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DIE ELF  —   9. Kapitel: SIEBENUNDSIEBZIG

#9.3 | Was sich lohnt

Wer statt zu meckern lieber behauptet, etwas für die Gemeinschaft tun zu wollen, der/die will seine Untertanen/Wähler meistens – auch oder nur – beeinflussen. ‚Gestalten wollen‘ nennen die Wohltäter das. Diese Wohltäter und ihre weiblichen Pendants werden dann folgerichtig nicht Samariter. Sie werden Politiker(innen) und in (für ihn) ganz seltenen Glücksfällen sogar Diktator. Aber auch Demokratien bauen darauf, dass Menschen per Wahlzettel Entscheidungen treffen, die andere ausführen. Mir liegt diese Teilung. Auch da, wo ich Eigennutz sehe: Wer es anderen schön machen will, soll es sich selbst auch schön machen dürfen. Nur fürchte ich, dass es noch eine andere Unterteilung gibt: Einige wollen führen, viele wollen dienen. Das widerspricht der Aufklärung, aber gerade im (National-)Sozialismus, der die Menschen befreien wollte, war und ist das Prinzip, den Anführer zu verherrlichen, besonders ausgeprägt. Die Anführerin ist immer noch ein seltenes Exemplar, erwähnt werden muss sie natürlich trotzdem.

Früher habe ich ganz unbefangen ‚Studenten‘ und ‚Leser‘ geschrieben. Wenn ich jetzt gendere, also explizit ‚Studentinnen‘ und ‚Leserinnen‘ anspreche, sehe ich notgedrungen deren Geschlechtsteil vor mir. Früher habe ich mich nur bei sexuellen Verrichtungen um das Geschlecht geschert, jetzt soll ich es dauernd berücksichtigen. Aber, na ja, dafür gilt Schwulsein inzwischen nicht mehr als unnormal. Obwohl: Die Norm ist es eigentlich auch nicht. Darauf bestehe ich. Dankbar bin ich trotzdem. Wer will schon Stillstand? Fortschritt führt immer in eine Richtung. Dass es die falsche war, merken die Gläubigen erst, wenn am Ziel nicht der Triumph sie erwartet, sondern das Massengrab. Aber vorher war es doch so schön, sich für etwas eingesetzt zu haben! Oder wie Göring es heute ausdrücken würde: Das waren doch immerhin zwölf geile Jahre! Hinterher kann dir die Begeisterung niemand mehr nehmen, weder am Galgen noch in der Gosse. Einfach bloß nett gewesen zu sein, das macht keine süffige Biografie aus. Da muss vorher schon entweder das Heilsversprechen oder die Feigheit sehr groß gewesen sein.

Moral oder Verlockung, Verderbnis oder Segen – nie war ich imstande, einer Ideologie oder einem Künstler so zu verfallen, dass ich zum Mittäter oder zum Fan wurde. Glück oder Pech – jetzt bin ich abgekoppelt von der realen Welt. Früher war ich immer gern mittendrin, wenn auch nicht auf Massenveranstaltungen. Und jetzt? Wenn man nichts mehr tun kann oder zu tun hat, dann wird jede Verabredung zum Ereignis. Früher hatte ich Termine einfach abgehakt. Jetzt bereite ich mich darauf vor, als ginge es um mein Leben, was es ja in gewisser Weise auch tut. Um wessen sonst? Ach, und all die verbotenen Leckereien, die ich mich nie getraut habe, auszuprobieren, die kann ich jetzt abschlecken mit virtueller Zunge und mir dazu gratulieren, diese Abgründe menschlicher Existenz gedanklich nie ausgeschlossen, aber physisch nie angesteuert zu haben. Immer war ich zu allem bereit. In Gedanken. In Wirklichkeit pendelte ich lustvoll zwischen der Einhaltung und der Übertretung von Regeln. In Dantes ‚Göttlicher Komödie‘ sind die ‚Lauen‘ die Schlimmsten. Die, die sich nie entscheiden wollen, aber trotzdem immer ihren Vorteil suchen. Ins Paradies finden die nicht, meinte Dante. Ins Parlament schon eher, meine ich.

Bild (‚Dante und sein Gedicht‘ – Domenico di Michelino): Wikimedia Commons, gemeinfrei/public domain

Die Frage ‚Lohnt sich das?‘ ist eine der Fragen, von denen wir annehmen, dass Tiere sie eher impulsiv beantworten. Flieh’ ich oder greif’ ich an? Wie groß ist mein Hunger, wie klein bin ich selbst? Menschen dagegen, jedenfalls die, denen der Glaube nicht das selbstständige Denken abgenommen hat, beschäftigt schon von Zeit zu Zeit die Frage, ob sich der Aufwand, den sie betreiben, überhaupt lohnt. Dass die Antwort darauf oft so ausfiel, wie sie ausfiel, hat mehr zum Fortschritt beigetragen als Jesu angebliche Botschaft aus der Bergpredigt: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.“ Schön, von Idioten wäre vermutlich das Mammut nicht ausgerottet, aber auch das Penicillin nicht erfunden worden.

‚Lohnt sich das?‘, klingt schrecklich kapitalistisch, aber wer sich in freudiger Erwartung auf das nächste Leben in ein Kloster als Mönch zurückzieht oder auf einem Markt als Selbstmordattentäterin in die Luft jagt, der/die hat hoffentlich vorher die Möglichkeit in Erwägung gezogen, zum Vergleich ruhig mal einen unterschiedlichen Blickwinkel einzunehmen. Das lohnt sich eigentlich immer, und Menschen können das. Sie haben diese Fähigkeit. Gebrauch von ihr machen sie selten. – Nicht so schlimm. Die Angebote der Evolution kann man ausschlagen. Überleben ist nicht alles. Man kann auch aussterben. Ist schon vielen passiert: von der Rippenqualle Xanioascus canadensis bis zum Neandertaler. Vermisst werden die Entschwundenen allerdings nicht nur von sentimentalen Weltverschlechterern. Wenn die Biene ausstirbt, hat auch der Mensch fast nichts mehr zu essen. Rückwärtsgewandt sind sowieso immer die anderen. Selbst Honecker hielt sich für fortschrittlich.

Foto (Erich Honecker mit Angela Davis): Bundesarchiv, Bild 183-L0911-029/Koard, Peter/Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0 | Titelbild mit Material von Shutterstock: PatriciaVNes (Biene), cococult (Mammut), Bodor Tivadar (Penicillin-Blister) sowie aus dem Bundesarchiv, Bild 183-L0911-029/Koard, Peter/Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0 (Honecker/Davis) und von Wikimedia Commons, gemeinfrei/public domain (eingefärbt)

40 Kommentare zu “#9.3 | Was sich lohnt

      1. Früher bekam man im Gottesgnadentum als Königssohn die Macht geschenkt, ob man wollte oder nicht. Dass in funktionierenden Demokratien die Eignung eine Rolle spielt ist gut. Dass die Wähler sich manchmal freiwillig in ihr Unglück stürzen, ist schlecht. Wählerinnen sind auch nicht besser.

      2. Ist es nicht so, dass sich die meisten Wahlen eh darauf beschränken, dass man für ein „weiter so“ oder für einen Wechsel stimmt? Es scheint mir unwahrscheinlich, dass sich wirklich viele Wähler mit den Wahlprogrammen der einzelnen Parteien auseinandersetzen würden.

      3. Ja, oft wird nicht eine Partei als solche gewählt, sondern eine Person als Sympathieträger, und nicht das Wohl der Welt, sondern das eigene Ein- und Auskommen.

    1. Haha. Die wenigsten von „denen“ kommen irgendwann zur Einsicht, dass ihre Ideologien doch nicht so toll waren.

      1. Margot Honeckers Reden blieben in Chile selbstbewusst. Ihr Gesicht zeigte deutlich die Verbitterung.

  1. Ich bereite mich auf Termine nur vor, wenn ich selber einlade (oder die Verabredung organisiere). Ansonsten lasse ich mich gerne überraschen und bin auch mit dem Meisten zufrieden. Seltsam, nicht?

      1. Stimmt. Ich organisiere z.B. viel lieber selber. Dann weiss ich auch was auf mich zukommt und dass ich eine Verabredung haben werde, die mir gefällt. Wenn etwas schief geht, dann bin ich wenigstens selbst Schuld und habe keinen Grund mich bei meiner Verabredung zu beklagen.

      2. Ich genieße eigentlich eher Misslungenes, das ich nicht selbst angerichtet habe.

  2. Ich habe es auch nie zum großen Fan oder zum blinden Anhänger einer Bewegung geschafft. Ich bin immer zu misstrauisch. Es gibt da immer genügend offene Fragen und Zweifel, gerade wenn es um eine einzelne Person geht.

  3. Man fragt sich doch fast immer ob sich etwas lohnt. Das kann langfristig aber auch mal nur für einen kurzen Kick sein. Aber wir machen doch selten etwas völlig grund- und nutzlos.

    1. Die Frage ist, welchen Lohn man meint. Bequemlichkeit, Anerkennung, Dankbarkeit sind nur ein paar Möglichkeiten.

  4. Schwulsein ist vielleicht nicht normal, aber dank der ganzen Transdiskussionen mittlerweile wahrscheinlich zu langweilig um sich aufzuregen. Wenn man sich überhaupt über sowas aufregen würde.

      1. Wie sich Menschen sexuell verhalten, ist etwas, woran ich in 99,9% der Fälle lieber nicht denke. Der Rest macht natürlich Spaß.

    1. In der Kleinstadt haben es junge Homosexuelle nach wie vor schwer sich zu outen. Daran ändert auch nichts, dass es mittlerweile weitaus mehr Rechte und allgemeine Anerkennung gibt. Die Vorurteile bleiben vielerorts die Gleichen.

      1. Wer sich ‚anders‘ fühlt hat es immer schwerer. Trotzdem ist es ja kein Vergleich, wenn man sich die gesellschaftliche Akzeptanz von LGBTQ+ Personen heute im Vergleich zu noch vor 20 Jahren anschaut.

      2. Schon Genet sagte: Wenn du etwas Verbotenes tu es bald, bevor es erlaubt wird.

  5. Ich wollte schon sagen … diesen anderen Blickwinkel in betracht zu ziehen, dass tun wirklich die wenigsten Menschen. Viele haben die Fähigkeit gar nicht, andere sind so in ihren Gedanken gefangen oder so beschäftigt, dass sie den Raum nicht finden.

    1. Ich weiss nicht ob man das so allgemein sagen kann. Sicher sind viele Leute mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, aber es sind deswegen nicht gleich alle Egozentriker.

      1. Egozentriker sind wir alle. Einen anderen Mittelpunkt als die eigene Wahrnehmung haben wir nicht. Trotzdem können wir uns, anders als Tiere, in andere Menschen hineinversetzen. Autisten, die das nicht können, haben große kommunikative Defizite und es entgehen ihnen viele Erlebnisse.

  6. Die Frage „Flieh’ ich oder greif’ ich an?“ finde ich immer eine der schwierigsten. Mein Instinkt ist eher immer mich rauszuhalten, wenn ich nicht eingreifen muss. Die Dinge entwickeln sich ja eh oft nochmal in eine andere Richtung als man ursprünglich denkt.

    1. ja, das ist wahr. aber wenn man den moment verpasst, wo man eine situation vielleicht noch in eine richtung steuern kann, die einem entgegen kommt, dann ist man schnell an einem punkt, an dem man bereut sich so passiv verhalten zu haben. „go with the flow“ ist ja grundsätzlich ein nettes motto, aber man verpasst mitunter viele möglichkeiten.

      1. Es kommt darauf an, die eigenen Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Mut gezeigt zu haben, ist besonders dann befriedigend, wenn man sein Handeln überlebt.

      1. Politiker werden bei Interviews ständig auf ihre Umfragewerte angesprochen. Kein Wunder, dass sie mehr auf Beliebtheit und Wahlergebnisse achten als darauf, wie sie die Zukunft gestalten könnten.

      2. Außerdem können sie ja auch nur etwas erreichen, solange sie and er Macht sind. Es wäre daher also ziemlich unlogisch, wenn man keine Rücksicht auf die Stimmung in der Wählerschaft nehmen würde.

    1. Paarung ist nicht immer sexuell motiviert. Schon bei den Königshäusern überwogen politische Interessen.

    1. Ich finde ja, dass die meisten „Führer“ Dinge anstoßen, die sich für sie selbst am meisten lohnen. Wenn die Anhänger dabei auch noch zufrieden gestellt werden können, dann lohnt sich das natürlich besonders. Aber das ist wohl leider selten der Hauptgrund.

    2. Ob es sich lohnt zu arbeiten oder lieber Bürgergeld zu beziehen, ist eine andere Frage als die, ob es sich lohnt, keusch zu bleiben, um in den Himmel zu kommen. Aber in beiden Fällen hoffen die Fragensteller auf eine praxistaugliche Antwort.

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