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Europa im Kopf 8. Kapitel: Trentino/Alto Adige

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#8.9 Die Menschen und ihre Götter

Während ich das schreibe, höre ich die Abendglocken aller drei Kirchen läuten: ein vertrauter Klang, der nicht fordert, jedenfalls mich nicht, nicht mehr. Mich ruft kein Muezzin zum Gebet, aber ich sehe ein, dass Menschen, denen es weniger gut geht als mir, mit Geboten und Verboten besänftigt werden müssen, damit sie ihr Schicksal ertragen, selbst wenn ich mir mit John Lennon wünsche: „Imagine there’s no heaven, no hell below us, above us only sky. Imagine there’s no countries, nothing to kill or die for, and no religion too …“ So ein bekannter Song, und so wenig Einfluss! Statt dessen ‚Roll over Beethoven‘ und als jemals größter Kinokassenerfolg eines deutschen Films: ‚Fack ju Göhte 2‘.

Paukerfilme waren schon in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts beliebt. Während sich die einen über ‚Die Lümmel von der ersten Bank‘ Teil eins bis sieben scheckiglachten, versuchten die anderen der faschistischen Bundesrepublik die Maske vom imperialistischen Antlitz zu zerren, indem sie – aus ihrer Sicht gerechtfertigte – Verbrechen begingen (Leute totschießen und so), damit in der Gegenwehr der herrschenden Clique die grauenhafte Fratze des Unrechtsstaates vor aller Welt sichtbar würde. Hat sich am Publikumsgeschmack so wenig geändert? Man bekommt Lust zu verzweifeln. Westliche Werte – was ist das? ‚Deutsche Leitkultur‘ – wovon reden wir? Fuck you, Bildung! Und ‚Willkommenskultur‘? Das ist eine aufgemotzte Freundlichkeit von Leuten, deren Großväter auf die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ „Ja!“ geschrien haben. Da haben wohl die Enkel etwas gelernt und auch ganz andere Empfindungen. Aber reicht das? Diejenigen, die dem Zustrom der Flüchtlinge skeptisch gegenüberstehen, haben vielfach Sorge um ihre Identität, sagen sie. Aber worin besteht die? Ringelpiez in Oberammergau oder Labskaus in Finkenwerder? Gibt es eine europäische Identität? Bei mir schon, aber sonst? Wer seine Geschichte nicht ernst nimmt, hat nichts, was es zu bewahren lohnt. Wer die Einlinigkeit einer Rap-Zeile dem kontrapunktischen Geflecht eines Schubertschen Streichquartetts vorzieht, hat musikalisch nicht viel zu verlieren. Na, wenn schon! Warum soll Europa keine Museumsinsel werden, die sich von der Weltwirtschaft aus gesundheitlichen und moralischen Gründen abgekoppelt hat? Die Asiaten und Amerikaner werden bei ihren Besuchen hoffentlich genügend Trinkgelder verteilen.

Foto oben links: aslysun/Shutterstock | Foto oben rechts: Kletr/Shutterstock | Foto unten links: BESTWEB/Shutterstock | Foto unten rechts: TIMDAVIDCOLLECTION/Fotolia

In den Köpfen der Ankömmlinge aus dem Süden lebt vielleicht ein anderes Europa, falls sie nicht nur weg von etwas, sondern auch hin zu etwas wollen. Die meisten von ihnen haben im Kopf eine Idee: nicht von Europa – das mag für sie diffus sein –, aber von Allah dem Allbarmherzigen, und diese Idee aufzugeben, ist ein schlechtes Geschäft, denn warum sollte man etwas weggeben, wenn man – mehr Basar als allbarmherzig – nichts dafür bekommt? Der christliche Gott kämpft noch im Vatikan mit Liberalisierungsbestrebungen gegen seinen Untergang an; Allah kann das schnurzegal sein, der hat noch genügend Anhänger, die für ihn durchs Feuer gehen. Und diese Selbstmordattentäter sind nicht mal ein logistisches Problem: Nachwuchs gibt es ja reichlich, und je größer der Kindersegen, desto größer die Armut – und die Gläubigkeit. Wie wundervoll wäre es, wie einfach, wenn nur Atheisten nach Europa kämen. Imagine …

Gleichzeitig mit den Hinrichtungen in der ‚Charlie Hebdo‘-Redaktion in Paris erschien Michel Houellebecqs Roman ‚Unterwerfung‘, der den Übertritt des Westens zum Islam schildert. Prophetisch? Als Motto zitiert Houellebecq am Anfang Huysmans ‚Unterwegs‘: ‚Der Katholizismus lässt mir keine Ruhe … Mein Leben ekelt mich an, ich bin meiner überdrüssig, aber deswegen ein neues Leben zu führen ist doch ein großer Schritt! Im Grunde … ist mein Herz durch das lockere Leben verhärtet und vertrocknet, ich bin zu nichts nutze.‘

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Die ‚Fackjugöhtes‘ haben der Gläubigkeit ihrer Besucher nichts entgegenzusetzen. Der Kommunismus ist ökonomisch daran gescheitert, dass er Wettbewerb nur im Sport zugelassen hat, ideologisch daran, dass den Menschen ein Diesseits nicht genügt und sie ein Jenseits brauchen, um weiterzuwuseln. Dem Kapitalismus sagt man voraus, dass er an sich selbst scheitern wird. Nun scheitert er schon dreihundert Jahre lang und ist immer noch nicht am Ende. Gibt es die Weltformel? Philosophisch oder physikalisch? Das Geheimnis des Geheimnisses besteht darin, dass es ein Geheimnis ist, mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Foto: roompoetliar/Shutterstock

Ich kann nichts dafür, dass es mir niemals schlecht gegangen ist, dass ich offenbar unfähig oder unwillig war, Kinder in die Welt zu setzen, dass alles, was ich selbst geschaffen habe, mir nie das Leben ermöglicht hätte, das ich jetzt führe. Für all das kann ich nichts, und ich schwanke zwischen tiefer Dankbarkeit und bitterem Vorwurf, und beides richtet sich an eine Macht, von der ich hoffe, dass sie großzügig genug ist, einzusehen, dass ich nicht an sie glauben kann.

Fotos (4): H. R./Privatarchiv

Es gibt Gedankenspiele, die so müßig sind und die ich mir trotzdem nicht aus dem Kopf schlagen kann: Wäre ich dreißig Jahre später geboren, dann hätte ich mit meiner Sexualität noch weniger Schwierigkeiten gehabt und noch viel besser mit den digitalen Medien umgehen können. Würde ich heute in dreißig Jahren geboren werden, dann gäbe es vielleicht wirksame Mittel gegen jeden körperlichen und seelischen Schmerz. Die freiwillige ständige Manipulierbarkeit. Die Matrix. Wäre ich dreißig Jahre früher geboren, hätte ich schon am ersten Tag als Soldat zum Zweiten Weltkrieg beitragen müssen.

Foto: KHIUS/Shutterstock

Hätte ich früher gelebt und damals meinen Schlaganfall bekommen, könnte ich froh sein, wenn ich tot wäre. Heute ist die Medizin so weit, dass sie mir die Möglichkeit bietet, mit Einschränkungen, die es zu ertragen gilt, halb selbst-, halb fremdbestimmt zu leben. Noch vor zwanzig Jahren hätte ich kaum schreiben können. Jedes dritte Wort muss ich korrigieren, weil die Buchstaben in meinem Kopf ihre Ordnung verloren haben und durcheinanderpurzeln – auf Schreibmaschine mit ‚Tipp-Ex‘ ein mühseliges Unterfangen. So aber kann mein linker Zeigefinger über die Tasten humpeln und fixieren, was ich denke. Ich kann schreiben.

Und das ist es, was ich tue.

ENDE

Fotos oben (2): H. R./Privatarchiv | Foto unten: th3fisa/Shutterstock

23 Kommentare zu “#8.9 Die Menschen und ihre Götter

  1. Ihre Lebens-Matrix finde ich sehr spannend. Was wäre wenn man 30 Jahre früher oder später geboren wäre? Ich habe hierüber schon oft nachgedacht, allerdings erahne ich, dass das „Hier und Jetzt“ wahrscheinlich für jeden Einzelnen schicksalsbedingt zugeschrieben ist. Egal wie man es dreht oder wendet. Die nötige Zeitmaschine ist bisher noch nicht erfunden.

    1. Ein durchaus interessantes Gedankenspiel. Später erscheint mir meist die spannendere Option. 30 Jahre früher, also auch mit 30 Jahren weniger Fortschritt erscheint mir nicht sonderlich erstrebenswert.

  2. Ich ertrage mein Schicksal und glaube trotzdem an eine Weltordnung unter Gott. Ich brauche nicht das Gebet für eine bessere Welt. Ohne Glaube wäre mein Körper allerdings nur eine Hülle ohne Seele. Jede Seele benötigt das Gebet, ansonsten ist sie nicht rein. Ich glaube nicht wegen der Gebote und Verbote. Ich glaube der Reflektion wegen. Im Gespräch mit Gott steht an erster Stelle nicht der Ausruf von der Kuppel, sondern die Auseinandersetzung mit sich selbst. John Lennons Gottesleugnung hat keine Substanz und deswegen auch keinerlei Chancen auf Einfluss verdient.

    1. Es freut mich, dass Sie Ihre Einsichten mit uns teilen, aber ich zweifle. Wann ist eine Seele „rein“? Wenn sie sich keiner Beanspruchung aussetzt oder wenn sie sich im Leben bewährt hat? Biochemiker und Philosophen sind sind einig, dass sie Seele nicht beweisbar ist. Heute haben so viele Influencer Einfluss, die keine Substanz haben, dass man davon ausgehen muss: jeder hat Chancen, wenn er/sie nur den Zeitgeist trifft.

  3. Sorge um Identität ist doch völliger Quatsch. Die meisten haben einfach Angst vor Veränderung und vor dem Fremden. Und sind zu faul sich zu informieren. Das ist das wahre Drama.

    1. Ich danke Ihnen. Was ich nicht schreiben kann, kann ich auch nicht denken, behaupte ich. Wie können wir etwas ohne Worte denken? Ich schreibe, um zu denken. Wenn das auf Interesse stößt, denke ich noch lieber …

      1. Ich frage mich ja fast eher warum so viele Menschen die Gedanken (geschrieben oder nicht) andere Menschen nicht spannend finden.

  4. Fack ju Göhte erinnert mich gar nicht so sehr daran, wie dumm das Kinopublikum ist, sondern eher wie schlecht die deutschen Filme immer noch sind.

      1. Stimmt. Allerdings frage ich mich schon manchmal warum man Entertainment nicht auf einem höheren Niveau produziert. Es gibt ja auch durchaus spannende Komödien und Actionfilme. Leider nur viel zu selten.

  5. Houellebecq ist so ein wunderbarer Schriftsteller. Schade, dass es heutzutage nur um Political Correctness und Mittelmaß geht. Sonst hätten vielleicht mehr Leute Spaß an seinen Büchern.

    1. Ich würde behaupten, dass er nicht ganz unschuldig daran ist, dass nicht jedermann seine Sachen toll findet. Und es wird ihn auch gar nicht sonderlich stören.

    2. Haben Sie als Hamburger die wunderbare Aufführung am Deutschen Schauspielhaus gesehen? Bin immer noch von der Darstellung Edgar Selges beeindruckt. Was für ein toller Theaterabend.

  6. Der Gedanke einer europäischen Identität ist wirklich spannend. Ich bin mir selber auch nicht sicher, ob so etwas tatsächlich existiert. Europa als Idee scheint in den letzten Jahren irgendwie unsicherer als je zuvor.

  7. Wie stark der Kapitalismus ist sieht man unter anderem daran, dass trotz drohender Gefahren des Global Warmings wirklich wenige Menschen bereit sind, ihre Gewohnheiten zu ändern. Konsum geht immer noch vor. Mal schauen wie lange wir uns das noch erlauben können.

      1. Der Kapitalismus richtet sich nach den Verbrauchern. Was die kaufen wollen, produziert er. Mit ein bisschen Werbung läuft es noch besser. Der Sozialismus ist daran gescheitert, dass er den Menschen vorschreiben wollte, was sie mögen sollten. Eigentlich versucht das der Kapitalismus auch, aber subliler, weil unideologischer.

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