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Europa im Kopf  —   7. Kapitel: Lombardei

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#7.5 Kopf hoch, Blick zur Seite!

Dienstag der erste September, der letzte Tag der Reise. Von der Havel am ersten Berliner Tag über die Brenta in Bassano hatten wir unsere Zeit überwiegend am Wasser zugebracht; bloß dass Dresden an einem Fluss liegen soll, hatte sich uns nicht erschlossen. Aber, halb so wild: Wir kannten die Elbe ja aus Hamburg. Heute nun der Ritt über den Gardasee. Ein fescher Motorbootfahrer war rasch gefunden, und auch ohne Herrn Biella im Schlepptau ließ es sich herrlich filmen, zeigte mir Rafał, gleich als es losging, auf dem Display. Es ist ja immer sehr schade, wenn etwas Schönes anfängt, weil man von da an immer damit rechnen muss, dass es wieder aufhört.

Foto: M. D./Privatarchiv H. R.

Mein Pullover lag überflüssig neben mir auf der Bank. Ich bin ungern zimperlich, aber noch weniger gern friere ich. Das nahm die ehrgeizige Sonne zum Anlass, mir zu zeigen, was sie so drauf hat. Der Anblick war dagegen mal idyllisch, mal heroisch. Das Wasser war mal ruhiger, mal bewegter; dementsprechend zerraspelte unser Kahn die Wellen mal schnittiger, mal gelassener, also mal mit Getöse, mal mit Andacht. Sally nahm diese Umschwünge widerspruchsloser hin, als ich erwartet hatte; und wir Menschen sahen uns alles an, auf das uns unser Cicerone hinwies: die tiefste Stelle, die größte Insel, das teuerste Restaurant. Gleich bei uns um die Ecke: Die Grotten des Catull (seine ‚Carmina‘ in der Abiturklasse übersetzen zu müssen habe ich in nicht viel freundlicherer Erinnerung als das Volksparkstadion); die Thermalquelle in achtzehn Meter Tiefe bei neunundsechzig Grad Wärme soll besonders gut sein gegen Schwerhörigkeit, ist also für Heavy-Metal-Fans und Politiker empfehlenswert. Ich plantsche da nur so mit im Seitenzufluss unseres Grandhotels. Wer noch mehr wissen will, soll hinfahren oder Reisebeschreibungen lesen. „Dafür werde ich nicht gebraucht“, sagte Bernstein, wenn ich ihm ein Repertoire vorschlug, das er keine Lust hatte, aufzunehmen.

Fotos: Gherzak/Shutterstock

Das letzte Mittagessen zwischen Pool und See im Hotelgarten: unter Netzen, nicht mehr unter Russen – die waren schon vor uns abgereist –, noch einmal Caesar’s Salad, für die, die sich was trauen, und etwas so Hauchdünnes für mich, dass der Teller schon vor dem Servieren leer aussieht.

Foto links: Matteo Ceruti/Shutterstock | Foto rechts: Bildagentur Zoonar GmbH/Shutterstock

Für das Abschiedsessen hatte ich noch einmal die ‚Kleine Hoffnung‘ bestimmt, weil es dort wohl allen am besten gefallen hatte. Ich freute mich vornehmlich darauf, beim zweiten Mal ganz besonders herzlich willkommen geheißen zu werden, und hatte mir vorgenommen, auch die Küche nicht durch belgische Ketchupwünsche zu brüskieren. Wir hatten wieder den Tisch im Weißen mit dem Blick in die Weite. Freiheit vor dem Fenster. Wie in einem Wüstenzelt saßen wir da, wozu passte, dass Othellos Enkel uns bediente. Weiß-Schwarz. Das Essen war wieder sehr gut, und ich ärgerte mich ein wenig darüber, dass wir nicht noch einmal in den ‚Greif‘ gegangen waren, das traditionsreiche Fabeltier. Aber auch gut: ‚La Speranzina‘ bedeutet eben, dass es immer noch etwas Besseres gibt; sonst könnte man ja aufhören.

Abreisetage hatte es ja auf der ganzen Fahrt unablässig gegeben, aber dieser war nun der letzte, bis November. Anfänge mag ich nicht sonderlich: Wo Aufbruchstimmung angebracht wäre, köchelt in mir eher ein uneingestandenes Unbehagen, das wohl ‚Furcht‘ heißt. Seit ich aus meiner Mutter musste, hat das Ungewisse für mich mehr Bedrohliches als Verlockendes. Dass beim Abschiednehmen von dem zuvor Erfürchteten womöglich eine uneingestandene Wehmut aufbrodelt, zeigt, was für eine unberechenbare Tyrannin die Seele ist. Meine ist allerdings ziemlich berechenbar: immer grad so, wie man’s nicht erwartet. Mein Abschiedsschmerz in Sirmione war nicht größer als Sallys: Eine Wurst findet man überall auf der Welt; und mit einem Schwanzwedeln im Hundezwinger und einem Portmonee in der Gesäßtasche gibt es so sogar Blutwurst bei Veganern und Gin bei Schiiten, fürchten Pessimisten. Optimisten hoffen, dass die Hunde Radieschen fressen und Bestechungsversuche, je nach Auslegung, mit Erweckungsfolter oder Hinrichtung bestraft werden, aber Kopf hoch, das nächste Leben ist sowieso das wichtigere.

Foto: Phil Hearing/Shutterstock

Wir fuhren die Westroute; sie ist pittoresker und ortsärmer als der Osten mit Malcesine. Als Erstes kommt man auf überwiegend anmutigen Wegen nach Salò. Da hat Mussolini auf Hitlers militärische Fürsprache hin vom 23. September 1943 bis zum 25. April 1945 den kleinen Rest regiert, der ihm von Italien übriggeblieben war, bevor er am 29. April erschossen und dann an einer Tankstelle aufgehängt worden war, kopfüber, damit sein Gesicht besser bespuckt werden konnte. Pasolini hat einen Film – ‚Salò‘ – gedreht, in dem die Verdorbenheit des Faschismus anhand von Scheißefressen und Augenausstechen sichtbar gemacht wird; aber auch sonst war der altmodische Urlaubsort hübsch anzugucken, sofern mir das durchs Seitenfenster zu beurteilen möglich war.

Foto oben: Mariia Golovianko/Shutterstock | Foto unten: lukaszimilena/Shutterstock

Von Limone versprach sich Rafał besonders viel, weil er darüber Gutes gehört hatte. Wir klapperten alles ab, was möglich war, ohne dass ich aus dem Auto hätte krüppeln müssen. Aus Erfahrung weiß ich zwar, dass einem dadurch manche Sehenswürdigkeit in der Fußgängerzone verborgen bleibt, aber wir hatten doch nicht genügend Zutrauen zu dem, was wir nicht sahen, um uns weiter in die Gegend zu verstricken, auch wenn wir weder Tankstellen noch Exkremente fürchteten. Trotzdem: Ich fand, ein bisschen Gardasee von oben sollte sein zum Abschluss.

Foto: joyfull/Shutterstock

Da lag ein Hotel an der Straße, Parkplatz am Haus; von dem aus war es nicht weit durch die seelenlose Lobby zur Terrasse. Wenn man es wagte, übers Geländer nach unten zu schauen, sah man dort Menschen entspannt am türkisfarbenen Wasser eines Pools liegen. Hundert Meter tiefer lag der See, sehr eindrucksvoll, der größte Italiens übrigens. Wir setzten uns. Der Barmann nahm unsere Bestellung auf und fragte nach der Zimmernummer. Hatten wir nicht. Die Terrasse sei ausschließlich für Hotelgäste, informierte uns der Barmann. Wir nahmen das zur Kenntnis und warteten auf unsere Drinks. Speziell Silke sieht nicht so aus, dass man sie einfach wegschickt. Ich gab ein etwas zu hohes Trinkgeld, obwohl ich berechtigte Hoffnung hatte, dass der Barmann unseren Verzehr nicht verbuchen würde. Ein Hotel muss nicht alles wissen, und Bestechung ist schon okay, Hauptsache, es geht dabei gerecht zu.

26 Kommentare zu “#7.5 Kopf hoch, Blick zur Seite!

      1. Oh den würde ich gerne noch sehen. Man liest so viel interessantes und verreißendes. Aber Lars ist ja eigentlich immer ein Kinobesuch wert.

      1. Das darf er gerne meinen, solange er’s für sich behält. Wie war das noch … mit der Religion ist es ähnlich wie mit einem Schwanz. Es ist in Ordnung, eine zu haben. Es ist in Ordnung, stolz darauf zu sein. Aber bitte hole sie nicht in der Öffentlichkeit raus und wedele damit herum.

      2. Papst Franziskusens Vater war Buchhalter in einer Miederwarenfabrik. Er hat seinem Sohn sicher einiges beigebracht, womit man – besonders nach einem Berufsabschluss als Chemietechniker- sein Brot auf ehrliche Weise verdienen kann.

  1. Wie wahr, wie wahr! Ist man von Trostlosem umgeben sehnt man sich nach dem Schönen. Ist man vom Schönen umgeben, fürchtet man sich, weil man immer damit rechnen muss, dass es wieder verschwindet. Das Leben macht es uns nicht einfach.

      1. Der Sack ist voll, das Portemonnaie leer, der Bauch voll, der Kühlschrank leer… Einen schönen Heiligen Abend allerseits!

  2. Sightseeing mit dem Auto. Ihre Erlebnisse und Artikel haben Potential für eine völlig neue Art von Reiseführer. Sicherlich noch eine der wenigen zu erschließenden Marktlücken 😉

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