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In der Blase  —   Norden

#0 – (M)ein-Leitung

Alles ist fertig. Die richtigen Bilder, um meine Ansichten zu illustrieren. Die richtigen Wörter, um die Worte zu ordnen. Alles ist so, wie ich es will. Und doch! Wie seltsam, hier Reise-, sogar Lebenserfahrungen aufzublättern, die während des Schreibens ganz zeitgemäß zeitlos schienen und die nun von der Wirklichkeit auf die hinteren Plätze verwiesen wurden. Jetzt ist alles anders. Das war es vor Amazon, vor Antibiotika und vor Alexander dem Großen auch. Aber es gab wohl noch keine Zeit, in der das Allgemeingültige von so viel Abfall zugemüllt wurde: Jede neue Minute tritt die vorige in die Tonne. Wer das Allgemeingültige für esoterischen Quatsch hält, hat es gut. Er kann sich seine Gültigkeiten am Büfett des Lebensmahls selbst aussuchen und ist sicher dumm genug, sein Scheitern nicht zu bemerken, sondern vollmundig weiter zu essen.

Foto: congerdesign/Pixabay

‚Ausnahmezustand‘ – dieser Begriff ist nicht übertrieben. Für unsere Ahnen war klar: Seuchen und Naturkatastrophen konnten jederzeit über sie kommen. Schuld waren die eigenen Sünden oder die Hexen, die Juden, die Fremden – je nachdem, ob man von Gott bestraft werden musste oder selber strafen wollte. Aber wir? Alles ist erklärt, alles wird geplant. Katastrophen gehören ins Kino, Kriege auf andere Kontinente. Und jetzt? Erst das Klima und nun auch noch Corona. Aus Belustigung und Unbetroffenheit wird Ernst.

Foto oben: Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto unten: iXimus/Pixabay

Wir erschrecken vor dem Unbekannten im Bekannten. Wir gewinnen Zutrauen zu dem Bekannten im Unbekannten. Wir wollen alles, aber nicht zu viel davon. Doch der Tanz auf dem Vulkan ist unsportlich, wenn der Vulkan ruht statt zu speien. Luftschutzbunker und ‚Salon Kitty‘ gehören zeitlich zusammen. Wer wählen kann, entscheidet: sich in der Welt finden oder die Welt in sich finden. ‚Tourist‘ ist ein Fremd-Wort, ‚Angst‘ ein sehr deutsches. In schlimmen Zeiten ist Ablenkung beliebter als Nachdenklichkeit. Auch lesen Bildungsferne gern über reiche Leute, und Gebildete lesen gern über das Elend der Armen. In den Mietskasernen sehen sich Geringverdiener im Fernsehen Anteil wollend Villenbewohner an, in den Villen betrachten sich die Besserverdiener auf riesigen Flachbildschirmen teilnahmsvoll Plattenbau-Insassen. Aber dann schmunzeln die Akademiker doch lieber über Bonmots, und die Schulabschlusslosen bevorzugen Zoten. Ein Science-Fiction-Quark ist inzwischen beliebter als ein Historien-Schinken. Alles das kann man behaupten und das Gegenteil davon auch. Alles twittert sich geglaubt und bestritten durchs Netz, kurz bemerkt, nie gelöscht. Auf irgendeinem Stick ist es noch zu finden.

Die Vergangenheit kann unterhalten, bilden, Abschreckung und Anregung sein. Komisch bloß, dass sie so vorbei ist. Wirklich? Stimmt schon, alles ändert sich ständig. Aber manches ändert sich nie.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Ist dieser Ausnahmezustand im Frühjahr 2020 jetzt der Vorgeschmack auf zukünftige Zeiten oder ist er der bittere Nachtisch nach all den prächtigen Tiramisù? Geschlossene Restaurants, geschlossene Gesellschaften. Wer Rom, Florenz, Venedig kennt, wie es vor fünfzig Jahren war, wer miterlebte, was daraus geworden ist, der sieht die Bilder aus Italien vom März dieses Jahres mit dem Empfinden: so leer, so schön, so schrecklich. Der wehleidige Spruch ‚Es wird nie wieder so, wie es mal war!‘ ist auch ein siegessicheres Versprechen.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Als der ‚SPIEGEL‘-Korrespondent Walter Mayr nach sechs Jahren in Italien das Land verließ, veröffentlichte er am 15. Februar 2020 seine Schlussbetrachtung. Da war mein eigenes ausschweifendes, sehr persönliches Italien-Porträt schon fertig. Überholt sind beide Texte, zumindest für Menschen, die ständig zwischen Gerüchteküche und Abort unterwegs sind, weil sie fortwährend mit dem Ausscheiden der Nachrichten des Vortages beschäftigt sind, um nicht an ihren Blähungen zu krepieren.

In Italien ‚[…] fühlen sich mehr als doppelt so viele Menschen wie im europäischen Durchschnitt einsam oder vernachlässigt. […] Nach Angaben der EU-Statistikbehörde ist Rom, lässt man die jeweiligen Einwohner zu Wort kommen, weniger lebenswert als Bukarest oder Sofia.‘1

Aus meinem Italien-Film von 1976 | Foto: Privatarchiv H. R.

Sofia | Foto: Wengen/Pixabay

Wir alle leben mehr oder weniger unangefochten in unseren Blasen: des Herkommens, der Weltanschauung, des Reichtums, der Armut. Manchmal gucken wir heraus auf all die vielen anderen Blasen, meistens sind wir mit unserer eigenen beschäftigt. Wir fürchten, dass sie platzt, manchmal hoffen wir es. Ändern-Wollen und Bewahren-Wollen ziehen sich durch unser Leben – wenn nicht, neigen wir zum Fanatismus. Corona hat uns – vorübergehend? – noch zusätzlich auf die Blase unseres geografischen Standortes zurückgeworfen: des Landes, des Bezirks. Nun sollen wir Gemeinschaftssinn zeigen, indem wir Abstand halten. Das sehen wir ein und tun es gern, während wir die Läden leerkaufen. Nicht weiße und schwarze Trüffel sind alle, sondern Eier und Zucker. Vorübergehend. Was wird aus der Globalisierung, die so viele Gegner und so viele Befürworter hat? So viele Nutznießer und so viele Verlierer. Wird das fiktive globale Gedächtnis etwas behalten von dieser Zeit und richtige Schlussfolgerungen aus ihr ziehen? Das werden unsere Ururenkel entscheiden. Wir müssen da erst mal durch. ‚Achtzehn Monate lang‘, sagte neulich ein Wissenschaftler, der im Gegensazt zu den Politikern das Privileg genießt, nicht lügen zu müssen.

Foto: SpencerWing/Pixabay

Wie schon bei AIDS gehöre ich mitten in die Risikogruppe. Damals, ziemlich jung, weil es sich sexuell so ergab, heute, ziemlich alt, weil nach einem Sturz zwei gebrochene Rippen meine Lunge belästigt haben. Ein Meister des Aufreißens, ein Meister des Durchatmens, so sah ich mich gern. ‚Risikogruppe‘, das klingt nicht abenteuerlustig, sondern bedrohlich. Das Eingeschlossensein der Ausgeschlossenen. Wie die Gemeinschaft der Gesetzesbrecher oder die Gemeinschaft der Randgruppen. Gemeinschaft der Gemeinschaftslosen. Die nächste Blase: Quarantäne. Wie übersteht man was? Drogen, Träume, Lügen. In meinem Alter geht es nicht mehr darum, ob man süchtig ist, sondern darum, wie man sich erträglich durch den Rest seines Lebens schlängeln kann, Gott oder sich selbst gefällig.

Wir gehen jetzt auf eine Reise: nicht nur örtlich, sondern auch zeitlich, aber – unserer Zeit angemessen – nur virtuell. Süd-Italien und Nord-Italien sind in ihrer 160-jährigen Geschichte nicht enger zusammengewachsen als Neu-Deutschland in seinen nunmehr 30 Jahren. Wir werden aber Italien nicht in das gängige ‚Nord-Süd‘, sondern in ‚Ost-West‘ teilen. So gebe ich das vor. Willkürlich, subjektiv, selbstbewusst – wie fast immer. Wir werden, wenn Sie mitmachen, für viele Wochen an jedem Mittwoch, Freitag und Sonntag eine kurze Zeit lang die missliche Gegenwart verlassen, um abzuschalten oder um aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Wer lieber geduzt wird, kann auch teilnehmen. – Das war sie, die nachträgliche Vorrede, die ‚(M)ein-Leitung‘. Verquaste Wortbildung. Firlefanz. Ich werde mich bessern. Sofort.

Fotos oben und unten (3): Privatarchiv H. R.

Titelillustration mit Material von Shutterstock: ViDI Studio (Tourist) und Tonhom1009 (Hand mit Maske) | Reihenopener mit Material von Shutterstock: Mindscape studio (Weinflasche), virtu studio (Pizza), zendograph (Hand mit Kompass), Plateresca (Ölzweige), asliozber (Handgeste), Vladimir Kramin (Auto), imagesef (Kirche), Dotted Yeti (Vulkan)

24 Kommentare zu “#0 – (M)ein-Leitung

    1. Schöne Meinleitung. Ich freu mich ehrlich gesagt auch schon darauf, während der Selbstisolation auch mal was schönes aus Italien zu lesen.

  1. Der momentane Ausnahmezustand ist eine riesige Herausforderung für Gesellschaft und Wirtschaft gleichermaßen. Wie es nach der Viruskrise weitergehen wird, kann man wahrscheinlich nicht voraussehen.

      1. Eine völlige Blase. Und dank dieser unsäglichen Algorithmen von Facebook und Co. bekommt man ja auch nur die Meldungen aus seinem engeren Umfeld zu sehen. Alternative Meinungen und Berichte unerwünscht.

  2. Ja klar, alles was nicht mit dem Virus zu tun hat, wird erst einmal auf die hinteren Plätze verwiesen. Aber wie schön ein paar Minuten am Tag auch mal wieder etwas anderes zu lesen, als die neuesten Statistiken.

  3. Schon eine erstaunliche Entwicklung. Die Flüchtlingskrise war für viele nicht direkt greifbar, die Klimakrise nicht bedrohlich genug … und nun sitzen wir wegen eines kleinen Virus in unseren Wohnungen eingesperrt zuhause und fragen uns wie es weitergehen soll.

      1. Das habe ich nie verlassen, auch Zuhause nicht. Hat aber in Italien, wo in jedem Hotel das Bad ein Bidet hat, nichts genutzt. Wenn die Lunge kaputt ist, ist es ein Trost zu wissen, dass hinten rum alles mustergültig ist?

      2. Nee, wer sich auf der Intensivstation durch den Tag hustet, kümmert sich bestimmt nicht um einen sauberen Arsch. Aber die Toilettenpapierhorter könnten sich doch gut aufs Säubern mit warmem Wasser umstellen.

  4. Angst ist nicht nur ein deutsches Wort. Ich habe eher das Gefühl, dass es unser Wesen grundsätzlich bestimmt. Das Fremde ist immer bedrohlich. Neugier ja, aber eher in der Theorie. Oder weit genug weg.

    1. Angst ist ja ein wichiger Schutzmechanismus, um nicht kopflos in Gefahren zu rennen. Leider wird die Angst manchmal zur Autoimmunkrankheit. Und dann? Vor sich selbst davon zu laufen, das ist physisch unmöglich und seelisch vergeblich.

      1. Für den, der überleben will, ist Angst ist wichtig. Ob man sich zuhause auf dem Sofa, zwischen Stapeln von Toilettenpapier und kistenweise Mehl über Orwell’sche Szenarien Gedanken machen muss … nun ja.

  5. In Berlin darf man ab jetzt jedenfalls wieder mal kurz auf der Parkbank sitzen. Und man braucht auch keinen Personalausweis dafür. Vielleicht platzt die Corona-Blase langsam wieder etwas auf.

    1. Ach man kann sich auch die Isolation ganz nett machen. Es sind ja bisher noch keine Monate oder Jahre. Einzelgänger haben es natürlich leichter als gesellige Menschen, das ist klar.

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