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Rundbriefe

Betrifft: Alle

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

soll man als Anrede nicht mehr benutzen, las ich neulich. Nicht etwa, weil das altmodisch klingt, zumal die spätkapitalistischen Politiker den Plebs, zu dem sie rein wahltaktisch sprechen, ja sowieso nicht ehren; nein: weil sich Menschen, die weder das eine noch das andere sein wollen oder nicht sein wollen, dadurch ausgegrenzt fühlen könnten. Meinen Sprachschatz versuche ich, einigermaßen auf dem Laufenden zu halten (da bin ich mehr Zeitzeuge als Dichter), und deshalb war es nett, mein Hirn um das Wort ‚transphob‘ bereichern zu können. So nennt man rückständige Leute, die noch davon ausgehen, dass es üblicherweise bloß zwei Geschlechter gäbe. Den Vorwurf, transphob zu sein, handelte sich Marie-Luise Vollbrecht ein, deren Vortrag an der Humboldt-Universität zu Berlin darüber, warum das so sei mit den beiden Geschlechtern, sicherheitshalber erst mal abgesetzt wurde.

Schön und gut, aber eins steht doch fest: Männer mit dicken Schwänzen treten ganz anders auf als Klein- und Kurzschwänzige. Ist halt so. Redet man nicht drüber. Ich schon. Dabei war ich als Pubertierender so maßlos verklemmt. Der Scheiß-Katholizismus meiner erziehungsermächtigten Großmutter! Im Schullandheim auf Föhr gab es einmal in der Woche Warm-Duschen. Reicht ja. Ich tat das in Unterhose. Warum? Vergleiche brauchte ich nicht zu scheuen, eher die Sünde. Die Furcht womöglich, dass mich mehr das reizen könnte, was auch ich hatte (Slip-Duscher duschten getrennt von den Nackten), als dieses Nichts, das ich zehn Jahre zuvor beim Massenduschen im Kinderheim in St. Peter-Ording an den Mädchen desinteressiert zur Kenntnis genommen hatte. Ach, nee. Unterleiber waren damals, so oder so, lange noch nicht meins. Mehr hatte ich ’s im Kopf. Ich fing an – schon … erst? – zu komponieren (eher Beethoven als Presley), wobei mich die zeitgenössische Musikszene weder mit ihrem Avantgarde-Müll noch mit ihrem Musicbox-Schrott begeisterte.

Zuhören tat ich trotzdem: 1960, damals im Schullandheim, raunten meine Mitschüler (ich war bis zum Abitur immer der Klassenjüngste) die frivolsten zwei Zeilen des gerade gängigen Hits ‚Leila‘: ‚Nur die eine Nacht erwähle mich, küsse mich und quäle mich.‘ Das war für die Filter-Raucher der damaligen Zeit harter Tobak, für die meisten zu harter. Das Lied kam tatsächlich auf den Index der katholischen Kirche und somit natürlich (Bingo!) auf Platz 1 der deutschen Charts. Priester sprachen von ‚Schande‘ – meine konnten sie nicht meinen (trotzdem verließ ich fünfzehn Jahre später empört deren allein seligmachende Institution). Schon damals war ich mir jedenfalls ganz sicher, von jener Dame nicht gequält werden zu wollen. Ich hatte, weiß Gott, andere Probleme.

Man mag es kaum glauben: Im Sommer 2022 erhitzt eine andere Layla wieder die Gemüter. Da gibt es das doofe Lied mit dem Refrain: ‚Ich hab ’nen Puff und meine Puffmama heißt Layla, sie ist schöner, jünger, geiler.‘ Na ja, auch Goethe hat nicht immer reinrassig gereimt: ‚Sah ein Knab’ ein Röslein stehn (…) War so jung und morgenschön‘ biegt sich die Sprache auch etwas zurecht. Zu Recht. Kunst darf das. Den Ballermann-Hit ‚Layla‘ mit seiner sehr langläufigen Akkordfolge g-Moll, Es-Dur, B-Dur, F-Dur unter ‚Kunst‘ einzuordnen, würde selbst der scheidenden Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann schwerfallen. Sich extra sühnebeflissen ein ‚Kollektiv‘ aus den ehemaligen Kolonien als Documenta-Macher zu holen, um bloß nicht zu abendländisch zu sein, und dann das: mittendrin, irgendwo in einem riesigen Wandbehang, eine gehässige Karikatur, durchaus judenunfreundlich auszulegen. Das ist genauso ärgerlich, wie einen Fußballer, gewissermaßen aus der ehemaligen Kolonie Elfenbeinküste, teuer einzukaufen, und dann hat der Hodenkrebs. Pech für Borussia Dortmund (und eventuell tragisch für Haller). Schormanns Rücktritt macht der im Pop-Business bestens verankerten Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Ton Steine Scherben) schon deshalb Vergnügen, weil sie dadurch ein bisschen aus der Schusslinie gerät. Und sich über ‚Layla‘ als sexistisch zu empören, kommt immer gut. Viele Jahrmärkte haben den Party-Knaller bereits eilfertig untersagt. Dabei sieht man im obligatorischen Video zum Song, dass Layla von einem ältlichen Transvestiten gegeben wird. O Gott! Falls Sabine Schormann ohne ihr Wissen latent antisemitisch wäre, wäre das ja schlimm genug. Hoffentlich ist sie jetzt nicht obendrein auch noch transphob! Lieber nicht nachfragen.

In meinem Blog ist die Geschlechtereinordnung noch reaktionär eindeutig, und das mit der Schwanzlänge nehme ich auch nicht zurück.

Gerechtigkeit ist möglich! Manchmal.
Hanno Rinke



Cover mit Material von: Marcus Lenk/Unsplash (Häuser, hinten mittig und links), C Dustin/Unsplash (Wolke) und Shutterstock: ANDRIY B (Buch), Jan Martin Will (Baum), Wondervisuals (Haus, hinten links), Anibal Trejo (Fernsehturm), gomolach (Kerzenflamme), Marti Bug Catcher (Brandenburger Tor)

28 Kommentare zu “Betrifft: Alle

  1. Auf diese Blog hätte ich nun kein Plädoyer über Schwanzgrößen erwartet. Aber nun gut, man weiß ja eh, dass die Technik wichtiger ist als die Größe allein.

    1. Meiner eigenen Erfahrung nach hat das Auftreten relativ wenig mit der Schwanzlänge eines Mannes zu tun. Aber es gibt wahrscheinlich Ausnahmen in beide Richtungen.

  2. Leila vs. Layla: was 1960 in irgendeinen Augen unmöglich galt, löst heute nirgends mehr Schweratmigkeit aus. Wenn das so weiter geht, was wird in 60 Jahren die Jugend anheizen und cool sein?

  3. Marie-Luise Vollbrecht holte ihren Vortrag nach und verweigerte im Anschluss jedwede Diskussion. Unglaublich, dass das die Uni so durchgehen lies! Ist die Uni nicht gerade ein Ort, an dem man sich einem Diskurs stellen sollte? Ist ja nicht Gott gegeben was sie da präsentiert hat, sondern größter Unsinn!

      1. Übrigens gibt dir Geschichtsprofessorin Gabriele Metzler auf Twitter recht: „Man kann in einer Universität keinen Vortrag halten (den man selbst als ‚korrekt‘ preist) und sich dann der Diskussion entziehen. Wissenschaftsfreiheit heißt nicht, Erkenntnisse zu präsentieren und Fragen zu unterbinden.“

      2. Was hat sie denn so schlimmes gesagt oder vorgetragen? Als versierte Biologin wird sie schon was kluges von sich gegeben haben.

      1. Das Gefühl habe ich auch. Ich glaube nicht, dass ich von diesem Song überhaupt gehört hätte, wenn es nicht die unzähligen Zeitungsartikel geben würde.

    1. Ich fand das Lied jetzt nicht sonderlich geschmackvoll, aber das gilt eh für die meisten Lieder aus dieser Kategorie.

      1. Ich könnte mir vorstellen, dass selbst die Interpreten des Werkes es nicht unter dem Oberbegriff ‚geschmackvoll‘ eingeordnet hätten.

      2. Sie hatten gehofft, sich mit der Besetzung von Layle durch einen ältlichen Transvestiten im Video um die #MeToo-Debatte herummogeln zu können.

  4. Slip-Duscher finde ich ja immer wieder ein Phänomen. Die gibt es in meinem Fitnessstudio häufiger. Seltsame Sache.

  5. Gerechtigkeit ist möglich, aber selten. Man sollte trotzdem auf eine gerechtere Welt hinarbeiten. Nur darf man sich eben keine Illusionen darüber machen, was möglich ist und was nicht.

    1. Verbesserungen sind zu schaffen. Das Ideal nicht. Dafür hat Gott schon bei der Verteilung vonTalent und Schönheit gesorgt. Und wenn sich dann noch die Kinder die verkehrten Eltern aussuchen, gibt es viel zu tun.

  6. Die Anrede könnte in „Sehr geehrte Damen bis Herren“ geändert werden, dann sind alle dabei. Das meine ich vollkommen ironiefrei. Ich benutze das schon länger.

    1. Es gibt Dinge, die kann man auch einfach lassen wie sie sind. Dass neuerdings immer versucht wird es jedem recht zu machen, ist definitiv das größte Problem. Nicht die Gesellschaft muss sich für Einzelne beugen, sondern der Einzelne für die Gesellschaft.

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