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Europa im Kopf  —   2. Kapitel: Sachsen

#2.3 Der Gedanke ersetzt die Tat

Giuseppe kam als Erster, dann auch Rafał und schließlich Silke: Mit Kleid kann man sich ja viel effektvoller aufbrezeln als mit Hemd und Hose, und mit einer alterslosen Dame als Gallionsfigur oder im Schlepptau macht man ohnehin mehr her, als drei Kerle unterschiedlichen Alters das von sich aus vermögen. Martin hatte Ausgang.

Ob wir reserviert hätten, wurden wir gleich am Empfang des Hotels ‚Suitess‘ gefragt. Hatten wir. Die Adresse lautet: ‚An der Frauenkirche 13‘; in Wirklichkeit hat das Gebäude gar kein Gegenüber, sondern grenzt an den Vorhof und die Garageneinfahrt unseres Hotels, die Rafał so zugesetzt hatte. Nachdem die Empfängerin meinen Namen in ihrer Liste gefunden hatte, schickte sie uns zum Fahrstuhl, also nach oben. Ein etwas naseweiser Kellner empfing uns und führte uns an einem gähnend leeren Speiseraum vorbei nach draußen, wo es überraschenderweise stürmte. Die schlohweißen Tischdecken wehten, die wenigen Gäste wirkten wie Statisten im ‚Fliegenden Holländer‘, und durch einen schmalen Spalt konnte man tatsächlich einen Blick auf das Dach der Frauenkirche erhaschen. Also, so ein Sturm!

Foto: Boris Stroujko/Shutterstock

Wir standen den Prosecco durch und wechselten dann zerknirscht ins Innere. An so einem herrlichen Abend! Wie gut hatten es die Massen unten auf der heißen Straße. Wir im Grunde ja auch: sehr ausgedachte Speisen, sehr gestylte Räumlichkeiten, sehr von sich eingenommenes Personal – so stellt man es sich doch vor, wenn feine Leute essen gehen. Die Speisekarte hatte nicht mit Quatsch aufgewartet wie ‚Sieben Stunden gegartes Dies, an seiner Kruste konfiert, in einem Bett von Das aus den heimischen Wiesen, neben einer Hippe, voll karamellisiertem Jenem‘, sondern beschied den Esswilligen kategorisch: ‚Dry aged Rind/Taschenkrebs/Aubergine/Grapefruit‘. Ausgenommen, wenn auch nicht verarmt, sondern um einen verzichtbaren Eindruck bereichert, verließen wir den Gourmet-Tempel und trieben im lauen Strom dem Hotel entgegen. Silke ging in ihr Zimmer, ich in meins, Rafał und Giuseppe gingen in die Nacht. Also in die Neustadt.

Foto: Angel House Studio/Shutterstock

Es ist er- oder entmutigend zu sehen, wie unbekümmert Rafał mit seiner Sexualität umgeht, auch gegenüber Fremden. Ich habe das vor 40 Jahren ähnlich versucht, aber damals konnte man wenigstens noch darauf stolz sein. Heute komme ich mir mit meinen paar Skrupeln schon recht altmodisch vor und schäme mich, dass ich mich schäme. Sexuelle Verwegenheit habe ich allenfalls im Bett, nicht im Bekenntnis bewiesen. Zwar habe ich mich gern mal kurz auf schmalem Grat bewegt, aber wenn es kippelte, habe ich mich im Zweifelsfall lieber angepasst als aufgelehnt. Vieles kann man sich nicht aussuchen: Herkunft, Körpergröße, Veranlagung. Der Alkoholiker sieht in der Flasche immer auf den Pegel, der Moslem hockt sich beim Gebet immer Richtung Mekka, und der Schwule sieht in der Hose immer die Ausbuchtung. Wir sind alle unterschiedlich; das zu ertragen ist schwer, muss aber geleistet werden. Zu behaupten, wir seien alle gleich, ist unrealistisch, nicht mal wünschenswert. Und Andersartiges ist nun mal fremd, also nicht gemütlich. Auch ich habe ein ziemlich großes Verlangen, die, die einen anderen Geschmack als ich haben (also gar keinen), wegzusperren, aber nur bei den Intoleranten lasse ich mir das durchgehen: Sollen sie doch Weiber ficken, Allah anbeten oder Körner fressen, nur, wenn sie dasselbe von mir verlangen, dann hört der Spaß auf. Schwanz ab, Kopf ab! Klauen find ich nicht so schlimm, nur bei Graffiti auf restaurierte Fassaden auch: Hand ab!

Foto: Wikimedia/gemeinfrei

Der Gedanke ersetzt die Tat. Im Alter wird die Vorstellung von etwas bedeutender als dessen Umsetzung. Auf der Karte schmeckt mir ein Carpaccio besser als auf der Zunge. Die Vorstellung von Kirchen und Kerlen bedarf der Umsetzung nicht mehr. Bei der nächsten Begegnung wird alles mindestens so spannend wie bei der vorigen – diese Zuversicht nimmt ab mit der Zeit: allmählich übertüncht Einsicht die himmelstürmende Neugier der Unerfahrenheit. Der bis ins hohe Alter Naive hat es natürlich besser als der früh schon Übersättigte; für unerhebliche Außenstehende gibt der lüsterne Greis vielleicht eine komische Figur ab, wenn er sichtlich aufgeregt eine schöne Frau aus Marmor oder Fleisch und Blut ansteuert; dabei ist er in Wirklichkeit besser dran als jemand, dessen Abgeklärtheit auch für ihn selbst von Langeweile kaum zu unterscheiden ist.

Natürlich ist es schmeichelhaft, dass Rafał es ehrlich meint, wenn er mich mitnehmen möchte ins Getümmel, ohne dass er sich allerdings eine Vorstellung davon macht, wie reizlos Begegnungen werden, wenn man aufgehört hat, sich selbst reizvoll zu finden. Ach, Rafał, als ich so alt war wie du, blieb ich nie einen Abend im Hotel! Ich gönne dir alles, ich neide dir nichts. Ich bin auf meine Kosten gekommen, damals, und ich habe mit nichts als mit meinem Gesicht gezahlt, um alles zu bekommen, was ich wollte, im Bewusstsein, meine Partner weder oben noch unten rum von meiner Ausstattung her zu enttäuschen. Es reicht ja, dass ich mich immer noch kleide, als sei ich zeitresistent: ein wenig keckes Neunzehnhundertachtzig, allerdings farblich stimmig, schon wegen Silke, aber auch aus eigenem Antrieb. Carsten beneide ich genauso wenig. Ab Anfang fünfzig ist es vielleicht doch eher Pflicht als Kür, mit einem aufgedrehten Dreißiger seine Bar-Runden zu drehen. Ich selbst bekäme nicht mal die Gassi-Runden mit Sally hin. Freiheit, das war für mich: hinter dem Steuer mit unbestimmtem Ziel auf der Autobahn, mit dem Schreibblock am Cafétisch auf der Straße, mit Melodien im Kopf am Klavier, mit kräftigen Stößen tief im Meer. Und jetzt? Jaja, noch ein paar Träume, aber die Wirklichkeit hält mich gefangen.

Fotos (4): H. R./Privatarchiv

23 Kommentare zu “#2.3 Der Gedanke ersetzt die Tat

  1. Unnötig aufgepeppte Speisekarten sind total nervig und obendrein ziemlich altbacken. Der momentan angesagte Minimalismus (Makrele, Kohlrabi, Buchweizen, braune Butter) kommt mir da schon sehr entgegen.

    1. Ist sehr von sich eingenommenes Personal nicht eigentlich immer das beste Anzeichen, dass es doch kein so exzellentes Lokal war?

  2. Graffiti auf jederlei Fassaden ist schrecklich. Ich halt’s mit Lynch: Graffiti has pretty much ruined the world. (…) So much great architecture is graffitied over, so many great train stations, factories, are graffitied over and it’s a horrible, horrible thing. Trees have gone away and graffiti has taken their place.

      1. Banksy ist der erste, der blöde Buchstaben-Schmierereien verurteilen würde. Nicht jeder Dreck ist Kunst, und nicht jeder freigelegte Bauch taugt zur Pornographie.

  3. Wir sind alle unterschiedlich. Und dass trotz aller Unterschiede jeder gleich sein soll, gleich behandelt werden soll, ist die größte Herausforderung.

      1. Eigentlich ganz interessant: Von Natur aus sind die Menschen fast gleich; erst die Gewohnheiten entfernen sie voneinander. (Konfuzius)

  4. „Um einen verzichtbaren Eindruck bereichert“ LOL! Herr Rinke, Sie treffen in Ihren Posts so einige Nägel auf den Kopf.

  5. Ist es nicht auch spannend, dass im Leben nicht alles bleibt wie mit Dreißig? Ich frage mich wirklich. Oder ist die Jugend allein das eigentliche Leben?

    1. Dinge nicht mehr zu können ist nicht sonderlich spannend. Ein bischen Lebenserfahrung zu haben natürlich schon. Die Jugend vermisst man dadurch nicht weniger.

      1. Der politische und der kulturelle Wandel und die sozialen und die unsozialen Medien bieten die Möglichkeit, die eigene Stellung täglich neu zu betrachten, zu bestätigen oder zu verändern. Das ist eine Chance, die man ergreifen sollte. Daneben muss die Hoffnung als Trost reichen, genug auf die Pauke gehauen zu haben, als man noch im Orchester saß.

      2. Man muss sein Leben leben. Dann brauch man auch nicht wehmütig zurückschauen.

  6. Gähnend leere Speiseräume sind natürlich ebenso verdächtig wie die überlaufenen Pendants aus dem Touri-Führer. Bescheidene Zurückhaltung gepaart mit unaufgeregter Qualität wünsche ich mir in der Regel.

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