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DIE ELF  —   8. Kapitel: SECHSUNDSECHZIG

#8.1 | Mit der Gabel, mit den Händen

Da habe ich keine Gedächtnislücken. Ich habe ein großes Fest veranstaltet und alle Freunde und Verwandte in den Othmarscher ‚Röperhof‘ eingeladen. Gibt’s sogar als Film.

Video (Ausschnitt aus ‚Die Straße‘): Privatarchiv H. R.

1977 hatte Udo Jürgens gesungen: ‚Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an‘. Er selbst war zu dieser Zeit 43 Jahre alt. Ich war 31. ‚Sechsundsechzig‘ war noch so weit weg! Im nächsten Jahrtausend erst würde es Wirklichkeit werden. Damals, 1977, war das Leben, wenn nicht erfüllt, dann zumindest voll gewesen: voll von Erlebnissen, von Eindrücken, von Erfahrungen. Mit Roland in London, in Paris, in Israel. Lissabon, Sevilla. Mein erstes Mal New York. Stress im Büro, Stress zu Hause, und alles zufriedenstellend bewältigt. Ohne Probleme gäbe es keine Lösungen.

Wie man fotografiert wird, so bleibt man in Erinnerung. Schon früh hatte ich erkannt: Wer blöd ist, der sollte für die Kamera immer ein finsteres Gesicht machen. Das wirkt bedeutender. Beim Lachen dekuvriert sich Doofheit unerbittlich. Bleibt natürlich die Frage, ob der Fake-Finsterling so blöd gar nicht ist, wenn er den Trick beherrscht, besser rüberzukommen, als es die Wirklichkeit vorgesehen hat. Aber das geht ja nur die anderen etwas an, nicht ihn selbst.

Foto: Privatarchiv H. R.

Bei meiner Geburtstagsfeier 2012 gab es sowohl Kameras als auch Menschen. So wollte ich beweisen: Es gibt mich noch! Eine kühne Behauptung. Am 1. Oktober vor zwei Jahren hatte mich ein Schlaganfall erwischt. Ziemlich heftig sogar. Die rechte Seite war gelähmt. Meran, allein. Telefonieren konnte ich zuerst noch. Die Nachbarn hatten mich ins Krankenhaus gebracht. Als mein Transport möglich war, wurde ich von Verona aus heimgeflogen. Mein bis heute vorletzter Flug: Eine Linienflug-Karriere neigte sich im ADAC-Jet ihrem Ende entgegen. Stent in Eppendorf, Reha in Bad Segeberg. Zu Weihnachten kam ich ohne Rollstuhl schon wieder von rechts nach links. Die Lippen blieben schief, aber was ich sagte, konnte man wieder verstehen, zumindest akustisch.

Autofahren, Klavierspielen, Steak schneiden, auf Papier schreiben – das war vorbei. Damit musste ich auf unterschiedliche Weise umgehen. Ich hatte gern am Steuer gesessen, gerade wenn es um sogenannte ‚Herausforderungen‘ ging: Rom oder Tel Aviv. Meine Fahrweise hätten echte Männer als couragiert eingestuft, Flaschen als leichtsinnig. Unfälle hatte ich nie, und wenn ich betrunken war, fuhr ich sogar vorsichtig. Von nun an musste ich mich fahren lassen. Öffentliche Verkehrsmittel hatte ich geliebt. Die Stationen der Hauptlinien von Tube/Metro/U-Bahn in London, Paris und Berlin kannte ich auswendig. Tägliche Übung. – Vorbei. Wenn ich dereinst zurückkehre in den Rollstuhl, dann kann ich am Bahnhof sicher irgendetwas Behindertengerechtes finden. Rampen, Geländer. Ich werde es nicht nutzen. Manches, was seine Selbstverständlichkeit verliert, büßt auch seinen Wert ein.
Am Klavier habe ich fast nur Eigenes gespielt: Song-Begleitung, Film-Untermalungen, Fantasien. Fremde Komponisten zu interpretieren, das konnten andere besser als ich. Die zu vermarkten, war ja mein Beruf gewesen. Seit ich selber nicht mehr in die Tasten greife, nehme ich an mir wahr, dass mich Musik als Ausdrucksform nicht mehr interessiert. Wie ein Kleidungsstück, das man nicht mehr tragen mag. Dabei trage ich alles jahrzehntelang, bis es total verschlissen ist, und alles, was ich als Kind gerne aß, mag ich immer noch – und zusätzlich vieles, das mir damals nicht geschmeckt hat. Nichts anderes ist mir so entglitten wie meine Leidenschaft für die Musik.

Meine Essmanieren galten nie als mustergültig. Meine Eltern rechneten sich das als erzieherisches Versagen an. Aber so schlimm war es auch wieder nicht. In Tokio habe ich meiner Mutter sogar beigebracht, mit Stäbchen zu essen. Da war die Arthritis in ihren Fingern noch nicht so ausgeprägt wie später. Was stimmt, ist: Alles, was nicht völlig mit Soße zugekleistert ist, esse ich am liebsten mit den Händen. Nicht nur Maiskolben, sondern auch Pommes frites. Hühnerschenkel sowieso. Der Schlaganfall liefert mir eine willkommene Ausrede, auf Messer und Gabel selbst dann zu verzichten, wenn sie vor mir liegen.

Zum Glück – oder auch nicht – hat es meinen Impuls, zu formulieren, nicht im gleichen Maße getroffen wie den, zu komponieren. Was hielt mich ab von den Noten? Beethoven hat auch taub noch Streichquartette und Chorwerke geschrieben. Rossini hat allerdings mit 38 Jahren aufgehört, Opern zu schreiben, und danach 38 Jahre lang nur noch gut gegessen.

J. D. Salinger hat seinen Roman ‚Der Fänger im Roggen‘ 1951 veröffentlicht. Danach war er ein literarischer Star, aber bis zu seinem Tod 2010 blieb er weitgehend stumm. – Für mich kein Vorbild.

Bild (Constance Mayer – Porträt des Gioachino Rossini, 1820): Giorces/Wikimedia Commons, CC BY 2.5 DEED | Titelbild mit Material von Shutterstock: Nata_Alhontess (Maiskolben), Babich Alexander (Piano) sowie von Giorces/Wikimedia Commons (Rossini) und aus dem Privatarchiv H. R. (1)

41 Kommentare zu “#8.1 | Mit der Gabel, mit den Händen

  1. Haben Sie denn eine Erklärung, warum die Leidenschaft für die Musik so verloren gegangen ist? War das durch die Karriere einfach alles abgearbeitet oder wurde die Musik einfach durch andere Dinge ersetzt?

      1. Ich hatte das auch eher so verstanden, dass die Leidenschaft für die Musik generell verloren gegangen sei. Nicht nur der Drang selbst zu komponieren.

    1. Musik war für mich Teil eines Weltbilds, das mir verloren gegangen war. So lautet meine unbefriedigende Antwort.

      1. Ich finde das in allem Unbefriedigtsein trotzdem nachvollziehbar. Schicksalsschläge verändern uns enorm.

      2. Selbst wenn keine Schicksalsschläge dazwischenkommen verändern wir uns ja. Klar, wie Herr Rinke schreibt, es gibt die Speisen, die man als Kind schon immer mochte und auch als Erwachsener noch gerne isst. Aber nicht alles bleibt gleich. Interessen verlagern sich.

      3. Am ratlosesten ist man wohl, wenn die ganz große Liebe (plötzlich?) klein geworden ist. Mit Menschen ist mir das nie passiert.

      4. Das ist mir auch nie passiert, aber das muss ein schreckliches Gefühl sein. Es stellt ja dann das bisherige Leben irgendwie in Frage.

  2. Ich finde Lachen funktioniert auf Fotos selten. Das muss dann schon ein Schnappschuss sein, auf dem jemand wirklich von Herzen lacht. Aber so ohne Grund fürs Foto, das sieht fast immer dämlich aus.

    1. Na ja, auch bei einem Portrait kann man ja ehrlich lachen. Zumindest wenn die Chemie zwischen Model und Fotograf stimmt. Gestellte bzw. gezwungene Aufnahmen sehen ja immer doof aus, egal welcher Gesichtsausdruck gewählt wird.

      1. Mir ist dieses Lachen nur bei einer Foto-Serie gelungen. Ich war allerdings auch etwas betrunken und ziemlich verliebt.

    2. Ich finde es gleichermaßen bewundernswert und beängstigend, wie gut die Jugendlichen diese ganzen Portrait- und Selfieposen draufhaben. Auch wenn man schon immer wusste, dass man so in Erinnerung bleibt, wie man fotografiert wird; heute hat das eine ganz andere Dimension.

      1. Bis die Fotografie üblich wurde, haben sich überwiegend Adlige portraitiert gesehen. Die Mona Lisa mag ich nicht. Aber ihren (finanziellen) Wert kann kein anderes Bild toppen. Dabei ist sie durch die unendlich vielen Karikaturen genauso entehrt wie die ersten fünf Töne von Beethovens Fünfter.

      2. Ich war etwas enttäuscht als ich sie endlich live gesehen habe. Aber wenn die Erwartungen so groß sind, eben weil das Gemälde so eine enorme Bedeutung hat, dann ist es immer schwer am Ende nicht enttäuscht zu werden.

  3. Ach Gott, wie schnell sich alles ändern kann. Mein Cousin hatte vor rund einem Jahr ebenfalls einen Schlaganfall. Zum Glück sind die Einschränkungen nicht so schlimm, wie sie hätten sein können. Aber man muss sich ja doch bei allem umstellen. Leicht kann das nicht sein.

    1. Ich stelle mir besonders schwer vor, das man bei vielem auf Hilfe angewiesen ist. Vielleicht nicht unbedingt im Alltag zuhause, aber doch sicher wenn man Dinge erledigen muss und selbst kein Auto fahren kann.

      1. Es gibt ja viele Abstufungen, wenn es um Schlaganfälle geht. Mit etwas Glück kann man sich wieder ziemlich gut erholen.

  4. Warum ein etablierter Künstler früh aufhört neue Werke zu schaffen interessiert mich ja sehr. Das Klischee lautet immer, dass Künstler von ihrer Kunst getrieben sind. Dass sie schaffen müssen. Es fällt schnell auf, wenn jemand ein wunderbares Kunstwerk erschafft und dann nie wieder von sich hören lässt.

    1. Schreibblockaden (oder Malblockaden oder wie auch die Kunstrichtung gerade ist) sind bestimmt gar nicht so selten.

      1. Es gibt sicherlich auch andere Gründe, warum jemand nicht sein ganzes Leben lang produktiv ist. Manchmal kommt einfach das Leben dazwischen, mal die Familie, mal hat man durch ein großen Erfolg ausgedient, mal verlagern sich die Interessen.

      2. Uns schwebt immer das Luthersche: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ für Künstler(innen?) vor. Wer nicht getrieben ist, gilt weniger.

      3. Künstler, gerade die, die nicht da Vince oder Rossini sind, haben es immer schwer ernst genommen zu werden, finde ich. Es gibt in der Gesellschaft oft die Unterscheidung zwischen künstlerischem Tun und „richtigen“ Jobs, oder zumindest zwischen Unterhaltung und „ernsthafter“ Kunst. Wer unter den Mitmenschen als getrieben rüberkommt, wird dann wenigstens einen Deut ernster genommen.

  5. Ich weiss nicht ob es ein Kompliment ist – es ist jedenfalls so gemeint – den Schlaganfall sieht man Ihnen im Video gar nicht an. Und es sieht nach einem überaus schönen Fest aus.

    1. Das musste ich auch gleich denken. Dafür, dass Sie schreiben, dass Steak schneiden und Briefe schreiben schwierig wurde, machen Sie im Video ein wirklich fitten Eindruck. Aber so etwas kann ja immer täuschen. Man kehrt für so ein Event ja auch immer seine beste Seite raus.

  6. ‚Mit sechsundsechzig ist noch lang noch nicht Schluss‘ würde ich unterschreiben. Ob das Leben da erst anfängt, naja, das stimmt wohl nur im Schlager.

    1. Udo Jürgens ist 80 Jahre alt geworden. Wenn sein Leben tatsächlich erst mit 66 Jahren angefangen hätte, wäre es äußerst kurz gewesen 😉

      1. Damals konnten ‚Senioren‘ noch schamlos das ‚Traumschiff‘ besteigen.

      2. Eine Weile danach konnte man es immerhin noch schauen. Mittlerweile erträgt man das nicht mehr.

  7. Ich mag es auch meine Anziehsachen so lange zu tragen, bis sie kaputt sind. Die Leute kaufen eh viel zu viel. Und das meiste sind Fast-Fashion-Sachen, die man nach einem halben Jahr wegschmeißt.

  8. Ich frage mich gerade wie lange es her ist, dass ich mal ein so großes Fest gefeiert habe. Mein letzter runder Geburtstag ist wegen COVID ausgefallen. Wahrscheinlich ist es tatsächlich über ein Jahrzehnt her.

      1. Mich hat Corona vergessen lassen, dass ich nur noch viel seltener unter Menschen komme als früher.

      2. Bei allem was schlecht war, und das war sicher vieles, hat die Pandemie auch neue Wege geöffnet um mit Menschen in Kontakt zu treten oder zu bleiben. Das Internet gab es natürlich lange vorher, aber ich empfinde es so, als würden deutlich mehr Menschen online kommunizieren. Nicht nur im Beruf oder auf Twitter, auch privat untereinander.

      3. Ist bei Ihnen denn davon etwas übrig geblieben, nach COVID? Aus meiner Erfahrung bleibt da nur das Home Office…

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