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Europa im Kopf  —   3. Kapitel: Böhmen

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#3.5 Im hängenden Café

Silkes und mein Arbeitstag begann um 11.00 Uhr mit einer weiteren Rikscha-Fahrt; Velotaxi heißen diese Folterinstrumente hier. Die anderen drei waren schon mit Sightseeing beschäftigt. Dem höchst unattraktiven, charmelosen, aber pünktlichen Folterknecht schärfte ich in meinem besten Englisch ein, dass wir nicht die Neustadt, sondern die Altstadt und die andere Seite sehen möchten, was für ihn lästig, aber unvermeidlich war. So ruckelte er uns über Straßen und Plätze, dass mir Hören und Sehen verging. Da ich aber wusste, dass dies die letzte Rikschafahrt der Reise war, versuchte ich, den Ausflug andächtig zu genießen und mir nichts von Prag entgehen zu lassen. Das war gar nicht so einfach; denn zum Beispiel die Karlsbrücke war nicht nur für den Autoverkehr, sondern sei auch für ihn gesperrt, behauptete er jedenfalls. Da war unser Dresdner Fahrer mutiger gewesen. Trotzdem sahen wir so ziemlich alles, was ich nicht zu beschreiben brauche, weil man es im Reiseführer nachlesen kann, und schön ist es sowieso.

Foto oben: dimbar76/Shutterstock | Foto unten: tanialerro.art/Shutterstock

Rad gefahren zu werden ist ja nicht ganz das gleiche wie selber zu laufen, nach langem Gehen können einem schon mal die Füße wehtun. Velotaxi ist anders: Meine Beckenknochen waren ziemlich alarmiert, meine geschälte Prostata revoltierte, die Gegend, die Damm heißt, fühlte sich bereits narkotisiert an, ich überlegte, ob ich gleich losexkrementieren oder losurinieren würde, entschied mich dann aber doch für Kopfschmerzen. Unser Fahrer machte in immer kürzeren Abständen Pausen, weil seine Tretvorrichtung, wohl eine Art Minimotor, immer wieder versagte und ich den Eindruck gewann, dass die Tour für ihn allmählich genauso anstrengend wurde wie für uns, nur dass für uns alles neu und interessant war, für ihn alles alltäglich, bis auf die versagenden Pedalen.

An einer stinkigen, lärmigen Ecke sagte er, nun sei die Fahrt zu Ende, zumal er die Steigung zur Burg mit seiner Kutsche auch unter günstigeren Umständen nicht schaffen würde. Silke zahlte. Es gibt hier ja nicht nur eine schwierige Sprache, sondern eine kaum umzurechnende Währung. Über sein Handy mühte sich der abgestrampelte Velotaxer, uns ein Autotaxi zu besorgen. Ich hatte gelesen, dass man nicht irgendwelchen Anbietern vertrauen dürfe, man würde sofort übers Ohr gehauen, und das war Martin auch prompt am ersten Abend passiert. Die Fahrt zum ‚Louvre‘ hatte ihn viermal so viel gekostet wie uns. Ich nannte unserem Stadtrundfahrer zwei Taxiunternehmen, die der Reiseführer empfahl. „No, no“, wehrte er gleich ab, „very bad!“ Das machte mich misstrauisch. Sollten wir abgezockt werden? Da kam gerade eine Taxe vorbei. Am Steuer saß eine junge Frau, und ich traute mir zu, ihr mit meinem Krückstock zuzusetzen, falls sie mir unziemlich an die Wäsche oder ans Portemonnaie wollen würde. Wir ließen unseren bedepperten Chauffeur stehen und vertrauten uns ihr an. Ihr machte die Steigung empor zum Hradschin nichts aus, und unsere Sitzbacken freuten sich mit ihr. Auf dem Weg zur Burg entdeckten wir am Straßenrand zu unserer Überraschung ein Schild ‚U Zavěšenýho Kafe‘, wie auch immer man das ausspricht; jedenfalls hatten wir dort reserviert.

Foto: RossHelen/Shutterstock

Es ist schon wahr, aus dem Autofenster sieht man etwas weniger als vom Fahrradsattel, aber so viel bequemer! Die ganze Burganlage teilte sich mir mit, nun kannte ich – oberflächlich – also auch Prag. Mein Chef hatte mich zweimal zum Prager Frühling schicken wollen, damals, als Prag noch im Ostblock lag und alles so ‚echt‘, wie Kenner sagen, also verkommen war. Beide Male traten Interpreten auf, für die ich zuständig war, aber das eine Mal musste/wollte ich zur selben Zeit nach Moskau, das andere Mal nach New York. So lerne ich Prag eben erst jetzt als Disneyworld kennen, das ist mir eigentlich fast lieber. Diese Disneyhaftigkeit hat mir schon auf dem Dresdner Neumarkt so gut gefallen und im Original in Orlando 1978 erst recht. Die Connaisseurs sagen natürlich: „1970, ach, damals war Capri viel mondäner, Mallorca viel ursprünglicher und Mykonos viel schwuler.“ Dieselben Leute wissen nicht, dass Marie Antoinette und Louis XVI Zeitgenossen waren und welcher von beiden mit dem anderen verheiratet war, höchstens, dass diese Ausdrucksweise gender-inkorrekt ist und man dafür unter die publizistische Guillotine gehört.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Sauberer Kitsch ist besser als stinkender Dreck, und falsche Freundlichkeit macht froher als echte Frechheit, zumindest auf Reisen, wenn man sowieso am nächsten Tag wieder weg ist. Nun, da ich auch Prag abhaken kann, fehlen mir in Europa neben den baltischen Hauptstädten bloß Tirana und Sofia. Damit kann ich leben, obwohl ein Ostseetrip nach Riga und Tallin vielleicht auch eine gute Sommeridee wäre. Aber – nun waren wir erst mal vor dem ‚Hanging Coffee‘, wie eine Übersetzung verriet. Giuseppe stand auch schon da, und Rafał parkte gerade. Die Gaststätte lag tatsächlich an der so steil zur Burg führenden Straße, dass sie fast am Berg hing.

Foto: ThomBal/Shutterstock

Ich war enttäuscht. Ich hatte einen Vorgarten oder Innenhof erwartet, aber es gab nur einen pittoresken kleinen Raum mit absonderlichen, bunten Gemälden, altmodischen Fotos und einer flaschenreichen Bar. Gäste gab es keine, fast wie immer, aber hinter der Theke einen aufmerksamen jungen Mann mit sehr modernem Haarschnitt, der weder sprachlich noch räumlich Mühe hatte, uns den vorbestellten Tisch anzuweisen. Martin war, wie zu erwarten, genauso wenig zugegen wie andere Gäste, dafür kam, vom netten Wirt gereicht, die Speisekarte.

Foto: Roman Samborskyi/Shutterstock

Ich orderte ‚uzený mates s cibulkou‘ und ein Bier. Martin, als er dann über Handy herbeikomplimentiert worden war, gleich zwei: Es war aber auch so heiß, dass es in dieser krimskramsgesättigten Höhle womöglich geruhsamer zuging als in einem Gartenlokal. Wir bekamen alle, was wir bestellt hatten, ich also geräucherten Hering mit Zwiebeln. Es schmeckte alles ausgezeichnet. Das Rauchige verlieh dem Hering so viel Würde und die eingelegte Zwiebel so viel Frische, ich vergaß direkt, dass ich nie Appetit habe, und so eine leere Bude setzt ja sowieso weitaus weniger unter Druck als ein Restaurant, in dem die Ober all ihre Sterne am Revers, auf Pasta-Teller und im Gemüt tragen. ‚Mates‘ hat doch wohl nichts mit Matjes zu tun, dachte ich noch so, da kamen sechs Italiener herein und setzten sich neben uns; „für Giuseppe sicher sehr schön“, dachte ich gönnerhaft, wenngleich wissend, wie wenig mich selbst Landsleute im Ausland begeistern; da kamen auch schon Japaner, denen wir im slawischen Prag nichts Gleichartiges zu bieten hatten, obwohl Guntram sich immer darüber lustig machte, dass wegen des verbindenden und verbündenden Faschismus die Japaner von Hitler als ‚artverwandte Heldenrasse‘ tituliert worden waren. Stolz war ich, als wir gingen und schon einige Interessenten weggeschickt worden waren, weniger auf meine halbarische Abkunft als darauf, dass ich den am Hang und in der Luft ‚hängenden‘ Geheimtipp realisiert hatte, eine halbe Stunde, bevor er zum Allgemeingut geworden war.

Foto links: Wikimedia/gemeinfrei | Foto rechts: Alexey Mashtakov/Shutterstock

Den Nachmittag verbrachte ich mit Nichtstun. Die katholische Kirche hatte ja schon im Mittelalter damit gedroht, dass der Himmel so etwas ahnde, aber die Protestanten, als die Neuen, mussten dem lieben Gott nach der Reformation beweisen, dass sie noch unerträglicher sein konnten als ihre Vorgänger, wie das unter Weltverbesserern üblich ist: Die Zeit sei zu kurz und zu kostbar, um sie anders zu verbringen als in unermüdlicher Vorbereitung auf das wahre, das ewige Leben, predigten sie. Safranski zitiert: „Geselligkeit, ‚faules Gerede‘, Luxus und mehr Schlaf als nötig sind sittlich absolut verwerflich.“ Das gibt Hölle! Ach!? Zusammenhocken mit Freunden, ‚fleißiges Gerede‘, Luxus und meine Traumwelten bei so viel Schlaf wie möglich sind für mich essenziell; noch ein bisschen Rumdenken dazu: Fertig ist mein Leben.

Fotos (3): Wikimedia/gemeinfrei

Für den Abend musste ich mich dann allerdings in Schale werfen. Wie macht man das bei 36°? Die Schuhe können es richten, und man legt ein Eau de Toilette auf, bei dem der gebildete Kellner gleich erschnuppert, dass man aus besserem Hause ist. In dieser Beziehung kann man sich auf Silke voll verlassen, und jeder vor uns Männern tat sein Übriges, um sich aus der Masse der Touristen emporzuheben; dafür durften wir dann auch ganz nach unten: In der ‚Hergetova Cihelna‘ bekamen wir einen Tisch unmittelbar an der Moldau mit Sicht auf die Karlsbrücke. Als wir an all den anderen vorbei zu unseren Plätzen geleitet wurden, stellte ich erleichtert fest: Dies würde, wie geplant, der Höhepunkt unseres Prag-Aufenthalts werden. Martin filmte und ging, wir blieben und genossen.

Fotos (3): M. D. /Privatarchiv H. R.

22 Kommentare zu “#3.5 Im hängenden Café

  1. Ich fand diese Velo-Dinger bisher immer schrecklich. Dass die für Menschen, die schlechter zu Fuß sind, tatsächlich sehr nützlich sein können, hab ich nicht bedacht.

  2. U Zavěšenýho Kafe … tschechisch gehört zu den wenigen europäischen Sprachen bei denen ich nicht mal die leiseste Ahnung habe, wie man irgendwas aussprechen soll.

  3. Land of Stories passt in dem Fall ja nur zu gut. Die Bilder im Café gefallen mir übrigens sehr. Da hätte mich der fehlende Garten nicht gestört.

    1. Und zudem gab’s ja noch den jungen Mann mit sehr modernem Haarschnitt. Auch der kann sicherlich ganz gut über die fehlende Gartenanlage hinwegtrösten 😉

      1. Beim Nichtstun hat man ja gerade besonders viel Zeit zum nachdenken. Deshalb verteufelt die Kirche das ja auch. Denkende Menschen sind immer schwierig.

  4. Jetzt stapeln Sie mal nicht so tief. Hauptstädte abhaken klingt sehr viel langweiliger als Ihre Reiseberichte es tun. Oder Sie sind einfach ein besserer Geschichtenerzähler als Tourist 😉

      1. Smartphone-Touristen sind bescheuert. Andersherum möchte ich mein Smartphone zur Planung und Orientation im Urlaubnicht mehr missen. Man darf einfach kein Sklave der Technik werden.

      2. Die Sklaverei gilt ja als abgeschafft. Sich selbst zum Sklaven zu machen – im Beruf, im Sex, im Leben – wird nicht vom Gesetzgeber bestraft, sondern vom Körper.

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