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Vor dem ‚Imperial‘ wartete Martin mit der Kamera. Ich gab mir Mühe, ungekünstelt auszusteigen, so wie man eben im dritten Jahrtausend nach Jesus seine Kutsche verlässt, mit einem Bein, auf das man sich verlassen kann, und einem, das dazu neigt, seinem Besitzer Streiche zu spielen. Der Eingang zum Café überraschte mit einer aufreizenden Vitrine, einem wilden Fußboden und strammem Gestühl. Überraschungen sind nichts für mich, sie lassen sich so schlecht planen. Die Spiegel im Hauptraum statt der Holztäfelung, das Parkett statt des sattblauen Velours, die raumschiffartige Deckenbeleuchtung, das sind Enttäuschungen, die sich ein alt gewordener Mensch gefallen lassen muss; er brauchte ja vorher weder das Holz zu bohnern noch den Teppich zu saugen. Also akzeptier den Fortschritt oder trink deinen kleinen Braunen woanders! Aber dann war es doch ein Stück Vergangenheit – ohne bitteren Beigeschmack in die Gegenwart eingefügt: die Tische, die Karte wie gewohnt, die Mischung aus Stil und Lächerlichkeit, vom Piccolo bis zu den Torten-Damen. Stundenlang habe ich hier gesessen und geschrieben, gegessen und getrunken; fiebrig gesessen und viel geschrieben, wenig gegessen und viel getrunken. Meine untergegangene Welt, zu Stefan Zweigs Zeiten schon überholt; falsch angezogenen Touristen wird klargemacht, dass sie sich verirrt haben; sie gehen, uneinsichtig wie Shortsträger vor dem Petersdom. Gegen schlechten Geschmack hilft nur eine diktatorische Kleiderordnung. Demokratie ist etwas für Fortgeschrittene.

Foto: H. R./Privatarchiv

Giuseppe bestellte von der auf Auswärtige spezialisierten Speisekarte ‚Wiener Würstel‘, deren 12,00 EUR man keinen Dumping-Preis gegenüber dem Bahnhofsstand vorwerfen kann. Eigentlich heißen die heißen Knacker in Wien ‚Frankfurter‘, weil dieser Imbiss vom Main stammt, aber ob ich ein Berliner oder ein Pfannkuchen bin oder inzwischen doch eher ein Hamburger – wenn man wirklich ist, was man isst, dann müsste ich von dünnster Korpulenz sein, denn ich esse bis auf Stockfisch schlichtweg alles, aber immer nur drei Bissen. Beim Dessert gestatte ich mir Ausnahmen: Hier bestellte ich mir aufmüpfig einen ‚Mohr im Hemd‘, bevor Fanatiker durchsetzen, dass man nur noch ‚Schokohupf‘ denken darf.

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In meinem Hotelbett vergingen mir dann die Flausen. Mein Leibschmerz meldete sich mit Karacho zurück. Katholischerweise halte ich so etwas immer für eine Folge von Fehlverhalten. Gott, an den ich nicht glaube, möchte mich auf diese Weise für Unbotmäßigkeit strafen. Oder meine Galle will das, was aber in der rechten Körpermitte auf dasselbe hinausläuft. Gegen siebzehn Uhr fand ich es angemessen, einen Hotelarzt zu erbitten. Innerhalb der nächsten Stunde käme er, informierte mich Rafał. Glaubte ich nicht, aber zehn Minuten später klopfte er an die Tür.

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Der ungarische Doktor tastete etwas an mir rum, telefonierte ganz lange im Plauderton mit meinem Hamburger Arzt H. J. Roemmelt – ich kam mir schon richtig überflüssig vor – schließlich verschrieb er mir alles Mögliche und sagte, Galle und Blinddarm seien es wohl nicht, aber jede Menge Luft im Bauch. Dann ging er, und die Schmerzen, furchtbar beleidigt, dass sie nur Pupse sein sollten, folgten ihm widerwillig nach draußen.

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Es war ohnehin Zeit geworden, sich mehr auf den Abend zu konzentrieren. Für den hatte ich etwas Modernes geplant: ‚ein Gebäude, das mit Nachdruck das 21. Jahrhundert verkörpert. Eine Stahl-Glas-Architektur, die mit Licht und Schatten erfüllt und mit in Schwarz, Weiß und Grau gehaltenem Interieur Platz für die Fantasie und Gestaltungsgeist lässt‘, preist sich das ‚Sofitel Vienna‘ an. Geht’s noch? Im 18. Stock, also ganz oben, bekommt man etwas zu essen, wenn man vorbestellt und das Richtige anhat. Das bedeutete, dass Martin freibekam, ich Rafał zum Sakko riet und Silke froh war, ihr geometrisch designtes Etro-Kleid präsentieren zu können.

Foto links: sakkmesterke/Shutterstock | Foto rechts: Goode Imaging/Shutterstock

Eine Taxe brachte uns zu dem freistehenden Klotz: ‚Dieser in Wien einmalige Bau revolutioniert das „traditionelle“ Fünf-Sterne-Hotel. Die flachen, glatten Fassaden haben je nach Himmelsrichtung eine andere monochrome Farbe, so bietet sich den Wienern und Wiengästen täglich ein überwältigender abstrakter Eindruck‘, erklärt die zuständige Werbeagentur, was man sieht. Grau gehört nicht zu meinen Lieblingsfarben, aber die Lobby ist schon imposant. Im Fahrstuhl glitten wir und unsere Erwartungen auf lichte Höhen.

Foto links: Victor Maschek/Shutterstock | Foto rechts: antos777/Shutterstock

Dass von oben immer alles spannender aussieht, erwähnte ich schon. Die Skyline von Wien ist nicht imposant, aber es war doch feierlich, im achtzehnten Stock ins Restaurant einzutreten, dort runterzugucken und einen Tisch am Fenster zugewiesen zu bekommen. Schwierigkeiten mit der Kleiderordnung waren ohnehin nicht zu erwarten gewesen, und Silke hat auch immer die schriftlichen Reservierungsbestätigungen in der Handtasche. Dem Zufall überlassen wir beide nie etwas. Man reserviert, und man zieht sich nett an; denn sonst passiert einem, worüber sich Abgewiesene im Internet beschweren: Sie kamen ‚in feinstem Zwirn. An der Pforte teilte uns ein übergewichtiger Türsteher mit, sie hätten einen Dresscode und die Schuhe meines Sohnes würden diesem nicht entsprechen!!!‘ Oder: ‚Meine tochter trug ein schickes kleidchen und legere flip flops.(man bedenke es hatte 30 grad) auch wir restlichen waren eher leger gekleidet. der zahnlose reservierungsboy im hintergrund hat blöd gegrinst, als man uns zwecks flip flops den einlass in dem ach so schönen le loft verwehrte.‘

Foto: Muellek Josef/Shutterstock

Ich fand ja beim Blick nicht nach unten, sondern in die Runde der Tafelnden, dass der ‚Türsteher‘ den Dresscode eher zu nachsichtig ausgelegt hatte, und Rafał war mir dankbar für den Sakko-Hinweis, weniger wegen des Erscheinungsbildes als wegen der schneidenden Kälte. Mein Erdkundelehrer Herr Bode, der pädagogisch eine Null war, las Unterrichtsstunde um Unterrichtsstunde, am Pult sitzend, aus seinen handgeschriebenen Notizheften ab. Herr Bode, der glaubte, dass man Bildung aus vergilbten Heften vorlesen kann, hat mich zumindest mit einer Erkenntnis beeindruckt: „Bei Proleten ist es immer warm. Die heizen und essen zu viel. Bei besseren Leuten gibt es wenig zu essen, und es ist immer etwas kühl.“

Foto links: Michael Stankus/Shutterstock | Foto rechts: William S. Rose (1810-1873)/Public Domain, Wikimedia Commons

Da waren wir mit der Air-Condition des Lofts ganz eindeutig bei ‚besseren Leuten‘, obwohl viel Personal viel zu essen an den Tisch brachte, unter anderem das, was wir bestellt hatten, aber auch allerlei kulinarischen Krimskrams. Es ist einfach schön, wenn einem etwas ungefragt hingestellt wird und noch schöner, wenn man es nicht zu essen braucht. Die einzelnen Gänge ließen lange auf sich warten. Das liebe ich. Ich denke immer: „Inzwischen wächst mein Appetit.“ Wenn ich noch die Suppe löffle und jemand kommt schon mit dem Gebratenen, weiß ich, ich bin beim Griechen – und ertrage es. Aber hier im Loft freue ich mich an einer Geschäftigkeit, die mich überwiegend ausschließt. Ich sehe nach unten. Da bildet sich ein Stau. Ein Krankenwagen saust mit Blaulicht unhörbar von einer Spur in die andere. Die Ampel: grün, die Ampel: rot. Der Stau wird länger. Die Vorstellungen der Theater sind zu Ende. Noch länger. Von hier oben wirkt das alles so, wie Orson Welles es als ‚Der dritte Mann‘ vom Riesenrad im Prater aus beschrieb: unbedeutend, beherrschbar; oder gar wie durch das Mikroskop, durch das Andersen uns blicken lässt:

Foto links: Annette Shaff/Shutterstock | Foto rechts: Nastasic/istockphoto

„Was hast du da?“, fragte ein alter Zauberer, der keinen Namen hatte, und das war gerade das Feine an ihm. „Ja, kannst du raten, was es ist“, sagte Kribbel-Krabbel, „so will ich es dir schenken, aber es ist nicht leicht, herauszufinden, wenn man es nicht weiß!“ Der Zauberer, der keinen Namen hatte, sah durch das Vergrößerungsglas: Es war schauerlich, aber noch schauerlicher war es, zu sehen, wie der eine den andern puffte und stieß, wie sie gezwickt und gezupft, gebissen und gezaust wurden! „Das ist sehr belustigend!“, sagte der Zauberer. „Ja, aber was glaubst du wohl, was es ist?“, fragte Kribbel-Krabbel. „Kannst du es ausfindig machen?“ „Nun, das ist ja leicht zu sehen!“, sagte der andere. „Das ist irgendeine große Stadt, sie gleichen einander ja alle. Eine große Stadt ist es!“ „Es ist Grabenwasser!“, sagte Kribbel-Krabbel.

Ende des Märchens von 1864. Im Internet steht: ‚Hans Christian Andersen erlangte mit seinen warmherzigen und humorvollen Märchen, die einen Hauch von Poesie versprühten, weltweites Ansehen.‘ Schlechter kann man es nicht ausdrücken. Aber Andersens namenloser Zauberer drückt es richtig aus: Interessant und fremd, so wirkt es von oben – belustigend eben. Das Essen war gut, die Bedienung effizient, die Preise wie erwartet. Für Silke und mich ist das unser Resümee. Für Rafał und Giuseppe beginnt nun die Nacht, Freitagnacht.

Foto oben: Porträt von Hans Christian Andersen/Public Domain, Wikimedia Commons | Foto unten: Gabriel Georgescu/Shutterstock

Foto: H. R./Privatarchiv

21 Kommentare zu “#4.2 Ausgaloppiert

  1. Im Café sitzen und die Menschen beobachten, ein gutes Buch lesen, bei einem Kaffee schreiben und schreiben… auch heute noch mein liebster Ort.

  2. Viele Gänge, lange Pausen – da freut sich nicht nur der Appetit, da hat man auch mehr Zeit für Gespräche und muss sich nicht nur den Magen vollstopfen. Vorausgesetzt man hat einen interessanten Gesprächpartner.

  3. Hahaha manchmal ist man wirklich verärgert wenn die unerträglichen Schmerzen sich letztendlich doch nicht als lebensbedrohlich herausstellen. Ich hatte mal eine ähnliche Situation mit Verstopfung. Die Krämpfe gönne ich niemandem.

  4. Dass 48 Jahre nach Produktionsbeginn Orson Welles ‚The Other Side of the Wind‘ nun auf Netflix zu sehen ist, ist schon ein kleines Filmwunder. Freu mich schon darauf.

  5. Es gibt nicht viel idiotischeres als Dresscodes im Restaurant. Es gibt allerdings auch nicht viel idiotischeres als dort schlecht informiert oder überheblich zu erscheinen.

    1. Dass zerrissene Jeans in einem schicken Restaurant nicht gern gesehen werden, kann ich allerdings sehr gut nachvollziehen. Es geht doch einfach um Respekt.

      1. Wenn mir egal ist, wie ich aussehe, ist mir egal, welchen Eindruck ich mache, also sind mir auch die Menschen egal. Dann kann ich gleich zu Hause bleiben. Es sei denn, ich geh in den Wald …

      2. Außer man will beim Jäger Eindruck machen 😉 Aber Recht haben Sie. Respekt fängt bei sich selbst an. Wer sich gehen lassen will, soll das allein zuhaus tun.

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