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Rundbriefe

Wissen, was zu tun ist

Liebe Leserinnen und Leser,

was ist populistischer? Zu sagen: „Es sind zu viele Moslems ins Land gekommen, die unsere Gesetze missachten und nur ihre eigenen – angeblich von Allah – vorgegebenen Regeln befolgen wollen“ oder zu sagen: „Diese Behauptung ist populistisch!“?

Immer wird darauf hingewiesen, dass die meisten der Ankömmlinge unauffällig bleiben. Ja, das trifft auch auf viele ihrer vielen Kinder im Schulunterricht zu. Da kommt nicht viel. Die neueste PISA-Studie belegt, dass der Staat versagt hat. Er hat die Lehrkräfte zu wenig zielgerichtet ausgebildet und zu wenig Geld in die Schulklos gesteckt.

Seit Christian Wulff wissen wir, dass der Islam zu Deutschland gehört: so wie die freie Fahrt für freie Bürger auf den Bundesautobahnen, die Grippewelle im Herbst und der Gänsebraten zu Weihnachten. Nur die christlichen Kirchen gehören immer weniger zu Deutschland. Inzwischen sind es mehr als 50 Prozent der Pass-Deutschen, die sich nicht mehr vom Papst oder von Luther in moralischen und ewigkeitsbezogenen Angelegenheiten betreuen lassen, oder zumindest kein Geld mehr dafür ausgeben. Neben den vielen, die in letzter Zeit ausgetreten sind, gibt es vermutlich auch diejenigen, die immer noch zahlen, obwohl sie von Messdienerbetreuung, Abtreibung und Himmelfahrt womöglich andere Vorstellungen haben, als sie den Kirchenvertretern unterstellt werden. Aber Gott sei Dank, trotzdem konnten sich die deutschen Berufschristen in den vergangenen fünf Jahren über zehn Milliarden Euro freuen. Pro Jahr! Als Steuereintreiber hat der Staat also durchaus funktioniert. Und die Gemeinden tun ja auch viel Gutes damit. Humanismus ist sogar innerhalb der Kirche möglich. Auf der Straße immer weniger. Da werden auf Demos nicht nur Forderungen gestellt, sondern Feindschaften ausgetobt.

All die, die jetzt auf der Schule nichts lernen, werden bald wählen. – Gefällt mir nicht. Denn auch wer kein Wissen hat, hat trotzdem eine Meinung. Wer sagt: „Ich bin doch nicht blöd!“, widerlegt mit dieser Aussage im Allgemeinen seine Behauptung. Denn mit solcher Fehleinschätzung fangen die Ressentiments an: gegen die Regierung, gegen die Juden, gegen die Türken, die anderen eben. Gegen etwas zu kämpfen schweißt schneller zusammen, als für etwas zu kämpfen: erst mal weg damit! Was dann kommt, sehen wir später.

Trump hat es im November bei einer Wahlkampfrede in New Hampshire plastisch zusammengefasst. „Wir versprechen euch, die Kommunisten, die Marxisten, die Faschisten und die linksradikalen Schurken auszurotten, die wie Ungeziefer in unserem Land leben und bei Wahlen lügen, stehlen und betrügen.“1

Nichts weiter zu wollen, als den augenblicklichen Zustand zu erhalten, ist schlecht beleumundet und sowieso gar nicht möglich. ‚Panta rhei‘. Alles fließt. Zufriedenheit ist kein von der Natur (Gott, Vorsehung) vorgesehener Zustand: Er führt nicht weiter! Alle, die das wollen, was sie für den Fortschritt halten, arbeiten der Natur, die nur auf Entwicklung aus ist, in die ‚Hände‘ (hat sie so was?). Aus Abartigkeiten macht sie kein Drama. Werden eben nicht weiterentwickelt. Das Aussterbenlassen ist die mächtigste Waffe der Natur, und der Mensch hilft ihr dabei inzwischen nach Kräften. Ob er wohl bald selber dran ist? Was treibt der Mensch, was treibt ihn? Die Letzte Generation weiß: Wenn man nur treibt – das Vieh, den Karren –, dann bleibt alles in den ausgefahrenen Spuren. Wenn man etwas ändern will, muss man es übertreiben. Der Klebstoff, der die Welt rettet.

Ach, die Moral! Ukraine, Gaza, Dubai.

Für den Einzelnen geht es manchmal nicht um die Frage, was ist richtig/gut/schön oder was ist falsch/böse/hässlich, sondern es geht um die Frage: Was kann ich aushalten? Wer in die Sucht abgleitet, ohne sich vorher diese Frage gestellt zu haben, der ist natürlich falsch/böse/hässlich. Den ersten Stein darf dann wie immer der tadellose Tatenlose werfen.

Ab Dienstag kommen wir im Blog zu einer Zeit, in der alle wussten, was sie zu tun hatten. Bloß ich nicht.

Inzwischen klüger,
Hanno Rinke



Quelle: 1‚Neue Zürcher Zeitung‘ vom 17.11.2023/Christian Weisflog
Cover mit Material von Shutterstock: Morphart Creation (Gehirn), MoreVector (Hand mit Glas) und aus Privatarchiv H. R. (7)

42 Kommentare zu “Wissen, was zu tun ist

  1. Was ist populistischer? Was für eine gute Frage…
    Beide Standpunkte sind doch viel zu einfach gefasst. Integration funktioniert jedenfalls nicht allein durch gut gemeinte Sprüche.

    1. Merkels „Wir schaffen das!“ war ja ähnlich populistisch. Als Idee gefiel mir die Einstellung zwar, aber letztendlich zahlt es sich ja doch nie aus, wenn man den Leuten Themen zu einfach verkauft und sich nachher wieder revidieren muss.

      1. Komisch, wie drei Wörter sich so selbständig machen konnten. Beabsichtigt war das wohl nicht.

      2. ja ganz richtig. und dazu könnte man ergänzen: wie sehr diese drei worte merkels amtszeit am schluss geprägt haben.

      1. Die Moslems sind nicht an allem schuld. Aber ein paar Radikale können eine ganze Gruppe diskreditieren.

      2. Das Problem der christlichen Kirchen ist doch ein ganz ähnliches. Schließlich hängen die zahlreichen Austritte nicht zuletzt mit den unzähligen Missbrauchsskandalen zusammen.

      3. Die Kirche ist doch grundsätzlich einfach nur rückständig. Im Kirchenstrafrecht steht nach wie vor, dass eine versuchte Frauenordination zur Exkommunikation führt. Von Homosexuellen wird immer noch erwartet, dass sie ihr ganzes Leben enthaltsam leben. Etc. und und und.

      4. Hübsch, bei Zuwiderhandlung nicht mehr auf dem Scheiterhaufen zu landen. Die Scharia hat noch nicht in die Gegenwart gefunden. Erstaunlich, wie viele Menschen das toll finden.

      5. Ich denke dann immer, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn viele Menschen aus der Kirche austreten. Vielleicht bräuchte es im Islam eine ähnliche Bewegung.

      6. Das funktioniert für die Leute, die sowieso nichts mit Religion und Kirche anfangen können. Diejenigen, die ihren Glauben brauchen um ein wenig Halt in ihrem Leben zu finden, wären dann sicher ziemlich verloren.

      7. Es muss doch noch andere Möglichkeiten geben, Halt zu finden, als einen Gott zu erfinden, der seinen unehelich geborenen Sohn ans Kreuz nageln lässt, um den Menschen zu verzeihen, dass sie vom Baum der Erkenntniss profitieren wollten. Wer das nicht glauben mag, kann Halt auch in anderen Gruppierungen finden: Gesangvereine, Lesezirkel, Debattierclubs. Sport und Spiel.

  2. Trump beschränkt sich ja nicht nur darauf die Linksradikalen zu bekämpfen, sondern möchte gleichzeitig seinen „muslim ban“ wieder einführen und „detention camps“ an der mexikanischen Grenze bauen. Viel Spaß.

    1. Der Christian Nationalism der Republikaner scheint mir sehr viel mehr Unheil anzurichten. Man muss doch nur schauen was seit Dobbs v. Jackson Women’s Health Organization passiert.

      1. Es ist doch wirklich eine Schande, dass eines der größten Industrieländer Abtreibung unter Strafe stellt.

      2. Das ist ja keine medizinische, sondern eine ideologische Frage. Ein Kind, das nicht gewollt ist, auf die Welt zu zwingen, ist eine sehr schlechte Startvoraussetzung. Fragen kann man den Fötus ja nicht, ob er leben möchte. Der Schutz ungeborenen Lebens – ich kann eine ganze Reihe von Führern aufzählen, die zum Wohl der Menschheit besser abgetrieben worden wären.

      3. Die Absurdität dieser Ideologie lässt sich doch bei diesem aktuellen Fall in Texas gut erkennen. Da soll eine Frau ein Baby zur Welt bringen, welches mit aller Wahrscheinlichkeit schon bei der Geburt tot sein wird. Oder wenn nicht, eine Lebenserwartung von ein paar Stunden, maximal Tagen haben wird. Sie selbst läuft Gefahr bei dieser Geburt das Leben zu verlieren oder im besten Falle keine weiteren Kinder mehr gebären zu können. Trotzdem zieht der Generalstaatsanwalt aus Überzeugung und offensichtlich nicht zuletzt religiösen Gründen vor Gericht. Die werdende Mutter wartet währenddessen darauf, dass ein Berufungsgericht über ihren Embryo diskutiert. Es ist eine schwer zu verstehende Welt.

      4. Ich habe gerade mal ein paar Nachrichtenmeldungen dazu gelesen. Alleine, dass man beim Gericht einen Notfall-Schwangerschaftsabbruch beantragen muss … das erinnert sofort an die distopischen Welten von THE HANDMAID’S TALE.

      5. Traurig, dass die einstige ‚Schutzmacht der freien Welt‘ sich in dieselben Fehler verrennt wie kalkulierende Autokraten.

      6. Wenn die Amerikaner nur ein klein wenig davon abrücken würden, dass sie ‚the greatest nation in the world‘ sind, dann könnten sie möglicherweise etwas objektiver navigieren, wie sie in der Weltpolitik auftreten.

      7. ‚The greates nation in the world‘ anzugehören, brauchen manche Menschen zur Selbstbestätigung. Andererseits: Was hat in den vergangenen zwanzig Jahren unser Leben mehr geprägt als das Silicon Valley?

      1. Die Wahl der Mittel macht den Unterschied.1917 waren die Russen noch so unaufgeklärt, dass eine kleine Clique um Lenin den Umsturz herbeiführen konnte. Und heute? Manchmal fürchte ich, dass die Menschen nach wie vor auf Demagogen hereinfallen. Auf Pflasterkleber eher nicht.

      2. Die Sorge scheint bestätigt wenn man auf die letzten Wahlen schaut. Die Niederlande ist doch ein allzu gutes Beispiel für die Verblendung der Bevölkerung.

      3. Man braucht gar nicht so weit schauen. Die AfD käme bei einer Bundestagswahl heute auf knackige 22%.

      4. Toll übrigens, wie leidenschaftlich hier diskutiert wird. Vor allem scheint das ohne all die negativen und aggressiven Töne zu funktionieren, die man in den meisten Kommentarspalten sieht. Das gibt mir ein wenig Hoffnung.

      5. Naja, wir versuchen uns den Themen etwas gesitteter zu nähern. Mit Flüstern erreicht man manchmal mehr als mit Toben.

  3. Wenn ich meinen Freundeskreis anschaue, dann würde ich sagen, dass die meisten entweder vergessen aus der Kirche auszutreten oder dass es ihnen einfach zu umständlich ist das zu organisieren.

    1. Aber das ist doch kein großer Aufwand. Man geht einmal beim Amtsgericht vorbei und damit ist die Sache erledigt.

      1. Grundsätzlich ist das kein großer Aufwand, nein. Aber momentan liegen die Wartezeiten für einen Termin teilweise bei mehreren Wochen bis Monaten. Ich glaube davor graust es vielen.

      2. Bei mir war das damals erledigt mit einer Unterschrift, ohne Warten. Ich war ein bisschen enttäuscht, dass der Pfarrer nicht kam, um mich umzustimmen. So ein kleines Streitgespräch hätte mir gefallen.

      3. Ich fand es auch fast aufregender mich vom Religionsunterricht im Gymnasium befreien zu lassen, als aus der Kirche auszutreten.

      4. Religionsunterricht finde ich sehr wichtig. Nicht, um den Glauben zu bestärken, sondern um im Vergleich zu lernen, was die einzelnen Religionen ausmacht. Ein Pflichtfach! Wer kennt hier den Unterschied zwischen Sunnieten und Schiiten? Der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran ist ein wesentlicher Faktor der Weltpolitik.

      5. Na, wenn all das in der Schule Thema gewesen wäre, hätte ich mich weitaus mehr interessiert.

  4. Den augenblicklichen Zustand kann man nicht erhalten. Alles beweg sich. Ja genau. Deshalb kommt mir Konservatismus immer komisch vor. Ich glaube zwar auch nicht, dass man nonstop alles über den Haufen werfen muss, aber dieses ‚Konservieren‘ geht eben auch nicht so richtig. Man muss immer wieder auf den Moment schauen und sich entsprechend adaptieren. So lebt es uns die Natur doch auch vor.

    1. Die Natur scheint da nur etwas selbstsicherer vorzugehen. Unter Menschen muss man trotz allem noch miteinander diskutieren um zu entscheiden, welcher Weg bzw. welche Adaption sinnvoll ist und welche Ideen eher als Irrweg einzuschätzen wären.

  5. Manchmal kommt mir schon Bildung und was man darunter versteht, konservativ vor. Aber nur die neusten Hits auf Spotify zu hören, die angesagtesten Serien zu gucken und sich von Influencerinnen das Make-up und die Welt erklären zu lassen, erscheint manchen Menschen auch nicht das erstrebenswerteste Zukunfsmodell zu sein.

    1. Ich muss dann immer denken, dass es eben nicht dasselbe ist, sich die Welt von Influencer*Innen auf Instagram erklären zu lassen, wie ein komplettes Buch zum selben Thema zu lesen.

      1. Aber die umfassend Informierte und der Influencer-Gesteuerte haben jeweils eine gleichberechtigte Stimme. Das ist Demokratie.

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