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DIE ELF  —   3. Kapitel: PLUS ELF

#3.5 | Zu weit gegangen

Kurz vor meinem elften Geburtstag gönnten sich meine Eltern eine kleine Erholung von mir. Ende Mai sonnten sie sich auf Capri. Meine Großmutter war in Berlin von Guntrams Fahrer abgeholt worden, um das zu leisten, was sie unter Betreuung verstand. In dieser Zeit fand in meiner Schule eine Impfaktion statt: Tetanus. Meine Großmutter verweigerte ihre Zustimmung zu meiner Teilnahme. Gott niemals ins Handwerk pfuschen! Wer nichts tut, kann nichts verkehrt machen. Eine heute immer noch weitverbreitete Ansicht unter Feiglingen. Dabei: Mich nicht impfen zu lassen – das hätte damals die schlecht bezahlte Irmgard auch selber hinbekommen, ganz ohne Oma-Hilfe.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Daran, dass ich ein so ängstliches Kind geworden war, das niemals allein bleiben wollte, hatte meine Großmutter ihren Anteil. Im Sommer 1947 saß Guntram im Gefängnis und die unverheiratete Irene hungernd mit mir bei Kurt Becker am Reichskanzlerplatz. Wer auf diese Idee kam, weiß ich nicht, jedenfalls brachte mich meine Mutter nach Schmalkalden. Dort lebten meine Großeltern, seit sie in Berlin ausgebombt waren. Aus dem abgebrannten Berlin ins idyllischere Thüringen – das geschah wohl in bester Absicht. Ich sei schwarz vom Ruß gewesen, wenn mein Kinderwagen mal draußen gestanden hatte, erklärte mir meine Mutter später meine Abschiebung. Außerdem war Irena, inzwischen eingedeutscht als Irene, deutlich weniger auf mich angewiesen als ich auf sie.

Nun hatte mich meine praktische Großmutter aber nicht bei sich behalten, sondern gleich durchgereicht zum Bahnwärter, der schon etliche Kinder hatte und mich deshalb problemlos eingliedern konnte, dachte sie. Ich schrie dann aber doch so unermüdlich, dass mich meine Mutter drei Monate später wieder abholen musste. Die folgenden Wochen seien die einzigen gewesen, in denen ich das Essen nicht verweigert, sondern verschlungen hätte, hörte ich. Bahnwärters hatten mich offenbar hungern lassen. Allgemeiner Nahrungsmangel oder besondere Erziehungsmaßnahme? Psychologen, denen ich später in die Hände fiel, deuteten meine ständige Kindheitsangst, verlassen zu werden, als Reaktion auf Schmalkalden. – Kann schon sein. So war es also nur gerecht, dass meine Großmutter in Kärnten bei den Hühnern und mir eingesperrt bleiben musste, während meine Eltern bei eisgekühltem Champagner die Sau rausließen.

Mein elfter Geburtstag war zu diesem Zeitpunkt schon seit sechs Wochen vorbei, und deshalb höre ich hier lieber auf. Ich will doch nicht der Gefahr erliegen, ins Unwesentliche abzuschweifen. Keinen Schritt zu viel, sonst muss ich mir womöglich noch aus dem Grab heraus die mahnenden Worte anhören: „Hanno, du bist schon wieder zu weit gegangen!“

32 Kommentare zu “#3.5 | Zu weit gegangen

  1. Ha! Die Urlaube mit der ganzen Familie aus dem letzten Teil, kenne ich nur zu gut. Aber dass meine Eltern mal eine längere Reise ohne mich angetreten hätten, daran kann ich mich wirklich nicht erinnern.

    1. Ich erinnere mich eher an die Abende, die ich anfangs bei meiner Oma, später alleine verbringen durfte, weil „meine Eltern bei eisgekühltem Champagner die Sau rausließen“. 😆 Ich hab solche Abende und Nächte immer genossen.

    1. Ich glaube schon, dass da die Kindheit eine Rolle spielt. Wer Eltern hat, die nicht gut Emotionen zeigen können und den Kindern gegenüber kühl sind, der hat später deutlich mehr damit zu kämpfen.

      1. Das spielt sicher EINE Rolle, aber ich kann mir nicht denken, dass das der alleinige oder wichtigste Grund ist. Da kommen doch sicherlich eine Menge Faktoren zusammen, z.B. so was wie unglückliche Partnerschaften.

      2. Als ich Student war, galt an der Uni als rassistisch, wer die Bedeutung von Vererbung betonte. Nur die Umwelt sollte verantwortlich dafür sein, wie jemand wird: Gute Umwelt – guter Mensch. Ein Auftrag! Heute bestreitet niemand mehr, das Genetik und Milieu zusammenwirken. Ob jemand ängstlich oder mutig wird, das hängt von beiden Faktoren ab.

      3. Es wäre ja zu schön, wenn alle wirklich gleich wären und die gleichen Chancen bekämen. Aber so fair ist das Leben nun mal nicht.

      4. Wenn alle die gleichen Chancen bekämen, ja, das wäre schön. Wenn alle gleich wären, nein, das wäre nicht schön.

    1. Die Wahrheit liegt am Ende bestimmt irgendwo in der Mitte. Das ist ja meistens so. Aber grundsätzlich stimme ich sogar zu. Man muss lieber mal etwas riskieren, als nachher „Ach hätte ich nur…“ zu denken.

      1. Bereuen und „Ach hätte ich nur…“ denken kann man ja sowohl als auch. Also bei einem Schritt zu viel wie bei einem Schritt zu wenig gleichermaßen.

      2. Mein ständiger, naseweiser Spruch: „Bereuen muss man vorher. Nachher nutzt es nichts.“
        Rein theoretisch fühle ich mich wohler dabei, das Falsche als gar nichts getan zu haben. Praktisch: wie gravierend war das Falsche, wie gravierend war das Nichtstun? Am besten: man macht alles richtig.

      3. Daran musste ich gleich denken. Das Mantra kenne ich ja schon von Ihnen. Ich zitiere es regelmäßig 😉

  2. 1947 hätte ich Impfskeptiker sicher verstehen können. Mich wundert es nur wieder und wieder, dass es auch 80 Jahre später noch Menschen gibt, die lieber eine schwere Krankheit in Kauf nehmen, als sich impfen zu lassen.

    1. Die argumentieren ja, dass sie noch viel kränker würden, wenn sie sich impfen ließen. Aber ich finde die Einstellung auch sehr absonderlich.

      1. Man kann die Chance krank zu werden der Chance eine Impfnebenwirkung zu bekommen gegenüberstellen. Trotzdem wird man einen Skeptiker nicht überzeugen. Da geht es wohl um die Angst vor dem Fremden und irgendwie auch um Ablehnung gegenüber Bevormundung.

      2. Ich bin in jedem Fall sehr froh, dass die Diskussion bzw. dass COVID erstmal zur Vergangenheit gehört. Oder sie, wenn Vergangenheit auch nicht 100%ig zutrifft, immerhin etwas an Aktualität und Emotionalität verloren hat.

      3. Ich bin so wissenschaftsgläubig, ich lasse mich gegen alles impfen: Corvid, Grippe, Zecken, Herpes. Für Nebenwirkungen bin ich zu unsensibel.

      4. So handhabe ich das auch. Ich überlasse die Sorgen meinem Arzt und kümmere mich nicht allzu sehr um den Rest.

  3. Ist das nur meine Wahrnehmung oder werden die Titelbilder mit jedem Beitrag bunter? Quasi parallel zu den fortschreitenden Lebensjahren?

    1. Meine Großmutter dachte: Der Bahnwärter hat schon so viele Kinder, da kommt es auf eins mehr auch nicht an. So war sie die Sorge los. Nur meine katholische Taufe war ihr wichtig. Gott diente sie immer so, wie es ihr passte.

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