Ich mache Licht, und sofort wird das Blau in meinem Fenster düsterer, bedrohlicher. Helligkeit ist kein Abwehrmittel. Ich knipse das Licht rasch wieder aus. Die Lampe verstummt. Mein Blau gewinnt seinen ursprünglichen Ton zurück; sanft, tot, gelassen.
––Es war ein Reinfall! Ich habe mich tölpelhaft benommen, neulich. Ich spüre nur Wut, nicht Schuld. Meine Vorwürfe richten sich gegen meine Ungeschicklichkeit, nicht gegen die Tat. Warum verliere ich so leicht die Nerven? Ich habe mir etwas vorgenommen, das ich ausführen muss. Ich will meine Schuld finden.
––Wie kann es mich befriedigen, Gutes zu tun, wenn ich unter meinen Verbrechen nicht leide? Wären es wirklich Verbrechen, so müsste ich doch leiden. Bin ich denn roh, gefühllos? Ich will ein ganz normaler Mensch sein, der unterscheidet und trennt. Ich will mich verdammen und langsam, ganz langsam reinwaschen von einer Schuld, die ich anerkenne. Einmal muss es mir doch gelingen, etwas bei klarem Bewusstsein zu tun, wofür ich einstehen kann.
––Schon diese Pistole ist ein Fehler gewesen. Ich hätte sie mir nie besorgen dürfen. Dieser schmierige Kerl … Und wenn es ein eleganter Herr gewesen wäre? Die Waffe macht das Geschehen unpersönlich. Ich habe nur abgedrückt, sie hat geschossen.
––Ein Messer! Ja, das ist es! Zustechen und fühlen, wie die Wunde übergreift auf mich, wie mich das Leid zerreißt. Weinen und um Gnade bitten können, im Bewusstsein der Schuld.

Ich watete durch das Blau. Selten fuhr ein Auto vorbei. Meine Schritte knirschten im Schnee. Die schmale Fahrbahn war nahezu freigelegt, aber der Bürgersteig war zu einem engen Pfad zusammengeschrumpft. Den Rand des Gehweges säumte eine lange Kette niedriger Bäume, ganz in flimmerndes Blau gehüllt.
––Der Schnee hatte sich vollgesogen mit dieser Farbe, die vom Himmel herabgeflossen kam. Das Blau schimmerte auf Dächern und tropfte von Laternen. Die Gärten dünsteten es aus. Die Wände, die Büsche, die Zäune verkündeten es, und die schwach erleuchteten Fenster waren machtlos.
––Eine Gestalt kam mir entgegen, langsam und ahnungslos.
––Ich erkannte die Umrisse eines Mannes. „Warum muss gerade er es sein?“, dachte ich. Vorsichtig betastete ich den Knauf meines Messers. Ich ging ihm mit festen Schritten entgegen, genau in der Mitte des Pfades.
––Als er merkte, dass ich nicht ausweichen würde, trat er zur Seite und geriet mit einem Fuß in den hohen Schnee.
––Mir war meine Rücksichtslosigkeit peinlich. Nicht weil ich sie als boshaft empfand, sondern weil ich mich fragte, was der Mann wohl von mir denken mochte. Fast hätte ich mich entschuldigt. Aber ich tat es nicht.

Bisher war alles viel zu experimentell verlaufen. Nirgends hatte sich mein Schicksal in dem meines Opfers verfangen. Schatten waren sie gewesen, die ein grelles Licht hatte verlöschen lassen.
––Ich wusste nichts von ihnen. Ich hatte unter ihrem Tod nicht zu leiden, kein Verlust bedrückte mich.
––Es waren abstrakte Todesfälle geblieben, kaum zu unterscheiden von den Anzeigen in der Zeitung.
––Wenn ich mir meine Morde vor Augen hielt, konnte mich grenzenloses Mitleid ergreifen, aber es war ein Gefühl, das mich zornig machte, denn es war tränenselig und oberflächlich. Wo zeigte sich in meinem Leben die tiefgreifende Veränderung? Wann stöhnte ich unter meiner Schuld?
––Ich war mir unheimlich geworden und begann, den Zugang zu mir zu verlieren. Jetzt hatte ich nur noch eine Möglichkeit, so grauenhaft, dass ich den Gedanken nicht zu formulieren wagte. Prüfung und Strafe zugleich. Würde ich den Mut haben, diese Idee in die Tat umzusetzen, dann würde ich auch an einem weltlichen Gericht nicht vorbeikommen. Aber eine andere Lösung gab es nicht. Wie sollte ich sonst beweisen, dass ich ein Mensch bin, der Licht von Dunkel unterscheiden kann? Diese Dämmerung des unausgebildeten oder verkümmerten Gewissens musste endlich hinüberwachsen in Nacht und Schuld und Schmerz.

Wir waren zu sechs Uhr verabredet. Ich parkte meinen Wagen an einem der Automaten und ging zum Bahnhof.
––Vor dem Portal stand eine Reihe von Menschen und wartete auf Ankömmlinge. Sie würden sich begrüßen, einige würden sich um den Hals fallen und Arm in Arm nach Hause gehen, friedlich, zufrieden. Die Farben der Ampel drückten sich tiefer in das Blau des Abends. Pausenlos wischten Mäntel an mir vorbei. Zigaretten durchdrangen den Dunst. Mützen und Hüte schwammen auf und ab. Wie Fische schlängelten sich die Autos im schmalen Bett der Straße. Über mir donnerten die Züge, die Schiffe, und Taucher stiegen die Treppe hinab zu denen, die unruhig wartend auf und ab gingen. Zeitungen, Geschwätz, Gelächter. All das Kreisen, Rattern und Laufen hatte sein Ziel: die Stille des Abends, den sie gemeinsam im Wohnzimmer verbringen oder im Rauch der Kneipen verdämmern wollten.
––Während der ganzen Zeit fragte ich mich verzweifelt, ob ich Brigitte liebte, und wenn es so wäre, ob das nicht schon für mich spräche und ich mir diese Probe ersparen könnte. Aber ich kam zu keinem Ergebnis. Mich überzog unbeschreibliche Angst. Grauen vor mir und Ekel ergriffen mich. Vielleicht würde ich endlich die Knechtschaft der Schuld bewusst ertragen können.
––Brigitte kam lächelnd auf mich zu.
––Während sie mich umarmte, sah ich den lebendigen Glanz ihres Haares. Etwas in mir schrie – rau, laut, gepeinigt. „Ich muss es gleich tun“, dachte ich. „Später werde ich es nicht mehr fertigbringen.“
––Sie sank ein wenig vorn über, dann gaben ihre Beine nach.
––Schon einmal hatte ich diesen Anblick ertragen, aber etwas fehlte. Sie brach lautlos zusammen. Warum schrie sie nicht? Die ungläubigen Schmerzensschreie, die sich erschreckt an das Leben klammerten und es zurückhalten wollten. Die Schreie, die mich anklagten und verdammten, wo blieben sie? Ich war doch bereit, ihr Urteil anzunehmen, und wäre es noch so hart gewesen! Warum starb sie stumm, ohne Rechenschaft zu fordern?
––Ich hockte über sie gebeugt. Etwas Namenloses glomm in mir auf, loderte und erlosch. Über mir schwebte ein Kranz von Menschen, ratlos, verwirrt, erschüttert.

Bilder, alles Bilder, die um ein Zentrum kreisen. Zwielicht zwischen Tag und Nacht. Eindrücke, die auf einen Punkt zusteuern und ihn nie erreichen.
––Ich weiß nicht, soll ich froh sein oder gekränkt? Man billigte mir Unzurechnungsfähigkeit zu. Kein Gericht war bereit, über mich zu urteilen.
––Nun sitze ich hier und schreibe. Mein Papier ist mit Blau übergossen, in dem das tiefere Blau der Buchstaben ausdruckslose Bögen und Linien bildet. Der Tag verfällt in Dämmerung. Blaues Moos wächst auf den Halden und überdeckt die regeren Stunden mit weicher Stille. Eine Welle, die die Welt verschlingt, Sintflut, doch nicht für mich.
––Die Schwester tritt ein, um mir das Abendessen zu bringen. Ängstlich und verlegen schiebt sie das Tablett vor mich hin. Sie hat Angst vor mir, obwohl ein Wärter, der aussieht wie eine Litfaßsäule, in der Tür lehnt.
––Vor etwa zwei Wochen um dieselbe Zeit habe ich eine besonders fürsorgliche Kollegin von ihr mit dem Messer angegriffen. Es war ein letzter verzweifelter Versuch. Ich hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Natürlich war es umsonst gewesen. Das Blau dort draußen kann mir nichts anhaben.
––„Guten Appetit!“, sagt die Schwester. In ihrem Blick liegen Furcht und Mitleid.
––Diese alberne Person! Wovor zittert sie? Von mir ist kein Unheil mehr zu erwarten. Ich habe mich abgefunden, endgültig. Wie hastig sie zur Tür zurückläuft! So ein dummes Frauenzimmer! Ich hätte tatsächlich Lust, ihr eine Lektion zu erteilen. Aber es ist unmöglich, leider! Sie sind so vorsichtig, mir seit meiner bedauerlichen Entgleisung nur noch Plastikbestecke zu geben.

Titelillustration mit Material von Shutterstock: Quality Stock Arts (Uhr), Just Dance (Mann), arturnichiporenko (Fahrradfahrerin), Mcky Stocker (Hände), Anton27 (Hand mit Messer)

30 Kommentare zu “Blaue Stunde | #4

    1. Er beschreibt es zu Beginn des Textes ja, oder er versucht es zumindest. Ob man dies als wirklichen Beweggrund akzeptiert oder als wahnsinnige Verfehlung abtut, das bleibt jedem selbst überlassen.

      1. David Lynch hat Chris Isaak ja nochmal zu einem kleinen Revival verholfen. Wenn auch nicht mit diesem Song.

      1. Ich beziehe mich mehr auf Novalis: nicht blaues Band, sondern blaue Blume. Allerdings sieht Novalis die Poesie als Kunst der „transzendentalen Gesundheit. Der Poet ist also der transzendentale Arzt.“ Bei meinem Patienten geht es wohl eher um die „transzendale Krankheit“, für die ein Arzt/Dichter ja dann auch eher zuständig ist…

    1. Das tut er ohne Frage. Trotzdem eine sehr spannende Perspektive. Politisch korrekter wäre natürlich die Opfer in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen, aber dieses Grübeln und Nachdenken des Mörders bleibt ebenso faszinierend.

      1. Beides kann spannend sein. Aber wenn man die Motive des Täters verstehen will, dann muss man sich auch mit ihm auseinandersetzen.

    1. So wird das meistens sein. Selbst Rache wäre ja etwas, dass sich hauptsächlich um die eigenen Gefühle und das eigene Befinden dreht. Der Gedanke an die Opfer kann vielleicht Auslöser sein, aber das Motiv für solch eine Tat bleibt bei uns selbst verankert.

  1. Kein Gericht wollte urteilen … Plastikbesteck … der Sprung vom Turm ist also für den Protagonisten in der Psychiatrie geendet. So hätte man es wohl fast erwarten können.

    1. Die Psychiatrie-Anspielung hatte ich beim ersten Lesen völlig überlesen. Wenn man die Gedankenspiele dieses namenlosen Täters über die letzten Kapitel verfolgt hat, dann ist diese Entwicklung wirklich nicht überraschend.

    1. Ich wollte vor vielen Jahren einmal Medizin/Psychologie studieren. Aber letztendlich dachte ich, dass es doch zu nervenaufreibend wäre, tagein tagaus mit den Problemen anderer Menschen konfrontiert zu sein. Respekt vor jedem, der in diesem Feld arbeitet.

    2. Werner Herzogs Doku-Serie aus dem Todestrakt fand ich in dem Zusammenhang äußerst interessant. Diese Verurteilten in ihren eigenen Worten zu hören – da läuft es einem ab und an kalt den Rücken herunter.

      1. Diese ganze Serienkiller-Thematik wird momentan aber auch sehr ausgelutscht. Damit meine ich nicht die Rinke-Erzählung, die wurde ja vor vielen Jahren geschrieben. Aber mittlerweile gibt es Dokumentationen und Serien noch und nöcher. Es wiederholt sich dann ja doch sehr vieles.

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