Teilen:

0701
Rundbriefe

Flucht

Liebe Leserinnen und Leser,

Gefahr! Da gibt es drei Reaktionen. Die Vogel-Strauß-Version gilt als nicht besonders elegant, ist aber üblich. Schon Kanzler Kohl saß Konflikte gern aus, Angela Merkel machte das genauso, und auch Olaf Scholz kündigte lieber vollmundig eine Zeitenwende an, als die Ukraine tatkräftig mit Waffen zu unterstützen. Hoffentlich mündet das nicht in die Schockstarre des Kaninchens Scholz vor der Schlange Putin, die in Handlungslosigkeit nicht die Überlegenheit des Überlegenden wahrnimmt, sondern die Möglichkeit, zuzuschnappen und runterzuschlucken.

So ist das mit der Vorsicht: Wer beim Whisky-Trinken schon an den Kater denkt und beim Barrikaden-Bauen schon an den Polizeieinsatz, der (die auch) ist vorausschauend, also gehemmt. Kann gutgehen, muss aber nicht.

Die zweite Möglichkeit ist der Angriff. Wie gerade in Gaza. Fühlt sich besser an: aktiver halt! Besonders, wenn man nur zuguckt und nicht selber kämpfen muss. Ein paar eingestreute Mahnungen, die Menschenrechte zu achten, fühlen sich ebenfalls gut an, vor allem, wenn man – siehe oben – nicht selbst angegriffen wurde, sondern nur meint, seinen Senf dazugeben oder Baklava verteilen zu müssen.

Die am häufigsten gewählte Möglichkeit ist die Flucht. Auch nicht ungefährlich: An der DDR-Grenze konnte man erschossen werden, im Mittelmeer kann man ertrinken. Gleich nach ‚Heilige Drei Könige‘, also jetzt, flohen die Juden Maria und Joseph (über Gaza?) vor den israelitischen Kindermördern nach Ägypten. So steht es jedenfalls im Matthäusevangelium. Meine Großmutter väterlicherseits floh mit ihrem Mann 1944 aus der zerbombten Berliner Wohnung ins beschauliche Schmalkalden. – Pech: Thüringen wurde sowjetisch besetzt. Meine Großmutter mütterlicherseits floh im September 1939 vor den anrückenden Deutschen aus Danzig nach Warschau. Ihre Tochter, meine Mutter, floh vor der SS aus dem überschaubaren westpreußischen Posen ins unübersichtlichere Berlin und lernte unterwegs meinen Vater kennen. Der floh im April 1945 als Soldat vor den Russen. Spitzfindige würden sagen: Er desertierte. In der Summe sind diese Erzählungen das typische Narrativ meiner Elterngeneration aus dem Europa des vergangenen Jahrhunderts. Damals flohen Wissenschaftler wie Albert Einstein und Künstler wie Thomas Mann und Billy Wilder aus Hitlers Machtbereich. Von diesem ‚Aderlass‘ hat sich das kulturelle Deutschland bis heute nicht erholt. Gegenbewegungen? – Das Blut der AfD mag völkisch rein sein. Unter dem Mikroskop sieht man davon aber nichts. Neben denen, die das Land verlassen hatten, gab es auch Deutsche, die nach der ‚Machtübernahme‘ nicht ausgewandert, aber stumm geworden waren. Die konnten im Mai 1945 wieder zum Vorschein kommen und kundtun, sie seien in der ‚inneren Emigration‘ gewesen: eine bedauernswerte, aber ziemlich ungefährliche Flucht.

Ich habe mir eine – bisher noch nicht aufgeschriebene – Geschichte ausgedacht: ‚Drittes Reich‘. Ein jüdischer Schüler wird von seinem Nazi-Lehrer vor der ganzen Klasse ständig fertiggemacht. Die reichen Eltern können ihrem Sohn dank guter Beziehungen die Ausreise nach England ermöglichen. Von dort aus schreibt der entkommene Junge Briefe an seinen Lehrer: Er dankt dem Pädagogen überschwänglich für dessen Hilfe und gratuliert ihm dazu, wie geschickt er seine wahre Überzeugung verborgen habe. Die Briefe werden abgefangen. Die Gestapo glaubt dem Lehrer nicht, dass er ein strammer Nationalsozialist sei. Er kommt ins KZ – überlebt und trifft seinen ehemaligen Schüler, der als britischer Soldat nach Deutschland zurückkommt. Mehr verrate ich nicht. Ist ja noch offen.

Meine Generation hatte andere Probleme, und die wirken fort. Die einen wollen alles, die anderen wollen nichts. Scheinwelt ist besser als ‚Kein‘-Welt, manchmal auch besser als die reale Welt. Jedenfalls kommt es uns bisweilen so vor. Wenn die Wirklichkeit unerträglich wird, ist Flucht unumgänglich, und da ist dann die Fantasie eine bessere Wahl als die Droge. Ich weiß, viele versuchen es in Kombination, weil sie glauben, dass die Fantasie unter Drogen besser funktioniert. Kann sein, kann aber auch sein, dass es unkontrollierbar schrecklich wird. Wer das riskiert, ist eher naiv als mutig.

Die Flucht, nicht mit dem Verstand, sondern mit den Beinen, sie passiert wohl auch zwischen Treuenbrietzen und Berlin, ist aber üblicher zwischen Syrien und Europa. Wie stellen wir uns darauf ein? – Sehr unterschiedlich. Aber Abwehr ist die zurzeit häufigste Reaktion.

Wenn ich das Schicksal eines Menschen betrachte, der vor der Trostlosigkeit seines afrikanischen Lebens flieht, bin ich ergriffen und wünsche ihm Hilfe. Wenn ich an die Summe dieser Menschen denke, schaudert es mich vor der unüberbrückbaren Kluft zwischen deren und unserem Denken. Gerade machen sich wieder etliche Satiriker lustig über den Begriff der Leitkultur. Ich weiß auch, dass nicht jeder Inhaber eines deutschen Passes ‚Wilhelm Meisters Wanderjahre‘ gelesen hat und dass mir seine Freundin nicht unbedingt den Unterschied zwischen Kants und Schopenhauers Weltbild druckreif erklären kann. Aber wenn wir uns die Gemeinsamkeiten bewusst machen, die unsere Herkunft bietet, und daraus ableiten, was wir tolerieren können und was nicht – das finde ich nicht so faschistisch-rassistisch, wie es manche von jenen unterstellen, die wie immer auf der richtigen Seite stehen.

Was macht uns aus, was macht uns an? Einige Aktivisten sind ganz begeistert von ihrer schrankenlosen Offenheit. Die Parlamentarische Staatssekretärin für Wirtschaft und Klimaschutz Dr. Franziska Brantner sagte neulich: „Selbst wenn eine deutsche Staatsbürgerin oder Staatsbürger des Lesens nicht mächtig sein sollte, hat er alle Möglichkeiten, auch in diesem Deutschen Bundestag zu sein, weil wir hier eben nicht darauf setzen, dass jemand irgendeine Art von Bildungsabschluss haben muss.“ Man könnte sich fragen: Warum soll doof gut regieren? Aber Akademiker haben Hitler 1933 freudig gehuldigt. Intellektuelle können eben auch doof sein und Analphabeten können überlebensfähiger sein als Juristen. Im Dschungel und im Leben. Sagen kann man viel. Bei uns. Die Flucht nach vorn ist auch hier mit Worten einfacher als mit Taten.

Sollen Migranten von Anfang an arbeiten dürfen? Oder müssen? Sollen Menschen nur dann Asyl bekommen, wenn sie verfolgt werden oder auch dann, wenn sie in ihrer Art von Heimat nicht mehr leben können oder wollen? – Ich weiß es genauso wenig wie alle anderen. Aber ich finde, es wäre schon viel gewonnen, wenn die Ankömmlinge glaubhaft versichern könnten, dass sie Atheisten sind. Uns die endlich ausgestandenen Glaubenskriege zurück nach Europa zu holen – o mein Gott, davor verschone uns bitte in diesem Jahr des Herrn 2024!

Im Blog werden nun ähnliche Themen behandelt. Vielleicht etwas süffiger.

Einen kräftigen Schluck aufs neue Jahr, bevor er schal wird – oder es!
Hanno Rinke



Cover mit Material von Shutterstock: Morphart Creation (Gehirn), MoreVector (Hand mit Glas) und aus Privatarchiv H. R. (7)

45 Kommentare zu “Flucht

  1. Vielen Dank für diese Predigt, Herr Rinke. Sie sprechen mir aus der Seele. Ich habe ähnliche Gedanken und ähnliche Fragen. Eine Lösung finde ich nicht.

  2. Man darf nie vergessen, dass die meisten Flüchtlinge nicht aus freien Stücken nach Deutschland kommen, sondern weil sie keine andere Wahl haben. Das sollte unser Mitgefühl haben.

    1. Die Flüchtlinge kommen sehr wohl freiwillig nach Europa. Sie haben, krass formuliert, auch die Möglichkeit Zuhause zu bleiben und zu leiden. Oder im günstigsten Fall sogar an Veränderungen mitzuarbeiten. Wie weit die Europäer bereit sind, ihren Wohlstand mit den Flüchtlingen zu teilen, ist umstritten. Ihre liberalen Werte zugunsten der patriarchalischen Einstellungen dieser meist jungen Männer aushöhlen zu lassen, sollte keine Option sein.

  3. Dieses „Die einen wollen alles, die anderen wollen nichts“ gibt es sicher in allen Generationen, nicht?

      1. Viele wollen ‚etwas‘ und halten sich die Entscheidung ‚Was?‘ möglichst lange offen.

  4. Ich lese heute Morgen im Spiegel, dass die iranische Justiz eine Frau mit 74 Hieben auspeitschen lässt, weil sie sich ohne Kopftuch fotografieren ließ. Das ist erstmal eine einzelne, zusammenhanglose Meldung. Aber ich finde sie verdeutlicht auch, wie weit unsere Kulturen auseinander liegen.

    1. Aber was soll das nun heißen? Das ist doch ein gutes Beispiel, warum Menschen von so einem Ort fliehen. Soll sich eine Frau dort auspeitschen lassen? Oder sagt man einfach, na gut, dann soll sie eben ihr Kopftuch tragen?

      1. Was eine Freundin von mir auch den Ukrainern rät: Sich erst mal ergeben und später rächen oder wehren. Ob das so vernünftig ist, wie es scheint – ich weiß es nicht, aber es widerstrebt mir. Mit dem Kopftuch verbinde ich eine Weltanschauung, die ich zutiefst verabscheue. (Frauen sind geil und minderwertig.) Da bin ich mit Frankreichs Kopftuchverbot an Schulen so einverstanden wie mit wenigen Verboten.

      2. Grundsätzlich sollte ja jeder tun und lassen dürfen was er oder sie will. Aber wenn man keine Kreuze im Klassenraum hängen sehen will, dann sollte man auch das Kopftuch nicht dulden.

      3. Der Vergleich hinkt aber doch. Die Frauen hängen ihr Kopftuch ja nicht zur Anbetung an die Wand. Man müsste es eher mit einer Kette mit Kreuz oder einem Rosenkranz oder so etwas vergleichen.

  5. Durch diese FLUCHT wird wieder deutlich, wie sehr ich die Sonntagspredigen schätze. Es tut gut zu diesem Thema etwas so besonnenes und unaufgeregtes zu lesen. Meistens tendieren Artikel, die zu dem Thema veröffentlicht werden, zu einer viel schwarz-weißeren Sicht.
    Ich würde mir von Kanzler Scholz klarere Positionen wünschen. Selbst Merkel war mir immer greifbarer, trotz ihrer Zurückhaltung. Bei Scholz weiss ich nach wie vor nicht, woran ich bin bzw. wohin unser Land gerade steuert.

      1. Ich bin kein großer Scholz-Fan, aber ich sehe auch momentan keine Alternative, die ich lieber wählen würde.

      2. Leider muss man in der Politik oft unter schlechten Möglichkeiten die beste (also die am wenigsten schlechte) wählen. Ob die Entscheidung richtig war, können spätere Generationen dann beurteilen, die es natürlich ‚besser‘ wissen.

      3. Scholz macht möglicherweise gar nicht so viel falsch, er macht es nur sehr zaghaft. Ob das reicht, muss man tatsächlich mit etwas mehr Abstand sehen. Ein großer Anführer ist er wohl nicht.

      4. Der letzte Volkstribun im Kanzleramt war Gerhard Schröder. Vorher war es nur Brandt. Führer, die die Massen mitreißen, haben sich die Deutschen nach Hitler abgewöhnt.

      5. Ich war nie ein großer Fan von Merkels Politik des Abwartens. Aber trotzdem hatte ich bei ihr immer den Eindruck, dass sie weiss was sie tut und überlegt handelt. Bei Scholz wirkt das eher wie Unsicherheit. Das macht mir schon ein wenig Sorgen.

  6. ich tendiere auch mehr und mehr zu der Meinung, dass uns die Religion mehr schadet als nützt. Für den Einzelnen mag das anders sein, aber für die Gesellschaft als Ganzes wäre eine Welt ohne Religion wohl sicherer.

  7. Wir flüchten eben auch vor der Frage, wie man mit all den globalen Konflikten und mit all den Flüchtlingen, die dadurch zwangsläufig zu uns kommen, umgehen soll. Im Zweifel wählt man aus Unzufriedenheit mit Scholz AfD und sagt, sollen die sich mal kümmern.

      1. Unfassbar nur, dass es wahrscheinlich so weit kommen muss. Wir wollen doch nicht ernsthaft eine AfD-Regierung ausprobieren müssen, bevor die Menschen zur Vernunft kommen.

      2. ‚Probieren geht über studieren‘ heißt es. Nicht nur bei Rattengift eine dumme Entscheidung.

      3. Nach wie vor fällt es mir schwer zu glauben, dass so viele Wähler so dumm zu sein scheinen. Oder so leichtsinnig mit unserer Gesellschaft umgehen.

      4. Viele denken hauptsächlich an ihre eigenen Probleme und nicht über die größeren Zusammenhänge nach. Das lässt sich kaum ändern.

      5. Seit der Aufklärung versuchen Denker die Menschen aus ihrer ’selbstverschuldeten Unmündigkeit‘ zu befreien. Erfolge sind sichtbar, aber noch zu gering.

  8. Man muss ohne Frage viel mehr über die Herausforderungen, aber auch die Chancen von gelungener Integration nachdenken. Schließlich ist das kein Thema, was sich einfach wegignorieren lässt. Da ist sicher nicht nur die Politik gefragt. Wir sind es auch.

      1. Es macht ja auch gar keinen Sinn sich vor der Wirklichkeit zu verschließen… Es kommen nun einmal Flüchtlinge zu uns, die man nicht wieder nach Hause schicken kann. Also muss man sich hinsetzen und nach Lösungen suchen. Das sollte doch gar keine Frage sein.

      2. In der Tat. Grundsätzlich denke ich immer, dass jede/r dort leben können sollte, wo er oder sie will. Aber so einfach ist es eben nicht. Wenn dadurch Ungleichgewichte entstehen, müssen die irgendwie abgefangen und ausgeglichen werden.

      3. Aber hallo. Wenn jeder einfach dort leben könnte wo er wollte, dann würden unsere Systeme zusammenbrechen. Als Utopie klingt das schön, aber in der Realität funktioniert das nicht.

      4. Jeder sollte da leben können, wo er/sie selbst für seinen/ihren Unterhalt sorgen kann.

  9. Menschen fliehen ja aus den verschiedensten Gründen, sei es vor Krieg, politischer Verfolgung, wirtschaftlicher Not oder Umweltkatastrophen. Es sind ja nicht nur wir, die vor Problemen dadurch stehen, sondern zuallererst einmal die Flüchtenden selbst.

      1. Finde ich auch. Natürlich habe ich Verständnis für die Situation dieser flüchtenden Menschen. Natürlich würde ich nicht gerne mit ihnen tauschen wollen. Das ändert aber ja nichts daran, dass wir ein funktionierendes System brauchen, um mit diesen Flüchtlingen umgehen zu können.

  10. Diese Abwehr kommt ja oft daher, weil man, zumindest gefühlt, selbst nicht besonders gut dasteht. Da heißt es dann gerne die Politik stecke soviel Geld in die Flüchtlinge, warum wird nicht gleichermaßen Geld in die eigenen Probleme gesteckt? Warum habe ich es im Leben so schwer? Das ist aber ja eine sehr beschränkte Sichtweise.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

zwei × zwei =