten!

      1. wer ist das nicht? man lässt sich nunmal nicht gerne fotografieren ohne gut auszusehen.

      1. Meine Eltern waren bass erstaunt, dass meine Großmutter dieses Foto verschickte.

    1. Bei den ganzen Bildern könnte man glatt meinen Sie wußten damals schon, dass irgendwann mal diese Veröffentlichungen warten würden. Meine Eltern haben vor 10-15 Jahren den größten Teil der alten Fotos ausgemistet und leider nicht daran gedacht, dass ich gerne einen Teil davon behalten hätte.

      1. Erst in alten Kisten finden, dann digitalisieren. Danach zur ständige Verfügbarkeit.

      2. So mache ich das auch nach und nach. Beim Weihnachtsbesuch bei meinen Eltern geht es in die nächste Runde. Langsam werden die Kisten weniger.

      3. Fotos auf Papier sind ja fast so altmodisch wie gedruckte Bücher, Schallplatten und Pferdekutschen.

      4. Schallplatten hatten oder haben ja immerhin ein Mini-Revival. Anders als bei den Tageszeitungen wundert es mich bei Büchern, dass so viele digital lesen. Google sagt es wurden 2021 zwar um die 273 Millionen Bücher verkauft; allerdings bei 1 Million Veröffentlichungen.

      5. Ich finde eReader und so was auch ziemlich unsexy. Man will doch das Buch in der Hand halten, die Seiten umblättern etc., nicht nur durch eine Datei scrollen.

      6. Bücher zu lesen, das ist vielleicht bald nur noch etwas für eine Minderheit, die auch klassische Musik hört, alte Gemälde betrachtet und noch selber kocht.

      7. man braucht das wissen ja auch nicht mehr, wenn eh die KI alles erledigt. und spaß findet man auch woanders.

      8. Gegen eine KI-Grabrede auf meiner Beerdigung hätte ich keine Einwände (mehr). Aber ein rascher Atomtod ohne Überbleibsel wäre einem langen Siechtum natürlich vorzuziehen.

  2. Dass diese „Verbindung durch Handel“, die Frau Merkel anscheinend für möglich hielt, wirklich zustande kommen würde, schien mir noch nie für wahrscheinlich.

      1. Er hat sich doch scheinbar gerade beschwert, dass die Beziehungen mit dem Westen so schlecht geworden sind. Ganz egal scheint ihm das alles also doch nicht zu sein.

      2. Egal ist Putin nichts. Geliebt oder gehasst zu werden, schmeichelt ihm. Dass keiner ihm gegenüber gleichgültig ist, hat er sich (un)redlich verdient.

      3. Wenn ihm sein Ansehen egal wäre, dann hätte er den Ukrainekrieg längst beendet. Mit dieser Gegenwehr hatte er augenscheinlich nicht gerechnet. Aber nun will man eben sein Gesicht nicht verlieren und bleibt jahrelang in einem unsinnigen Krieg.

      4. Wenn die Republikaner in den USA den Geldhahn zudrehen, bekommt Sahra Wagenknecht ihren Willen, den Krieg zu beenden.

      5. Es sieht schlimmer Weise nicht so aus, als ob vor Jahresende noch ein Hilfspaket verabschiedet würde. Demokraten und Republikaner können sich ja nicht mal auf die kleinsten Dinge einigen.

      6. Nun tritt auch noch McCarthy zurück. Das wird einerseits zwar viele Demokraten freuen, aber andererseits werden die Mehrheiten dadurch noch einmal unklarer.

  3. Also wem ich mit meinem Essen vertraue, dem würde ich auch mit meinen Kindern vertrauen. Aber ich habe und hatte natürlich nie Hausangestellt. Vielleicht ist das zu einfach gedacht.

    1. Es kommt einerseits bestimmt darauf an, wie wichtig einem das Essen ist. Ich meine, wenn es um die Qualifikation des angestellten Koches bzw. der Köchin geht. Aber nur weil jemand in einer Sache gut ist, heisst das ja nicht gleich, dass das für alle Bereiche gilt. Nicht jeder kann mit Kindern.

      1. Zwischen der Behandlung von Knödeln und Knirpsen bestehen nicht zu unterschätzende Unterschiede.

      1. Eine Oma, die nicht gern kocht, kann das durch tägliches Rosenkranz-Beten ausgleichen. Dachte meine jedenfalls.

      2. Meine war gut in Canasta. Und die großen Samstagabendshows durfte ich immerhin auch oft mit ihr schauen.

      3. Meiner Großmutter lagen ihre Bridge-Partnerinnen mehr als ihr Gatte. Das hat sie seinen Tod bei einem guten Blatt verschmerzen lassen.

    1. Ich freue mich eigentlich sehr, dass es endlich schneit. Trotz aller Kälte. Ich mag die Spaziergänge zum Ende des Jahres immer.

      1. Dann hoffe ich für Sie, dass es Ende des Jahres Schnee geben wird. Oft kommt er ja gerade dann, wenn man ihn nicht gebrauchen kann.

      2. Momentan sieht es wohl eher so aus, als ob langsam wieder alles wegschmilzt. Aber es ist ja noch etwas Zeit bis Weihnachten.

      3. Hoffnung ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert. – Friedrich Nietzsche.

  4. Solche 3-Generationen-Urlaube gab es bei uns gar nicht. Meine Großeltern lebten aber auch alle im selben Ort wie wir. Man konnte bzw. musste also gar nicht erst zu Besuch fahren, sondern konnte jederzeit vorbeigehen.

    1. Meine Großeltern sind leider schon relativ früh verstorben. Dadurch habe ich solcherlei gemeinsamen Urlaube auch nicht erlebt. Aber mit meinen Eltern gab es viele schöne Urlaubsmomente. Ich erinnere mich z.B. an einige Sommer in Kroatien, die ich nie vergessen werde.

      1. Weder mein Vater noch einer seiner drei Brüder sind je mit ihren Eltern in Ferien unterwegs gewesen. Er erwähnte es und wollte es anders machen.

      1. Das ist mir unbegreiflich. Die desinteressierten Eltern und die Probleme mit der Sprache, schön und gut. Ich fand in meiner Schulzeit die meisten Fächer langweilig bzw. die Lehrer nicht sehr inspirierend, aber ich wollte trotzdem immer einigermaßen gute Noten haben. Das war mir eine Frage des Stolzes.

      2. Mir kam gleich die Frage, wie man Schüler motivieren will, die augenscheinlich gar kein Interesse an Schule haben.

      3. Ich habe es selbst erlebt, dass gute Lehrer einen Stoff interessanter vermitteln können, aber da, wo die Schülermeinung herrscht: „Ihr könnt mir gar nichts!“ ist Hopfen und Malz verloren.

      4. Man kann halt niemanden zum Lernen zwingen. Schüler und Eltern(!) müssen da schon mitspielen.

      5. Was Michael Wierz über den Stolz sagt, ist wichtig und richtig: Bei schlechten Zensuren habe ich mich vor meinen Eltern geschämt. Hätte ich geglaubt, dass denen das egal ist, hätte ich bis zur Oberstufe nicht freiwillig gelernt.

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