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1910
Europa im Kopf  —   3. Kapitel: Böhmen

#3.2 Was kein Prager missen möchte

Im Osten herrschte bis 1989 die Partei, aber nicht durchgehend Ruhe. Am 16. Januar 1969 verbrannte sich der tschechoslowakische Student Jan Palach selbst und lief in Flammen stehend vom Nationalmuseum auf den Wenzelsplatz. Auf dem saßen wir nun, doch statt des Atems der Geschichte wehten in der Nachmittagshitze leicht bekleidete Gestalten an uns und unseren Drinks vorbei. Der Unterschied zu 16.00 Uhr auf der Reeperbahn war nicht gravierend, musste ich mir eingestehen. Aber auf so denkwürdigem Pflaster bei 38° im Schatten einen Long Island Iced Tea zu trinken (Rum, Wodka, Gin, Tequila, Triple Sec Curaçao und Cola), das war schon etwas Besonderes, das hätte 1968 nach dem Truppeneinmarsch des Warschauer Pakts kaum jemand für möglich gehalten: in jedem Fall eine wichtige Begegnung von Geschichte und Getränk, die nicht obendrein auch noch schön sein muss. Einem weiteren Prokuristen meines Vaters gehört deshalb das Wort. Herr Milde war 1958 zum ersten Mal in Italien gewesen, in irgendeinem Adria-Kaff. „Na, hat es Ihnen gefallen?“, fragte Guntram leutselig. „Nein“, antwortete Herr Milde, „aber jetzt kann ich mitreden.“ Geht so Politik?

Foto links: H. R./Privatarchiv | Foto rechts: S_Photo/Shutterstock

Als ich beim Schreiben an dieser Stelle war, habe ich mir im Internet die ‚Prager Sinfonie‘ aufgerufen. Selbstverständlich hätte ich auch eine Scheibe Prager Schinken essen können, aber die ist analog nicht zu ergoogeln. Da höre ich nun Musik und kann nachempfinden, dass das mal mein Leben war. Ich weiß jeden Takt im Voraus, und ich weiß, wann in der Durchführung die Verdichtung der Motive stattfindet, und wann, kurz vor der Reprise, die Aufwärts-Sequenzierung. Was ich beim Hören dieser Musik spüre, was mein Wissen um die Fertigkeit, so etwas erschaffen zu können, bedeutet – das wird mit mir untergehen. Schlimm? Gläubigere vertrauen darauf, dass ihre Erkenntnisse in eine Art Allbewusstsein eingehen, wenn sie eingehen. Tröstet das? Wir fragen uns, was nach dem Tod so alles kommen wird: vielleicht Kränze, vielleicht Ruhm, vielleicht Urenkel, vielleicht eine bessere Welt, bestimmt Vergessen, unweigerlich der Untergang des Universums, Himmel oder Hölle, irgendetwas? Tröstet das? Ich, ja, ich ‚lausche‘, Mozarts Sinfonie, die am 19. Januar 1787 in Prag uraufgeführt wurde, und bin ungefähr so glücklich, wie es mir zusteht.

Foto oben links: Public Domain/Wikimedia Commons | Foto oben rechts: Jan Rose/Fotolia | Foto unten: Alessandro Cristiano/Shutterstock

Wenn Silke den Raum betritt und ich höre gerade etwas am Notebook, schmerzt es sie noch mehr, als wenn ich vor ‚McDonalds‘ angehalten hätte. „Dass du das kannst!“, wundert sie sich. Silke hört den Klang, ich höre die Noten. Silke erlebt die Form, ich erlebe den Inhalt. Beethovens beschissene Siegergewissheit mit seiner widerlichen ‚Ode an die Freude‘ soll meinetwegen untergehen, aber für Mozarts späte Sinfonien und Schuberts letzte Streichquartette würde ich viele Leben, auch mein eigenes altes, opfern, hätte das aber auch früher, als ich jung war, getan. Oder? Was ist ein Leben wert? Ein Polizistenleben für Ulrike Meinhof, ein Jan-Hus-Ketzerleben für die Inquisition, ein Hühnerleben für PETA, ein Flüchtlingsleben für Schlepper? Für die Mona Lisa würde ich kein Leben opfern, für Frieden im Nahen Osten auch keins, für assyrische Kunst? Wenn ich zu entscheiden hätte und ein IS-Kalif mich vor die Wahl stellte, einen Christen zu köpfen oder einen Tempel zu schleifen, dann würde ich abwägen: Den Christen vermisst keiner, das Kulturzeugnis ist der Menschheit auf immer verloren. Und dann? Ein weiterer Christ, ein weiterer Tempel? Achthunderttausend ungarische Juden des Kastner-Abkommens 1944 gegen Devisen, mit denen die Nazis ihren Krieg gewinnen wollten? Rette sich, wer kann. Ich kann nicht und ich muss nicht, deshalb führen solche hypothetischen Fragen nirgendwohin, allenfalls zur Selbsterkenntnis, aber die ist auf unserer Reise nicht gefragt. Wir wollen erkennen, was andere zu bieten haben, Rafał und Giuseppe nachts, Silke und ich tagsüber.

Foto links: DeAgostini/Getty Images | Foto rechts: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Das führte uns per Taxe ins ‚Café Louvre‘, das ‚wohl kein Prager vermissen möchte‘, las ich. Also von mir aus kann der Kalif es abreißen. Dafür lass’ ich keinen Journalisten köpfen. Man hat sich, für ein Café ungewöhnlich, zu Fuß in den ersten Stock zu begeben, und zwar in einen, unter dem ein reichlich hohes Parterre liegt, aber dann kann man dort Kuchen essen und auf eine Straße gucken, die sich von der Paderborner Hauptstraße dadurch unterscheidet, dass sie schmaler ist. Ich aß weder Kuchen noch sah ich groß runter, Hauptsache, dass Martin die Örtlichkeit filmte und den Billardraum hinten auf meine Anweisung hin erst recht, zumal dort ein ungeköpfter Journalist deutlich ‚den Geist Kafkas‘ verspürt hatte, wie er übers Internet wissen ließ. Ob das aufs Schloss, zum Prozess oder gar zur Verwandlung in einen schützenswerten Käfer geführt hat, wurde mir auch beim Lokaltermin nicht klar, aber dann gingen wir ins Restaurant, ein Zimmer weiter. Dort war es vor allem heiß. Dieser Eindruck war so prägend, dass die Menschenleere und die Buchstaben der Speisekarte dagegen verblassten. Bei der telefonischen Vorbestellung war Silke eingeschärft worden, ja pünktlich zu sein; wir hatten deshalb mit hohem Besucherandrang gerechtet. Nun wurde uns klar: Das Personal wollte vor zehn zu Hause sein.

Die erste Nacht in Prag verbrachten die beiden Buben wie die letzte in Dresden: unterwegs. Martin war längst drohnig abgeschwirrt. Silke und ich erlebten die allererste böhmische Nacht in unserer beider Leben in unser beider Betten. Es gibt Schlimmeres unterwegs.

Foto: Party people studio/Shutterstock

29 Kommentare zu “#3.2 Was kein Prager missen möchte

  1. Das Café Louvre habe ich zwar ausgelassen, ich erinnere mich aber schon, dass bei meinem letzten Besuch eine Unmenge an Kuchen in meinem Bauch gelandet ist. Immer noch so spottbillig dort. Wobei das ist auch schon wieder 11 Jahre her…

      1. Billig ist nicht immer gut. Die Menschen die in Cambodia giftige Dämpfe einatmen, damit das Primark T-shirt schön billig ist, würden sicherlich nicht zustimmen.

      2. Ich glaube, es ging hier nicht um die Verlierer der Globalisierung, sondern um gutes Essen, für das Lara Joost nicht immer nach dem Preis schielt, sondern mehr zu bezahlen bereit ist. Bei jedem Bissen und bei jedem Stück Stoff ein schlechtes Gewissen zu bekommen, wenn man den Bauern oder die Näherin nicht gekannt hat, ist sicher ehrenwert, aber leider ist unsere digitale Überwachung noch nicht ganz so weit, solche Verstöße zu ahnden.

  2. Mit jedem neuen Gerät wird wieder gelobt wie sehr sich der Klang verbessert hat, wie toll die neuen Lautsprecher doch sind. Die Prager Sinfonie höre ich trotzdem lieber über meine Anlage oder im Konzertsaal. Da hat Silke schon recht.

    1. Es kommt natürlich immer darauf an in welchem Zusammenhang man Musik hört. Zum Arbeiten reicht ein Laptop, für den Genuss weniger.

      1. Irgendwie hört man in den TV ads auch selten: Hey Alexa, spiel mal die Prager Sinfonie.

      1. Ich habe auch schon gehungert wenn McD die einzuge Option etwas zu essen zu bekommen war…

      2. Wer im wahren Sinne hungert ist alles. Das Leid muss nur groß genug sein.

    1. Haha das habe ich mich auch schon gefragt. Es klingt als gäbe es in jeder deutschen Kleinstadt eine ausgeprägte Partyszene.

      1. Berlin, Dresden und Prag würden sich, glaube ich, ungern als „deutsche Kleinstädte“ bezeichen lassen. Überall, wo viele Touristen sind, ist jeden Abend Samstag. Das war schon vor dreizig Jahren so, als auch ich mein Hotelzimmer bis zum Morgengrauen gemieden habe.

      2. Hahaha stimmt natürlich. Ich nehm’s zurück. Es macht aber den Anschein, dass auch die kleineren Zwischenstops kein Hindernis sind.

  3. Aaahhhh wie war das nochmal mit der Kunde ist König? Diese Lokale, die einen am liebsten gleich wieder vor die Tür setzen würden nerven mich gewaltig.

      1. Dass der Kunde „König“ ist, wurde besonders deutlich im Sozialismus: Privilegien abgeschafft, Adelstitel ein Makel.
        Im Kapitalismus ist der Kunde nur deshalb König, weil er zur Konkurrens abwandern könnte. Lob der Angebotsvielfalt!

      2. Eine der ganz ganz wenigen Sachen, die früher tatsächlich mal besser waren. Es gibt durch die Konkurrenz des Online-Handels einfach viel zu wenig Fachgeschäfte mit geschultem Personal. Dass die Aushilfe, die in der Stunde 8€ bekommt, kein großes Interesse an einer möglichen Stammkundschaft hat, wundert mich nicht sonderlich.

  4. Herr Milde gefällt mir 🙂 Es ist ja viel absurder, wenn’s einem überall gefällt. Mir klingelt’s in den Ohren: Da war’s auch schön. Da war’s auch schön. Ja da war’s auch schön…

      1. Wenn man sich und anderen dieses Leben lebenswert macht, ist es auf jeden Fall für etwas gut. Reicht das nicht?

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