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DIE ELF  —   9. Kapitel: SIEBENUNDSIEBZIG

#9.1 | Mitleid mit den Reichen

Ein stiller Geburtstag. Keine Gäste. Nur Silke und ich in Meran. Mit Joy aus Griechenland. Sie kocht und betreut mich, seit Rafał weg ist. Einfach nur da sein, schmerzlos. Geht auch. Wenig fürs Tagebuch des Erinnerns, aber schön unaufgeregt. ‚Gelebtes Leben‘: Das wäre ein nettes Résumé. Klingt aber mehr nach Abschied, als mir zumute ist. Ich möchte gern noch wissen, wie katastrophal oder glimpflich das in der Ukraine ausgeht. Aber dann kommt gleich etwas Neues, dessen Ausgang ich nicht mehr erleben werde. Es ist wie beim Aufwärtswandern in den Bergen: Hinter der nächsten Biegung kommt auch bloß wieder die nächste Biegung. Und wenn man oben ist? Andere sind überwältigt: die majestätische Natur! Ich bin eher enttäuscht, dass es nun vorbei ist, und ich will so schnell wie möglich weg von diesen nackten Felsen, zurück zu den blumenbunten Wiesen und den ausladenden Laubbäumen. Talversessen. Abgeklärt? Der viel gescholtene alte, weiße Mann – das bin ich: Die Prostata wächst, die Einsicht nicht unbedingt.

Foto: Privatarchiv H. R.

Na, dann kann ich ja mal loslegen mit meinen shitstormtauglichen Unverschämtheiten, abgeschirmt in meinem halbwegs noblen Refugium:

Immer werden die Armen bedauert. Warum eigentlich? Meistens haben die Ärmsten der Armen doch nicht nur ihren Gottesglauben, sondern obendrein auch noch ein Ziel: etwas zu essen! Einen Schlafplatz! Überleben! Selbstmorde sind selten. Die Reichen haben es viel schwerer. Sie müssen nicht nur ihren Besitz schützen und verwalten. Sie müssen sich außerdem Ziele stecken und darüber nachdenken, was das Ganze hier eigentlich soll. Selbstmorde passieren da schon hin und wieder, wenn diejenigen, die sich nicht täglich ums Überleben scheren müssen, keinen einleuchtenden Grund zum Weitermachen auftreiben können und darüber verzweifeln. Auch Überdruss führt entweder in die Verzweiflung oder – geschickter – in die Auflehnung. Die Terroristin Susanne Albrecht hatte eigenen Aussagen zufolge das Kaviar-Gefresse zu Hause in Blankenese so satt. Bei uns, drei Kilometer weit östlich in Othmarschen, gab es nur Teewurst und Emmentaler. Darum wurde ich kein 68er. Und zehn Minuten schneller in die Innenstadt war es auch. Downtown-Nähe und Sparsamkeit haben verhindert, dass ich rebellisch wurde.

Überhaupt: Immer schon fand ich den Satten bedauernswerter als den Hungrigen und die Abgetriebene im Vorteil gegenüber der Feministin. Keinen Appetit zu haben, das kenne ich. ‚Kohldampf‘ kenne ich nur als Proletenwort. Das Getue um Kinder unter irgendwelchen Todesopfern bringt mich auch auf. Deren kurzes Leben reichte offenbar aus. Um die Volljährigen ist es mir schade. Auch volkswirtschaftlich. Aber selbst ein ungebildeter Nichtsnutz sagt mir mehr zu als eine streberhafte Göre. In der Theorie. Sobald man jemanden kennt, ändert sich die Einstellung natürlich sofort. Ich bin für die Abschiebung aller Asylanten, aber wenn ich einen träfe, würde ich ihn sofort bei mir vor der Ausländerbehörde verstecken. Ich handle so, wie mein Verstand mich leitet, solange, bis ein Gefühl aufkommt. Dann glaube ich zwar immer noch, rational zu handeln, tue es aber nicht. Für alle anderen gilt das genauso. Die denken ja auch nicht, dass sie gefühlsgesteuert sind, obwohl Frauenzeitschriften und Psychologen ihnen das ständig einbläuen. Bloß die Politiker bestreiten es, stellen sich aber in ihrer Wahlpropaganda darauf ein.

Gerade habe ich gelesen, in Berlin gäbe es ungefähr 8 000 Menschen, die obdachlos auf der Straße leben. Sie sterben an Herzinfarkt, Alkohol, Überdosis, Unterkühlung, Gewalt, Organversagen. Die Identifikation der Toten gelänge fast immer, heißt es. Mein eigenes behütetes Berlin und dieses Berlin der Ausgestoßenen. Da schäme ich mich dann, dass ich so viele Zimmer und eine so große Klappe habe.

Gefühle und Gedanken. Bisher sind sie schwer nachzuweisen, aber die Hirnforscher sind auf einem guten – oder schlechten? – Weg dahin. Ich kann mir leicht vorstellen, dass in fünfzig Jahren die meisten Menschen einfach glücklich gestellt werden. Seit den Experimenten von James Olds und Peter Milner wissen wir, dass es dafür ausreicht, den Nucleus accumbens zu stimulieren. Bei Ratten funktionierte das schon vor achtzig Jahren. Bei Menschen wird es sicher auch bald so weit sein. Dann endlich wäre auf die Welt zu kommen schöner, als abgetrieben zu werden. Der zu diesem Zeitpunkt zuständige – noch chinesische oder schon künstlich-intelligente – Herrscher (von Gläubigen auch gern ‚Gott‘ genannt) muss bloß darauf achten, dass die Glücksfunktion regelmäßig abgestellt wird, um die Lebewesen – wie andere Maschinen auch – zu warten, falls deren weitere Existenz erwünscht ist. Von den Ratten wissen wir nämlich, dass die Glückseligen bis zu ihrem unweigerlichen Ende auf Essen und Schlafen vollständig verzichten, ohne dass dazu Gebote oder die Androhung einer Hölle nötig wären. Glücklich sterben: Wer will das nicht? Aber vorher soll doch auch was gewesen sein. Die ganze Zeit über schon, und direkt vor dem Schluss irgendein winzig kleiner dramaturgischer Höhepunkt. Wie im Kino. Vielleicht war ich nie so abenteuerlustig wie die Gipfelstürmer. Vielleicht bin ich eher abenteuertraurig und sehe irgendwie neidlos auf die einen kurzen Triumph und/oder ewigen Absturz verheißenden Höhen. Weder will ich von da oben selbstbegeistert runtergucken, noch will ich in die Tiefen von Armut und Drogen hinabtauchen.

Wie die meisten Menschen empfinde ich mich als Mitte, was für mich nur deshalb nicht langweilig ist, weil mich trotzdem Konservative wie Progressive herrlich leicht zu ihrem Feindbild erkiesen können. Aber was geht’s mich an? – Gar nichts, aber auf Gleichgültigkeit habe ich immer noch keine Lust. Deshalb ereifere ich mich weiter. Nur noch weniges – fast gar nichts – gibt es, woran ich noch teilnehme, aber ich habe immer noch zu allem eine Meinung, die ich an meinem einsamen Stammtisch kundtue. Die nicht vorhandenen alten, weißen Stammtischbrüder können meinen Vorurteilen und Parolen Schnaps saufend zustimmen. Die nicht vorhandenen jungen, fortschrittlichen, diversen, woken Schwestern und Brüder können mich nach Herzenslust verachten, auch ohne mich wahrnehmen zu müssen. Sind ja alles bloß Ideen. Meine Ideen, nicht deren.

Mit dem womöglich nicht mehr geläufigen Statement ‚cogito ergo sum‘1 habe ich mich nie zufriedengegeben. Die Frage ‚Sein oder Nichtsein‘2 und der Wunsch, zu erkennen, ‚was die Welt im Innersten zusammenhält‘3, haben mich immer beschäftigt, und zu wissen, dass solche Phrasen den Fack-ju-Göhtes höchstens noch zu Kalauern dienen, macht mich leider nicht de-, sondern hochmütig.

Die Begriffe ‚gut‘ und ‚schlecht‘, mit denen ich rumhantiere, sind holzschnitthaft und auslegbar. Dass heute stattdessen alles ‚cool‘ oder ‚scheiße‘ ist, finde ich nicht differenzierter. Vor meinem blinden Gefühlsauge tauchen dann ‚Eisbrocken‘ und ‚Exkremente‘ auf, aber das liegt an mir. Und? Für unsere Assoziationen können wir nichts, aber sie bestimmen unser Leben, also auch die Politik unseres Landes. Aus Worthülsen werden Programme. Was erst mal in der Werbung angekommen ist, hat einen börsentauglichen Marktwert.

‚Nachhaltigkeit‘ – ein genauso strapaziertes Wort wie ‚Herausforderung‘. (‚Problem‘ klingt zu negativ. Will man nicht. ‚Herausforderung‘ klingt motivierend. Dabei ist es eigentlich dasselbe.) Alles soll nachhaltig sein. Ich vergeude ja sowieso nichts, weil ich so gut erzogen bin. Bildungsferne schaffen das nicht so leicht. Wer weiß schon wie ich, dass Sehnsucht nachhaltiger ist als Erfüllung und schreibt es dann auch noch auf?

Die Frage ist mit 77 dieselbe wie mit 22, bloß mit einem Noch: Ob man (noch) etwas bewirken will und ob man sich (noch) zutraut, das auch zu schaffen. Will ich sein? Will ich werden? Will ich bleiben? Wer außer mir stellt diese Frage? Die gefürchtete Antwort ‚Niemand!‘ macht mich einsam; die Auseinandersetzungen mit denen, die diese Frage(n) doch stellen, finden für mich nur passiv statt. Ich höre, lese, schweige. Oder schreibe. Wie jetzt.

42 Kommentare zu “#9.1 | Mitleid mit den Reichen

      1. Das englische dictionary weiss da auch einiges zu zu sagen: „Mid is a slang term used to describe something or someone as mediocre or of low quality. It is often used to (humorously) insult someone or something as bad, boring, or inferior in some way, especially when other people regard that person or thing as excellent or high quality, as in Your favorite cereals are all mid.“ Ich habe das bisher allerdings noch nie gehört.

    1. Der Satz stach für mich auch heraus. An der Stelle bricht sich die Satire ja etwas. Angst machen mir deshalb auch immer diejenigen, bei denen das nicht passiert. Die ein Schicksal direkt neben sich sehen und trotzdem ihre Meinung nicht ändern. Da wird es kalt und radikal.

      1. Sind dafür dann die Gene oder die Erziehung verantwortlich? Wahrscheinlich kann man zur Mitleidlosigkeit trainiert werden. Vielleicht ist sie bei manchen Menschen aber auch angeboren.

      2. Oder kommt das durch die Lebensumstände? Ich meine weil man vielleicht irgendwann verbittert oder traumatisiert ist.

      3. Die Lebensumstände beeinflussen nicht alle Menschen im selben Ausmaß, aber sie haben sicher Gewicht.

    1. Das Fazit ist am Ende doch, dass das Leben für alle schwer ist. Klar, jemand, der eine Million erbt, hat es leichter als jemand, der sein Leben riskiert um aus einem Kriegsgebiet zu fliehen. Aber wenn man diese Umstände mal ausblendet, mir ist klar, dass das nur hypothetisch ist, dann bleiben so Dinge wie Liebe, Verlust, Schmerz, Trauer, usw…

      1. Die Umstände lassen sich ja nur schwer ausblenden, aber ich möchte einblenden, dass mein Text satirisch ausgelegt werden darf.

      2. Die Satire ist ha offensichtlich. Was aber wohl zu einem gewissen Grade stimmen könnte: je größer und komplexer die Themen und Probleme um einen herum werden, desto mehr fokussiert man sich auf sich selbst und die eigenen Sorgen. Die kann man schließlich besser verstehen.

      3. Mir scheint: Viele, die das ganze Volk oder sogar die ganze Menschheit beglücken – also umerziehen – wollen, scheitern dafür an ihrem Privatleben.

      4. Das kann sogar gut sein. Es kann ja auch niemand, naja kaum jemand, genug Energie für alle Gebiete haben bzw. in allem gut sein. Oder man versucht eine Pleite in einer Sache mit einem Erfolg in einem anderen Gebiet auszugleichen.

      5. Ob dadurch wirklich ein Ausgleich zustande kommt, ist schwer zu beurteilen.

      6. Ich tendiere sogar eher dazu zu denken, dass dies nicht der Fall ist. Aber als Antrieb reicht der Gedanke wohl trotzdem.

    1. Die Neureichen sind meistens Bildungsferne, und wenn die Bildungsfernen neureich werden, fangen sie oft an zu vergeuden.

  1. Trump kandidiert mit 77 nochmal. Vielleicht könnte man sie zumindest zum Bundespräsidenten wählen lassen, Herr Rinke.

      1. War Gauck nicht sogar auch parteilos? Aber ich bin nicht so sicher ob das überhaupt ein erstrebenswertes Amt wäre.

      2. Ja so ungefähr. Und man ist dann trotz allem der Doofe. Es ist wohl ein recht undankbarer Job.

  2. Zuhören, viel lesen, manchmal schweigen, schreiben. Das klingt für mich erstmal nach einem recht guten Programm.

    1. Das Schwierigste ist herauszufinden, wann man sich durchsetzen darf/kann/muss, und wann man besser schweigt: weil man zu wenig weiß – oder zu viel.

      1. Ein alter, weißer Mann muss genauso wenig engstirnig sein, wie ein Clown hinten im Zirkuswagen immer weinen muss.

  3. Mich hat überrascht und erschreckt, wie viele Leute schon während der Pandemie die Frage „ob man (noch) etwas bewirken will“ nicht beantworten konnten. Mit dem verlorenen Halt des Alltags wirkten da einige Freunde und Bekannte verloren.

    1. ‚Bewirken‘ reicht vom Unkrautvertilgen übers Millionärwerden bis zum Weltverbessern. Irgendetwas wird schon dabeisein! (Die empfundene Hilflosigkeit mancher Menschen ist trotzdem erschreckend.)

      1. Gerade deshalb war ich so entsetzt. Bei manchen hat es nicht mal zum Unkrautvertilgen gereicht.

  4. Gab es eigentlich schon mal einen Shitstorm nach einem falsch verstandenen Text? Ich kann mir vorstellen, dass der Blog dafür das falsche (also dann eher das wohl richtige) Publikum hat.

    1. So etwas „funktioniert“ glaube ich nur auf Twitter/X oder Instagram. Es braucht jedenfalls ein Medium, dass Nachrichten wesentlich schneller verbreiten kann als ein Literaturblog. Zum Glück ist das so.

      1. Ich bin selbst erstaunt. Vor Jahren hatte ich mal auf einen aus dem Zusammenhang gerissenen Satz auf facebook rabiate Reaktionen. Was mich dabei ärgerte, war die Dämlichkeit der Kommentare. Die Leute hatten gar nicht verstanden, worum es ging.

      2. Das ist ja wirklich oft so. Im besten Fall wird ein Satz völlig aus dem Zusammenhang gerissen, im schlimmsten werden die Worte sogar komplett verdreht und man kann sich trotzdem kaum wehren.

  5. Weder ‚Sein oder Nichtsein‘ noch die Frage ‚was die Welt im Innersten zusammenhält‘ sind Dinge, über die ich intensiv nachdenke. Beides lässt sich meinerseits sowieso nicht beeinflussen. Ich denke viel lieber darüber nach, was die Welt oder das Leben für mich lebenswert macht, wie ich von anderen Menschen behandelt werden möchte und wie ich mich im Umkehrschluss meiner Umwelt gegenüber verhalte.

    1. Was das Leben lebenswert macht, hängt ja davon ab, wie sich das Sein gestaltet und wie die Welt funktioniert. Das muss man nicht philosophisch betrachten, praktisch berücksichtigen aber schon.

  6. Gibt’s jemand, der Mitleid mit den Reichen hat? Also das ist halbwegs ernsthaft gefragt. Die Reichen würden oft gern noch weniger Steuern zahlen usw. Aber das beschränkt sich ja höchstens auf Selbstmitleid.

    1. Die Kalender-Weisheit lautet: Reichtum macht nicht glücklich. Allerdings schafft er Möglichkeiten: zu helfen, zu genießen, zu verwirklichen. Ob jemand mehr Mitleid mit Britney Spears hat oder mit einer Textil-Arbeiterin in Bangladesch kann jeder selbst für sich entscheiden. Nutzen tut es beiden nicht.

      1. Guter Punkt. Manchmal gerät das Leben so aus den Fugen, dass das Geld auch nichts nützt.

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