Torsten aus Osnabrück, von dessen versautem Vorschlag mir Rafał geflissentlich berichtet hatte, ging mich wenig an. Vorbei. Bernstein wollte am Morgen immer genau wissen, wer wie die Nacht mit wem verbracht hatte. Während er für die Filmaufnahmen gepudert wurde, ließ er sich genüsslich von den Eskapaden seiner Umwelt berichten. Ich spreizte mich da immer, andere waren freigiebiger. Noch gut erinnere ich mich, als im Künstlerzimmer des Wiener Musikvereins die Visagistin sagte: „Fertig!“ und Bernstein in das fahle, alte Gesicht im Spiegel blickte. „Is this all you can do for me?“, fragte er betreten. Dann straffte er sich, trat auf die Bühne und dirigierte.

Fotos (3): Wikimedia Commons/gemeinfrei

Mich beschäftigen fremde Abenteuer nicht so sehr, und ich weiß nicht, ob aus Desinteresse oder aus Eifersucht. Mich interessiert ohnehin immer weniger. Immer abgesonderter lebe ich in meiner heillosen Welt. Da ich mir nicht sicher bin, ob meine Welt jemals heil war, weiß ich erst recht nicht, wann oder ob überhaupt sie zerbrochen ist. Da hat sich einfach etwas entwickelt, von dem man kein Aufhebens machen muss. Nur, dass das Leben daraus besteht, Aufhebens zu machen; sonst bekommt man nur ein Massengrab, wie Mozart, und kein Staatsbegräbnis, wie Heinrich Lübke. Vorher aber wird gestaltet oder genossen; denn es gibt ja nur zweierlei: Leben ist die eine Möglichkeit, Totsein die andere. Die meisten ziehen das Leben vor, obwohl alle Religionen behaupten, wie schön es hinterher sein kann, wenn man artig war. Doch selbst dann muss man die Zeit vorher ausfüllen und sich dabei entweder bestimmen lassen oder selbst bestimmen.

Foto links: Malinka333/Shutterstock | Foto rechts: ra2 studio/Fotolia

Da haben sich viele entschieden, die Flucht den Bomben vorzuziehen. Im Frühling unter der Obstbaumblüte dachten wir noch, Griechenland sei das Thema des Jahres; im Herbst, zur Apfelernte, wissen wir: Nein, das Thema des Jahres ist die Völkerwanderung. Handwerksburschen reisten immer schon, um zu sehen, wie es an anderen Orten zugeht. Daheim so verwurzelt zu sein, dass man sich vor dem syrischen Anwalt mehr gruselt als vor dem prügelnden Ehemann, das ist nur in Dresden möglich, wo zu DDR-Zeiten kein Westfernsehen empfangen werden konnte und die allgemeine sozialistische Völkerverständigung die Ausreiseerlaubnis der eigenen Bevölkerung nicht einschloss. Die Deutschen sind Tourismus-Weltmeister und essen lieber ‚beim Italiener‘ als ‚bei Muttern‘. Aber nun das! Was wollen all die Menschen hier?! Ja, was wollen sie? Zweifellos mehr, als sie hatten. Und inzwischen? Ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Das ist erst einmal das Wichtigste. Wenn diese Grundbedürfnisse gestillt sind, was Jahrzehnte dauern kann, aber nicht muss, wie geht es dann weiter? Mehr! Mehr haben wollen, mehr helfen wollen. Mehr leisten oder mehr lieben. Unterschiedliche Charaktere, unterschiedliche Erziehung – aus dem einen wird dies, aus dem anderen nichts; hinterher ist man immer klüger, heißt es. Hätte man sich ein wenig mit der Vergangenheit befasst, hätte man manchmal auch vorher schon klüger sein können. Aber Besserwisserei führt da weiter, und zwar weg voneinander. Aufeinander zuzugehen ist schwierig, das zu bestreiten ist naiv. Wir sind so verschieden.

Fotos (2): Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto unten rechts: Fishman64/Shutterstock

Wenn ich nichts hatte und etwas bekomme – oder wenn ich alles hatte und trotzdem noch etwas Neues entdecke – wie anders ist das Gefühl, das Erstaunen, die Dankbarkeit? Der aufgeklärte Westen fühlt sich immer in der Bringschuld. Ja, er hat Furchtbares angerichtet. Wie viel freundlicher die einzelnen afrikanischen Stämme ohne ihn miteinander umgegangen wären, bleibt dahingestellt, aber für das Gewissen der Europäer ist es sicher befreiender zu meinen, durch die Äxte des Nachbarstammes wären weniger Familienmitglieder umgekommen als durch die Flinten des Europäers. Da kann man seine Schuld so richtig genießen.

Foto oben: WAYHOME studio/Shutterstock | Fotos (2): Wikimedia Commons/gemeinfrei

27 Kommentare zu “#8.8 Mehr oder weniger

  1. „Is this all you can do for me?“ – Meine Faltencreme hält auch nicht was sie verspricht. Gut zu wissen, dass auch professionelles Make-up keine Wunder bewirken kann. Dann wohl doch Botox.

      1. Bei einer Stil-Ikone, die ihr Bild im kollektiven Gedächtnis bewahren will, ist das verständlich. Alle anderen müssen Selbstbeherrschung (Essen, Sport) üben oder tapfer sein. Faustregel: Schönheit bleibt, Hübschsein vergeht.

  2. Ob Völkerwanderer oder Einheimische: alle spüren die künstliche Verknappung von Wohnraum durch kluge Investoren. Im Kapitalismus nicht unterzugehen ist keine Frage der nationalen Herkunft, sondern vom Vermögen eines jeden Einzelnen; egal woher es stammt und wie dieses zustande kam. Eine Horde hungriger Löwen wird wohl diesen Kampf gewinnen.

    1. Und im Sozialismus wurde man glücklich im Staatsplattenbau. Ob die Geier, die Viren oder die Menschen die letzten sein werden, ist noch ungewiß. Irdendwen werden die Hunde schon beißen.

      1. Bis es zum allerletzten Überlebenskampf kommt bin ich hoffentlich schon nicht mehr da. Löwen, Hunde … klingt alles wenig erfreulich.

  3. Ich habe mich schon ein paar mal gefragt ob Ihr „Mich interessiert ohnehin immer weniger“ Koketterie oder Wahrheit ist. Wenn ich Ihrem Blog folge habe ich das Gefühl Sie sind weitaus interessierter und aktiver als ein Großteil meines Umfelds.

    1. Der eigene Blickwinkel verzerrt immer. In meinem Umfeld wären Sie auch eher Vorbild statt uninteressiert. Aber wer gewohnt ist viel zu tun, viel zu wollen, viel zu erleben, fühlt natürlich ganz anders als jemand, der nur von außen schaut.

    2. Über all das viele, was mich nicht interessiert, schreibe ich ja nicht. Offen gesagt: mich hat immer schon eine ganze Menge überhaupt nicht interessiert. Mehr ist das im Alter vielleicht gar nicht geworden. Also doch Koketterie …?

      1. Zum Glück bleibt ja auch nach der Auswahl noch ziemlich viel interessantes für uns Leser übrig. Ein bischen Koketterie darf ruhig sein.

  4. Mehr liegt in der Natur des Menschen. Ohne Vorwärtsstreben kein Leben. Der eine will mehr Limited Edition Sneakers, der andere mehr inneren Frieden. Aber vorwärts muss nunmal sein.

      1. Alles quatsch. Diese ganzen Selbstoptimierungstrends treiben einen höchstens noch tiefer in den Wahnsinn. Lieber mal ein bischen mehr Zeit für sich selbst nehmen als zwischen Yoga, Bleaching, Gym, Psychiater und Meditation auch noch seine Schubladen Instagram-fit zu machen.

      2. Problem: was ist Ballast? Für meinen Blog bin ich jetzt froh, viele der alten Fotos digitalisiert zu haben. Woran man hängt, kann man fast genauso wenig vorbestimmen wie in wen man sich verliebt. Plunder muss weg, aber zum Fakir ist nicht jeder geboren.

    1. Erst mal wollen sie nicht zerbomt werden. Dann wollen sie ein Dach über dem Kopf und einen Teller Suppe. Und dann wollen sie eine Villa und Hummer mit Blattgold. Diesen Fortlauf zu durchbrechen, ist für die meisten genauso schwierig, wie es notwendig ist.

      1. Meiner bescheidenen Erfahrung nach wollen die meisten Flüchtlinge eigentlich wieder zurück in ihr eigenes Land sobald sich eine Möglichkeit bietet unzerbombt zurückzukehren.

  5. Aufeinander zuzugehen wird die große große Herausforderung der nächsten Jahre werden. Deutschlandweit und weltweit. Die Daumen sind gedrückt.

    1. Immer ein großes Thema. Aber Sie haben Recht, wahrscheinlich mehr denn je, wenn wir unsere Probleme lösen wollen.

      1. Übereinander reden macht Spaß, miteinander reden Arbeit. Das ist das Problem.

      2. Absolut richtig. Lästerei ist lustiger als Auseinandersetzung. Das wird, fürchte ich, so bleiben. Erst künstliche Intelligenz wird diese menschliche Schwäche regulieren.

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