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Europa im Kopf  —   4. Kapitel: Österreich

#4.3 Heiße Nächte, kalter Dreck

Freitagnacht in Wien: Das hatte immer mit einem Essen begonnen, manchmal war ich eingeladen gewesen, oft hatte ich gezahlt, immer auf Geschäftskosten. Mal mit Künstlern, mal mit Lebenskünstlern – gehörte ich selbst zu einer von beiden Gruppen? Danach, wenn es früh genug war, noch woanders hin, sonst gleich in den ‚Stiefelknecht‘; Name war Programm, so dass ich mich auch hier als Außenseiter fühlen konnte. Vorne war es dunkel, hinten erst recht. Ein Pole, der so schön anders war, hat mich auch beim vierten Wien-Aufenthalt immer noch beschäftigt. Als ich beim fünften Mal mit ihm aus dem Finsteren kam, sagte er: „Das war so toll, das musst du mit meinem Freund auch machen!“ Tat ich dann eben. In einer anderen Nacht hatte ich mir den Kneipenwirt in den Kopf gesetzt. Das war ziemlich ambitioniert, weil alle den wollten, aber als er ‚Schluss‘ sagte, gingen sie, murrend, aber in der Hoffnung, auf der Straße würde sich vielleicht noch etwas ergeben. Bloß ich blieb da und eine ganz hartnäckige Sau. Es dauerte ewig, bis der wenig entscheidungsfreudige Wirt ihn endlich zu meinen Gunsten rausschmiss. Heftig, heftig. Soo eine Nacht! Seinen Namen weiß ich gar nicht mehr, wohl aber, dass er tot ist. Kein Wunder: Er gab Aids jede Chance. Ach ja. Diese eigentümliche Sache mit dem Sterben, sie passiert ja jedem. Jedem. Das ist das Eigentümlichste daran. Was wir Wesen gemeinsam haben, ist nicht unser Leben, denn da ist das eine so, das andere ist so – nein, was wir gemeinsam haben, ist unser Tod.

Foto links: wernerimages 2018/Shutterstock | Foto rechts: wernerimages 2018/Shutterstock

‚Jeder stirbt für sich allein‘, schon wahr, doch die Umstände, unter denen das geschieht, sind durchaus Gegenstand von Betrachtungen: Im Bett mit Familie ist wesentlich beliebter als im Schützengraben mit Bauchschuss. Aber dann danach! Danach sind wir alle gleich. Gleich tot, behaupten die Atheisten. „Keineswegs“, halten die Gläubigen dagegen, danach geht es erst richtig los: ab in die Hölle oder rauf in die Wolken. Abstrakter: Bestrafung oder Belohnung. Irgendwie muss es sich doch später mal auszahlen, wenn man nie gemacht hat, was man wollte. Nein, nein, nicht so zynisch! Tugend ist ein Gut ‚an sich‘, das den Lohn schon ‚in sich‘ trägt. Das sieht man rasch. Man muss nur eine Gruppe alter Speck fressender Säufer neben eine Gruppe alter abstinenter Vegetarier stellen und die Rateteilnehmer fragen: „Welche Gruppe ist hübscher?“ Die Antwort finde ich im Schlaf.

Foto links: Everett – Art/Shutterstock | Foto rechts: Everett Historical/Shutterstock

Am Samstagmorgen brachte mir Rafał die verschriebenen Tabletten. Der Schmerz kauerte im Urwald meines Inneren, ein Raubtier, das jederzeit vorpreschen kann. Noch war es satt. Trotzdem hatte ich den ersten Punkt meiner Agenda gestrichen: Einkauf von Lampreten bei ‚Böhle‘, Wiens kleine, feine Antwort auf Berlins protzige KaDeWe-Schlemmeretage, zwei Straßen von unserem Hotel entfernt. ‚Lampreten‘ nannte mein Vater früher alle ausgefallenen Köstlichkeiten. Ich fand immer, das klang ostpreußisch, und wirklich: Erst nach Guntrams Tod habe ich erfahren, dass Lampreten Neunaugen sind. Andere im Krieg streng verbotene Delikatessen, für die man hingerichtet werden konnte wie für Feindsender-Hören, brachte der unverfrorene Herr Schönhorst von Dienstreisen in den Osten mit: ‚Fettigkeiten aus Oberschlesien‘. Sie wurden immer wieder mal erwähnt, aber nie näher bezeichnet, nur wie gefährlich ihr Besitz und Verzehr war.

Foto oben: Artens/Shutterstock | Foto unten links: IRINA ORLOVA/Shutterstock | Foto unten rechts: chippix/Shutterstock

So war das damals: Ganz am Anfang hätte man sich vielleicht noch wehren können, aber ab März 1933 war alles fest in der Hand der Nazis, da war Widerstand unmöglich. Das wollte ich meinen Eltern ja gern glauben und ich hätte auch nie einen Brief verfasst, wie er im ‚Stern‘ abgedruckt war. Ein Juristensohn schreibt darin seinem Vater: „An die braune Nazi-Sau …“; wir haben im Familienkreis über dieses Faksimile verstohlen gekichert – aber die Frage stand doch im Raum: Wenn es möglich war, unbemerkt Fettigkeiten aus Oberschlesien zu schmuggeln, hätte man dann nicht auch Hitler ein bisschen ermorden können? Irene, die das Scheitern des 20. Juli aus naheliegenden Gründen ziemlich enttäuscht hatte und die sich deshalb besonders über die Unprofessionalität des Anschlags ärgerte, sagte manchmal: „Wenn ich in Hitlers Nähe gewesen wäre, ich hätte ihn bestimmt umgebracht. Mein eigenes Leben wäre mir dabei egal gewesen.“ Diese Behauptung ist 1968 im Othmarscher Eigenheim wohlfeil, aber unwiderlegbar. Damals nannte Guntram unser Abendbrot schon ganz leger ‚kalten Dreck‘, egal ob es Tatar mit Beluga-Kaviar gab oder Schmalz mit Harzer, und so sage ich manchmal immer noch in feierlichem Angedenken zu allem, was nicht gekocht wurde, „kalter Dreck“ und meine es zärtlich.

Foto links: Foxxy63/Shutterstock | Foto rechts: FabrikaSimf/Shutterstock

Kalten Dreck wollten wir nun also nicht kaufen. Ich hatte mir in Hamburg überlegt, dass er am Sonntagabend in Meran eine schöne Willkommensmahlzeit in unserem zweiten Zuhause abgeben würde, aber inzwischen hatte ich mich zu dem Gedanken durchgerungen, dass ein wenig Diät mir wohl besser zu Leibe stünde, zumal sich die anderen auch ausreichend genährt vorkamen.

Foto links: Olena Yakobchuk/Shutterstock | Foto rechts: Kletr/Shutterstock | Foto unten: Sylvie Bouchard/Shutterstock

24 Kommentare zu “#4.3 Heiße Nächte, kalter Dreck

  1. Ob man Hitler nicht ein bisschen ermorden hätte können ist eine gute Frage. Genau wie diejenige, wie so jemand überhaupt demokratisch gewählt werden konnte. Sieht man sich die Wahlen in den USA, Brasilien usw. an, versteht man zumindest Frage 2 ein klitzekleines bischen besser.

      1. Heute wird es ernst! Ich drücke den USA, der Demokratie und der Welt alle Daumen, dass der Begriff „Leader of the free World“ bald wieder einen Hauch Wahrheit enthält und Mr. Trump langsam aber sicher Geschichte wird.

      1. Und dabei hat mir meine Lektorin das letzte, das schlimmste Bild noch gestrichen. Selbst Rafal sagte: „Das geht nicht.“ Okay. Provokation darf nicht Selbstzweck sein.

      2. ‚Wer interessieren will, muss provozieren‘ wusste Dali und wahrscheinlich schon so einige vor ihm. Aber zählt denn Ekel auch als Provokation?

  2. Also bitte! Die Schlemmeretage im KaDeWe ist nicht protzig, die ist saulecker. Und gar nicht so überlaufen wie man meinen würde.

    1. Alles ist relativ. Verglichen mit einem kleinen Lebensmittelgeschäft ist das KaDeWe-Angebot protzig, naja, „prunkvoll“. Verglichen mit Eataly Bologna Ambasciatori ist es bescheiden.

      1. Stimmt natürlich. Das Angebot verdient sicherlich die Beschreibung ‚besonders‘. Die Atmosphäre finde das ch aber trotzdem recht ‚down to earth‘.

  3. Jeder stirbt für sich allein. Und manchmal denke ich auch jeder lebt für sich allein. Ganz egal wie viele Freundschaften oder Beziehungen man im Leben hat.

      1. Freunde im Leben machen das loslassen im Tod zumindest einfacher. Jedenfalls rede ich mit das ein.

      2. Ich denke immer, wenn man am Ende zufrieden und erfüllt ist, kann man vielleicht einfacher loslassen. Vielleicht ist das auch nur eine Phantasie.

  4. Ich frage mich tatsächlich ob Widerstand unmöglich war bzw. ob ich in der Situation den nötigen Mut gehabt hätte.

    1. Unmöglich sicher nicht. Es gab ja Bewegungen des Widerstands. Die Wahl ob man persönlich bereit war möglicherweise sein Leben zu riskieren oder ob man zum Nazi-Unterstützer wurde, ist natürlich eine ganz andere und sicher nicht leicht zu beantwortende Frage.

      1. Gut gemeint ist noch nicht gut gemacht. Umsturz braucht nicht nur Ideen, sondern auch Organisation – und die war leider 1933 bei den Nazis effektiver als bei jeder anderen Partei.

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