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Europa im Kopf  —   2. Kapitel: Sachsen

#2.2 Die entmachtete Vergangenheit

Für den Samstagabend hatte ich ursprünglich das prominente ‚Taschenbergpalais‘ vorgesehen, schon um Silke wieder mal was ohne Papierservietten zu bieten. Es behauptet von sich, es sei ‚Treffpunkt für Feinschmecker und Liebhaber internationaler Tafelkultur: Das Restaurant ‚Intermezzo‘ überzeugt mit bodenständiger Eleganz und raffinierter Einfachheit‘. Kann man mehr verlangen? Just da aber hatte schon eine geschlossene Gesellschaft gebucht, wie Silke vor drei Wochen erfahren hatte. Nicht auszudenken, wenn wir, festlich gekleidet, dort auf gut Glück einfach hingelaufen wären! Na, so etwas kann mir nicht passieren. Da hatte ich stattdessen das ‚Moritz‘ im Netz entdeckt. Es forderte auf: ‚Lassen Sie sich von unserem Küchenchef mit kulinarischen Leckerbissen überraschen‘, und versprach Dachterrasse mit Blick auf Frauenkirche. Das hat nicht mal das ‚Intermezzo‘, bloß ich aus meinem Hotelfenster und jetzt sogar Martin, der aber vermutlich nie die Vorhänge öffnet.

Meine Augen fanden ‚Moritz‘ nicht, nur die aus der Vergangenheit zurückgetrotzte Kirche und die vielen Menschen, die rund um einen Platz saßen, der mit seinen barockisierenden Häusern so tat, als hätte es ihn immer schon gegeben. Gefällt mir. Die Reste der Frauenkirche hatten während der Ostblockade als Mahnmal für den Frieden herhalten müssen: eine Ausrede, weil es an Geld und Gestaltungswillen fehlte, den Platz wieder zu beleben. Verlogenen Kapitalismus habe ich immer schon lebenswerter gefunden als sozialistischen Stillstand oder Aufbau. Die Nacht war jung, ich nicht. Rafał und Giuseppe gingen in die Neustadt, ich ins Bett.

Foto oben: ekaterina_belova/Fotolia | Foto unten links: JMP de Nieuwburgh/Fotolia | Foto unten rechts: Sergey Kelin/Shutterstock

Am Morgen ist der Neumarkt noch ein ehrbarer Platz. Alles sieht frisch und unverdorben aus. Unter meinem Fenster saßen Menschen auf der Terrasse im ersten Stock beim Frühstück, auch Silke, Giuseppe und Rafał. Als ich mich eine Stunde später an die ungedeckten Tische vor dem Hoteleingang setzte, wogten schon Touristen über die Steinplatten. Erstaunlich zu beobachten, wie sie nichts zu sehen scheinen außer ihrem Smartphone: Selfie, Mutti, Gabi auf Handy – die Kirche dahinter dient nur dem Beweis: Da waren wir. Das sollen zu Hause in Peking oder Paderborn alle sehen. Wir waren da! Safranski nennt das „die Entmachtung der Vergangenheit“: Einmalige Ereignisse werden aufgezeichnet in Film, Foto, Ton. Das Unumkehrbare des Zeitflusses scheint aufgehoben. Die moderne Technik ermöglicht die alltägliche Reproduktion. Die Aura des Einmaligen verschwindet.

Foto: oben: science photo/Fotolia | Foto unten links: foto_tech/Fotolia | Foto unten rechts: rh2010/Fotolia

Aber dafür kam kurz vor elf Mirko Tenje, unser Rikschafahrer. Ich gab ihm ein paar Anweisungen, damit er gleich merkte, mit wem er es zu tun hatte, aber am Ende der Fahrt nach zwei Stunden beschlich mich das Gefühl, er hatte genau das gemacht, was er wollte. So sahen wir alles, was man zu beiden Seiten der Elbe auf dem Fahrrad erreichen konnte: Altstadt, Neustadt, Gassen und Plätze, den Canaletto-Blick ans andere Ufer, für den ich mich aus dem Sitz bemühte, damit ich ihn durch den aufgestellten Bilderrahmen bewundern konnte. Hinter Kirchenfassaden gab es verschwiegene Innenhöfe, die in den Mittag träumten; hinter Hauptstraßen gab es lädierte Nachtclub-Viertel, die sich von der Nacht noch nicht erholt hatten. Das alles hätten wir ohne Mirko nicht gefunden. Oder doch. Den Hof, der uns am besten gefallen hatte, den hatten Giuseppe und Rafał auf ihrem Fußmarsch zur anderen Elbseite auch entdeckt. Sehr enttäuschend: „Stell dir mal vor, ich habe …“ – „War ich schon!“ Das liebt kein Eroberer. Also musste ein verwegeneres Ziel her: zu viert auf eine abenteuerliche Erkundungsfahrt mit Air-Condition, die gerade nicht vorhandene Elbe an – warum auch immer – gesperrter Uferstraße entlang, an der Waldschlösschen-Brücke vorbei, die, trotz ihres niedlichen Namens, dem wieder recht schmucken Dresden dessen Kulturerbe-Status gekostet hat, ins Revier des ‚Weißen Hirschen‘. Es wird immer wieder erwähnt: Der Physiker Manfred von Ardenne wohnte und forschte dort, Uwe Tellkamps Roman ‚Der Turm‘ spielt im ‚Weißen Hirsch‘. Und wenn ich auch nicht das dicke Buch gelesen habe, dann wollte ich wenigstens den Schauplatz sehen. Oft reicht das schon: noch die Fernseh-Verfilmung dazu, und man ist gebildet.

Der ‚Weiße Hirsch‘ wirkt wie ein an den Hügel gesprungener Grunewald. Oben herrschen die stattlichen Villen, unten liegt Dresden und sieht von hier aus wie früher. Die Straßen verliefen alle sehr aufwärts oder sehr abwärts, und eine endete gar an einem bewaldeten Golfplatz. Als wir genug dem Sozialismus entronnenes Großbürgertum eingesogen hatten, fuhren wir zurück in die Neustadt und dort zu dem von uns allen entdeckten Innenhof. Ein Parkplatz in für mich zu bewältigender Entfernung, ein ‚schattiges Plätzchen‘ in einem Bistro, eine ‚Kleinigkeit‘ zu essen. So ruhig und freundlich kann Leben sein.

Foto links: Harald Lueder/Shutterstock | Foto rechts: Timolina/Shutterstock

Nach einer Weile, in der ich im Hotel den Zimmerpreis abgewohnt hatte, ging ich, bereits abendlich gekleidet, vor die Tür. Mehr als ein frisches Hemd, eine bisher ungetragene Hose und als Höhepunkt die Uhr, die mir Silke zum Geburtstag geschenkt hatte, verbot die Hitze. Das Areal vor dem ‚Steigenberger‘ war mit Tischen und Stühlen hergerichtet, die gehobene Preisklasse andeuteten, so dass dort Zahlungswillige nach Lust und Laune bei aufmerksamen Kellnern Latte macchiato oder Caesar Salad bestellen und unter sandfarbenen Sonnenschirmen hindurch auf die sehr saubere Frauenkirche gucken konnten, vorbei an den Statuen Friedrich Augusts des Zweiten und des etwas geläufigeren Martin Luther, der von zahllosen Menschen anderer Glaubensrichtungen umringt war. Nicht nur durch die Preise, sondern auch durch Buchsbaumkübel wurden sie von meinem Beobachtungsposten abgehalten. Ich bestellte einen Gin Tonic und hatte Muße.

Foto oben: seqoya/Shutterstock | Foto unten links: Uwe Aranas/Wikimedia | Foto unten rechts: Igor Normann/Shutterstock

‚Wenn man nicht an den eigenen Tod erinnert werden will, muss man es vermeiden, zu viel Zeit für sich selbst zu haben‘, schreibt Safranski. In der Tat: eingespannt zu bleiben im Beruf oder im gesellschaftlichen Korsett oder im Zwang, etwas erleben zu müssen, sind großartige Hilfen gegen das Nachdenken. Trotzdem können selbst den Vielbeschäftigten Anwandlungen von Unausgefülltheit, ja Leere, überraschen, und gegen solche Heimsuchungen gibt es zwar Psychopharmaka, sie helfen aber nicht immer. Manchmal hilft Denken, falls man das kann. Manchmal verschlimmert es den Zustand. Ich bin damals ohne Zwang, bestbeleumundet, von ‚Deutscher Grammophon‘ weggegangen. Seither habe ich keine Sekretärin und keine Erfolge mehr gehabt, aber Muße. Ich habe die Flüge nach New York eingetauscht gegen Höhenflüge beim Schreiben von Noten und Texten, beim Schneiden von Filmen, beim Nachdenken über verschachtelte Albernheiten und über den Sinn des Seins. Jetzt, achtzehn Jahre später, wäre ich, wenn nicht vorher gefeuert, ohnehin seit vier Jahren mit weitaus höherer Pension in Rente. Was habe ich, anstatt den absterbenden Plattenmarkt zu bedienen, gemacht? Die Zeit ist vergangen, nachträglich betrachtet, wie im Rausch. Medizinisch betrachtet auch? Ich habe mehr Wein getrunken als Wasser, mehr geschrieben als gelesen, mehr geredet als geschwiegen. Ich finde, ich hätte vieles ganz anders machen können, aber ich habe das meiste richtig gemacht. Ein zweiter Gin in das restliche Tonic Water, Eis, Zitrone. Selbstzufriedenheit ist doch die schönste Zufriedenheit.

Foto links: H. R./Privatarchiv | Foto rechts: R. S./Privatarchiv H. R.

21 Kommentare zu “#2.2 Die entmachtete Vergangenheit

  1. Zu viel Zeit für sich selbst ist selten heilsam. Die gute Mischung ist wie bei allem anderen auch der sicherste Weg. Mein Wort zum Sonntag 😉

  2. Musik-Streaming ist natürlich ein nicht mehr umzukehrender Trend. Aber 66 Millionen physische Albumverkäufe sind doch gar nicht mal so schlecht, oder sehen Sie das als Experte kritischer?

      1. Doch immer wieder erstaunlich wie wenige Musiker von ihrer Kunst leben können. Damals wie heute.

    1. Im Pop-Bereich haben sich die Hörgewohnheiten stark verändern. „Plattenläden“ wie in meiner Jugend gibt es kaum noch. Schallplattenverkäufer sind seltener als Hufschmiede. In der Klassik ist es etwas anders, aber wer legt sich heute noch eine Bruckner-Sinfonie auf? Ich nicht.

      1. Dabei habe ich neulich gelesen, dass Schallplattenverkäufe zum ersten Mal seit langem wieder ansteigen. Aber vielleicht ist das auch nur ein Großstadtphänomen…

  3. „Non je ne regrette Rien“. Oder „No Regrets“ wie Robbie Williams etwas aktueller sang. (Größtenteils) Zufrieden mit seinem Leben ein zu können ist wohl ein großes Geschenk.

  4. Mein Smartphone möchte ich nicht mehr missen, auch im Urlaub nicht. Aber Sie haben schon Recht. Manchmal denke ich je mehr Technik wir zur Verfügung haben, desto weniger wissen die Menschen wie man sie sinnvoll benutzen kann.

    1. Ohne altklug klingen zu wollen: Ich glaube der große Unterschied liegt darin, dass die jüngere Generation nicht weiß, wie es sich ohne diese Technik gelebt hat.

      1. „Wissen“ w i r, wie es sich ohne WC, Antibiotika und Verkehrsmittel gelebt hat? Was noch nicht erfunden ist, kann man sich vielleicht irgendwie wünschen. Was man an Errungenschaften hat, wegzudenken, fällt schwerer. Wer sich Kriege, Ungerechtigkeit und Naturfrevel wegdenken kann, gilt als Hoffnungsträger. Naiv? Utopisch? Machbar? Der Optimist traut dem Menschen. Dem Pessimisten bleiben viele Enttäuschungen erspart.

      2. Das stimmt natürlich alles. Ich glaube trotzdem, dass wer ohne Internet und soziale Netzwerke aufgewachsen ist, es einfacher hat sich nicht im digitalen Leben zu verlieren.

      3. Irgendjemand Schlaues hat mal gesagt: Das größte Problem mit den Fortschritt ist – auch die Nachteile entwickeln sich weiter.

  5. Die ‚Entmachtung der Vergangenheit‘ klingt nach einer interessanten These. Ich muss wohl doch mal Safranski lesen. Entmachtung klingt natürlich dramatisch, aber eine andere Gewichtung ist wohl unbestreitbar.

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