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Europa im Kopf  —   4. Kapitel: Österreich

#4.5 Ein Interview im Nirgendwo

Pünktlich um 12 Uhr waren wir da. Die Stühle standen auf den Tischen, draußen, aber drinnen auch. Im ‚Otto e Mezzo‘ brannte kein Licht, die Tür war verschlossen. Wie üblich hatte ich mein Handy nicht dabei. So konnte ich Glavinic nicht anrufen, um mich zu erkundigen, was wir falsch gemacht hatten. Wir warteten. Sehr hoffnungsvoll war ich nicht. Ich hatte einen Satz von Glavinic gestern am Telefon nicht richtig verstanden. Wahrscheinlich hatte er mir da gesagt: „Das ‚8 ½‘ ist geschlossen, wir treffen uns im ‚9 ¼‘ am anderen Ende der Stadt.“ Nein, da kam er.

Fotos (2): Bwag/Wikimedia Commons

Er wirkt immer sehr entspannt und zu selbstbewusst, um arrogant zu sein. Ich, in seinem Alter, hatte mehr Haare, aber weniger Erfolg. Ja, er wusste, dass heute geschlossen sei, aber der Wirt habe ihm fest versprochen, extra für ihn zu öffnen. Vermutlich liege er wieder besoffen in einer Ecke, so sei er nun mal, eines Mittags sei er eine Stunde lang einfach abgehauen, alle Gäste hätten blöd und unbedient rumgesessen, doch dann sei er zurückgekommen und hätte so viel Grappa ausgeschenkt, dass alle erst am späten Abend nach Hause gewankt seien. Mir fiel auf, dass sich dieser Ablauf nicht ganz mit meinen Gestaltungswünschen für den heutigen Tag deckte, und ich war deshalb erleichtert, als Glavinic sagte: „Aber das Lokal nebenan ist genauso gut, und da bin ich auch Stammgast. Gehen wir da hin.“ Das taten wir, scheiterten jedoch daran, dass auch dort geschlossen war.

„Mögen Sie Indisch?“, fragte Glavinic. „Ja“, sagte ich. Eigentlich ist mir ja egal, was ich stehen lasse, und es ging mir auch mehr um das Interview, aber scharf finde ich immer schön. Natürlich hatte Glavinic sein Handy dabei. „Der ist ganz vorzüglich“, lobte er, während er wählte. Ich begann schon, mich auf Curry zu freuen, da sagte Glavinic: „Auch geschlossen! Was ist denn bloß los heute?“

Foto links: joannawnuk/Shutterstock | Foto rechts: Redshinestudio/Shutterstock

Foto: norikko/Shutterstock

Er dachte nach. Da fiel es ihm ein: „Mariae Himmelfahrt!“ Ich fand das keinen hinreichenden Grund. Das katholische Dogma, dass die jungfräuliche Mutter leibhaftig himmelwärts gerauscht sei, habe ich schon zu einer Zeit absurd gefunden, als ich noch befürchtete, fürs Onanieren in die Hölle zu kommen. Warum sollte das ein Anlass sein, keine Pasta und noch nicht mal Tandoori Chicken zu servieren? War aber so. Zumindest bot es eine Erklärung dafür, warum wir den Naschmarkt an einem Samstag so ungestört hatten passieren können, und ‚Böhle‘ war dann wohl auch geschlossen, was meinem Verzicht, dort Lampreten zu kaufen, ein bisschen die Opferbereitschaft nahm. Im christlichen Italien heißt der Tag ‚Ferragosto‘, ‚Eisen-August‘, der heißeste Tag des Jahres, Höhe- und Wendepunkt des Sommers. Steht jetzt der Herbst vor der Tür? Wir standen erst mal wieder vor der Tür des ‚Otto e Mezzo‘. Aber Glavinic wusste noch ein genauso gutes Lokal mit kroatischer Küche, den ‚Süd Länder‘, und der war auch bereit, uns zu verköstigen. Das musste ich jetzt bloß noch Silke bei den Pferden und Giuseppe beim lieben Gott wissen lassen.

Foto oben: pirita/Shutterstock | Foto unten: Bwag/Wikimedia Commons

Und das Interview? Glavinic hob zwei Stühle von den weißen Plastiktischen. „Das machen wir hier“, sagte er. Martin stellte drei Kameras auf die Stative: Glavinic eng, Glavinic weit, ich halbweit für zustimmende Nickschnitte. Über Martins Handy unterrichte ich Silke davon, dass sie sich auf Kroatisches freuen durfte, Martin machte eine Mikrofonprobe, und dann ging es los.

Foto links: canadastock/Shutterstock | Foto rechts: H. R./Privatarchiv

Ich befragte Glavinic nach seiner Art zu schreiben und seiner Sicht auf die Welt; die ungedeckten Tische des geschlossenen Lokals lieferten eine surreale Atmosphäre, die vorbeipreschenden Autos lieferten den realen Soundtrack. Ich wunderte mich angenehm über viele Übereinstimmungen in Glavinics und meiner Sicht auf das, was geschieht: Ganz seiner Ansicht bin ich, dass ein Eignungstest für die Wahlberechtigung eingeführt werden müsste; ich würde ihn noch um eine Lizenz, Kinder in die Welt zu setzen, ergänzen. Ungewollte Kinder sind ein genauso großes Menschheitsrisiko wie gierige Kapitalisten und betrunkene Autofahrer. Martin hielt unser unrealistisches Geplänkel fest, meinungs- und kommentarlos wie immer, dann fuhr er uns das kurze, für den Autoverkehr gesperrte Stück zum Rilkeplatz, an dem der ‚Süd Länder‘ stilvollerweise liegt.

Rilkes ‚Duineser Elegien‘ hatten Irene so beeindruckt, dass sie Guntram diesen Gedichtband schon bald, nachdem sie ihn kennengelernt hatte, schenkte. Er konnte damit wohl wenig anfangen, glaubte sie später. Mich hat ihr Literatur-Geschmack geprägt. Ich las Andersen, nicht Grimm; ‚Lederstrumpf‘, nicht ‚Winnetou‘, ‚Doktor Doolittle‘, nicht ‚Heidi‘. Die Auswahl war durchaus wertend gemeint: der Unterschied zwischen Anspruch und Schund. Als mein Deutschlehrer in der zehnten Klasse nicht glücklich darüber war, dass ich mit Mark Twains ‚Tom Sawyer‘ ‚ein Kinderbuch‘ als Vortragsthema gewählt hatte, musste meine Mutter ihm erst mal den Unterschied zwischen Weltliteratur und ‚Gruppe 47‘ klarmachen.

Foto: tommaso lizzul/Shutterstock

Foto links: H. R./Privatarchiv | Foto rechts: Rainer Maria Rilke/Public Domain, Wikimedia Commons

Mit Giuseppe und Bill aus Texas war ich 1994 auf Schloss Duino gewesen: Rinke bei Rilke. Wir waren weitergefahren über Triest hinaus, die östliche Adria hinunter, und wir haben gelacht und gegiggelt wie Backfische. Die Magnolien streckten ihre Knospen wie aus dem Schlaf erwachte Glieder. Die Häuser zeigten abgeblätterte Fassaden (frischere hatten sie nicht). Das Jahr war noch so neu, Slowenien war noch so verrottet, wir waren noch so albern. Jetzt ist Bill tot; Giuseppe und ich lachen stummer; Europa ist vereint und weiß nicht weiter.

Fotos (2): Public Domain/Wikimedia Commons

27 Kommentare zu “#4.5 Ein Interview im Nirgendwo

      1. Das stimmt natürlich. Sagt aber noch nicht unbedingt etwas über die Qualität der gesammelten Werke aus. Ein kluger Sammler, ein begabter Kurator kann oft interessanter sein als ein mittelmäßiger Künstler.

  1. Das Problem beim Eignungstest für die Wahlberechtigung wäre nur, dass dieser genauso politisch ausgenutzt und manipuliert würde, wie es bspw. in den USA bereits jetzt durch Gerrymandering und Voter Suppression passiert.

      1. Churchill! Aber G.B. Shaw war auch nicht dumm: Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.

      1. Wo sind denn eigentlich die Fellinis unserer Zeit? Nicht, dass es keine spannenden Filmemacher gäbe, aber gibt es nochmal solche Genies wie Fellini, Bunuel oder Kubrick?

  2. Mariae Himmelfahrt gehört wirklich zu den albernsten katholischen Feiertagen. Ich wusste gar nicht, dass der irgendwo ernsthaft gefeiert wird.

    1. Alle religiösen Feiertage sind doch irgendwie albern. Zumindest als staatlich anerkannte Feiertage. Das eine sollte mit dem anderen nichts zu tun haben.

      1. Es gibt graduelle Unterschiede: dass ihr Religionsstifter von den Toten auferstanden ist, das müssen Christen einfach feiern. Dass seine jungfräuliche Mutter leibhaftig aufwärts gesegelt ist, eher nicht. Obwohl: wenn man das glaubt, gebührt ihr schon ein Glückwunsch-Telegram.

      2. Feiern kann und darf und muss man vieles. Nur ob es dazu einen gesetzlichen Feiertag braucht bleibt die Frage…

      3. Wichtig an Feiertagen ist, dass sie im Sommer liegen. Der 1.Mai geht da gerade so. Die Reichsgründung im Januar 1871 geht gar nicht. Mariä Himmelfahrt im August liegt genau richtig, leider aber in der Ferienzeit, Himmelfahrt und Pfingsten liegen ideal. Allerdings: Weihnachten liegt auch richtig. Man ist beschäftigt mit Kaufen und Backen und vergisst dabei, dass der Dezember der unfreundlichste Monat des Jahres ist.

      4. Hahaha, ja das ist wahr. Die Advents- und Weihnachtsfeiertage versüßen einem zumindest die grauen Wintertage. Ich gebe mich geschlagen 😉

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