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Europa im Kopf  —   7. Kapitel: Lombardei

#7.1 Hilfreiche Überwachung

Am Mittwoch reisten wir bei durchweg wolkenfreiem Himmel mit Schiff und Auto vom Lido an den letzten Ort unserer Reise: Sirmione – der längste Aufenthalt, die reinste Entspannung. Mittwoch bis Mittwoch. Die Autostrada war erst ab Verona verstopft, dann aber so, dass mein Darm wirklich mal etwas lernen konnte. Selbst die Navifrau wurde unsicher, und als wir endlich den Dreh gefunden hatten, wollten uns mehrere Polizisten nicht durchlassen. Ich musste also, möglichst weder aufgeregt noch herablassend, damit angeben, dass wir Gäste des ‚Grand Hotels Terme‘ seien, was uns tatsächlich Zufahrt verschaffte und obendrein auch noch stimmte. Nach wenigen Metern wurde klar, warum die Polizei genötigt gewesen war, einzuschreiten. Ein Stau, der sich kaum bewegte, lag wie ein Bandwurm vor der Öffnung zum Gardasee. Zum ersten Mal bekam ich Befürchtungen, dass Rafał außer sich geraten könnte. Sonst dämpft er meine auf Hysterie zusteuernde Hektik mit Worten wie mit Baldrian. Nun aber schrie er auf Busse und Menschen ein, es war fast ergreifend in seiner Sinnlosigkeit. Ein gewagtes Überholmanöver war dann aber doch hilfreich, weil wir nicht im Krankenwagen landeten, sondern jenseits des überfüllten Parkplatzes. Von da an ging es relativ zügig, und weil ich mich ja auskenne, konnte ich Rafał auch gleich die Einfahrt zu unserem Hotel weisen.

Foto: TTstudio/Shutterstock

Während er das Mammutgepäck entlud, ging ich schon mal zur Rezeption, die seit dem vorigen Jahr von der rechten auf die linke Seite verlegt worden war. Ich nannte meinen Namen, die Signorina suchte und suchte – fand nichts. Silkes Zimmer hatte ich fristgerecht am vorigen Dienstag abbestellt, aber unsere doch nicht. Endlich fragte die irritierte Rezeptionistin: „Signor Hanno Rinke?“ „Si, si!“ Ich war im verkehrten Hotel gelandet. Unseres war das nächste, noch schönere, noch dichter an der Altstadt. Woher wusste sie das? Ich habe grundsätzlich nichts gegen Überwachung, schon gar nicht, wenn sie sich als so hilfreich erweist.

Foto: ChiccoDodiFC/Fotolia

Rafał stand vor dem Gepäck, das ein ‚facchino‘ bereits auf seiner Karre hatte. Wieso war das bloß so viel? Für Sakkos und Pullover war es zu heiß, und sobald diese schlimme Männerstelle zwischen dem Schuh und der Hose, die man nur sieht, wenn Bonvivants die Beine graziös übereinanderschlagen oder Provinzler bräsig in Talkshows sitzen, sobald dieses bisschen Haut bei mir angebräunt ist, verzichte ich auch kess auf Strümpfe. Ich verfüge wirklich über eine bedeutende Strumpfkollektion in ausgefallenen Farben und alle bis zum Knie, aber nackte Füße in Slippern zu zeigen, das erinnert mich so daran, wie unbekümmert ich mich gern gab, früher, und nie war. Solche Überlegungen halfen jedoch in dieser speziellen Situation nicht weiter. Ich musste dem Träger ein etwas höheres Trinkgeld geben und Rafał gestehen, dass er in dieser fast aussichtslosen Parklage um ein Wendemanöver nicht herumkommen würde. Das war schon das zweite Mal, dass ich befürchten musste, Rafał geriete außer sich. Aber dann stand doch unser Mercedes kommod vor dem richtigen Hotel, meine Garderobe befand sich aufgehängt in meinem Zimmer neben dem Fahrstuhl, und Rafał trank einen Entspannungsespresso auf der Terrasse, während ich die Eiswürfel aus meinem Gin Tonic fischte.

Foto oben: Roman Stetsyk/Fotolia | Foto unten: Pcholik/Shutterstock

Wir aßen etwas zwischen Pool und See, alles war still und höflich, bis auf eine Engländerin, die ihre Umgebung ständig wechselte und dabei ansprach, um Zustimmung für ihre Beschwerden zu sammeln. Eine solche Person mit reichem, abgestumpftem Gatten gehört in jedes Grandhotel wie das Krokodil ins Kasperletheater.

Foto: DavidPrado/Fotolia

Als ich 1968 mit meinen Eltern von Ischia kam, wo ich mich Carmine verweigert hatte, fand Guntram, dass wir uns anstandshalber bei seinem Prokuristen Herrn Biella blicken lassen müssten, bevor wir uns in Meran ausruhen würden. Der ausgediente Kadett von Herrn Biellas Sohn war ja mein erstes Auto gewesen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Damals hatten Zweifel an mir genagt: Biella junior war ein Jahr jünger als ich und machte als Vertreter derart Karriere, dass er sich nun einen schicken Schlitten leisten konnte. Und ich? Ich marschierte nicht mal gegen Vietnam an und gegen Wasserwerfer, sondern hörte mit Harald Shirley Bassey. Ein halbes Jahr später raste der aufsteigende Karrierist mit seinem Sportcoupé aus der Kurve und war tot; das relativierte meine Selbstvorwürfe ein wenig.

Biella senior hatte eine Ferienwohnung in Malcesine am Gardasee. Die Wohnung war geschmacklos und Irene erbost, dass Herr Biella und seine grell geschminkte Frau keine Anstalten machten, uns zum Mittagessen einzuladen. Das Einzige, worum es ging, war, dass wir Herrn Biella bewunderten. Er fuhr einhändig Wasserski, als Steigerung sogar auf einem Stuhl stehend, wobei er die ganze Zeit über von seiner Frau (in unserem Sprachgebrauch ‚das Osterei‘) auf Super-8 verewigt wurde. Dieses Ereignis hat meine eigenen Filmambitionen um Jahre zurückgeworfen, und gleichzeitig hatte sich in meinem Gedächtnis der Eindruck verfestigt, dass der Gardasee das Schlimmste sei, was Italien zu bieten hätte. Florenz, Portofino, Amalfi immer wieder gern, aber diese deutsche Wirtschaftswunderspießigkeit von Malcesine sorgte bei mir für eine gewisse Solidarisierung mit meinen linksradikalen Kommilitonen, die Kaufhausbrände für eine passable Antwort auf Konsumterror hielten. Unangepasstheit war halt schrecklich modern damals.

Foto: Marcin Twardosz/Fotolia

Zehn Jahre später jedoch, 1978, hatte selbst ich den Weg in ein eheähnliches Verhältnis gefunden. Von Mary aus, bei der Roland Proust las oder sich auf sein Abendschulabitur vorbereitete, fuhren wir mit Harald, von Pali als ‚eure dicke Tante‘ eingestuft, für zwei Tage nach Venedig. In der Nacht soll ein Wahnsinnsgewitter niedergeprasselt sein, mit zischenden Blitzen und krachenden Donnern, sagten Roland und Harald. Ich hatte nichts mitbekommen, sondern fest geschlafen. Seither sprachen beide mir jegliche Sensibilität ab. Ich selbst schob es mehr auf meinen Wein- und Averna-Konsum vom Abend, denn normalerweise wache ich, seit ich denken kann, mindestens alle zwei Stunden auf, doch auch Pali hatte schon vor Jahren erklärt: „Sensibilität? Hanno weiß gar nicht, was das ist. Er hält es für eine Überempfindlichkeit der Haut.“

Foto oben: Iakov Kalinin/Shutterstock | Foto unten: Khaoniewping/Shutterstock

Auf dem Weg nach Venedig hatte Roland uns zu einem Umweg über den spießigen Gardasee gedrängt, aber nur an seinen südlichsten Zipfel, eine Halbinsel, die in den See ragt: Sirmione. Als Roland 1971 allein in Venedig gewesen war, hatte er dort einen Mönch kennengelernt, der ihn mitnahm in den Klostergarten, was mich als Katholiken noch heute eifersüchtig macht, und einen Koch aus dem ‚Danieli‘, auch nicht schlecht. Der Koch fütterte Roland mit Lampreten aus dem Fünf-Sterne-Hotel durch, wer kann damit schon konkurrieren? Kein Hostien verteilender Geistlicher jedenfalls. Und dann fuhr der Koch mit Roland nach Sirmione. Die Geschichte der Halbinsel geht, ich erwähne es nochmal, auf das zweite Jahrtausend vor Christus zurück, wer kann damit schon konkurrieren? Zur Zeit der Römer war die Halbinsel ein Ferienort höhergestellter Familien, die gemäß Lehrer Bode sicher nie heizten – also auch jetzt immer noch das Richtige für uns – und so lernte Rafał nun, über Roland und mich als Zwischenträger, von einem venezianischen, vielleicht längst verblichenen Koch die Schönheiten der Burg und der Altstadt kennen. Meinen Eltern hatten wir Sirmione schon 1982 gezeigt und es von da an als festen Programmpunkt vereinnahmt.

20 Kommentare zu “#7.1 Hilfreiche Überwachung

  1. Kaufhausbrände als passable Antwort auf Konsumterror – das erinnert mich ein wenig an die Gilets Jaunes. Oder habe ich die tatsächliche Berechtigung für den Pariser Vandalismus verpasst?

    1. Dass es bei Protesten immer wieder zu völlig unnötigen Randalen kommt ist eine Sache. Die Gilets Jaunes sind aber ganz sicher nicht mit der RAF zu vergleichen.

      1. Die Gilets Jaunes sind ja sowie schon eine wahnsinnig zersplitterte Gruppe, aber ich würde fast glauben, dass die extremen Ausschreitungen gar nicht von den Protestern initiiert wurden. Eher von Randgruppen, die die Situation für sich ausnutzen.

      2. Genau so habe ich auch gedacht. Da ändert sich mal was, und wenn sich die eigene Situation nicht auch gleich wie durch ein Wunder verbessert und das Gehalt von selbst verdoppelt wird sofort rebelliert. Der König ist tot, es lebe der König.

      3. Macrons Sozialpaket ist ja gerade abgenickt worden. Mal schauen ob die Gelbwesten sich damit zufrieden geben werden, oder ob nach Weihnachten die Proteste doch noch einmal Fahrt aufnehmen.

  2. Entspannungsespresso war genau mein Stichwort. Ich mache mich gleich mal auf den Weg und suche nach ein paar Minuten Wintersonne und Koffein. Schönes Wochenende!

      1. „Wer kann damit schon konkurrieren?“ Das passt zu Rinke’s Reisen ebenfalls ganz gut. Freue mich schon zu lesen, wie es weiter geht…

  3. Gardasee erinnert mich tatsächlich auch eher an spießige Urlaube mit meinen Eltern. Wahrscheinlich völlig ungerechtfertigt. Aber die Pubertät prägt nunmal.

  4. „Die Wohnung war geschmacklos und Irene erbost, dass Herr Biella und seine grell geschminkte Frau keine Anstalten machten, uns zum Mittagessen einzuladen.“ LOL

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