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Europa im Kopf  —   8. Kapitel: Trentino/Alto Adige

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#8.5 Silke soll was zu essen kriegen

Da meine Mittagsschläfe lang sind und ich ja auch meine Stimme für die abendliche Lyriklesung schulen muss, komme ich nur selten früher in meinem Elternhaus an, als ich den Aufschnitt aus dem Kühlschrank zu nehmen habe. An solch raren Tagen erklimme ich dann die Treppe zum ersten Stock, von wo her ich erregtes Stimmengewirr wahrnehme: Da sitzt Guntram still ergriffen und sieht ein Fußball-Match auf der Mattscheibe.

Foto links: Africa Studio/shutterstock | Foto rechts: Vasyl Shulga/shutterstock

Und da denke ich dann: ‚Es müsste doch noch jemanden geben, der die tief sitzende Freude über einen besonders würdig oder besonders unbekümmert vorbeigehenden Mann irgendwelchen Alters auf irgendeiner Straße genauso verständnisvoll mit mir teilen kann, wie ich das Interesse an irgendeinem Sieg irgendeines Spielers in irgendeinem Halbfinale nicht teilen kann und mag.‘

Foto links: bokan/shutterstock | Foto rechts: sergey causelove/shutterstock

Aber das sind bloß Sekunden, und gleich anschließend denke ich: ‚Es dürfte mich eigentlich gar nicht geben. Aber es gibt mich nun mal, und ich muss dieses Versehen der Natur jetzt ausbaden, eine Suppe, die ich mir nicht einbrocken wollte, und die ich nur runterwürgen kann, wenn ich sie so würze, dass mir vom Salznachschütten das Handgelenk schwillt. Ich bin aus Versehen mit Sendungsbewusstsein geboren – aber wo ist die Sendung? Wenn ich nicht mitteilen kann, will ich nicht leben. Und was habe ich mitzuteilen?

Fotos (2): H. R./Privatarchiv

Wann immer ich in die Uneingeschränktheit hinübersterbe, möchte ich sagen können, ich bin an die Grenzen des mir Möglichen gegangen. Die Grenzen des mir Möglichen sind nun mal im Börsengeschäft andere als im Langschlafen und im Wahnsinnigwerden. Im Reimeaushecken bin ich auch eher rekordverdächtig als im Kugelstoßen. Gefallen will ich allen. Warum eigentlich? Wer hat die Autorität, mich zu beurteilen? Eigentlich niemand.

Fotos (2): H. R./Privatarchiv

Und wenn ich es wirklich auf keinem Gebiet bringe, auf gar keinem? Weder beim Ficken noch beim Kochen. Nicht beim Filmen, Komponieren, Schreiben;

Freundschaften aufrechterhalten,

Selbstmord begehen. Was dann?

Weitermachen. Der Lauf der Zeit.

Fotos (2): H. R./Privatarchiv

Wenn wir so dasitzen, in der Öffentlichkeit, denke ich oft: ‚Sitz da nun ich oder ist das was anderes, was sich da in mir benimmt, schlecht meistens?‘ Darauf gibt es keine Reaktion, selbstverständlich nicht.

Fotos (4): H. R./Privatarchiv

Und dann kam Silke. Im Gegensatz zu den meisten unserer Besucher hatte sie weder mit dem Flug noch mit der Taxe unüberwindliche Schwierigkeiten gehabt, sondern stieg pünktlich und adrett gekleidet aus dem Zug.

Foto: Florian Mahlknecht/shutterstock

Ihre Beköstigung war und blieb ein Problem. Guntram und Irene hatten zu meiner freudigen Überraschung zugesagt, mich zu begleiten, so dass ich die zwanzig Kilometer nicht allein zu fahren brauchte. Inzwischen ist plötzlich, wie aus dem Nichts, die Autobahn nach Meran fertig geworden, so braucht man nicht mehr durch die Kurorte und an den Treckern vorbeizufahren, und hat von den Höhenwanderwegen aus einen hübschen Blick auf die Betonpiste, die neben der Etsch herläuft, als wär’s ein Stück von ihr.

Der Garten des Hotels ‚Laurin‘ würde (trotz leidlich warmen Wetters) nicht mehr bewirtschaftet, erfuhr ich telefonisch. Das war ein herber Schlag, denn dieser ‚Mabapa‘-Verschnitt wäre die einzige würdige Art gewesen, unter ausladenden Sonnenschirmen und italienisierter Anleitung frisch gebügelter Kellner Silke behutsam ins Südtirolerische einzuführen.

Doch nun musste es die Radikalkur sein, die den Vorteil hatte, dass meine Eltern ihre Begleitung zusagten.

Fotos (2): H. R./Privatarchiv

Silke wurde nach den obligatorischen Begrüßungsküssen mit Irene und dem freundschaftlichen Händedruck mit Guntram ohne viel Federlesens aus Bozen gleich vom Bahnhof weg herausgefahren, allerdings in die verkehrte Richtung, wie mir bald dämmerte und durch Nachfragen bei Passanten erhellt wurde.

Nach kühnem Wenden auf der Kreuzung, bei der ich geschickt drei Unfälle mit Lastwagen- und Motorradfahrern vermied, gelangten wir dann doch auf die richtige Strecke: eine sehr enge, kurvenreiche Straße, die eine finstere Schlucht hinaufführte, und zwar nach Sarnthein, wo der drei Jahre ältere Bruder meines Vaters, Hasso, den Ersten Weltkrieg mit Tante Miezel, der altjüngferlichen Schwester meines Großvaters, zugebracht hatte. Der Ort wurde bei uns französisch ausgesprochen, als hieße er ‚Saint Eyn‘. Roland machte sich darüber verständlicherweise lustig, aber er musste doch anerkennen, dass Südtirol durch diesen Hasso-Aufenthalt bereits zu K.-u.-k.-Zeiten eine prägende Rolle in meiner Familiengeschichte gespielt hatte.

Fotos (2): H. R./Privatarchiv

Fast alle Tunnel waren wegen Baufälligkeit halbseitig gesperrt, und selten war die Ampel, die in dieser Ödnis etwas deplatziert wirkte, grün. Aber der ein oder andere herabdonnernde Brummer mit Anhänger ließ ihr Vorhandensein doch sinnvoll erscheinen.

Nach langer, gewundener Fahrt, auf der sich Silke völlig neue Welten verschlossen, kamen wir an einer kleinen Ausbuchtung im Felsen an. Vorher hatten wir noch einen ärgerlichen Unfall zu passieren, aber die Polizei lenkte uns versiert an den Trümmern vorbei, und auch ein klobiges Lokal am Wegesrand ließen wir in einer Linkskurve rechts liegen.

Foto: The Stock Studio/shutterstock

Da war es nun: das Holzhaus mit Veranda, in dem wir 1979 mit Roland so gute Forellen gegessen hatten.

Fotos (4): H. R./Privatarchiv

Unsere mit jeder Biegung gestiegene Erwartung wurde beim Aussteigen durch ein Schild an der Tür – ‚Geschlossen / Chiuso‘ – gedämpft, aber ich sah oberhalb des Daches gämsengleich ein Mädchen den Hang entlanghuschen. „Ist heute geschlossen?“, fragte ich sie. „Naa. Isch die ganze Zeit zu“, antwortete sie runter zu mir. Ich war beruhigt, denn das war ja dann nicht Pech, sondern Schicksal. Wir zwängten uns ins Auto zurück, auf der engen Straße war das Wenden gar nicht so einfach, es dauerte vier Minuten, während derer Irene ständig befürchtete, ein Wagen könnte von oben oder von unten angeschossen kommen, was lästig gewesen wäre, weil die Polizei ja noch mit dem anderen Unfall beschäftigt war. Es kam aber keiner, und die Polizisten lenkten uns, noch geübter als hinzu, am Schrott vorbei.

Fotos (2): H. R./Privatarchiv

Zerknirscht machten wir bei dem klobigen Lokal Halt, das innen ganz gemütlich aussah. „Küche bis zwei!“, schrie eine Frau ausladend hinter der Theke hervor. Es war fünf nach zwei und nichts zu machen.

Gedemütigt fuhren wir ab, da traf ein Bus aus Trier ein, vollgestopft mit Leuten, von denen ich mich, talabwärts rotierend, fragte, auf welche Weise die wohl bewirtet werden würden.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Als wir nach einer Stunde wieder in Bozen waren, hatte Silke doch schon so einiges von der Gegend mitbekommen, vermutlich auch ein paar blaue Flecke, denn mit der Geschwindigkeit musste ich mich ja jetzt etwas dranhalten – Kurve hin, Kurve her. Meine Eltern stimmten begeistert zu, zu unserem Lieblingsrestaurant am Kalterer See zu fahren. Da werden wir immer mit Handschlag begrüßt, und Dorothee ist dort auch schon mal vom Stuhl gefallen.

Das Wetter war wunderschön, eine Wegbiegung weiter hätte man sogar den See gesehen, aber wir stiegen die Treppe zum lukullischsten Lokal Südtirols empor, denn wir gestanden uns gegenseitig ein, dass wir nun wirklich Appetit hatten.

Der Wirt gab mir die Hand und sagte: „Die Küche hat gerade geschlossen. Leider.“

Es war fünf nach drei.

„Dann fahren wir eben nach ‚Schloss Korb‘“, sagte ich trotzig-resignierend. Das war nicht allzu weit, mit dir waren wir dort auch gewesen, Guntram hatte wegen kühlen Windes lieber drinnen sitzen wollen.

Für meine ‚Zuleser(-innen)‘ habe ich hier zum besseren Verständnis einen Filmausschnitt von 1988.

Fotos (2): H. R./Privatarchiv

Diesmal mussten wir uns, weil wir von der anderen Seite her kamen, in ein paar Dörfern durchfragen, aber das Wenden war in den Einfahrten leichter, als es am Berghang gewesen war. Guntram war sogar die windgefährdete Terrasse recht, von der aus man einen herrlichen Blick nach unten hat, und es gab immerhin noch Wurstbrot und Käse.

Das hatten wir zwar fürs Abendbrot zu Hause sowieso vorgesehen, aber da musste ich dann halt in der Küche etwas improvisieren und ein Nudelgericht herstellen. Dabei verschätzte ich mich ein wenig in der Menge der Teigwaren, was den Vorteil hatte, dass Irene den Rest einfrieren konnte für die nächste passende Gelegenheit in ein, zwei Jahren.

25 Kommentare zu “#8.5 Silke soll was zu essen kriegen

    1. Um zwei Uhr nachts gebe ich mich der geschlossenen Küche geschlagen. Ich finde es eher schwierig wenn sich mein Hunger generell nach den Öffnungszeiten richten muss. Wie z.B. in Frankreich. Wehe man bekommt am Nachmittag Appetit.

      1. Huch, nicht uninteressant. Da müsste ich natürlich trotzdem Gravidus vertrauen, die größe (m)einer Portion einzuschätzen. Ein Versuch wär’s wert.

      1. Wer sich überfrisst hat sicherlich wenig kreative Energie, wer aktuell im Hungerstreik ist oder sich keine Scheibe Brot leisten kann auch. Grau ist immer die Antwort.

      1. Man will ja letztendlich doch herausgefordert werden. Einen Krimi bei dem nach 5 Minuten klar wird, wer der Mörder ist, schaut auch niemand.

      2. Stimmt. Wobei die offensichtlichen Geheimnisse und Rätsel gar nicht immer unbedingt die interessantesten sein müssen.

      3. Täter(in) immer die Person, in die sich der / die Ermittler(in) vorübergehend verliebt oder der / die bekannteste Schauspieler(in), der / die Spaß daran hat, statt immer den / die Held(in) zu spielen, mal den Bösewicht oder die Bösewichtesse zu geben.

  1. Ich bin immer wieder erstaunt, wie unbeeindruckt sich ihre Mutter beim Essen auf den unterschiedlichen italienischen Terrassen filmen lässt. Ich selbst werde meist völlig gehemmt, wenn ich der einzige Esser bin und mir Leute zuschauen.

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