Am Sonntag fiel die Dampferfahrt die Elbe herauf ins Elbsandsteingebirge nicht ins Wasser, sondern, im Gegenteil, aus, weil die Elbe ausgefallen war. Das wussten wir schon seit Samstagmittag, so dass ich bereits einen Elb-Ersatzplan hatte schmieden können, der Martin enger einband.

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So bretterten Rafał mit seiner Mannschaft und Martin mit seiner Drohne die Autobahn entlang, entgegengesetzt zur Elbe, der die Hitze noch mehr zugesetzt hatte als den abgehärteten All-inclusive-Touristen. Auf dem Schiff hätten wir mehr Landschaften gesehen, so würden wir mehr Ortschaften sehen, versuchte ich, mir den Bootsausfall schönzureden.

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Erster Haltepunkt: Pirna. Ein niedliches Städtchen, auf dessen ziemlich leerem Marktplatz, den wir vom Schiff aus nicht hätten sehen können, es noch zu früh war für Radebeuler Riesling, so dass selbst ich Espresso trinken musste. Martin ließ die Drohne steigen. Das Wundervolle an ihr ist: Sie vermittelt keine Urlaubseindrücke oder Hier-war-ich-Beweise, sondern hebt den schmächtigen Schauplatz empor ins Allgemeingültige. Da unten habe ich bloß am Kaffee genippt, aber die Drohne zeigt die Perspektive, aus der Gott mir dabei zugucken konnte.

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Als nächster Stopp was das Zentrum von Königstein vorgesehen. Wir brachen etwa gleichzeitig auf, verloren aber Martin auf der hügeligen Strecke. Das Zentrum von Königstein war es nicht wert, so genannt zu werden. Wir warteten eine Weile auf Martin, dann sprach ihm Silke auf die Mailbox, dass wir uns auf den Weg zur Festung machen würden, das sollte reichen.

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Die ‚Festung Königstein‘: Man sah überhaupt noch nichts, da verlangten schon Schilder, man solle nicht weiterfahren, sondern parken. Meines Krüppel-Status bin ich mir selbst-bewusst, und so ermunterte ich Rafał, sehr wohl weiterzufahren. Nach einer Weile sollte man nochmal parken, was, da alle anderen ja schon vorher hätten parken sollen, offenbar bloß unseretwegen dort geschrieben stand. Und wieder taten wir es nicht, sondern fuhren bis zu dem Platz, an dem wirklich alles zu Ende war. Dort standen noch andere Autos im Schwerbehinderten-Bereich. Rafał zückte die Kopie meines Invaliden-Ausweises und legte sie ins Vorderfenster, während Silke schon nach Eintrittskarten anstand.

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Wir gingen mit ihr und Billetts in einen Felseingang, in dem wir den Fahrstuhl vermuteten und wo auch wirklich etwas Vorsintflutliches stand. „Der ist heute kaputt“, sagte einer, der offenbar vom Fach war. Missmutig traten wir wieder ins Freie, und schnell wurde uns klar, dass wir mit sächsischem Humor Bekanntschaft gemacht hatten: Im Nachbareingang wartete der hochmoderne Lift darauf, uns in die Höhe zu transportieren. Ja, da oben war es wirklich hoch. In ihrem Internetauftritt fragt die Festung als Schlagzeile forsch: ‚Schon erobert?‘ Ein deutlich nachsozialistischer Marketingansatz. Die Anlage ist 1233 zum ersten Mal erwähnt worden, das ist eine Dimension, hinter der sich sowohl die zusammengebrochene wie auch die nachgebaute Frauenkirche getrost verstecken können. Wir gingen rundherum und sahen nach unten: Da irgendwo musste Martin sein.

Foto oben: M. D./H. R. Privatarchiv | Foto unten: helmutvogler/Fotolia

Der Tafelberg erhebt sich aus ziemlich flachem Gelände, darum kann man von dort aus Feinde rechtzeitig nahen sehen, Freunde natürlich auch, wenn der Küchenknappe den Tisch noch nicht gedeckt hat. Nur von Martin keine Spur. Allein waren wir trotzdem nicht, aber mehr noch als Menschen gab es Wespen, besonders auf jenem Teil des Hofes, der einer wehrumschlossenen Speisewirtschaft zugebilligt worden war, wo ich weniger meinen Magen füllen als meine Beine entlasten wollte. Ich achtete darauf, nichts Süßes zu bestellen, um die Wespen nicht unnötig zu reizen, weil das bereits Silke durch Umsichschlagen besorgte. Erst kamen nur Getränke, aber dann kam auch Martin, tobend wie aus einem Wespennest gesprungen. „So mach’ ich das nicht mehr mit! So geht das nicht! Ich habe da unten ewig gewartet.“

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Martin ist jünger als ich, also ist seine Ewigkeit länger als meine, was seine Aufgebrachtheit vielleicht erklärte, aber auch Silkes Einwand, sie habe ihm auf die Mailbox gesprochen, konnte ihn nicht besänftigen. Ich pendelte aus, ob ich ihm die Starker-August-Suite des ‚Steigenbergers‘ anbieten oder ihn rausschmeißen sollte, besann mich dann aber der Kompromissfähigkeit meines Vaters und schlug vor, dass wir fürs Erste getrennter Wege gehen, bis wir uns auf der von ihm als ‚das Größte‘ beschriebenen Bastei – blickmäßig das reinste Drohneneldorado – wiedertreffen würden. Im Gegensatz zu uns war Martin schon, anderer Angelegenheiten halber, in Sachsen unterwegs gewesen, und so gab es ausnahmsweise keinen Grund, ihm zu misstrauen. Wir tranken unsere Eigentümlichkeiten aus, er verscheuchte seine Wespen, und weiter ging das, was eigentlich als Elbsandsteinbootsfahrt geplant gewesen war.

Foto oben: M. D./H. R. Privatarchiv | Foto unten: BobbyBo/Shutterstock

Als wir wieder an unserem neuen Diesel waren, stand dort eine Sächsin. Sie war trotz Sonntags in amtlicher Funktion vor Ort: Ihr gefiel mein Behindertenausweis nicht. Sie hätte gern gewollt, dass ich noch behinderter gewesen wäre und eine dementsprechende Plakette am Mercedes darauf hingewiesen hätte. Mir war der Sachverhalt im Grunde klar, ich tat aber genauso unbeleckt wie dreiundvierzig Jahre zuvor bei den beiden Polizisten am Volkspark, war nur etwas weniger besoffen, also noch glaubwürdiger. Sie ließ uns, dementsprechend, mit einer sanften Ermahnung ziehen. Über ihr Verfahren mit dem nebenan parkenden Martin-Diesel machte ich mir allerdings keine Illusionen.

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Nächste Station unserer Autofahrt war, was das Ende unserer Schifffahrt hatte werden sollen: Bad Schandau. Ich wollte mich durch den Namen nicht verdrießen lassen: Schandau klingt etwas wie Schweinssau. Namen wecken gewisse Vorstellungen aus deren Tiefschlaf: ‚Grandhotel Belvedere‘ lässt anderes vermuten als das denselben Sachverhalt beschreibende ‚Gästehaus Schönblick‘. Wo es dann wirklich erfreulicher ist, weiß man erst, wenn man da war. Also, um es kurz zu machen, Schandau war eindeutig nicht ‚Belvedere‘, sondern Schönblick, aber das Schlimmste war doch die Bastei.

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Wieder mal, wie fast überall auf unserer Tour, sollte man das Fahrzeug kilometerweit vom anvisierten Ziel entfernt stehen lassen, und die Massen von Fußgängern, die uns widerwillig Platz machten, bezeugten, dass sie behindertenausweislos dieser Aufforderung nachgekommen waren. Als es wirklich nicht mehr weiterging, stand da ein Hotel, als dessen Gast ich mich notfalls, zusätzlich zu meiner Versehrtheit, auszugeben plante, sollte es hart auf hart kommen. Rafał rangierte zwischen den Leuten herum, ich taperte mit Silke als rechtem Halt und Krückstock als linkem in Richtung Sehenswürdigkeit. Offenbar fiel direkt neben einer DDR-Raststätte der Felsen steil ab, und der Anblick musste einfach großartig sein. Der Geruch aus der Küche war es nicht, er war noch grauenhafter, als die auf einer Tafel aufgeführten Speisen den Gaumenfreund ohnedies vermuten ließen. Wo man schlecht isst, nutzt auch der Blick nichts, egal, wie satt man ist. Wir stiegen zurück ins Auto, das Rafał unter größten Mühen in die Umkehrrichtung gezwungen hatte und verließen die Bastei angewidert. Ich hielt den von uns gestörten Fußgängern durch das Seitenfenster meinen Stock entgegen und sie konnten sich selber ausmalen, ob das dankend oder drohend gemeint war.

Foto links: Ints Vikmanis/Shutterstock | Foto rechts: MarekKijevsky/Shutterstock

22 Kommentare zu “#2.4 Plan B

  1. Wenn Gott dieselbe Aussicht hat wie Martin’s Drohne, fragt man sich gleich ob er andersherum auch ab und an reinzoomt um den Touristen beim Espressotrinken zuzuschauen. Wahrscheinlich eher nicht.

    1. Gott hin oder her, der Ausblick auf die Festung Königstein ist jedenfalls ziemlich toll. Wahrscheinlich sogar spannender als oben zu stehen und runter zu schauen.

  2. Bei Wespen und dem damit einhergehenden Umsichschlagen muss man ja eigentlich sogar aufpassen. Ich habe gerade erst gelernt, dass Wespen töten mit Bußgeldern im Tausenderbereich geahndet wird.

  3. Ist die Ewigkeit in jungen Jahren wirklich länger? Entschleunigt sich das Leben im Alter? Ich habe irgendwie immer das Gefühl, dass die Zeit davon rast.

    1. Ich kenne beides. Das Gefühl, dass man weitaus weniger gehetzt durch’s Leben geht wie auch den Eindruck, dass einem die Zeit wegrennt.

      1. War das nicht schon mit 16 so? Die Zeit der Physikstunde war eine andere als die des Musikmachens. Damals dachte man nur weniger darüber nach, weil der Rest nicht so kostbar war. Rennen tut natürlich nicht die unverrückte Zeit, nur wir laufen hinter den abfahrenden Zügen her.

  4. Ich warte schon darauf, dass bald sämtliche Touristen am Brandenburger Tor oder vor’m Eiffelturm ihre Drohne auspacken. Prost Mahlzeit.

    1. In Deutschland laut Google wohl schon rund 400.000 Dinger. Immerhin gibt es mittlerweile eine Kennzeichnungs- und Versicherungspflicht.

    2. Um 1900 hat auch keiner gedacht, dass 100 Jahre später beide Bauwerke von Autos und Bussen umtost sein würden.
      Und in wieder 100 Jahren? Sieht man die Wahrzeichen Zuhause in 3D, und auf der Straße herrscht wieder Ruhe, weil Sightseeing in den eigenen vier Wänden stattfindet und Elektro-Autos keinen Lärm machen?

      1. Per Google Street View kann man ja heute schon durch die Städte reisen ohne dort zu sein. Als Ersatz für den Besuch dient das aber wohl noch nicht.

    1. Spannung findet im Kopf statt, nicht auf der Straße. Die einen erleben schon etwas, wenn sie Hausfrauen bei Aldi beobachten, die anderen kommen von einer Weltreise zurück und langweilen ihre Umgebung mit banalen Erzählungen.

      1. Richtig. Und die besagten Reiserezählungen kenne ich aus meiner Verwandtschaft nur zu gut.

      2. Genau deswegen gibt’s auch wahnsinnig spannende Romane in denen eigentlich gar nich viel passiert…

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