Liebe Mitdenkende!
Schon während meiner Lehrlingszeit bei Siemens habe ich mich beim Schleifen ziemlich dämlich angestellt. Es sollte ein Brieföffner werden, wurde es aber erst, nachdem mir der Meister dabei geholfen hatte. Die anderen schafften es auch ohne Hilfe und wurden ehrbare Kaufleute. Ich wurde Musikproduzent und musste mich später nur noch um geschliffene Stimmen kümmern.
Als mein Gesellenstück gelobt wurde, sagte eine Petze: „Dem wurde ja auch geholfen.“ Stimmte. In E-Mail-Zeiten sind Brieföffner fast so sinnvoll wie Korkenzieher für Schraubverschlüsse. Wusste ja keiner. Was überflüssig wird oder Kriegsgrund, erkennt man selten im Voraus – weder beim Sarajevo-Attentat noch beim Verbrennungsmotor.
Inzwischen bin ich ein noch hilfloserer Handwerker als damals. Meine Werkzeuge sind weder Spaten noch Stimmgabel, sondern mein linker Zeigefinger. Die anderen neun helfen wenig. Der eine tippt noch. Virtuos ist er nicht. Da muss das Hirn ran.
Denken ist Erinnerung plus Schlussfolgerung. Darauf kam ich aber nicht gleich.
Das Leben ist mir nichts schuldig. Ich hätte es mir nicht ausgesucht. Aber nun ist es da und wird von Sekunde zu Sekunde mehr. In Rückschau und Planung versuche ich, mich mit dem zu füttern, was der Mensch zusätzlich braucht: Sinn. Aber ich zwinge mich, nicht überall einen zu sehen.
Ich habe immer versucht, mit meinem Geist meinen Körper zu überlisten. Mein Geist kann nicht fliegen. Leider. Also muss der Körper ran. Oder das, was davon übrig ist. Der Körper beherrscht den Geist. Das wäre trostlos. Der Geist sagt dem Körper, wo’s langgeht. Klingt besser – führt aber mal zur Erektion, mal zur Lähmung.
Zweifel sind in Ordnung. Der Zwiespalt ist das Problem.
Als Kind glaubt man. Bis zum Gegenbeweis.
Heute lässt mich die Biochemie zweifeln. Tabletten und Infusionen wirken nicht nur im Körper, sondern auch im Denken. Wenn sich so auch die Seele manipulieren lässt – was bleibt dann von ihr? Und wer kann noch über sie richten? Manchmal male ich mir aus, Gott hätte eine Nadel, mit der piekst er uns, wenn wir tot sind und vorher brav waren, in unser Sein rein, und schon grinsen wir die gesamte Ewigkeit lang selig vor uns hin.
Mal denke ich: Man muss auch Achtung vor höheren Mächten haben, die es nicht gibt. Mal denke ich: Wer Glauben für Wissen hält, wird gefährlich.
Gott, war ich katholisch!
Umdenken.
Fragen helfen beim Denken mehr als Antworten: Was bleibt von uns – wenn überhaupt etwas bleibt? Und wer entscheidet das? Vor vierhundert Jahren zeigte Galileo Galilei, dass wir nicht im Mittelpunkt stehen. Heute zeigt uns das Internet: Wir tun es doch. Oder wir tun zumindest so.
Wie alle Alten hoffe ich, dass die Jüngeren dümmer sind als ich – oder, freundlicher ausgedrückt: unerfahrener. Das Smartphone antwortet schnell. Schön. Fragen wir deshalb womöglich weniger nachdenklich? Das wäre unschön. Denken zu lernen, strengt genauso an, wie Kugelstoßen zu lernen, wenn auch andere Muskeln. Zu meinem Neurologen sagte ich neulich schüchtern: „Na, vor hundert Jahren hätte ich meinen Schlaganfall vielleicht nicht überlebt.“ „Bestimmt nicht!!!“, triumphierte er. Irgendwie war ich beleidigt.
Schon als ich in den 60er-Jahren des abgelegten Jahrhunderts studierte, fand ich oft: Hier demonstrieren nicht intellektuelle Zweifler, sondern selbstgerechte Ideologen. Marxismus, Maoismus, Leninismus hingen mir damals schon so zum Halse raus wie heute Postkolonialismus und Identitätspolitik. Immer die richtige Welterklärung zur Hand! Da ist der Sack oft größer als der Schwanz.
Früher habe ich geglaubt, Erkenntnis sei wichtig. Heute frage ich mich, wozu. Wissen vergeht mit seinem Träger. Bleiben tun höchstens Wirkung und Irrtum.
Kann man zu viel denken? Nein.
Kann man falsch denken? Ja.
Jeder denkt an sein eigenes Leben: Das ist mein Frühstück, das ist meine Gesundheit, das ist meine Umgebung. Und wir alle denken, jeder für sich: So ist die Welt. Aber die Welt ist nicht Zustand. Sie ist Bewegung. Ein Gedanke entsteht, wirkt, verschwindet. Ein Stein rollt, ein Tier lebt, eine Pflanze wächst. Platon kannte weder Pinguine noch Atome – und doch gab es beides. Was wir nicht wahrnehmen, kann trotzdem da sein. Also denken wir weiter. Wir können gar nicht anders. Irgendwo, irgendwann gibt es vielleicht doch noch etwas Unentdecktes. Mit oder ohne Gottes Zutun.
Und jetzt?
Jetzt steige ich von meiner Ketzer-Kanzel. Eine Denkpause bis zum nächsten Sonntag.
Hanno Rinke
1970 habe ich ein Chanson mit dem Titel ‚Gedanken‘ geschrieben. Wer meine Stimme erträgt, kann es sich anhören. So sah ich damals aus.
Foto: H. R. Privatarchiv | Grafiken (2): Kl-generiert via Artlist | Musik: Komposition, Text, Interpretation: Hanno Rinke





Beim Lesen bin ich dieses Mal immer wieder an dem Brieföffner hängen geblieben. Die Siemens-Anekdote wirkt ja erst einmal klein, fast nebensächlich, aber dann steckt da plötzlich alles drin: Lernen, Scheitern, Hilfe, Stolz und dieses spätere Umdeuten von Biografie. Dass ausgerechnet ein „Fehler“ am Anfang so konsequent ins Leben hineinragt, macht den Text für mich (wie immer) sehr menschlich.
Man lerne aus Niederlagen mehr als aus Siegen, heißt es. Klingt zunächst bloß wie ein Trost. Leuchtet aber ein.
Das ist immer eine Wahrheit, die man im jeweiligen Moment schwer glauben kann.
Sein Verhalten ändern zu müssen und es zu können, ist die eine Möglichkeit, die andere ist, abzuwarten, bis der spätere Erfolg eintritt. Schön, wenn man dann noch am Leben ist …
Das trifft diesen Punkt ziemlich gut. Im Moment selbst wirkt Niederlage selten wie Erkenntnis, eher wie Stillstand oder Umweg. Dass daraus später etwas wird, sieht man meist erst mit einigem Abstand bzw. manchmal auch gar nicht.
Und genau da wird es dann auch schwierig mit dem „abwarten“. Nicht alles klärt sich von selbst, nur weil Zeit vergeht. Manches bleibt einfach offen, auch wenn man weiterlebt.
Die Offenheit muss man aushalten. Dafür ist Bewusstsein da.
Gott, war ich katholisch! Hahaha 😂
Kann jedem mal passieren
Einige wechseln zum Islam. Vor hundert Jahren wechselten Begeisterungsfähige direkt vom Kommunismus zum Faschismus. Demokratie ist nicht angeboren.
Gibt es eigentlich eine spürbare Begeisterung über Papst Leo? In den amerikanischen Nachrichten taucht er manchmal auf, ansonsten habe ich bisher nur gelesen, dass er über KI geschrieben hat.
Ist für Ki-ki doch schon ein Erfolgserlebnis…
Hahahaha
Ich hab nur gehört, dass er möglicherweise KI benutzt hat um über die Gefahren von KI zu schreiben. Aber das mag auch nur eine Schlagzeile gewesen sein.
Meine KI warnt mich auch immer vor ihren Gefahren.
Ziemlich interessant, dass dem Denken hier ein bisschen sein Mythos entzogen wird. Es wird dadurch aber nicht kleiner, sondern eher konkreter, fast handwerklich. Das was für mich vielleicht der radikalste Moment im ganzen Text.
Mein Handwerk ist eindeutig das Denken. Ich habe also weniger ein Hand- als ein Denkwerk. Hand und Hirn sind Geschwister.
Medikamente verändern bestimmt das Denken. Diese seltsame Gottesfantasie mit der Nadel ist verstörend und bildstark und spitzt die Idee zu. Aber ganz realistisch, ich glaube dran.
Wenn man glücklich ist, sollte man nicht fragen, warum. Sonst fliegt man raus aus dem Paradies.
Die Welt ist Bewegung ist und kein Zustand. Das widerspricht zwar genau dem Bedürfnis, alles festzulegen, klingt aber gleichzeitig sehr stimmig.
Leben ist wie Gegenwart nie Zustand, sondern Bewegung. Stein und Tod sind Zustände.
Eigentlich ziemlich offensichtlich und einleuchtend
Ich gebe zu, dass sich manche öde Gegenwart wie Zustand anfühlt.
Ich musste nach dem Lesen über diese Entwicklung vom Brieföffner zum „Zeigefinger-Handwerker“ nachdenken. Das ist so ein schöner Bogen: erst ein konkretes, fast handwerkliches Lernen, dann am Ende nur noch das Denken als letzte Werkstatt. Da steckt ja auch die Frage drin, was man überhaupt „kann“, wenn alles Äußere weniger wird. Und dass Sie das nicht beklagen, sondern einfach feststellen, macht es stark.
Klagen hilft niemandem. Zeigen, was dennoch möglich ist, vielen.
Ist Glauben nicht genau die Einsicht, dass man sich bewusst ist, dass das Wissen fehlt, oder man sogar bewusst gegen das Wissen agiert?
Wer glauben kann, bleibt im Paradies. Wer wissen will, wird rausgeschmissen.
Das sind bittere Aussichten. Was bleibt dem Wissenssuchenden denn dann?
Heute fliegen aber viele aus dem Paradies 😳
Dem Wissensuchenden bleibt die Möglichkeit, Erfahrungen in Verhaltensweise umzuwandeln. Aus dem Paradies sind seit Adam und Eva alle flügellos rausgeflogen. Gut also, weiterhin die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen, denn draußen u n d doof bleiben, kann es ja wohl nicht sein.
Herr Rinke, der Satz über den Neurologen hat mich hängen lassen. Diese kurze Szene, fast wie im Vorbeigehen, und dann dieses „Bestimmt nicht!!!“ – das ist komisch und brutal zugleich. Man merkt plötzlich, wie unterschiedlich medizinische und persönliche Perspektiven auf Leben und Überleben sind. Der eine sieht Statistik, der andere einen möglichen Lebenslauf, der abgeschnitten worden wäre.
Darum war ich ja auch „beleidigt“, was eine eher ungewöhnliche Reaktion ist.
Viele Sätze, die man erstmal liest und dann noch eine Weile mit sich herumträgt. Passend zum Thema Gedanken.
Beabsichtigt!
Ich kann es selber kaum verstehen, was ist Geschehen? Gedanken!
Ja, vor sechzig Jahren geschrieben, gilt aber immer noch.
Die Siemens-Geschichte am Anfang hat für mich sofort diesen Ton gesetzt: leicht schief, ein bisschen peinlich, aber ehrlich. Dass daraus später ein ganzer Denkraum entsteht, fand ich interessant. Sie schreiben fast, als würden Sie beim Erzählen selbst erst merken, wohin die Erinnerung eigentlich führt. Und plötzlich ist der Brieföffner gar kein Objekt mehr, sondern eher ein Symbol für dieses lebenslange „nicht ganz fertig werden“.
Ja, so ist es. Ich schreibe hintereinander weg. Dann feile ich aber noch tagelang an den Details.
Kommt es denn vor, dass Sie sogar nach der Veröffentlichung im Blog nochmal feilen? Oder ist das tabu?
Nein, ganz selten noch Ergänzungen am Samstag, aber dann ist Schluss. Gerade habe ich den Text für den 14.6. zum letzten Mal durchgelesen. Danach lese ich nur noch die Kommentare.
Kann man zu viel denken? Nein.
Kann man falsch denken? Ich bin nicht so sicher.
Kann man zu einem falschen Schluss kommen? Das bestimmt.
Falsch denken kann man, wenn man von falschen Voraussetzungen ausgeht. Die Erde ist eine Scheibe. Grüne Männchen wollen mich ins All verschleppen. Die Konsequenzen, die man aus diesen Mutmaßungen ableitet, sind abenteuerlich.
Das kommt der Aluhut ins Spiel
Mir reicht mein Strohhut.
Wissen, Wahrheit, sogar Sinn, alles ist beweglich, und gar nicht richtig greifbar. Und trotzdem wird nicht aufgehört zu denken.
Na zum Glück, oder nicht?
Nicht zu denken ist für Menschen unmöglich. Von Tieren nehmen wir an, dass Denken für sie unmöglich ist.
Der Veganer sieht das möglicherweise anders. Gefühle, Gedanken, alles ist möglich.
Natürlich wäre es mir lieber, wenn sich das Rind, dessen Steak ich esse, vorher keine Gedanken gemacht hat.
Schmeckt man das raus?
Nein. Nicht, wenn man salzt und pfeffert.
Nur weil sich die Denkergebnisse verschieben können, heisst das ja nicht, dass man einfach dumm und meinungslos bleiben soll. Der Mensch muss denken, sonst kommt er nicht weiter. Es sollten viel mehr von uns ausprobieren.
Denken an sich ist ja wertfrei. Was dabei rauskommt und in Taten umgesetzt wird, ist es nicht.
Das ist der große Verlust des letzten Jahrzehnts, dass wir seit den Sozialen Medien immer ganz genau wissen, was jeder denkt.
Doch nur von denen, die so doof sind, es zu veröffentlichen. Die anderen sind interessanter.
Die anderen sind wohl leider in der Unterzahl.
Das waren die Intelligenten immer.
Es gibt in der Predigt eine interessante Gelassenheit im Umgang mit Widerspruch. Dinge dürfen gleichzeitig stimmen und nicht stimmen. Zweifel wird nicht problematisiert, sondern eher als Zustand akzeptiert, der nicht aufgelöst werden muss.
Man arbeitet daran, aber man arbeitet sich nicht ab. Wenn man schlau ist.
Das sehe ich auch so. Viele Widersprüche verschwinden ja nicht dadurch, dass man sich für eine Seite entscheidet. Oft muss man einfach aushalten, dass zwei Gedanken gleichzeitig ihre Berechtigung haben. Zweifel habe ich deshalb nie als etwas Negatives empfunden. Eher als ein Zeichen, dass man noch nicht aufgehört hat zu fragen. Anstrengend wird es erst, wenn man vor lauter Zweifeln gar nicht mehr weiterkommt. Dann wird aus Nachdenken schnell Grübeln.
Zweifel bewahrt im Glauben vor Fanatismus. Im Islam haben das noch nicht so viele gemerkt wie im Chrisentum.
Vielleicht liegt das auch daran, dass das Christentum über viele Jahrhunderte hinweg lernen musste, mit Gegenwind, Kritik und Aufklärung umzugehen. Zweifel wurde dadurch irgendwann nicht mehr nur als Gefahr gesehen, sondern auch als Möglichkeit zur Selbstkorrektur. Wo eine Überzeugung keinen Zweifel mehr zulässt, wird es meistens schwierig – unabhängig von der Religion oder Weltanschauung.
Der Zweifel entsteht aber im Kopf. Verbote können Taten verhindern, nicht Gedanken.
Ich frage mich ob es bei solchen „Verboten“ weniger um das Unterdrücken von Gedanken geht als um den Umgang mit dem, was aus ihnen wird – also wie sie nach außen wirken, in Entscheidungen, Handlungen oder Systeme hineinreichen. Zwischen innerem Zweifel und äußerer Konsequenz liegt ja oft noch ein ziemlich weiter Raum.
Und in diesem Raum spielt sich ein großer Teil unseres Lebens ab.
Fragen helfen für mich mehr als Antworten. Wenn man eine Antwort bekommt (oder findet), kann man ja auch darüber wieder nachdenken. NIcht als Zwang, aber zumindest als Antrieb.
genau, man darf sich nur nicht davon treiben lassen
Wenn eine Antwort passt, tut es gut, sich der nächsten Frage anzunehmen.
Und deswegen gibt es ja jeder Woche eine neue Predigt und nicht wieder die aufgewärmte Alte 😉
Die vorigen Predigten nochmal zu lesen und zu bedenken, steht jedem frei.
Habe ich neulich sogar mal gemacht. Nicht alle. Aber selektiv. Funktioniert.
Freut mich!
Ich freue mich immer, wenn in Ihren Texten diese Chansons oder Ihre alten Gedichte vorkommen. Es hat etwas Beruhigendes, dass die Themen nicht nur Momentaufnahmen von einem zufälligen Sonntag sind, sondern ein ganzes Leben dahintersteckt. Man merkt das zwar auch im Schreiben selbst, aber es verankert trotzdem alles noch mal anders.
Der Chanson hat ja fast etwas von einem Protestsong
Ein Protest gegen sich selbst. Die damaligen Protestsongs richteten sich gegen das „Establishment“, das für diesen Zweck als Begriff erst mal erfunden werden musste.
Und das Selbst ist dann irgendwann auch zum Establishment geworden?
Als Siemens-Lehrling habe ich mich dem Establishment ja von vorn herein angedient.
Was mir aufgefallen ist und was mich besonders beschäftigt hat, ist dieses ständige Nebeneinander von körperlicher Erfahrung und gedanklicher Reflexion im Text. Es wird nicht zwischen diesen Ebenen hin und her gesprungen, sondern sie bestehen gleichzeitig: Biochemie, Krankheit, Tabletten auf der einen Seite, Sinnsuche und Denken auf der anderen. Nichts wird gegeneinander ausgespielt, eher ineinander verschoben. Dadurch entsteht keine eindeutige These, sondern eher ein Zustand des Beobachtens. Der Text behauptet nicht, er registriert.
So ist es gewollt.
Die „Gedanken“ gefallen mir bisher am besten. Oder zumindest war das der Text, der mir über die Woche am stärksten in Erinnerung geblieben ist. Ich freue mich schon auf Morgen…