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Europa im Kopf  —   8. Kapitel: Trentino/Alto Adige

#8.3 Möglichst nicht ermordet werden

Gleich zu Beginn der Reise galt es, eine dramatische personelle Entscheidung durchzusetzen: Bei meinen Eltern waltet Frau Resi mit ihrem sardischen Gatten Fausto. In meiner Wohnung säubert traditionsgemäß Maria, ihr Mann Toni mäht den Rasen.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Die beiden Ehepaare sind zutiefst verfeindet, und Irene, die ausgesprochen parteiisch ist in dieser Affäre, behauptet, Fausto würde nicht mehr kommen, wenn er beim Unkrautzupfen im Garten meiner Eltern jenseits des Zaunes weiterhin den Anblick Tonis ertragen müsste. Das Ehepaar Resi/Fausto hat für Erpressung die weitaus besseren Karten, denn erstens kann Irene Maria und Toni sowieso auf den Tod nicht ausstehen und außerdem versteht Fausto was von Nägeleinschlagen, Leitungenlegen und Bretterzimmern, während Toni nur mähen kann und unverständlicher Deutsch spricht als Fausto (ausschließlich) Italienisch. Auch Resis Pensum mit drei Stockwerken und der Gabe, Salbei und Basilikum zu pflanzen, übertrifft Marias Angewohnheit, die vier ihr obliegenden Zimmer drei Stunden lang gleichzeitig unbewohnbar zu machen und erst in allerletzter Sekunde für ein wenig Ordnung auf der Etage zu sorgen.

Foto oben: PhotoSG/Fotolia | Foto links: Racle Fotodesign/Fotolia | Foto rechts: pictworks/Fotolia

Das Einzige, was für Maria und Toni spricht, ist, dass sie kräftig und jung sind, während Frau Resi und Fausto immer wieder mal wegen Alter und Gebrechlichkeit ausfallen. Da aber beide jetzt schon mehrere Monate lang nicht mehr im Krankenhaus lagen, glaubte Irene, es riskieren zu können, die an ihrem Gemüt zerrenden Querelen durch einen Schlussstrich zu beenden. Den Entschluss in die befreiende Tat umzusetzen war selbstverständlich Guntrams Aufgabe. Der aber stellte sich dermaßen zaudernd dabei an, Toni telefonisch mitzuteilen, dass nach zehn verdienstvollen Jahren die Tätigkeit des Paares nicht länger erwünscht sei, dass Irene doch etwas nachhelfen musste, indem sie kundtat, dass sie nie mehr nach Meran wollte, weil sie dieses Gerangel nicht länger aushalten könnte.

Foto oben: Olaf Unger/Shutterstock | Fotos links und rechts: H. R./Privatarchiv

Toni klagte erwartungsgemäß, es sei gar nicht wegen des Geldes, aber der Garten sei ihm ans Herz gewachsen, als wär’s ein Stück von ihm, und Maria rief mich an und erklärte, dass Fausto und Resi von Anfang an nichts anderes im Sinn gehabt hätten, als ihnen die Arbeit wegzunehmen.

Foto links: H. R./Privatarchiv | Foto rechts: SilviaKonrath/pixabay

Es war also alles wirklich ziemlich furchtbar. Die dicke, geschwätzige Resi und der kühl italienische Fausto gefallen Irene besser als der ebenfalls geschwätzige, dabei aber unverständliche Toni und seine unsystematische Frau, und, es stimmt schon, beide sind etwas dumpf und finster, was auf der anderen Seite ihre Entlassung nicht unproblematisch machte, man hat ja ‚Woyzeck‘ gelesen …

Foto: Robbie Jack/Getty Images

Tonis Bemerkung über ein kleines totes Kätzchen in unserem Garten: „Isch besser, dass sie kaputt ist“, war mir samt der Unbereitschaft, den Leichnam zu entsorgen, genauso im Gedächtnis wie Marias Forderung, Putzen zu kommen, wann es ihr gerade passte, also meist, wenn mir nach Mittagsschlaf war.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Trotzdem saßen wir etwas betreten an unseren Stullen, nachdem Guntram seinen Killerjob vollbracht und ich am anderen Telefon Maria abgewimmelt hatte. Schicksalspielen liegt nicht jedem. Denn nicht jeder macht am Ende doch noch Karriere – wie Hitler, der ja zunächst von der Kunsthochschule abgewiesen worden war.

Foto: Adolf Hitler, The Courtyard of the Old Residency/München 1914/gemeinfrei/Wikimedia Commons

Während meines Gespräches mit Maria hatte ich nicht nur, Hände waschend, Pontius Pilatus gespielt, sondern sehr klar durchblicken lassen, dass Resi und Fausto nicht das gleichgesinnte Ehepaar aus der Kontaktanzeige seien.

Foto: Antonio Quattrone/Age Fotostock

„Natürlich ist es schrecklich“, sagte Irene, „aber ich bin so alt. Muss ich das alles ausbaden? Der Toni kam immer, wann er wollte, ohne Voranmeldung. Und die Maria hat mir ständig ein Chaos gemacht, und wenn ich jetzt derentwegen die Resi und den Fausto verliere – nein, das geht doch zu weit!“ Guntram stimmte zu: „Der Toni ist ein unangenehmer Mensch, kein Zweifel, und von Beruf Schlachter, das passt zu ihm, aber das ist es ja gerade …“ „Will noch jemand dieses Stück Parmaschinken, sonst nehm ich es?“, fragte Irene.

Wir schüttelten beide den Kopf und tranken einen Schluck Flaschenbier, es schmeckte bitter.

„Na ja, wahrscheinlich wird er doch erst die Resi und den Fausto abstechen“, sagte Guntram, „ich glaube, auf die hat er eine noch größere Wut als auf uns.“

„Das wäre furchtbar!“, Irene legte ihr Brötchen auf den Teller, „aber ich glaube, hier in Meran würden wir doch Ersatz finden.“

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Von da an verliefen die Tage bis zu Silkes Ankunft gleichförmig: Ich habe ein armes Außenleben, aber ein reiches Innenleben. Es war ja mal umgekehrt.

Ein sonntäglicher Anruf bei dir setzt bereits einen markanten Akzent. Gleich während unseres ersten Gesprächs erwähntest du ‚Adalbert‘ als so einen besonders schönen Namen für eine Erzählung. Ins Weltgeschehen mische ich mich nicht genügend ein, weiß ich! Aber pflichtbewusst, wie ich trotz meiner scheißelitären Abgewandtheit immer noch bin, sann ich dem mir eher fremden Wortgebilde ‚Adalbert‘ nach und kam zu folgendem Ergebnis:

Adalbert von Flammenmer brauchte vierzig Diener, obwohl er eigentlich ein bescheidener Mann war, der schlichte Kost liebte und in Fragen der Reinlichkeit nicht anspruchsvoll war: Er genoss den Duft seines Schweißes, weil er sich einbildete, dass der den Geruch seines Alterns überlagerte, zumindest für die einzige Nase, an der ihm lag: seine eigene.

Bild: Egon Schiele, Selbstporträt mit Physalis/1910/gemeinfrei/Wikimedia Commons

Adalbert von Flammenmers einziger Luxus bestand darin, dass er für sein Wohlbefinden stets ein Näpfchen frischen Spermas an seinem jeweiligen Aufenthaltsort benötigte, so wie andere Menschen nicht ohne ein Päckchen Zigaretten oder eine Tasse Kaffee oder frische Luft leben zu können meinen. Gleich, ob er im Wintergarten saß, auf der Terrasse, im Pavillon, am Kamin oder – höchst selten – in der Badewanne: Immer musste ein Porzellanschälchen frischen Spermas in Reichweite sein und, wenn er es leergeschleckt hatte, musste es sofort durch ein neues ersetzt werden.

Nicht, dass er wirklich abergläubisch gewesen wäre, aber er wagte es doch nicht, so gänzlich mit der Tradition seiner männlichen Vorfahren zu brechen, die aus diesem eigenwilligen Ritus ihre Kraft geschöpft zu haben geglaubt hatten: Was Dracula recht gewesen war, war Adalbert teuer. Nur im Zeitablauf leistete er sich modernistische Freiheiten: Bisweilen rührte er das Schälchen stundenlang nicht an, doch vergeudete er auch die durchsichtig und flüssig gewordene Substanz niemals, sondern würdigte sie als gereifte Gabe. – Dann wieder schluckte er den Inhalt zweier Schälchen hintereinander weg. So musste immer, wenn er das Reserveschüsselchen an die Lippen setzte, der Diensthabende sich augenblicklich daran machen, eine Ejakulation herbeizuführen, um für Nachschub zu sorgen.

Bilder (2): Egon Schiele (links: Selbstporträt, rechts: Grimassieren, beide 1910), gemeinfrei/Wikimedia Commons

Adalbert von Flammenmer las gerne, er vergötterte seinen Park, und er vermisste keinen Menschen. Er war auf eine unsympathische Art schön, so dass sein Inneres und sein Äußeres harmonisch übereinstimmten.

Seine Diener waren zufrieden, weil er sie weitgehend zufriedenließ und sie von den Einnahmen seiner Drogengeschäfte immer pünktlich bezahlen konnte.

Aussprache und Ansprache vermisste er noch weniger als Menschen. Seine schlauen Anordnungen wurden immer perfekt ausgeführt, denn jeder seiner Befehlsempfänger wusste: Egal ob Adalbert von Flammenmer jemanden fördern oder umbringen ließ – er behielt immer recht, selbst wenn das nicht für jeden seiner Mitarbeiter auf den ersten Blick einsichtig war. Seine Unfehlbarkeit kam dadurch zustande, dass er seine Informanten mit untrüglichem Instinkt ausgesucht hatte und aus ihren Berichten mit untrüglichem Instinkt die richtigen Schlüsse zog. Daran änderte sich auch nie etwas, und so gibt es nichts, was diesem Bericht hinzuzufügen wäre.

24 Kommentare zu “#8.3 Möglichst nicht ermordet werden

  1. Hahaha die Story der beiden verfeindeten Haushälter-Ehepaare wäre ein toller Stoff für ein Filmdrama.

    1. Unbedingt! Ich glaube ich habe sogar mal einen Krimi mit nicht ganz unähnlicher Ausgangslage gesehen. Ist allerdings schon eine ganze Weile her.

  2. Den Vergleich zu Woyzeck finde ich ja sehr lustig. Mordgelüste und psychische Abgründe passen bei dieser Story gut zusammen. Was für eine Inszenierung war das?

    1. Wahrscheinlich ungerecht, aber es geht doch nichts über Kinski’s Woyzeck. Ein viel zu unterschätzter Schauspieler (und Mensch).

      1. Ich würde sagen, dass der gute Mann daran selbst nicht ganz unschuldig ist.

  3. Dass Hitler tatsächlich Kunst studieren wollte, passt bis heute nicht in mein Bild dieses Monsters. Irgendwie denke ich immer noch, dass ein Künstler in gewissem Maße sensibel, empfindsam sein muss. Aber wahrscheinlich ist das nur eine dumme Verklärung.

    1. Es hat ja nicht mal zum Student gereicht. Davon abgesehen, gibt es unter Künstlern wahrscheinlich genau so viele Monster wie in jeder anderen Gruppe von Menschen.

      1. Laut wikipedia ist ein Monster „ein hässliches und angsterregendes Gebilde“. Das trifft für mich auf Hitler zu. Wie konnte das damals so anders gesehen werden? Geschmacksache? Künstler fühlen sich oft ausschließlich ihrem Talent verpflichtet und sind dann rücksichtslos gegen sich und gegen andere: Caravagio, Beethoven, Büchner. „Monströs“ hat wie super, mega, geil und cool das Tatent zum Schlagwort ohne Inhalt.

      2. An der Rücksichtslosigkeit unter Künstlern hat sich seit Caravaggio wohl auch nicht viel geändert. Zumindest wenn man die aktuellen Skandale um Kevin Spacey, R. Kelly etc verfolgt.

      3. Es gibt sicher kein größeres Monster in der Weltgeschichte. Da können Trump, Putin und Konsorten sich noch lange anstrengen. (Gott bewahre!)

      4. Ich würde R. Kelly nicht unbedingt mit Caravaggio vergleichen, aber ansonsten haben Sie natürlich völlig recht. Wer Erfolg (und damit Macht) hat, nutzt diesen gerne aus.

      5. Ich habe gelesen, dass sich Hitler nach gewonnenem Krieg in Italien als Maler – seine eigentliche Bestimmung – zurückziehen wollte. Der Künster Hitler war nicht monströser
        als viele Päpste und Potentaten. Er hatte nur sehr viel mehr Gläubige und Organisatoren, die seinem Wahnsinn treu ergeben waren. Schlimmer als der Irre selbst ist immer seine Gefolgschaft, die ihm Macht verleiht.

      6. Das ist mal ein wahres Wort. Der eigentliche Skandal sind die Millionen von Menschen, die Hitler und die Nazis unterstützt und damit möglich gemacht haben.

      7. Menschen sind unberechenbar. Und irgendwie auch unbelehrbar. Macht mir immer wieder Angst in die Nachrichten zu schauen. Nicht nur in den USA, auch Ungarn, Brasilien, Türkei…

  4. Ein Näpfchen frischen Spermas, hahaha! Es soll allerdings auch schon absurdere Reiseangewohnheiten gegeben haben.

    1. Der ein oder andere Schriftsteller wäre wohl neidisch, dass er diesen von Flammenmer nicht selbst aus seiner Feder gelockt hat 😉

  5. LOL die Bananencollage ist so gut 🙂 Immer super, wenn’s Artikel gibt, die einem sofort ein Lächeln auf’s Gesicht locken.

  6. Die Probleme mit dem Dienstpersonal – meine Mutter hat mir nie verziehen, dass ich als pubertierender Revoluzzer ihre Putzfrau aufgestachelt habe, mehr Geld zu verlangen. Putzfrau durfte man damals noch sagen, so 1959 etwa. Neulich ist mir das Wort aus dem Mumd gerutscht, ich fragte nach der Putzfrau der Schwiegertochter. Sie konnte, wollte mich nicht verstehen. Wovon sprichst Du, Wend? Wenn Du eine Reinigungskraft meinst – nein, wir beschäftigen keine Reinigungskraft. Als unsere Reinigungskraft ausnahmsweise mal die Wohnung der Schwiegertochter zu säubern hatte und dies nicht so sauber erledigte, wie erwartet, schimpfte sie vor uns über unsere Putzfrau. So ist das Leben.

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