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Europa im Kopf  —   8. Kapitel: Trentino/Alto Adige

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#8.4 Wie es im Paradies so zugeht

Mit Rücksicht darauf, dass du schon immer ein unmoralischer Mensch warst und mit zunehmendem Alter immer mehr wirst, beende ich mein seichtes Sonntagsgeplänkel und komme zum Ernst des Wochentäglichen …

Morgens frühstücken wir zusammen, die Mittags- und die Abendmahlzeit nehmen wir auch gemeinsam ein. Wir gehen gemeinsam spazieren und sehen gemeinsam fern. Unterschiedlich ist nur, was wir träumen und was wir lesen.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Guntram liest die ‚Bild‘-Zeitung. Da fand er einen Artikel über Japanerinnen. Sie sind so ehrgeizig, stand da, dass sie ihren Söhnen für gute Schulnoten Sex versprechen. Eine Mutter wurde zitiert, Kokeiki Akabane (39): „Wenn er eine Zwei schreibt, bekommt er eine Fellatio von mir.“

Guntram hatte das beim Mittagessen noch nicht verdaut. „Also, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass das Spaß machen kann, da unten gelutscht zu werden.“

Diese Aussage wiederum verblüffte mich fast noch mehr als seine späte Beschneidung mit über sechzig. War Freundinnen zu haben für ihn einfach bloß schick?

Fotos (4): H. R./Privatarchiv

So wie es für Irene schick war, einen amüsanten Kavalier zu haben?

Entfesselt unter einem Macho sehe ich sie weniger. Triebhaftigkeit ist in meinen Genen wohl nicht angelegt. Womöglich durch Mutation aber doch entstanden.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Irene liest, wenn sie keine anderen Probleme hat, in einem Buch über das Jenseits. Also, falls es sich dabei in einer Unterabteilung auch mal um das Paradies handeln sollte: Wie das aussieht, weiß ich ganz genau.

Foto: Johann Wenzel Peter – Adam und Eva im Garten Eden/Gemälde in Öl zw. 1800 und 1829, gemeinfrei/Wikimedia Commons

Die Woche besteht aus vier Tagen.

Am ersten Tag (Frontag) wacht man auf mit dem Bedürfnis, Gutes zu tun und spürt alle Kraft in sich, der Welt Linderung und Zuversicht zu spenden. Man pflegt und hilft von früh bis spät, die Dankbarkeit der Genesenden, der sichtbare Erfolg der Geheilten und die Zuversicht der Geretteten steigern die eigene Kraft bis an die Grenzen des Möglichen. Am späten Abend, wenn man erschöpft, aber erfüllt von seiner Aufgabe ins Bett fällt, weiß man, dass man heute Florence-Nightingale-Albert-Schweitzer-Mutter-Theresa war, aber man empfindet sich nur demütig als Namenlosen, der seine Pflicht erfüllt hat.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Am zweiten Tag (Diensttag) hat man vom Aufwachen an Einfälle, die neu, einsichtstief und Gemüt bewegend sind und sich jeweils zu einem Werk formen lassen, das ein Massenpublikum in weltverbessernder Erkenntnis, hemmungslosem Schluchzen und befreiendem Gelächter eins werden lässt in der jubelnden Anbetung des Urhebers dieser Einzigartigkeiten, der aber nur dann auf der Straße erkannt wird, wenn er es will.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Am dritten Tag (Freitag) hat man von morgens bis abends Hunger und Durst. Man sitzt den lieben, langen Tag lang an einer unprätentiös eleganten Tafel, zusammen mit fesselnden Menschen, die man auf aufrührerische Weise liebt, isst die ganze Zeit über Wundervolles von Kaviar bis Leberkäse, trinkt die ganze Zeit über Wundervolles von Martini-Cocktail mit Steinolive am Silberpiekser bis frisch ausgepresstem Karottensaft, ohne irgendetwas daran geschmacklos zu finden, wird weder satt noch fett noch besoffen und sagt ausschließlich Dinge, die klug und trotzdem nicht langweilig sind, und ärgert sich nicht, wenn jemand anderes auch mal was sagt, sondern genießt es, durch dessen Worte zu neuen Einsichten und Ideen für Eigenes zu kommen. Wenn man aus dem Fenster blickt, sieht man auf eine wundervolle Landschaft und bekommt Sehnsucht danach, sie am nächsten Freitag zu durchstreifen: Man sieht die Ebene, die Gebirge, das Meer, und man freut sich auf alles.

Fotos (2): H. R./Privatarchiv

Am vierten Tag (Mondabend) wacht man schon so geil auf, dass es wehtut. Das Paradies ist kein islamischer Harem, denn all die Männer interessieren sich füreinander genauso wie für den Neuling. Sie lassen gewähren, sie lassen sich anfeuern. Niemand ist nackt, alles ist möglich. Begehren und begehrt zu werden, ist die einzige Balance. Man spürt das eigene und fremde Existieren so ausschließlich, dass es der Tod sein muss. Eine Raserei, die bei Besinnung bleibt, und alles ist undenkbar, machbar, tollkühn, perversversaut und unter strengster Strafe verboten.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Mittwoch und Sonntag gibt es nicht, weil es weder Mitte noch Ruhe gibt, aber in jedem Schaltjahr gibt es einen Blitzunddonnerstag. Den verbringt man mit dem geliebten Menschen, mal im Raumlosen, mal in der Einkaufspassage – wie man gerade will. Alle vier Jahre gibt es diesen Tag nur, aber die ganze Ewigkeit lang.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Vor dem Zubettgehen betet man einsichtig um Selbstlosigkeit und um die Fähigkeit, Abstand vom eigenen Ich zu gewinnen, die Bitte ist bereits die Erfüllung. Alle Nächte zwischen den Tagen sind erfüllt von den unterschiedlichen Grauen – des Belanglosen, der Verzweiflung, der Zerstörung vermeintlichen Glücks –, und am Morgen war alles nur Traum: folgenlos, aber bewusstseinsschärfend.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Stattdessen wacht man auf, privilegiert, weil nicht terrorisiert vom Wecker, sondern zermürbt von Visionen. Schmarotzer schmarotzen, Lianen erdrücken Bäume, Pflanzen welken weg, wenn sie nicht vorher gefressen werden, Tiere erlegen Tiere, bequemere fleddern bloß die Leichen. Das Los ist: rechtzeitige Vergewaltigung oder altjüngferliches Absterben. Ehe man jahrelang abdankt wie Josephine Baker und Boris Becker, schnallt man sich vielleicht besser nach einem Abendessen mit Lover im Hotel ‚Ritz‘ nicht an wie die Königin der Herzen oder lässt sich von eigener oder fremder Hand im Hotel ‚Beau Rivage‘ vergiften wie der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein.

Foto: NurPhoto/Getty Images

Kein Mörder hat je überlebt. Wenn ihn kein Schuldgefühl zwackt und er nicht erwischt wird, bleiben ihm im Höchstfall sechzig gute Jahre. Immerhin. Nur läuft es ja so nicht. Jemand, der es vielleicht noch nett hätte haben können, geht drauf, und der Täter kriegt immer weiteren Ärger. Der Papst will es ja nicht glauben, aber ich versichere ihm: Das beneidenswerteste Opfer ist der abgetriebene Fötus.

Foto: u3d/shutterstock

Was hat Kohl auf dem CDU-Parteitag in Leipzig gesagt? „Wer keine Hoffnung hat, der erreicht auch nichts.“

Hoffentlich verliert er die nächste Wahl, seine Niederlage wäre mir ein paar Mark Erbschaftssteuer wert.

Foto: ullstein bild Dtl./Getty Images

Ich lese also ‚SPIEGEL‘: Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist der Eigentümlichste im ganzen Land? Ich wäre gern der Sohn von Dorian Gray und Schneewittchens Stiefmutter.

Für den Abend, zwischen Mortadella und Satellitenfernsehen habe ich mir eine Institution ausgedacht, von der ich mir nicht vorstellen kann, dass du ihr deine Missbilligung versagen wirst: Ich lese Gedichte vor. Mittelhochdeutsch hat es angefangen. Inzwischen sind wir bei Rückert. Bloß mit der ‚Glocke‘ bin ich nicht zurechtgekommen. Selbst beim dritten Anlauf kam ich nicht über die erste Seite hinaus. Ich muss jedes Mal anfangen zu heulen, es ist total schwachsinnig, ich begreif einfach nicht, warum.

Foto oben: (Walther von der Vogelweide) Grafissimo/i-stock | Foto unten links: (Die Gartenlaube/1866) gemeinfrei/Wikimedia Commons | Foto unten rechts: Alexander von Liezen-Mayer – Das Lied von der Glocke, Illustration, gemeinfrei/Wikimedia Commons

Irene ist entzückt von den Lesungen, und Guntram traut sich nicht, nicht entzückt zu sein. Klopstocks ‚Oden‘, Hölderlin. Schlimmes Zeug zum Teil, aber vieles besser als das Fernsehprogramm anschließend. Ich selbst habe mich durch die Begegnung mit den deutschen Dichtern inspirieren lassen zur:

Foto links: Jens Juel – Friedrich Gottlieb Klopstock, Ölgemälde/1779, gemeinfrei/Wikimedia Commons | Foto rechts: Franz-Karl Hiemer – Porträt Friedrich Hölderlin, Pastell/1792, gemeinfrei/Wikimedia Commons

A B E N D M A H N U N G
an ein verschwenderisches, genusssüchtiges kleines Ding

Basta! Basta!
Es gibt nicht mehr Zahnpasta!
Für deiner grünen Zähne Lück’
reicht schon ein erbsenkleines Stück,
und nur ein Wüstling prasst da.
Die Kasse wird es lohnen
mit weißen Jackett-Kronen.
Der Zähne größter Schade
sind Zuckerzeug und Orangeade.
Das ist des Schicksals arge Tück’:
Es hat gemacht die Laster
liebreicher als die Himmelskrück’,
die hoffen macht auf ferne Gnade –
die Gegenwart bleibt fade.
So stehen Spaß und schnelles Glück
ganz oben in der Hitparade.
Doch nun ins Bett, du kleine Mück’,
sonst kneif ich deine Wade.
Hier, nimm noch rasch ein letztes Stück
Haselnussschokolade!

Foto oben links: gemeinfrei/Wikimedia Commons | Foto oben rechts: HstrongART/shutterstock | Foto unten: Mr Aesthetics/shutterstock

22 Kommentare zu “#8.4 Wie es im Paradies so zugeht

  1. Das sind sehr offene Worte, Herr Rinke. Ich bin ganz froh, dass mir meine Eltern ihre sexuellen Geschmäcker am Frühstückstisch erspart haben.

    1. Definitiv der beste Tag der Woche: Eine Raserei, die bei Besinnung bleibt, und alles ist undenkbar, machbar, tollkühn, perversversaut und unter strengster Strafe verboten

  2. Provokation hin oder her, der Gedanke mit dem abgetriebenen Fötus passt mir nicht. Genau wie ein Kind ungefragt in die Welt gesetzt wird, wird der Fötus ungefragt abgetrieben. Schon klar, dass da noch kein Bewusstsein eine Rolle spielt. Trotzdem. Wer will über anderer Leben entscheiden?

    1. Eine Abtreibung ist auch immer eine Entscheidung über das eigene Leben. Aber ich würde auch sagen, es gibt genügend Menschen, die ihr Leben mit einiger Freude verbringen.

    2. Es wird ständig über das Leben der anderen entschienen: ob man Rinder isst, Soldaten in den Krieg schickt oder Föten mit Down-Syndrom abtreibt. Wer glaubt, dass nur er /sie selbst über das eigene Leben entscheidet, ist vielleicht glücklicher – aber vielleicht auch nicht.

      1. Es wird ständig entschieden. Deshalb ist ja auch die Entscheidung ein Kind in die Welt zu setzen ebenso zu kritisieren wie ein Kind abzutreiben. Unzufrieden sein kann man, um die Entscheidung kommt man nicht herum.

  3. Diana ist eine romantische Idee, aber das jahrelange Abdanken wirkt doch immer nur von außen lächerlich und nervend. Der Abdankende fühlt sich doch pudelwohl in der Rolle des ewig Verehrten.

    1. Ist das wirklich so? Oft denke ich eher, dass man sich krampfhaft an etwas klammert, weil man sich eben nicht wohl fühlt. Nicht wohl mit Veränderungen im Leben zum Beispiel.

  4. „Wer keine Hoffnung hat, der erreicht auch nichts“ ist gar kein so blöder Spruch. Wusste gar nicht, dass Kohl auch mal was ordentliches gesagt hat.

  5. Und immer noch bleibt die Frage, ob man wirklich den weiten Weg in’s Paradies gehen will oder ob man sich nicht einfach sein eigenes Paradies schafft…

    1. Wenn man’s schafft – toll. Zum Glücklichsein muss man erstens geboren werden, und zweitens müssen die äußeren Umstände stimmen. Weil das aber nie ganz zutrifft, gehen wir halt alle durch unsere Fegefeuerparadieshöllen.

      1. Ein bischen Kitsch zum Sonntag: der Weg ist das Ziel 🙂 Wäre der Weg ins Paradies so einfach, würden wir uns recht schnell langweilen. Und wahrscheinlich gleichermaßen beschweren.

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