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Sonntagspredigten

Gefühle

Meine lieben Brüder und Schwestern!

Schade, dass so viele von euch schon tot sind. Die Gemeinde und das Gemeine kommen später. Erst mal ich: Persönlicher wird’s nicht.

Ich habe einiges überlebt: Krankheiten, Unfälle, Menschen. Bin ich stolz darauf, zu leben? Zwei aus meiner Abiturklasse sind tot. Sitzenbleiber. Inzwischen bin ich älter, als sie es je wurden. Bin ich stolz darauf, noch da zu sein?

Als meine Mutter 55 war, lachte sie, als ihre 88-jährige Schwiegermutter sagte: „Aber Irene, du bist ja noch so blutjung!“

Ein Gefühl, kein Gedanke. Bei beiden.

Mit dem Alter wird die Frage schärfer: Was wiegt mehr – Fantasie oder Realität?

Reicht meine Wirklichkeit nicht aus, träume ich mich in eine andere. Früher rauchten die Helden und tranken Bourbon. Heute symbolisiere ich mir mein Leben zurecht.

Ich mag den Streit, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Wenn ich hineinsehe, ist es meistens leer. Also schenke ich nach und denke weiter.

Sonntags bin ich allein. Niemand rät mir etwas. Schön. Wenn ich falle, richtet mich keiner auf – und keiner trampelt mich tot. Auch schön.

Was nach meinem Tod mit mir geschieht, ist mir egal. Zusehen würde ich trotzdem gern.

Ich möchte angstlos sterben. Angst ist würdelos – aber mein Los. Angstzustände im Hirngelände. Im Bauch auch. Angstlosigkeit war mein Ideal. Dann kann man Regierungen stürzen, den Weltraum erobern und großzügig lieben. Zu spät.



Die fünf Sinne und das Alter.

Gelassenheit. Warten darauf, dass nichts passiert? So bin ich nicht. Ich nehme nicht mehr teil, aber ich nehme Anteil, wenn etwas mich bewegt: Wenn meine Gefühle blubbern oder wenn mein Verstand brodelt. Dann werde ich nicht still, dann muss ich reden. Darum gibt es diesen Blog, und darum beantworte ich alle Kommentare.

Meine Beine tragen mich halbwegs. Laufen und gleichzeitig denken geht noch. Denken und gleichzeitig laufen – lieber nicht. Tut weh. Mit dem Fühlen sind wir beim letzten der fünf üblichen Sinne angekommen. Korrekt wäre: das Tasten. Na, wenn schon. Wir tasten uns jetzt zum Gefühl durch. Der Körper fühlt. Die Seele auch. Der Geist nicht. Dabei bleibe ich.

Ich beobachte: Die Stulle kommt, die Weinflasche geht. Werde ich geschützt oder bewacht? Eher ein Gefühl als ein Gedanke. Wir fühlen mit Haut, Knochen, Sehnen, Muskeln. Gut, dass Haare und Nägel beim Schneiden nichts spüren. Jedes Mal Narkose wäre lästig. Mir ist der Leib am liebsten, wenn ich ihn nicht bemerke. Sonst: Brennen, Drücken, Jucken, Kratzen.

Das seelische Fühlen hat mit den fünf Sinnen wenig zu tun. Geht es darum, das Leben auszuhalten – oder es zu gestalten? Für mich einfach zu beantworten: Gestalte ich es nicht, halte ich es nicht aus.

Macht Fragen glücklich? Ich bin glücklich darüber, nicht unbedingt glücklich sein zu wollen. Keine Panik, kein Schmerz, keine Übelkeit. Die Abwesenheit von Unglück muss reichen. Angstlos, schmerzlos, kotzlos: glücklich!

Was führt zum Glück? Selbstaufgabe oder Selbstfindung?

Viele greifen zu Drogen. Ein Tasten, kein Denken. Die besten Einfälle kommen kurz vor der Wirkung. Gier ist schöner als Erfüllung. Sind wir im Rausch näher bei uns – oder nüchtern näher an der Wahrheit? Ungeklärt.

Drogen schaden. Ja. Dass Leben zum Tod führt, ist ein alter Witz. Jeder stirbt für sich allein – und muss für sich allein die Balance finden: interessant leben, ohne sich zu ruinieren. Das gelingt nicht jedem. Hans Fallada gelang es nicht.

Drogen gelten als verwerflich, weil sie gefährlich sind. Kriege sind auch gefährlich – galten aber oft als nützlich. Drogen dienen dem eigenen Gefühl. Das reicht schon, um sie verdächtig zu machen.

Ich muss keinen Alkohol trinken. Und doch tue ich es manchmal, um mir einzureden, ich sei außer Kontrolle. Dann bin ich es – und merke es nicht einmal. Peinlich.

Zeigt sich im Rausch die Seele – oder nur der Bauchnabel? Sind wir ‚wir‘, wenn wir nüchtern sind, oder wenn wir es nicht sind? Vielleicht ist es ein Trost für jemanden, sich in meinen Fragen wiederzuerkennen.



Ich gehe heute fast nur noch aus, um meinem Körper zu huldigen. Früher: Wälder, Klubs, Konzerte, Kinos. Heute: Ärzte.

Im vergangenen Sommer. Unser Stammlokal in Meran seit dreißig Jahren. Zwei Freundinnen. Belebte Terrasse. Abendessen bei 25 Grad. Die Herzlichkeit zwischen dem Personal und uns ist echt, die Form bleibt gewahrt. Mein Steak bestelle ich ‚rare‘. Ich weiß, dass es an meinem Platz sowieso fast ‚medium‘ landet, und etwas Blut auf dem Teller rettet die Atmosphäre vor zu viel Wohldosiertheit.

Mal steigt ein Lachen auf, mal fällt ein Löffel hin.

Was fehlt? Die Aufbruchsstimmung von früher. Damals war sie selbstverständlich. Jetzt schwimmt die Vergangenheit wie eine Fliege im Weinglas. Ich weiß nicht, ob ich sie herausfischen oder den Kellner rufen soll.

Weder noch.

Ich steige von meiner Kanzel und überlasse euch dem Klingelbeutel.

Gebet von Herzen!

Euer aufmerksamer Hirte
Hanno Rinke


Eisinsel

Grafiken (2): Kl-generiert via Artlist

73 Kommentare zu “Gefühle

  1. Herr Rinke, die Vergangenheit als Fliege im Weinglas hat mich berührt. Das kommt mir so bekannt vor. Mit kleinen Ereignissen von vor zwei Wochen und mit Erinnerungen von vor 35 Jahren.

    1. Aber bestimmt man nicht trotzdem selbst in wieweit man sich davon beeinflussen lässt? Ob man deshalb in der Vergangenheit lebt oder weiterhin im Heute ist?

      1. Man sollte im Heute leben, aber die Vergangenheit achten. Hoffentlich hat man aus ihr gelernt.

      2. Wenn man die Fliege immer so einfach aus dem Weinglas fischen könnte wie man wollte, hätten wir es alle einfacher.

      3. Aber wenn wir alle Vergleiche wörtlich nähmen, hätten wir auch Probleme.

  2. Das Wort „Gefühle“ ist ja so groß, dass man fast vorsichtig wird, bevor man überhaupt anfängt zu lesen. Und dann merkt man: genau darum geht es hier.

    1. Man muss dann nur aufpassen, wie sehr man solchen Impulsen nachgibt. Cleverer ist ja meistens, wenn man sich erst einmal ein paar Minuten sammelt. Sonst bereut man seine Gefühlsausbrüche später schnell.

      1. Da man aber ja schneller reagiert als versteht, zumindest laut der These, kann man sich eben auch schlecht regulieren. In dem Moment wo man versteht, ist die Reaktion ja schon passiert. Nicht?

      2. Wie immer: Mal ist die schnelle Reaktion überlebenswichtig, mal ist sie voreilig. Gut, wenn man den Unterschied hinterher noch merken kann.

  3. Bei der Passage über Leere musste ich an Situationen denken, in denen Leere nicht negativ ist, sondern einfach da. Kein Mangel, eher so etwas wie ein Raum, der noch nicht gefüllt werden muss. Potential anstatt Schwere.

      1. Leere ist dann gut, wenn die Fülle unangenehm wäre – im Schwimmbad, im Abfalleimer, im Angst-Speicher.

  4. Die Stelle über das Festhalten von Gefühlen hat bei mir sofort Bilder ausgelöst. Diese Momente, in denen etwas schön ist und man innerlich schon versucht, es zu konservieren, als würde das irgendwie gehen. Und genau in dem Moment kippt es meistens schon ein Stück, weil man rausgeht aus dem Erleben und anfängt, es festzuhalten. Das ist so alltäglich und trotzdem selten so klar beschrieben. Lieben Dank, Herr Rinke und einen schönen Sonntag.

  5. Ich hab an einer Stelle kurz gestoppt, weil mir aufgefallen ist, wie sehr ich Gefühle normalerweise sofort einordne. Gut, schlecht, richtig, falsch. Und der Text lässt das einfach nicht zu, zumindest nicht so schnell. Das war eine interessante Beobachtung, fand ich.

  6. Ich fand spannend, dass irgendwo gesagt wird, Gefühle würden sich mischen und nicht sauber getrennt auftreten.

  7. Mir passiert das ständig, dass ich die Gefühle erst im Nachhinein richtig einordnen kann. Ist doch normal oder? Ansonsten wäre man im Moment bestimmt auch total überfordert.

  8. Das ist für mich der Wendepunkt des Zyklus. Die ersten beiden Kapitel zeigen vor allem deinen Kopf: Beobachtung, Ironie, Assoziation, Kulturspiel. Hier tritt plötzlich etwas anderes hinzu: Verletzlichkeit. Nicht sentimentale Verletzlichkeit — gerade das vermeidest du sehr bewusst — sondern die eines Menschen, der merkt, dass Denken allein nicht mehr genügt, um sich vor Zeit, Angst und Verlust zu schützen. Dadurch wird „Gefühle“ wohl das menschlichste Kapitel der Reihe. Und etwas Wichtiges: Du wirst hier einfacher. Das ist eine Stärke. Die Sätze sind oft kürzer, klarer, weniger ornamentiert als in „Geschmack“. Genau deshalb treffen manche Stellen härter.

      1. Vielleicht ist der Unterschied ob die Gefühle im Autor präsent sind oder im Leser. Also ob der Autor fühlt oder seine Leser fühlen lässt. Das ist doch sicher ein Unterschied.

      2. Ein guter Autor will seine Leser fühlen lassen, ein besserwisserisch wil bloß, dass sie denken.

      3. Der schlechte Autor nutzt das Schreiben nur als Selbsttherapie und denkt gar nicht an seine Leser.

      4. Manche können von der Selbsttherapie leben, aber häufig nicht sehr üppig.

  9. Beim Lesen bin ich an dieser Stelle hängen geblieben, wo es darum geht, dass Gefühle oft schon weg sind, bevor man sie richtig greifen kann. Ich kenne das eher so, dass ich im Moment selbst gar nichts checke und dann später plötzlich denke: ah, das war’s.

      1. Manchmal bringt auch das spätere Nachdenken mehr als die vorzeitige Schlussfolgerung.

      2. Ich freue mich ja schon immer wenn Menschen überhaupt nachdenken! Das scheint ein wenig aus der Mode gekommen zu sein.

  10. Ich bin im Blog schon öfters über die Idee gestolpert, dass Sie „nicht mehr teilnehmen“. Ich kann den Gedanken schon irgendwie nachvollziehen und trotzdem denke ich immer, das Ihre Texte mehr Teilnahme an unserer Welt und am Geschehen zeigen, als ich das von vielen anderen Personen aus meinem Umfeld kenne. Aber wie auch immer man es formulieren mag (darüber lässt sich sicher streiten und ich will Ihnen Ihre Position ja auch nicht ausreden), ich danke für die wöchentlichen Predigten.

    1. „Ich gebe mir Mühe!“, fand ein Freund von mir immer bereits eine verräterische Aussage. Aber: wenn es nicht aus dem Herzen kommt, dann muss der Verstand eben reichen.

  11. Also, was mich dieses Mal insgesamt begleitet hat: das Gefühl, dass Emotionen nicht stabil sind, sondern eher wie etwas, das ständig in Bewegung ist. Und dass man sie trotzdem dauernd festhalten oder definieren will.

    1. Ja, genau dieses Festhalten wirkt im Nachhinein fast wie ein Widerspruch zum eigentlichen Erleben.

      Vielleicht ist das auch der Punkt: dass wir nur in dem Moment ruhig bleiben können, in dem wir nichts festmachen. Sobald man beginnt zu sagen „das ist jetzt das“, verschiebt es sich schon wieder.

      Und trotzdem passiert genau das ständig – wahrscheinlich, weil dieses Benennen so eine Art Halt gibt, auch wenn er nur kurz trägt.

      1. Es ist schön, sich daran erinnern zu können, dass man sich mal verausgabt hat. Es wäre vielleicht hinderlich gewesen, wenn man das gleich gemerkt hätte.

  12. Das Bild vom Wetter hat mir in diesem Zusammenhang gefallen. Nicht weil Gefühle mit Wolken verglichen werden, sondern weil Wetter ja auch nicht fragt, ob es gerade passt. Es ist einfach da. So wie es gerade kommt. Manchmal sonnig, manchmal unerquicklich, oft beides innerhalb weniger Stunden. Man kann sich dann nur arrangieren.

    1. Manchmal muss man versuchen, sich von seinen Gefühlen unabhängig zu machen. Einen seelischen Regenschirm aufzuspannen, so zu sagen.

  13. Im Text wird ja gesagt, dass man sich an Gefühle oft genauer erinnert als an Ereignisse. Ich frage mich immer, ob das wirklich stimmt. Oder ob das Gefühl nicht genauso romantisiert in der Erinnerung gehalten wird, wie das komplette Ereignis. Manchmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich mir in meinen Rückblicken selbst trauen kann.

    1. Man hält wahrscheinlich das für sich fest, was einem in dem Moment wichtig war. Ob das nun das tatsächliche Gefühl dieses Moments oder eine spätere Interpretation ist, ist doch vielleicht gar nicht so wichtig.

      1. Die Uminterpretation „Früher war doch alles so schön!“ ist natürlich nicht hilfreich, um die Gegenwart zu meistern.

  14. Das mit der Musik fand ich interessant. Mir passiert das ständig, dass ein Lied läuft und plötzlich ist eine Stimmung wieder da, von der ich dachte, sie wäre längst verschwunden. Nicht die Erinnerung selbst, sondern wirklich das Gefühl dazu. Das ist manchmal fast unheimlich.

      1. Nicht immer. Es gibt auch unangenehme Erlebnisse, die mit bestimmten Musiken verbunden sind. Im Film wird das oft genutzt. Siehe Psycho.

      2. Es gibt wohl wenig Stärkeres als Musik, wenn es um das Auslösen von Gefühlen geht. Aber Psycho funktioniert ja so brilliant, weil man komplett in diese Geschichte gezogen wird und (zumindest beim ersten Sehen) dann völlig überrascht und geschockt wird. Im echten Leben erinnert man sich hoffentlich nicht an so eine selbst erlebte Szene.

  15. Bei dem Gedanken, dass man Gefühle nicht planen kann, musste ich lachen. Das stimmt natürlich. Man kann seinen Tag perfekt organisieren, Termine machen, Listen schreiben – und dann reicht ein Satz von jemandem oder eine völlig belanglose Begegnung und alles verschiebt sich.

      1. Das Ärgerliche ist mir immer, wenn meine Pläne durch so ein plötzlich auftauchendes Gefühl komplett aus der Bahn geworfen werden. Aber man kann es eben nicht verhindern. So oder so.

  16. Beim Lesen musste ich an Spaziergänge denken. Es gibt Tage, da geht man los, weil man Bewegung braucht oder seine Gedanken verarbeiten muss, und kommt mit einer völlig anderen Stimmung zurück. Gar nicht weil unterwegs etwas besonders Spektakuläres passiert wäre. Aber irgendetwas hat sich trotzdem verschoben. Kennen Sie das auch?

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