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Europa im Kopf  —   2. Kapitel: Sachsen

#2.5 Schlechtes Benehmen in feiner Umgebung

Das Wetter war ja schön, und so hatte der Tag es verdient, ebenfalls eine schöne Pause zu erhalten. Die bekam er schließlich auch: Schloss Pillnitz an den Weinbergen. Dass es die ehemalige Sommerresidenz Friedrich Augusts des Gerechten war und heute die größte chinoise Schlossanlage Europas ist, wusste ich nicht, war aber sowieso weder mit gerechten Augusten noch mit chinoisen Anlagen so richtig vertraut, nicht mal in chinesische Wertpapiere habe ich Vertrauen. Doch der Parkplatz war nah, das Schloss hübsch und die Kellner manierlich.

Foto: Marko Novkov/Fotolia

Nach einer unverplanten Ruhepause, die jeder nutzen konnte, wie ihm zumute war, ich zum Beispiel mit Gin Tonic auf dem Neumarkt, kam Schloss Eckberg dran. Wie man ja weltweit in der Grundschule lernt, plante der englische Großkaufmann Johann Daniel Souchay im Jahr 1859, seinen Lebensmittelpunkt in das Dresdner Elbtal zu verlegen, und ließ am rechten Elbhang einen reich gegliederten neugotischen Schlossbau errichten. Es passierte so dies und das, vor allem, dass 1883 der Generalkonsul Arthur Bruno Wunderlich das Anwesen erwarb und nach dessen frühem Tod 1909 seine Witwe das Schloss an den österreichischen Süßwarenfabrikanten Josef Weiser vermietete, dessen damals 18-jährige Frau Grethe Weiser später in deutschen Fünfzigerjahre-Witzfilmen für Gelächter sorgte. Aber wenn sich das Anwesen nicht inzwischen als Hotel mit Restaurant präsentieren tät’, wären wir trotz der bemerkenswert bürgerlichen Vergangenheit des Schlosses nicht hingefahren, denn was hätten wir bei der 1970 an den Folgen eines Fahrfehlers ihres Chauffeurs verstorbenen Frau Weiser gesollt, wenn es da nichts zu essen gegeben hätte?

Foto: wavebreakmedia/Shutterstock

So aber machten wir uns, anlassgemäß gekleidet, auf den Weg. Martin durfte, weniger schick, die Terrasse am abschüssigen Garten mit Elbblick und uns auf ihr filmen und dann filetsteaklos verschwinden, ich wollte das auch mal kurz, nach dem ersten Gang. Das Hauptgericht ließ auf sich warten, und ich versprach mir einen erhöhten Speisegenuss, wenn ich mich dessen entledigte, was meine Nieren vom Gin Tonic übrig gelassen hatten. Giuseppe begleitete mich, aber ‚kurz‘ ging nicht: Die Toiletten hatte Souchays Architekt wohl vergessen, und sie waren nachträglich irgendwo, wo noch Platz war, hingesetzt worden; jedenfalls mussten wir erst treppauf, dann einen Gang entlang und dann wieder treppab und um die Ecke.

Foto: H. R./Privatarchiv

Als wir endlich wieder an unserem Tisch eintrafen, war Rafał uns suchen gegangen, Giuseppes und mein Bestelltes ruhte unter Servierglocken, Silke saß still vor ihrem Rehrücken, und die Herren Ober werkelten im Hintergrund. Rafał hatte uns nicht gefunden, kein Wunder, wir waren ja hier. Ich sagte, wie man das so sagt: „Fangt doch an!“ „Nein“, sagte Silke, „ich warte.“ Ich weiß, dass niemand kalt gewordenes oder nicht genügend erhitztes Essen mehr verabscheut als Silke. „Also, fang doch an“, sagte ich. „Nein“, sagte Silke. Vielleicht war sie auch böse, dass ich zwischendurch so mir nichts, dir nichts aufs Klo gegangen war, starrte in ihr Wild und aß nicht. Nun wurde ich wütend, dann rede ich immer ziemlich schnell und laut. Was genau ich sagte, weiß ich nicht mehr, aber es kann so etwas gewesen sein wie: Alles Elend der Welt ist dir egal, an nichts nimmst du Anteil, aber an deiner Scheißhöflichkeit wirst du nochmal ersticken! Regen Anteil an unserem Tisch nahmen inzwischen alle anderen, bis auf die Kellner. Nun konnte Silke natürlich schon aus Trotz den erkaltenden Rehrücken nicht anrühren. Mir war auch klar, dass mit Worten nichts mehr zu bewirken war, riss die Glosche (Silke nennt sie ‚Cloche‘) von meinem Teller und schmiss sie ins Gras. Was ich gemacht hätte, wenn ich nicht unmittelbar neben dem Rasen gesessen hätte und die Cloche aus Meißner Porzellan gewesen wäre, muss genauso unbeantwortet bleiben wie die Frage, ob der Zweite Weltkrieg hätte vermieden werden können, wenn die Wiener Kunstakademie Hitler als Schüler akzeptiert hätte. „So“, sagte ich mit stolzem Grimm: „Jetzt kannst du anfangen!“ Das tat sie dann auch, genauer, sie pikte mit der Gabel in das zartrosa Wild, schnitt ein Fitzelchen ab und schob es sich zwischen die Zähne.

Foto: RTimages/Shutterstock

Inzwischen hatten auch die Kellner nichts Besseres mehr zu tun, einer befreite Giuseppe von seiner Servierhaube, der andere suchte nach meiner. „Dort unten …“, konnte ich ihm helfen. Er war wohl ein wenig überrascht, aber nicht sehr – so sind die reichen Leute nun mal: kein Benehmen. Für Silke war die Mahlzeit so schlecht wie beendet, für den Rehrücken noch nicht. Giuseppe hat Gott sei Dank einen gesunden Appetit. Mich freute selbst der Nachtisch wenig, sonst immer mein Lieblingsgang, weil danach Schluss ist, und es verdross mich, dass ich durch meine Unbeherrschtheit den so effektvoll gedachten Dresdner Abschiedsabend eingetrübt hatte. In lauer Dämmerung fuhr Rafał uns, munter wie meist, wieder in die Altstadt. Ich zog meine Anzugjacke aus, Silke zog sich zurück und Giuseppe und Rafał zogen los.

Mir blieben zwischen Lichtausknipsen und Einschlafen noch ein paar Minuten Zeit, den Sachsen nachzusinnen. Erst wollten sie den König nicht mehr haben, der daraufhin am 12. November 1918 gesagt haben soll: „So, so – na da macht eiern Drägg alleene!“ Dann wollten sie den Sozialismus nicht mehr haben und fanden: „Wir sind das Volk!“. Nun wollen sie den Ausländer nicht mehr haben. Dabei ist er ihnen als Tourist durchaus willkommen. Die meiste ‚Fremdenfeindlichkeit‘ ist in Wirklichkeit ‚Armenfeindlichkeit‘, weltweit. Vielleicht sind die Sachsen einfach bloß aufmüpfiger als der Rest der Deutschen. Dann würde die Nazihysterie der Besorgten nicht viel nutzen. Jaja, wehret den Anfängen! Aber auch denen von Verteufelung.

Foto: Wikimedia/gemeinfrei

Endlich wieder ein Landstraßentag. Hotelgäste, die unsere Gepäckmassen sahen, vermuteten eine Reisegesellschaft, Martin klärte sie auf, dass das alles uns gehörte. Ich war sehr gerührt, dass er es rechtzeitig aus dem Bett geschafft hatte. Er sollte uns in Zukunft am besten direkt folgen, weil wir einfach das bessere Navigationssystem hatten. Vor neun Tagen hatten wir die Hansestadt Hamburg verlassen, hatten das Herzogtum Lauenburg und das Großherzogtum Mecklenburg durchstreift und waren fünf Tage lang mitten in Preußen gewesen. Nach drei Tagen im Königreich Sachsen überquerten wir nun die Grenze zum Reich der Habsburger, das wir erst am allerletzten Oktobertag wieder verlassen werden. Als abschließende Erinnerung an die DDR reichen ein paar Aufbruchsbilder; ihr Niedergang ist uns ja geläufig.

Foto links: Wikimedia/gemeinfrei | Foto rechts: dimm3d/Shutterstock | Foto unten: Olga Drozdova/Shutterstock

24 Kommentare zu “#2.5 Schlechtes Benehmen in feiner Umgebung

  1. Ich wusste noch gar nicht, dass Sie so ein Rumpelstilzchen sein können. Servierglocke im Garten klingt trotzdem lustig. Zumindest wenn man nicht direkt involviert ist.

      1. Wobei ich jetzt wenigstens erwartet hätte, dass sich der Streit der Rinke-Reisegruppe in eine ordentliche Terrassen-Tortenschlacht zwischen Gästen und Personal ausweitet. Vielleicht ein anderes Mal?

      2. Und noch mehr als die Wahl macht mir die „Unteilbar“ Demo in Berlin Hoffnung. Wenn 250.000 Menschen gemeinsam gegen rechts auf die Straße gehen, ist das ein eindrucksvolles Zeichen gegen AfD und Nationalismus.

  2. Ich würde am liebsten auch gleich für eine ganze Reisegesellschaft packen wenn ich in Urlaub fahre. Mein Partner hält mich immer ab.

      1. Wobei anregen natürlich nicht unbedingt immer heisst zu allen Ideen und Gedanken des Partners „Ja“ zu sagen. Ein „Nein“ kann manchmal sehr viel anregender sein 😉

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